Wie zuverlässig sind Ural-Gespanne?

aus Kradblatt 12/25 von Günther Kloppert


Gute Reise, Günther!
Gute Reise, Günther!

Epilog: Diese Lesererfahrung hat Günther Henning Kloppert für uns geschrieben. Seine Begeisterung für Gespanne, speziell der Marke Ural, hat er schon früher mit uns geteilt. Im Archiv hier auf www.kradblatt.de findet ihr eine Reise, die Günther und seine Frau Iris mit ihren Hunden in einem Ural- und einem Jialing-Gespann nach Polen führte sowie eine Reise der beiden mit zwei Ural-Gespannen ins Baltikum. Auch in der Norddeutschen Gespann-Szene hat man die beiden oft angetroffen.

Günther ist in diesem Jahr im Alter von nur 63 Jahren verstorben bzw. vorrausgegangen, wie in seiner Traueranzeige stand. Seinen Erfahrungsbericht veröffentlichen wir somit posthum in Gedenken an einen engagierten Gespannfahrer.


Früher, da traf ich sie manchmal auf irgendwelchen Rastplätzen. Zu der Zeit, wo ich noch mit Enduros unterwegs war. Die meist bärtigen Wettergesichter mit ölverschmierten Händen und Klamotten, den Beiwagen voller Ersatzteile und Werkzeug. Es waren „Die Russenfahrer“. 

Auf Tour mit den Hunden
Auf Tour mit den Hunden

Staunend stand ich immer davor und fragte mich: „warum tut man sich sowas an“. Durchweg witzige Typen. Stellte ich ihnen meine Frage, kam immer die gleiche Aussage: „Wieso, ist doch spannend und macht Spaß.“ 

Das Ganze übte auf mich damals schon eine gewisse Faszination aus. Irgendwie, wie etwas von einem anderen Stern. Da ich aber nun nicht der Hardcoreschrauber bin, blieben nur diese Faszination fürs Gespannfahren und diese witzigen Wettergesichter.

Irina mit Elch und Weihnachtsmann
Irina mit Elch und Weihnachtsmann

2003 war es dann soweit. Mein erstes Gespann stand auf dem Hof. Ich wollte meine Kinder mit auf Treffen nehmen. 

Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit dem Fahrverhalten eines Dreirads (Kontakt mit der Leitplanke beidseitig) hab ich dann auch das Gespannfahren gelernt. Ich hatte mich vollkommen überschätzt. 

Es folgten weitere Gespanne und auch wieder eine Solo-Zeit. Aber der Virus war da und es kam wieder ein Gespann. 

Nun kam es, dass ich Anfang 2018 im Krankenhaus lag. Nein, kein Unfall. Langeweile kam auf. Da schaut man schon mal im Internet,  was sich so in der Gespannwelt tut. Rein zufällig – es war wirklich so – stieß ich auf die Ural-Gespanne und war erstaunt, was sich da so getan hatte. Die nächsten Tage waren mit lesen über die „neuen“ Ural-Gespanne gefüllt. 

Nun ging es schnell. Anruf bei einem mir persönlich bekanntem renomiertem Gespannbauer aus Bayern, nahe Österreich. Auf meine Frage ob die was taugen sagte er nur: „Ab 2007 kannste kaufen“. Auch den Händler in meiner Nähe in Venne kannte er gut und konnte ihn mir guten Gewissens empfehlen.

So kam es, wie es kommen musste. Anruf bei Gernot: „Was haste da an Ural?“ „Nix, aber es kommt ’ne Lieferung.“ „Ok, ich will ’ne Ranger“. „Da ist eine dabei, die ist noch nicht verkauft. In Camouflage.“ „Ok, die nehm ich.“ 

Anhänger mit Faltzelt
Anhänger mit Faltzelt

Man muss dazu sagen, dass ich bei „Camouflage“ mehr an grün als an weiß gedacht hatte. Als ich dann die ersten Bilder der aus der Kiste geschlüpften Ural sah dachte ich nur, verdammt was haste den da gekauft. 

Zu spät. War bestellt und bezahlt. Heute bin ich froh, es gibt nur wenige in der Lackierung. 2018 war dann, wegen meiner Erkrankung, noch nicht viel mit fahren. 2019 kam Corona und auch da gab es ja kaum Möglichkeiten mal eine größere Tour zu machen.

