Rally-Fotograf-Bastian-Bruesecke

Rallye-Fotograf Bastian Brüsecke

aus Kradblatt 9/18

Wüstenrausch! Auszug aus der Live-Reportage …

Des einen Leid, des anderen Foto...

90.000 Km legte Bastian Brüsecke zwischen 2016 und 2018 auf dem Motorrad zurück. Im Abseits der touristischen Orte, in Wüsten und im Gebirge! Während seiner Reisen begleitete er elf Rallyes als Fotograf und Filmemacher. Abenteuer Abseits ist ein kontrastreicher Auszug aus einem Abenteuerleben und eine bildliche Reise durch die abgelegenen Orte Nordafrikas, Zentralasiens und des Balkan. Eine faszinierende und mutmachende Multivision über das Fotografenleben unterwegs. Von der Hektik und dem Lärm des Motorsports bis hin zu Einsamkeit und wohltuender Ruhe in der Weite der Wüste. Hier ein Auszug:

Ein leises Rauschen, ein monotones Rieseln von Sand, ein Hauch von Wind dringt in mein Ohr. Der Geruch aufgekochter Minze lässt mich schließlich die Augen öffnen. Es ist noch fast dunkel, nur ein wenig warmes Morgenlicht erreicht den flachen Eingang des Beduinenzelts. Ich drehe mich zur Seite, Ahmed wünscht mir ein freundliches Salam alaikum und reicht mir ein Glas Minztee. Der Zuckergehalt ist überirdisch, eine Wohltat für die Sinne. Mit jedem Schluck verschwindet langsam das Knirschen zwischen den Zähnen vom Sand der Nacht. Wie gerne würde ich nun einfach liegen bleiben und meinen Wüstenrausch ausschlafen. 

Warten auf den Rallye-Tross Viel Zeit bleibt mir aber nicht, um wieder klar zu werden und weiterzufahren. Nur wenige Minuten habe ich, um mein Hab und Gut zu packen. Das Aufstehen fällt mir schwer, seit Tagen schlafe ich nur wenige Stunden pro Nacht und nur der Zuckerflash sorgt gerade noch für einen ausreichenden Startantrieb. 

Der Motorradanzug stinkt bis zum Wüstenhimmel, die Salzränder sind mittlerweile sogar außen auf dem Anzug zu sehen. Mein persönliches Sauberkeitsempfinden ist auf einem Tiefstand angelangt. Aber es nützt nichts, ich habe hier einen Job zu erledigen. Die Verabschiedung von Ahmed ist sehr herzlich, obwohl wir uns erst am Abend vorher kennengelernt haben. Ich blicke mich um in diesem Rallye Bivouac, hier in der Mauretanischen Sahara. Fast alles schläft noch, nur vereinzelt kann ich Schatten von Menschen auf den Dünen erkennen. Schon mehr als sieben Tage sind wir nun in den Wüsten unterwegs und ich bin als einziger Fotograf bei diesem Event dabei. 

Mit einem leichten Druck auf den Startknopf beginnt die Wüstenroutine erneut. „Bumblebee“ ist immer etwas widerwillig am Morgen. Obwohl wir uns gut kennen, brauchen wir immer ein wenig Zeit, um uns auf den Tag einzustellen. Vor mir liegt eine ca. 15 km weite und flache Hammada, eine gigantische Kies- und Geröllebene. Nur wenige kleine Tafelberge tauchen auf und helfen einem dabei, nicht komplett wahnsinnig zu werden. 

Ich verlasse das Bivouac, um als erster vor allen anderen an meinem Fotospot zu sein. Für diesen Tag habe ich nur einen Wegpunkt und eine kurze mündliche Beschreibung vom Organisator bekommen. Ein Dünenfeld soll es sein, mitten im Nirgendwo, ca. 40 km von der nächsten Straße und 150 km vom nächsten Dorf entfernt. 

Sonnenuntergang Die goldene Stunde bricht an und die Szenerie wird völlig surreal. Die Vibrationen in den Fingern, der Geruch der morgendlichen Wüste, der Geschmack von Staub und das bassige Hämmern des Motors, das sich schließlich im vorbeiziehenden Wind verliert, machen mir in jedem Augenblick klar, um was es hier wirklich geht: es ist das ultimative Gefühl von Freiheit und das Auskosten von Momenten. Ein Leben von Augenblicken, die sich nicht im Katalog bestellen lassen und die für mich persönlich durch nichts anderes ersetzbar sind. Hier in der Wüste ist alles echt, nichts ist geschönt oder auf Hochglanz poliert und eben das ist der Grund dafür, warum ich hier bin.

Mein Grinsen verläuft durch den gesamten Helm, ein Kribbeln zieht sich über meine Haut und mein Herz rast, als wäre ich verliebt! Von der Müdigkeit keine Spur mehr weit und breit. „Wüstenrausch“ nenne ich das und ich muss aufpassen, mich dabei nicht zu verlieren, zu groß sind die Gefahren, die um mich herum lauern. Die Wüste ist wunderschön, aber auch gnadenlos!

