Yamaha-XT500-200000km

Yamaha XT 500 – 214.900 km

aus Kradblatt 4/18
von Jockel aus Hamburg

Aus Überzeugung: Yamaha XT 500
214.900 km – to be continued …

Yamaha XT 500 - 208.842 km – to be continued… Meine XT 500 (EZ 1980, Grau-Import, bis 1984 sieben Besitzer) habe ich zuerst gesehen, als mein Freund Axel im Sommer ’84 damit aus Marokko zurückkam. Am Hinterreifen – die gute Bridgestone-Pelle … – schaute mittig das Gewebe durch, nachdem er im Regen von Tarifa aus nonstop Autobahn bis Bielefeld gefahren war. Sie brauchte keinen Ständer.

Ein Team sind wir seit 26.10.1989. Damals war ich allein mit meinem zweijährigen Sohn und es war ab-so-lut nichts übrig, um ein Motorrad zu kaufen. Ich hatte zuletzt eine Yamaha XS 360 gefahren, aber schon seit Jahren keins mehr besessen. Inzwischen lebte ich mit meinem Kleinen in Westfalen auf dem Land und Axel in Berlin. Er wollte für zwei Jahre nach Afrika und hat mir die XT in passablem beinahe-Originalzustand mit SR-Armaturen (Meilen-Tacho, Stand damals etwa 36.000 mls = 57.600 km), SR-Kickstarter und mit zwei Jahren TÜV geliehen. Unsere erste Tour ging gleich über 400 km von Berlin nach Hause, abends bei 4° C los, zwischendurch Nieselregen, mit 6 Volt-Funzel in Springerstiefeln und Wachstuch-Klamotten. Gott, war das sch…-kalt. Abgemacht war, dass ich sie ihm fit und mit zwei Jahren TÜV wiedergebe.

Die ersten Probleme hatte ich auf einer sonntäglichen Fahrt von Sønderborg nach Hause, als der Simmerring der Drehzahlmesserwelle den Dienst verweigerte. Das Öl sickerte stetig über den Motor und ich brauchte fast so viel Öl wie Benzin.

Als Axel dann 1991 wiederkam, wollte er eine 600er. Ich hab für die XT 1.500 Mark in seiner Installateursfirma abgearbeitet, mit wochenlangem Gasflaschenbuckeln und Stahlrohrbiegen. Dann war sie auch in echt meine.

Im Winter 91/92 hab ich sie zerlegt und überholt, mit allem Pipapo: Rahmen rot beschichtet, Motorrevision, Wunderlich-Umbau auf 12 Volt (Erstmal war das Licht viel besser, aber dann …, na ja), Konis und optischem Aufpeppen.

Wir sind danach gemeinsam – Axel mit seiner XT 600 – die B 1 von Hameln nach Berlin gefahren, als noch Trevira-bunte Menschen hinterm Staketenzaun standen und fassungslos die Blechlawine aus dem Westen betrachtet haben. Die kleineren Landstraßen im Osten waren damals noch in einem Zustand, der durchaus artgerechter Haltung für die XT entsprach: Entweder endlose Aneinanderreihung von Schlaglöchern oder Baustelle oder beides.

Frisch gebürstet: XTiggr & Roggy 2014 Im Laufe der Jahre hab’ ich gelegentlich Kleinigkeiten verändert, wie VA-Speichen vorn und hinten und so was. Immer wieder war das Geld knapp (Kinder sind gerade in der Pubertät ziemlich teuer), und ich habe Schrauben nachgeschnitten, weil ich keine Kohle hatte, um welche zu kaufen. Schrauberbuch und Kumpels halfen, wenn irgendwas kaputt war, und ich lernte Sachen wie den Austausch von Druckpilz und Druckstange für die Kupplung, ohne das Öl abzulassen (auf die Seite schmeißen, aufmachen und die Stange mit feinem Draht mit Haken rausangeln).

Das Frühjahr 1997 war übel, weil ich wegen eines dusseligen Fehlers mit der XT in die Leitplanke geklatscht bin. Mit der Hacke und (Gott sei Dank inzwischen) Gaerne-Stiefeln hab ich die Antriebswelle in den Motorblock getreten. 28 Brüche im linken Fuß brauchten zum Ausheilen gut drei Monate.

Irgendwann Ende der 90er kam die Idee, sie zum TIGGR zu machen. Nachdem ich mich erkundigt hatte, was für Airbrush-Arbeiten aufgerufen wird (zwischen 2.500 und 6.000 Mark), hab ich das erst mal wieder vergessen. So viel Geld ausgeben und dann im Gelände zerlegen? Nö.

