aus Kradblatt 8/26 von Konstantin Winkler

Die Eiserne Lady aus Eisenach

Jürgen Hückstedt mit seiner EMW R 35/3
Jürgen Hückstedt mit seiner EMW R 35/3

Seit 1925 werden nun schon Einzylinder-BMW gebaut. Das letzte Modell vor dem 2. Weltkrieg war die R 35. Ein grundsolides Motorrad, das auch bei Behörden und Militär eingesetzt wurde. Keine andere Maschine war mit den Ereignissen deutscher Geschichte so eng verflochten wie die R 35. 

Gegen Ende des Krieges waren die Einrichtungen der Motorrad-Produktion von München nach Eisenach verlegt worden, wo sie den alliierten Bombenangriffen weniger stark ausgesetzt waren. 

Die EMW R 35 (ohne /3) erkennt man an der Kulissenschaltung
Die EMW R 35 (ohne /3) erkennt man an der Kulissenschaltung

Ein Jahr nach Kriegsende – Eisenach gehörte mittlerweile zur DDR – wurde die Motorrad-Produktion mit der zunächst unveränderten R 35 wieder aufgenommen. Auf Befehl von Marschall Schukow mussten jährlich 3.000 Stück für den Export in die Sowjetunion als Teil deutscher Reparationszahlungen gebaut werden. 

Im September 1946 wurde das Werk in die Sowjetische Aktiengesellschaft  (SAG) „Awtovelo“ –besser bekannt als AWO – eingegliedert. 

1951 untersagte die Münchener Bayerische Motoren Werke AG den Eisenachern gerichtlich das Führen des Namens BMW und so wurde dann aus BMW EMW: Eisenacher Motorenwerke. Statt dem blau-weißen prangte nun ein rot-weißes Emblem am Rahmen. Selbiger war ein geschlossener U-Profil-Rahmen mit doppelten Unterzügen. 

Der Motor ist weitgehend identisch mit dem Vorgängermodell R 4. Von 1932 bis 1938 wurde die 400er gebaut. Eine um 6 mm auf 72 mm verkleinerte Bohrung sorgte bei gleichem Hub (84 mm) für 50 ccm weniger Hubraum. Dank höherer Drehzahl blieb die Leistung des Langhubers gleich: 14 PS bei nun 4.500 Umdrehungen pro Minute. 

In einem einteiligen Motorgehäuse ist die massige Kurbelwelle untergebracht. Unkonventionell und ungewöhnlich für ein Einzylinder-Motorrad: Die längsliegende Kurbelwelle befindet sich nicht mittig im Rahmen, sondern nach rechts versetzt. Dadurch kommen Zylinder und Zylinderkopf aus dem Windschatten des riesigen Vorderrad-Schutzbleches und werden besser vom Fahrtwind gekühlt. 

Dieses nach dem Krieg zunächst unverändert weitergebaute Vorkriegsmotorrad wurde bald von DDR-Konstrukteuren weiterentwickelt. Das simple Konzept war goldrichtig, nur das Fahrwerk war auf den schlechten Straßen ein Problem. So wurde aus der R 35 die R 35/3. 

Das Vierganggetriebe bekam statt der Kulissenschaltung am Rahmen eine Fußschaltung, und die Telegabel war nun hydraulisch gedämpft (bei der R 35 diente das Gabelöl nur der Schmierung). Der starre Rahmen bekam eine ungedämpfte Geradewegfederung verpasst. Detailmodifikationen erfuhren Sattel, Lenkerhebel und Beleuchtung. 

EMW R 35/3 - ein Oldtimer wie aus dem Bilderbuch
EMW R 35/3 – ein Oldtimer wie aus dem Bilderbuch

Auf den ersten Kick springt die EMW (meistens) an. Ungewöhnlich: Der Kickstarter sitzt rechts und wird nach hinten getreten. Ungedämpfter Einzylindersound aus dem sogenannten Fischschwanz-Auspuff signalisiert: Eine Zündung ist keine Nebensächlichkeit, sondern eine Detonation. Und mit jedem Kolbenschlag stanzt der Hauptständer diese Parole in den Asphalt.

Da möchte man doch direkt eine Runde mit der EMW R 35/3 drehen .… 
Da möchte man doch direkt eine Runde drehen .…

So ein Motorrad ist genau das Richtige für Biker, die sich ihre Suppe mit dem Schneidbrenner warm machen und den Rasen mit der Kettensäge mähen!

Mit etwas Gefühl rasten die vier Gänge ohne großes Zähneknirschen ein. Während das Hochschalten problemlos vonstatten geht, erleichtern gezielte Zwischengas-Impulse das Runterschalten. Vorteil der ersten EMW: Die vier Gänge werden in einer im rechten Kniekissen untergebrachten H-Schaltkulisse (wie beim Auto) eingelegt. So kann man z.B. direkt vom vierten in den zweiten Gang schalten. 

Und noch etwas erinnert ans Automobil: Die Lichtmaschine, die von einem Keilriemen angetrieben wird.

Eine freilaufende Kardanwelle treibt das 19-zöllige Hinterrad an und beschleunigt das 14 PS starke Krad auf maximal 100 km/h. Um die EMW bei dem Tempo sicher auf der Straße und in der Spur zu halten, ist Übung erforderlich. Die Vibrationen sind beachtlich! Zwei Halbnaben- Trommelbremsen wollen kraftvoll bedient werden, um die Fuhre zum Stillstand zu bekommen. 

66.000 Exemplare dieses konzeptionell mehr als 30 Jahre alten Motorrades verließen bis zum Produktionsende 1955 die „VEB Automobilfabrik EMW Eisenach“, wie das Werk später hieß.

Die Betriebsanleitung lässt verlauten: „Das Kraftfahrzeug der volkseigenen Fahrzeugindustrie der Deutschen Demokratischen Republik ist nach dem neuesten Stand der Technik von erfahrenen Ingenieuren konstruiert und von unseren Werktätigen unter Einsatz des bestgeeigneten Materials mit aller Sorgfalt hergestellt worden. (…) Vergessen Sie auch nicht, dass jedes Kraftfahrzeug wertvolles Volksvermögen darstellt, das möglichst lange zu erhalten nicht nur einen persönlichen Vorteil, sondern auch eine nationale Pflicht ist!“ In diesem Sinne: Rotfront, Genossen!

Inzwischen ist die EMW ein beachtenswerter DDR-Motorrad-Klassiker. Lange wurden im Osten Deutschlands produzierte Fahrzeuge von im Westen lebenden Bikern oft kritisch betrachtet. Sie hatten den Ruf, unter planwirtschaftlichen Bedingungen hergestellte Gebrauchsmaschinen zu sein. Tatsächlich aber sind die in Eisenach produzierten BMW und EMW zuverlässige Oldtimer. In den neuen Bundesländern schon lange Kultobjekte, erfreuen sie sich auch in den alten Bundesländern steigender Beliebtheit.

An dieser Stelle möchte ich meinem langjährigen Oldtimer-Freund und bekennendem „Ostalgiker“ Jürgen Hückstedt danken, dass er mir seine beiden Schmuckstücke R 35 und R 35/3 für diesen Artikel zur Verfügung gestellt hat.