Masuren

Polen à la carte – eine Gourmet-Tour

aus Kradblatt 3/18
von Jürgen „Juri“ Grieschat
www.mottouren.de

Bier & Krakauer? Weit gefehlt!

Polen à la carte - Gourmet-Motorradtour Erst mal könnte man es als Schnapsidee bezeichnen, denn bei einem wirklich guten Essen saßen meine Freunde Andreas, Stephan und ich in Warschau zusammen und überlegten, was wir im kommenden Sommer in Polen gemeinsam mit den Motorrädern unternehmen könnten. Was, wenn wir etwas machen würden, was niemand auf Anhieb mit unserem Nachbarland in Verbindung bringen würde? Was, wenn wir unsere Vorliebe für leckeres Essen, gute Getränke, ungewöhnliche Unterkünfte und interessanten Motorradstrecken miteinander verknüpfen würden? Dazu noch Begegnungen mit Land und Leuten und unserer gemeinsamen Geschichte?

Polen à la carte - Gourmet-MotorradtourDer Sommer kommt und wir sind unterwegs. In Berlin sammle ich Andreas ein und schon sind wir durch das Oderbruch nach Osten unterwegs.

Obwohl geteert, haben wir nach dem Grenzübertritt auf den kleinen Straßen eher das Gefühl des Endurowanderns, denn der letzte Winter hatte seine Spuren in den Fahrbahndecken hinterlassen. Als wir am Schlosshotel Kliczków eintreffen, steht Stephan schon neben dem Schlosstor, ein Bier in der Hand und sein typisch freches Grinsen im Gesicht: „Rechts ist das Gas, Jungs, erst recht in Polen!“ Ein gemeinsames „Stiefelbier“ zur Begrüßung, dann checken wir ein.

Polen à la carte - Gourmet-Motorradtour Dank Stephans Kontakten als Tourismusexperte haben wir beim Abendessen ein großartiges Erlebnis der polnischen Küche. Während wir mit der leckeren Rote-Beete-Suppe „Barszcz“, dem deftigen Sauerkraut-Wurst-Gericht „Bigos“ und mit Pierogi, Teigtaschen gefüllt mit Käse, Hackfleisch oder Kohl einige der beliebtesten polnischen Speisen genießen, macht uns der Koch mit den Besonderheiten der polnischen Küche vertraut und erklärt, welche Speisen zu welchen Anlässen in Polen gekocht und gegessen werden. Über die unterschiedlichen Biersorten, die hier ausgeschenkt werden, weiß Stephan selber bestens Bescheid und so runden wir den Abend ab.

Nach einem reichhaltigen und deftigen Frühstück, das die gesamte Breite von Fisch über diverse Salate bis zu Kuchen bietet, brechen wir das Essen rechtzeitig ab, um auf die Straße zu kommen.

Bernstein aus der Ostsee Zu Beginn unserer Rundfahrt ins Riesengebirge fahren wir nach Bolesławiec/Bunzlau, bekannt durch die Bunzlauer Keramik mit ihren überwiegend blau gepunkteten Motiven. Einige der Manufakturen können besichtigt werden, aber uns zieht es weiter in das Riesengebirge. Typisch für das alte Schlesien sind die charakteristischen Mittelgebirge. Das Riesengebirge, der Sage nach die Heimat des Berggeistes Rübezahl, das Isergebirge, die wildromantischen schlesischen Beskiden, die noch nicht überlaufenen Bergdörfer und vor allem die gewundenen Strecken dazwischen sind ein Dorado an kurvenreichen Strecken und laden geradezu zum Cruisen ein.

Mit 1.602 m ist die Schneekoppe der höchste Punkt der Sudeten. Die Region ist landwirtschaftlich geprägt und die Gastfreundschaft ihrer Einwohner ist sprichwörtlich. In den höheren Partien des Riesengebirges passieren wir bizarre Felsen, die der Gegend etwas mystisches verleihen. Trotz allem Fahrspaß lassen wir uns zwei besondere Orte aber nicht entgehen. Zum einen die in Norwegen abgetragene und in Karpacz/Krummhübel wieder aufgebaute Holzkirche Wang und zum anderen das Haus in Jagniątków/Agnetendorf, in dem der Dichter Gerhart Hauptmann von 1901 bis zu seinem Tode 1946 lebte. Es war zugleich seine Arbeitsstätte und ein beliebter Treffpunkt Kunstschaffender in der Zeit zwischen den Weltkriegen.