2000 ging ich nach Hamburg und lernte – damals noch im „Tobac“ an der Dehnhaide – die Bande vom hiesigen XT-Stammtisch kennen, die alljährlich die (inzwischen 26.) Mai-Orientierungsfahrt ausrichtet. Was hab ich da schon an prima Tipps mitbekommen …

Internationales XT-Treffen in Herbeumont 2014 traf XTiggr dort auf La Girafe Lebensbedrohlich erkrankt, durfte ich 2007 als fast Blinder sowieso erst mal überhaupt nicht mehr fahren. Meine Augen wurden allerdings entgegen anderslautender Prognosen wieder besser, und im Winter 07/08 ging ich schließlich daran, den Eisenhaufen fit zu machen. Die Original-Gabel hatte ihre besten Zeiten gesehen, ich wollte eine Scheibenbremse. Es wurde die von der 350er XT, die hat 5 kg mehr Achslast als original. Mit XT 600-Felge in Bronze, VA-Speichen und der 350er Nabe passte alles und wurde gutachterlich abgesegnet. Stolz wie Oskar drehte ich meine erste Runde nach langer Abstinenz.

Im selben Jahr hab ich mein Auto verkauft – ich wohne in Altona und mag nicht jeden Tag ’ne Stunde Parkplatz suchen – und fahre von März bis Oktober als alltagstaugliches Dienstfahrzeug XT 500.

2012: mit XTiggr bei der OrientierungsfahrtBei der O-Fahrt 2009 hatte ich einen makellosen 79er Tank drauf, den ich günstig geschossen hatte. Mein schon etwas zerditschter originaler Tank war schließlich an der Unterseite gerissen und hatte nicht zu schweißen gelohnt. Da sprach mich ein Kollege mit einer 79er XT an, ob ich vielleicht tauschen würde; er hatte nämlich seinen abgeschliffen und poliert, dafür allerdings mächtig Mecker von einem gewissen XTom (Grüße!) bekommen. Jeweils fünf Schrauben lösen, Tanks umstecken, festschrauben, alles gut. Ob ich nun mit dem falschen oder ganz ohne Design fahre, ist mir doch latte. Wenn ich jemanden damit glücklich machen kann …

2010 wurden die 18 Jahre alten Konis repariert, die von Stoßdämpfern zu Ölpumpen mutiert waren – ich hatte tatsächlich die Garantiekarte noch. Nach vier Wochen kamen sie in allerfeinstem Zustand aus Bad Coburg zurück.

Den ausgeschlagenen Originalvergaser tauschte ich 2012 gegen einen Mikuni TM 36 Flachschieber. Die richtige Abstimmung war etwas kompliziert, fühlt sich aber an wie 100 ccm mehr und brachte auf dem Prüfstand 31 PS bei 6.500 U/min.

2012 fand ich für günstige 50 € ein Tigerfell in Lebensgröße, einen „Dinner For One“-Nachbau aus Plastikgewebe. Ich zögerte kurz und hab es dann getan: XT mit Tigerfell = XTiggr. Ein bisschen unsicher rollte ich mit meinem Flusenmoppett los und bekam tatsächlich nur lustige und angenehme Reaktionen. Kinder streichelten am Zebrastreifen im Vorbeigehen das vordere Schutzblech und alle freuten sich.

Yamaha XT 500 - 208.842 km – to be continued… Vorn war sie nach dem Gabelumbau etwas höher, was bei meiner Größe von 1,84 angenehm ist. Ich dachte über eine Veränderung hinten nach. Die Profab-Kastenschwinge aus Alu fand ich schließlich 2013 in Sulfur, Oklahoma, und für den stolzen Preis von gut 600 € inkl. Zoll hatte ich, was ich wollte: Etwas weiter vorn liegende Stoßdämpferaufnahme (also höher, etwas härter), längerer Radstand (102 Glieder bei 520er Kette) und stabilere Kurvenlage auf der Straße. Dazu gab es Krümmer und TT-Auspuff in Edelstahl. Außerdem hab’ ich ihr endlich mal Original-Instrumente spendiert und mit der Bohrmaschine auf den passenden km-Stand gebracht (damals (1)75.422).

Nach der Rallye beim XTClub Emmingen (XTCE, www.xt-club-emmingen.de) 2013 kam ich gutgelaunt nach Hause, war übermütig und hab’ mich gleich am folgenden Montag zerlegt: Beim Linksabbiegen den entgegenkommenden Radfahrer zwischen zwei Reihen parkender Autos im letzten Moment gesehen, zu doll in die Bremse gelangt und mich klatschdich gemault. Ergebnis: Wadenbeintrümmerbruch, sieben Teile, natürlich wieder links; Radfahrer unverletzt, Moppett bloß Kratzer. Ich bin damit noch selber zum Arzt gefahren – Adrenalin wirkt für eine gute Viertelstunde wirklich Wunder.