Aber dann ging es los. Mehrfach das Baltikum und Polen. Italien die Adria runter, Griechenland, Balkan, Ungarn, Moldawien, Rumänien, Bulgarien und den ganzen Kleinkram drumzu hat „Irina“, wie ich sie getauft habe, inzwischen gesehen. Reisen bis ans Schwarze Meer sowie unzählige Touren in unserer schönen Heimat hat sie bisher klaglos überstanden.

Die Lastenkarawane am Rastplatz
Die Lastenkarawane am Rastplatz

Im Mai 2024 hat sie die 100.000  km geknackt. Irgendwo in Sachsen auf dem Weg nach Polen.

Ich weiß, einige von euch denken sicherlich: und was war alles kaputt?

100.000 km, darauf hätte kaum jemand gewettet
100.000 km, darauf hätte kaum jemand gewettet

Die Antwort fällt sehr kurz aus: Nichts! Verschleißteile, wie Bremsbeläge, Luftfilter und Kerzen fielen natürlich an. Prophylaktisch zudem die Mitnehmerverzahnung und ein Kupplungszug vor meiner Reise ans Schwarze Meer 2023. Ansonsten wurde nur die Bremsscheibe vorne bei ca. 80.000 km ausgetauscht.

Ein Ölverbrauch stellte sich so langsam ab 80.000 km ein (messbar). Sie braucht jetzt ca. 150–200 ml auf 1000 km.

Der Spritverbrauch liegt bei 5,5–7,5 Ltr./100 km, je nach Ladung, Wind, Temperatur und natürlich Fahrweise.

Bin ich ein Russenfahrer? Tja, ich habe zwar auch ein paar Fussel im Gesicht aber weder den Beiwagen voller Ersatzteile und Werkzeug noch die ölverschmierten Finger und Klamotten.

Was sie jedes Jahr bekommt ist ordentlich Sprühwachs. Nicht für die Optik sondern für die Konservierung. Sie muss nicht schön sein, halten und laufen soll sie. Und Irina läuft!

Sie ist nie geschont worden und hat in Polen und im Baltikum manche heftige Offroad-Passage hinter sich gebracht. Aber sie ist immer mit Verstand und Liebe gefordert worden und wurde regelmäßig warmgefahren.

Ich hab sie nie ausgefahren, ich fahre selten schneller als 90 km/h. Keine Autobahn, wenn möglich. Ich habe also keine Ahnung, wie schnell sie tatsächlich ist. Hab sie nie übermäßig hoch gedreht, immer rechtzeitig und mit Ruhe geschaltet. Ich fahre in allen Ölen Additive von Liqui Moly. Sie hat regelmäßig ihre Wartung in Venne bekommen. 

Gespann-Winterspaß - leider mit zu wenig Schnee
Gespann-Winterspaß – leider mit zu wenig Schnee

Umbauten? Der Kat war überflüssig und ist weg, sie geht trotzdem über den TÜV. Die Abgasrückführung braucht auch keiner. Auch der Schlauch der Motorentlüftung versaut mir den Luftfilter nicht mehr. Bekommen hat sie zudem eine Handschaltung für Rückwärtsgang und Beiwagenantrieb, LED-Scheinwerfer und LED-Zusatzscheinwerfer am Beiwagen, LED-Leuchtmittel für die Begrenzungsleuchte am Beiwagen und einen Rückfahrscheinwerfer.

Wichtig war der Tausch der Stoßdämpfer. Die Originalen sind vollkommen überdämpft. Ich fahre nun mit Dämpfern von Hans Ulrich. Type NP, damit wird auch Kopfsteinpflaster sauber ausgebügelt.

Warum eine Ural? Weil es einfach ein zuverlässiges Old School Gespann ohne unnötigen Schnickschnack und dafür mit Charakter ist. Man kommt überall gut dran und braucht für einen Kerzenwechsel nicht erst eine Stunde die Verkleidung oder sonstiges abzuschrauben. Der Rückwärtsgang und der Beiwagenantrieb sind ebenso unbezahlbar. Immer nach dem Grundsatz: Da festfahren wo sonst keiner hin kommt! Ich habe den Kauf nie bereut! Nun freue ich mich auf die nächsten tollen Abenteuer mit ihr …

Günther Henning Kloppert, 1961 – 2025
Günther Henning Kloppert, 1961 – 2025