Vor unserer Rückfahrt nach Kliczków machen wir noch einen Stopp in Jelenia Góra/Hirschberg, dem Hauptort des Riesengebirges. Auffällig sind am Marktplatz die schönen Arkadengänge unter den farbigen Barockhäusern. Gelegenheit für einen Kaffee.

Kanal über den Berg Am nächsten Morgen reisen wir in die deutsche Vergangenheit. In Osówka bei Głuszyca befindet sich der Komplex „Riese“, ein weitläufiges Stollensystem aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Es wird davon ausgegangen, dass die Anlage als Führerhauptquartier und als Ersatz der bekannten Wolfsschanze dienen sollte. Die Stollen unter Schloss Książ/Fürstenstein, das etwa 20 km entfernt liegt, werden ebenfalls zu dem Komplex gerechnet. Auch um das Schloss Książ bei Wałbrzych/Waldenburg, das größte Schloss Schlesiens im Waldenburger Bergland, ranken sich viele Geschichten aus der Zeit.

Sehr viel friedlicher ist dagegen die Geschichte der Friedenskirche in Świdnica/Schweidnitz, die zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten in Schlesien gehört. Ein eindrucksvolles Fachwerkgebäude, bei dessen Bau nach Ende des Dreißigjährigen Krieges nur Holz, Lehm und Stroh verwendet werden durfte. Diese größte Fachwerkkirche in Europa fasst über 7.500 Menschen und ist seit 2001 auf der Weltkulturerbe-Liste der UNESCO.

Polen à la carte - Gourmet-Motorradtour Beim Abendessen werden wir mit weiteren Spezialitäten der schlesischen Küche verwöhnt. Anschließend erfahren wir unter sachkundiger Anleitung bei einer Wodkaprobe die Unterschiede verschiedener Sorten. Dabei werde ich in meiner Meinung bestätigt, dass ein guter Wodka eben nicht eiskalt getrunken werden soll, wie es so häufig bei uns gemacht wird.

Nach dem Frühstück verlassen wir das schlesische Bergland. Unweit der Wahlstatt von Liegnitz wird die Landschaft deutlich ebener. Schlesiens Hauptstadt Wroclaw/Breslau, Kulturhauptstadt 2017, umfahren wir dieses Mal. Auf den Spuren seiner Zwerge werden wir ein anderes mal wieder unterwegs sein. Bei Milicz/Militsch bestaunen wir die weltberühmten Milicz-
Teiche. Vor über 800 Jahren
begannen hier Zisterziensermönche mit einer Fischzucht, die heute als größter Fischteichkomplex Europas gilt. Sehr beliebt sind Stör und Hecht, aber als besondere Delikatesse gilt der Miliczer Karpfen. Mit einer leckeren Fischsuppe lassen wir uns von der Qualität überzeugen. Anschließend fahren wir auf kleinen Straßen durch das Seengebiet weiter nach Gniezno/Gnesen, der ersten Hauptstadt Polens. Bei großartigem Wetter speisen wir wieder vorzüglich auf der Terrasse unseres Hotels, bevor wir bei einem Abendspaziergang versuchen der polnischen Geschichte näher zu kommen.

Kirche Wang Lech, der sagenhafte Gründer Polens, soll an dieser Stelle das Nest eines weißen Adlers gefunden haben. Er sah das als Zeichen, gründete hier eine Stadt und erhob den Adler zum Wahrzeichen seines Volkes. Das ist er bis heute.

Hier wird auch nach der Durchsetzung des Christentums eine Kathedrale gebaut, in der der Leichnam des Heiligen Adalbert beigesetzt wird. Fortan gilt die Stadt als Zentrum der polnischen Christenheit. Kurz danach pilgert der junge deutsche Kaiser Otto III. nach Gnesen, um das Grab seines Freundes Adalbert zu besuchen. Er bringt Reliquien mit, die später Teil der polnischen Krönungsinsignien werden. Mit dieser wichtigen Begegnung zwischen dem deutschen und dem polnischen Herrscher wird das polnische Königreich in seiner Souveränität bestätigt und in das „Imperium Romanum Christianum“ aufgenommen.