Die Symbiose mit „Bumblebee“ erreicht dabei wieder ein komfortables Niveau. Zu schnell und ein Sturz wäre fatal, zu langsam und ein Sturz ist unvermeidbar. Es gilt, die Balance dazwischen zu finden und Sicherheitsreserven zu haben. Dabei stabilisiert Geschwindigkeit eben auch. Es ist der Moment, in dem sich nicht mehr genau bestimmen lässt, wann du über Unebenheiten fliegst und wann du fährst. Wie auf einem Luftkissenboot gleite ich durch die Landschaft und inhaliere Eindrücke im Sekundentakt. 

Begegnung in der Wüste Die Sonne wärmt nun alles Leben um mich herum. Nebelschwaden verschwinden, Sträucher und grünes Gewächs tauchen auf. Auf einmal Menschen! Ein paar kleine Zelte, nicht weit entfernt von der nächsten Piste gen Zivilisation. Ich muss einfach anhalten und nehme mir trotz des Rallyedrucks etwas Zeit für die Menschen. Wir verstehen kein Wort voneinander, aber es fließt wieder Minztee und am Ende des kurzen Besuchs habe ich ein wunderbares Foto der gesamten Familie. Es geht weiter und es dauert nicht lange bis am Horizont schließlich die ersten Sanddünen des Tages auftauchen, mein Wegpunkt ist fast erreicht. 

Reparatur in der Wüste Dünen sind die Königinnen der Wüste. Majestätisch stehen sie da, blicken auf dich herab und sprechen kein Wort mit dir. Glücklicherweise ist mein Wegpunkt nicht weit in dem Dünenfeld und ich muss nur ein paar Kilometer hineinfahren. Ein wahrer Segen bei dem Gewicht meiner Maschine und meiner Kameraausrüstung. 

Im tiefen Sand liegen Glück und Leid sehr eng beieinander. Es gibt Tage, an denen sich 100 km Dünen ohne echte Probleme fahren lassen und dann Tage wie heute. Vor zwei Minuten dachte ich noch, wie schön leicht es sich doch fahren lässt, und nun steckt das Vorderrad fast komplett im Sand. Ohne Vorwarnung schmeißt es mich per Handstand über den Lenker. Das Ganze passiert dann auf den 6 km danach noch weitere zwei Mal. Der Sand hier ist weich wie Mehl, meine Kräfte schwinden und dabei hat der eigentliche Arbeitstag nicht einmal richtig angefangen. 

Ich erreiche den Fotospot. Ein einziger toter Baum am Rande des Dünenfeldes, wohl eine Schattenspende von der Wüstenkönigin. Ich ruhe mich etwas aus, bereite mein Kameraausrüstung vor und warte auf die Teilnehmer der Rallye. 

Schatten und Ruhe Ruhe. Wieder der Wind, das Rieseln des Sandes und etwas Zeit für Gedanken. Wenn ich mich so umblicke, stelle ich mir schon die Frage, was ich hier tue. Die wechselnden Farben des Sandes, die Strukturen, die Formen, das Licht ist wie Magie und eine wahre Freude für mich als Fotograf. Ich schließe wieder die Augen und träume davon noch mehr Wüsten zu sehen und schlafe dabei ein. 

Ein lautes Motorengeräusch reißt mich aus dieser Traumwelt. Der erste Fahrer rauscht an mir vorbei und ich schaffe es gerade noch ein paar Fotos von ihm zu schießen. Dann jede Menge Motorengeräusche von allen Seiten. Ich sehe sie aber nicht! Der Himmel ist braun eingefärbt, ein kleiner Sandsturm ist aufgezogen und gibt mir nur noch wenige Meter Sicht. Dort aus der Ecke links kommt einer und vergräbt sich vor meinen Augen im Sand. Hektisch geht es nun zur Sache, es ist keine Zeit mehr für Ruhe, ich will die Bilder und sehe die Welt um mich herum auf einmal nur noch durch den Monitor meiner Kameras. Der Wind wird stärker, aber egal, ich starte die Drohne und steuere nun drei Kameras hintereinander. Ein Orchester der Actionfotografie beginnt und ich bin der Dirigent. Nur wenige Minuten läuft das Spektakel, bis das enge Fahrerfeld an mir vorbei ist. Verschwitzt, versandet und verglüht steige ich schließlich wieder auf mein Motorrad, um die 300 km Distanz bis zum nächsten Bivouac anzutreten. 

Die Wüste ist das, was ich suche, und die Rallyes sind dabei ein Fluch und Segen zugleich. Sie helfen mir die Reisekasse aufzufüllen und besser fahren und fotografieren zu lernen. Das Reisen an sich, sich die Zeit dafür zu nehmen und sich eben nicht vom Rallyestress leiten zu lassen ist jedoch das, was mich auf meinen Reisen wirklich antreibt. Ruhe und Wahnsinn geben sich hier die Hand.

Tickets, Infos und weitere Termine finden sich online unter: www.motoventure.de


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