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Suzuki GT 750 „Wasserbüffel“

aus Kradblatt 3/22, von Konstantin Winkler

Liebe auf den zweiten Blick

 Suzuki GT 750 mit Windjammer-Verkleidung
Die legendäre Suzuki GT 750 mit einer Windjammer-Verkleidung

Ja, ich habe sie über das Internet kennengelernt. Sie ist Mitte 40, dick, raucht und säuft. Es war Liebe auf den zweiten Blick. Im schönen Frankenland war sie zu Hause, jetzt ist sie bei mir in Schleswig-Holstein. Ab und an zickt sie, aber wir arrangieren uns. Ihr Name ist Suzi. Suzuki GT 750, auch Wasserbüffel genannt.

Suzuki GT 750 Cockpit
Cockpit der 1970er Jahre

Lange ist es her! Die goldenen 70er Jahre mit Discokugeln, Plateausohlen und ABBA. Genauso bunt wie Mode und Musik war auch die Vielfalt hub­raumstarker Motorräder. BMW setzte auf den Boxer, Harley auf den V-Motor und die Japaner auf Reihenmotoren. Meistens Viertakter.

Nur Kawasaki, Suzuki und Yamaha hatten auch Zweitakter im Programm. Der größte und schwerste kam 1972 auf den Markt: Der Wasserbüffel – wegen der Wasserkühlung und dem bulligen Drehmoment hatte er schnell seinen Spitznamen weg.

63 PS bei 6.500 Umdrehungen pro Minute leistet der Kurzhuber (70 mm Bohrung x 64 mm Hub). Das reicht für beachtliche 190 km/h der 253 Kilo schweren Maschine!

Suzuki GT 750 Wasserbüffel
Konstantin hat gut Lachen!

Meine dürfte etwas langsamer und auch etwas schwerer sein. Das liegt daran, dass der Enthusiast Fritz Baumeister, von dem ich dieses Schmuckstück habe, sie vor Jahrzehnten zu einer Reisemaschine umbaute. Eine Windjammer-Verkleidung nebst Krauser-Koffern und Topcase lassen keine Wünsche offen fürs Reisen bei Wind und Wetter. Und ein Unikat ist sie auch!

Einmalig in der Motorradwelt ist auch die Auspuffanlage. Vorne unter dem Kühler sieht man drei Krümmer, hinten unter dem Nummernschild vier Auspufftöpfe. Der mittlere Krümmer mündet aus optischen Gründen in zwei Pötte!

Die Versorgung des Motors mit Öl übernimmt eine sogenannte „Crankshaft-Cylinder-Injektion“- Frischölschmierung. Das ist eine gasgriff- und drehzahlabhängige Ölpumpe. Diverse Leitungen versorgen die entsprechenden Schmierstellen an Zylinderwänden und Kurbelwellenlager mit dem lebensnotwendigen Zweitaktöl. Dadurch soll der Wasserbüffel nicht so räuchern und stinken wie andere Zweitakter. Theoretisch. Die Praxis sieht etwas anders aus. Mehr dazu später.

Vor der Fahrt der Start. Benzinhahn öffnen, Choke betätigen. Nun hat man die Qual der Wahl zwischen E-Starter und dem guten, alten Kickstarter. Beides passt!

Suzuki GT 750 Wasserbüffel - Unikum: 3 Zylinder 4 Auspuffrohre
Unikum: 3 Zylinder 4 Auspuffrohre

Die Lebensäußerungen kommen einem Wartburg aus der ehemaligen DDR recht nahe. Auf das heisere Zweitakt-Gekreische bei hohen Drehzahlen wartet man vergeblich – Wasserkühlung sei Dank! Durch selbige wird auch der mittlere Kolben und sein Zylinder vor einem vorzeitigen Hitzetod bewahrt. Die Dreizylinder-Zweitakt-Kawas aus der Zeit hatten diesbezüglich gerne Probleme. 

Betätigt man die Kupplung, scheint sich zwischen 1978 und heute gefühlsmäßig wenig getan zu haben. Der Fortschritt offenbart sich jedoch beim Lösen des Hebels und dem folgenden Kraftschluss: Sie schnappt herzhaft zu.

Der Motor will bei Laune – sprich Drehzahl – gehalten werden. Ab 3.000 Umdrehungen pro Minute fühlt er sich wohl. Und es besteht auch nicht die Gefahr, dass die Kerzen verölen. Fleißiges Schalten im Fünfgang-Getriebe ist angesagt!

Suzuki GT 750 Wasserbüffel - Legendärer Motor
Legendärer 3-Zylinder 2-Taktmotor

Es dauert nicht lange, bis die optimale Reisegeschwindigkeit von 120 km/h erreicht ist. Ein atemberaubendes Gefühl bei solch einem Motor und Fahrwerk. Die Gefahr, aus der Kurve zu fliegen, sollte in Anbetracht der schweren und damit kopflastigen Verkleidung nicht unterschätzt werden. Dafür stellt der Fahrtwind keine Bedrohung dar. Wohl aber das, was hinten aus dem Auspuff kommt. Jedenfalls für die nachfolgenden Verkehrsteilnehmer. Der Duft der großen, weiten (Zweitakt-) Welt!

Natürlich erzeugt ein modernes Motorrad weniger Schadstoffe als ein antiquierter Dreizylinder- Zweitakter. Dessen Abgasbilanz sieht in etwa so düster aus wie die Altöl-Sammelwanne beim Verwerter. Es ist schon erstaunlich, wie viele Bestandteile beim Verbrennen von Benzin und Öl übrig bleiben, nachdem das zündfähige Gemisch auf 6,7:1 verdichtet und von einer klassischen Zündkerze mit dem Wärmewert 225 gezündet wurde. 

Dank Baujahr 1978 braucht die Suzi beim TÜV keine Abgasuntersuchung. So bleibt dem Wasserbüffel eine Verstellung der Vergaser bis zur Unbenutzbarkeit erspart.

Das Cockpit hat neben Tacho, Drehzahlmesser und drei Kontrollleuchten sogar eine digitale Ganganzeige. Eine Temperaturanzeige für das Kühlwasser und ein nachgerüstetes Voltmeter geben Aufschluss über die Befindlichkeiten des Motors und der Lichtmaschine.

Großer Wasserkühler an der Suzuki GT 750 Wasserbüffel
Großer Wasserkühler

Passend zur Beschleunigung die Verzögerung: Eine Doppelscheiben-Bremsanlage vorne und eine völlig ausreichende Trommelbremse hinten. Was will man mehr? Höchstens einen Freilauf, wie der Wartburg ihn hat. Dann würde es beim Gaswegnehmen nicht so ruckeln. Das ist das Einzige, was richtig nervt.

Abschließend mag sich der geneigten Leserschaft die Frage stellen: Muss man sich das alles antun? Meine Meinung: Ja, auf jeden Fall! Aus heutiger Sicht ist die Technik des Wasserbüffels alles andere als zeitgemäß. Aber gerade das macht den besonderen Reiz aus. Ein Held am Lenker ist gefragt, der mit allen fünf Sinnen die Manko des Kraftrads ausgleicht und der gleichzeitig in die faszinierende Welt von damals eintaucht.

Angenehme Reisemaschine mit gehobenem Durst
Angenehme Reisemaschine mit gehobenem Durst

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