Durch Kujawien, der Landschaft zwischen Weichsel und Netze, fahren wir weiter nach Toruń/Thorn. Bei der Fahrt über die Weichselbrücke haben wir ein eindrucksvolles Bild von der Stadt mit ihren Gebäuden im Stil norddeutscher Backsteingotik. 1997 wurde die Altstadt Thorns von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Bis auf einen Straßenzug aus dem späten 19. Jahrhundert ist fast die gesamte Bebauung mittelalterlich. Im Zentrum des historischen Bereiches liegt das Schloss des Deutschen Ordens. Nicolaus Copernicus, der berühmte Mathematiker, Arzt und Astronom wurde hier geboren. Er lebte später in Allenstein und anschließend als Domherr in Frauenburg im Ermland und schrieb dort sein Buch, mit dem er die jährliche Bewegung der Erde um die Sonne erklärte.

Anstelle eines Mittagessens probieren wir uns heute als „Süßschnäbel“. Eine sehr beliebte Spezialität sind bis heute die Thorner Kathrinchen, nach alten Rezepten gebackene Pfefferkuchen. Im Lebkuchenmuseum streifen wir uns Schürzen über, backen und probieren unsere eigenen Pfefferkuchen.

Durch das Urstomtal der Weichsel erreichen wir Bydgoszcz/Bromberg. Wenn in der Weihnachtszeit eine polnische Gans auf unseren Tellern landet, kommt sie sehr wahrscheinlich hierher, denn Kujawien ist der größte polnische Exporteur tiefgefrorener Gänse. Gut zu wissen, dass man sich hier zu artgerechter Aufzucht verpflichtet hat und nur ausgewähltes Futter verwendet, wodurch das Fleisch besonders zart und schmackhaft wird! Davon überzeugen wir uns beim Abendessen persönlich, als wir sehr schmackhafte Gänsegerichte serviert bekommen – einmal Gans ganz anders!

Lageplan der Tannenbergschlacht bei Grunwald Masuren im Nordosten Polens ist unser nächstes Ziel. Auf dem Weg liegt Grunwald/Tannenberg. Die Gegend ist als Schauplatz zweier großer Schlachten berühmt geworden. Am 15. Juli 1410 erlitt der Deutsche Orden hier eine vernich­tende Niederlage gegen ein vereinigtes polnisch-litauisches Heer, der Anfang vom Ende der Macht des Ordens. Die zweite Schlacht war Ende August 1914. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges fielen russische Truppen in Ostpreußen ein, um die Deutschen von ihrer Offensive gegen Frankreich abzulenken. Unter Leitung von Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und seinem Stabschef Erich Ludendorff wurde die russische Invasion gestoppt. Bei Olsztynek, damals Hohenstein, wurde 1927 das „Reichsehrenmal“ Tannenberg errichtet, in dem 1934 der Sieger der Schlacht, der inzwischen als Reichspräsident verstorbene von Hindenburg zusammen mit seiner Frau beigesetzt wurde. Kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee wurden ihre Särge nach Marburg verbracht. Das Denkmal wurde anschließend von deutschen Pionieren gesprengt. Von ihm findet man heute nach einigem Suchen in dem durchwühlten Relief nur noch wenige Überreste.

Es wird hügliger, seenreicher. Wir durchqueren die Masurische Seenplatte und erreichen bei Kętrzyn/Rastenburg das Schloss Nakomiady, unsere Unterkunft für die nächsten Tage.

Wohl kaum eine Landschaft in Europa weckt so viele Sehnsüchte, Erinnerungen und Emotionen wie Masuren. Aus deutscher Sicht lange nur Ziel von Heimatvertriebenen, sind heute in seinen Wäldern, auf den Flüssen und Seen inzwischen auch viele Reisende unterwegs, die Begegnungen mit der Natur suchen, Gastfreundschaft und persönliche Atmosphäre kennenlernen und Geschichte pur erleben wollen.

Nach dem Frühstück fahren wir über Rastenburg zur Wolfsschanze, Hitlers ehemaligem Führerhauptquartier zur Leitung des Unternehmens „Barbarossa“, dem Überfall auf Russland. Ein kaputter Ort im wahrsten Wortsinne.

Steinort am Mauersee und Dönhoffstädt sind zwei herausragende Beispiele von ostpreußischen Herrenhäusern oder zumindest, was davon übrig geblieben ist. Das erste war Stammsitz der Grafenfamilie Lehndorff, das zweite gehörte zum Familienclan der Dönhoffs. Unweit der Burg in Reszel/Rößel stoppen wir auf ein besonders gutes Eis. Der nahegelegene Wallfahrtsort Swieta Lipka/Heilige Linde mit seiner barocken Kirche und seiner eindrucksvollen Orgel hinterlassen dagegen völlig andere Eindrücke. Auf kleinen Straßen schlängeln wir uns am Gilandsee vorbei nach Sorkwity/Sorquitten, zu meiner Lieblingskirche in Masuren mit seinem schönen naiv geschnitzten Altar und dem schwebenden Taufengel.