2014 schenkte ich uns den Paris-Dakar-Ölkühler und baute einen Scottoiler an (hätte ich schon viel früher tun sollen). Dann machte ich drei Wochen Moppett-Urlaub und fuhr von Hamburg über Bad Belzig, Zehdenick, und Potsdam nach Brieg (PL) und weiter über Prag (CZ) nach Herbeumont (B), wo über 100 XT 500-Fahrer zum internationalen XT 500-Treffen kamen. Und der XTiggr traf La Girafe.

Nach gut 4.200 km längst wieder zu Hause, flog hier auf der Max-Brauer-Allee mit lautem, finalen Knall die Zylinderkopfdichtung weg. Ursache? Unbekannt.

Bei der Gelegenheit wurde dann auch die Kupplungsmimik erneuert und ich probierte einen hydraulischen Steuerkettenspanner – mit zweifelhaftem Erfolg: Die Steuerkette hielt bloß 17.000 km, der Spanner ließ sich nicht mehr korrekt einbauen. Also wieder zurückgebaut.

2016 Moskovskaya - Yamaha XT 500 - 208.842 km – to be continued… Die Nachteile des Felles wurden offenbar, ich fand Fellhaare nicht nur im Luftfilter, sondern auch in den Vergaserdüsen, und selbst bei bester Pflege (zweimal im Jahr Shampoo) graute das Fell aus. Nach zwei Jahren sah es räudig und fahl aus. Man kann das aber durchaus fusselfrei, farbenfroh und für einen Bruchteil der Airbrush-Kosten haben: 2015 hab ich das Gefluse abgestellt und sie folieren lassen.

Außerdem wurde der Tank mit Bäckchen vergrößert. Nun hat er gut zwölf Liter, und mit einer Reichweite von 300 km qualifiziert sich meine XT seitdem als richtiges Motorrad.

Beim XTCE 2015 kam dann die Nagelprobe, und unsere XT 500-Crew holte querfeldein mit hohem Sandanteil die Plätze 12 (Olli), 9 (meine Wenigkeit), 4 (Rammel) und 1 (Christian).

2016 Jahr gab es ein Alu-Motorschutzblech, eine Ballhupe und echte 12 Volt (Powerdynamo). Dann sind wir zum 40. Geburtstag der Yamaha XT 500 eine kleine Runde um die Ostsee gefahren. In vier Wochen über Peeselin, Malbork, Kaliningrad, Nidda, Airītes, Riga, Hiiumaa, Talinn, eine Woche St. Petersburg, Helsinki, Aura, Turku, die Ålands, Stockholm, Oskarshamn, Kalmar, Ystad, Malmö und Kopenhagen. 5.700 km zurückgelegt, davon einige hundert auf Schotterstrecken und kaum was kaputtgemacht (siehe Reisebericht Baltic 13 von XTom).

Provisorische Auspuffhalterung, 2016 in Lettland Eine typische XT-Reparatur wurde dabei in Lettland nötig, als die Halterung vom Endtopf gegenüber den Vibrationen kapitulierte. Natürlich ist immer auch ein Nippelsatz dabei, und mit dessen Hilfe sowie ein wenig Klemmarbeit bekamen wir alles wieder fest. Das „Provisorium“ hielt dann nicht nur bis nach Hause, sondern insgesamt fast 7.000 km. Im hilfreichen estnischen Forum (www.biker.ee) schrieb ich: „That is what I want from a bike: Keeping me on the track, no matter what.“ XT 500 eben.

Wir haben nun zusammen (2)14.900 km auf der Uhr, und es warten noch ein paar: Im August geht es nach Isabena in den spanischen Pyrenäen, wo das nächste internationale XT 500-­Treffen wartet.


Kommentare

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Ein Kommentar zu :
“Yamaha XT 500 – 214.900 km”


  • Sven sagt:

    Ein wirklich schöner Bericht. Das macht mich auch ein klein wenig neidisch. Ich (42) suche noch nach dem Motorrad das mich so richtig lange begleitet.
    Derzeit bin ich seit ich 18 bin das erste mal ohne Motorrad. Neue Motorräder sind unbezahlbar für mich und die gefallen mir auch meistens nicht. Es wird also was gebrauchtes wohl aus den 90er Jahren werden. Aber auch dafür muss ich noch was sparen. 2019 oder 2020 werde ich zugreifen und bis dahin hoffentlich das passenden Motorrad gefunden haben.