Fisch ist eines der häufig angebotenen Gerichte dieser Gegend. Bei den Seen kein Wunder und die Maräne ist einer der typischen Fische, die hier im Angebot sind. Damit zaubert der Spezialist aus der Küche nach unserer Rückkehr ein leckeres und typisch polnisches Gericht. Bei einem guten polnischen Bier – es gibt auch Alternativen – versuchen wir unsere Eindrücke und Fahrerlebnisse zu verdauen.

Am folgenden Morgen reisen wir über Allenstein weiter zum Oberländischen Kanal, die technische Sensation im Ermland. Der Kanal verbindet Elbing mit Osterode und damit die Ostsee mit der Masurischen Seenplatte. Über fünf „Rollberge“ fahren die Schiffe über Land und überwinden dabei, in Schlitten transportiert, fast 100 Höhenmeter. Seit über 160 Jahren funktioniert das, dank Wasserkraft problemlos.

Marienburg - Polen à la carte - Gourmet-Motorradtour An der Marienburg, der größten Festung des Deutschen Ordens halten wir erneut. Beeindruckend, was die polnischen Restauratoren nach der fast völligen Zerstörung wieder geschaffen haben. Weiter westwärts erreichen wir Kartuzy/Karthaus, die Hauptstadt der Kaschubischen Schweiz. Über den Friedhof gehen wir zum Kloster der Karthäusermönche. Die Mönche dieses Ordens lebten in Isolation und kamen aus ihrer Klause nur zum Beten und Essen. Sie konzentrierten sich schon im Leben auf das Jenseits. Daher ist auch das Dach des Klosters in Form eines Sargdeckels gestaltet und das Innere ist eher düster und dunkel. Ein merkwürdiger Umgang im Leben mit dem, was kommen soll.

Unser heutiges Abendessen ist deutlich gegenwartsbezogener und bietet verschiedene Spezialitäten der kaschubischen Küche. Besonders lecker die unglaubliche Fülle an Vorspeisen, dann Plińce, hausgemachte Kartoffelpuffer mit Gulasch und Fleischsauce und köstlicher Nachtisch. Hoffentlich hilft der Selbstgebrannte wirklich, den es zu Abschluss gibt.

Weiter geht unsere Fahrt durch das „Karierte Land“ nach Pommern, über Słupsk/Stolp und Koszali/Köslin nach Maciejewo. „Kariertes Land“ heißt die Gegend um Słupsk unter–anderem wegen der schwarz-weißen Fachwerkarchitektur. Der hier lebende Volksstamm der Slowinzen baute seine Fachwerk-Bauernhäuser mit schwarz geteerten Holzbalken und weiß getünchten Lehmwänden, die das Landschaftsbild prägen. Das schönste Dorf dieser Volksarchitektur steht in Swołowo. Hügelig ist weiterhin die Landschaft, das Fahren macht richtig Spaß. Unterwegs machen wir noch einen Abstecher an die Ostsee und vertreten uns in Kołobrzeg/Kolberg ein wenig die Beine.

Südlich von Szczecin/Stettin beziehen wir dann unsere Zimmer in Kloster Zehden und haben ein letztes Abendessen auf unserer Gourmetreise durch Polen. Deshalb kommt zum Abschluss das vielleicht typischste aller polnischen Gerichte auf unsere Teller, leckere und knusprige Ente in verschiedenen Variationen.

Am nächsten Morgen verabschieden wir uns von Stephan, der zurück nach Warschau muss. Bevor wir uns auf den Heimweg nach Deutschland machen, heißt es beim Schließen meines Rukka­anzuges allerdings tief einatmen. Er scheint in den letzten Tagen im Bauchbereich erheblich geschrumpft zu sein. Macht nichts, das wird sich wieder verwachsen. Im Gegensatz dazu werden die Erlebnisse, Erfahrungen und Begegnungen dieser Reise in und durch Polen noch lange in uns nachwirken. Im Mai 2018 werden wir das mit Sicherheit wiederholen.

Polen à la carte: 

Weitere Informationen zu dieser Tour gibt es im Internet unter www.mottouren.de


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