aus Kradblatt 7/26 von Maik Dziwisch

Oldschool glücklich

Im KRADblatt Editorial 6/26 stellte Torsten Thimm die Frage: „Wann wird Überfluss zu viel?“. Damit sprach er Vielen aus dem Herzen und stellvertretend für alle Kommentare hier Maiks Erfahrung.

Maik hat mit der Guzzi neuen Spaß am Motorradfahren gefunden
Maik hat mit der Guzzi neuen Spaß am Motorradfahren gefunden

Mindestens! Irgendwie war dieses Wort viel zu lange mein Begleiter, eigentlich wohl doch eher Nemesis. Es musste immer „mindestens“ sein. Mindestens 1000 Kubik, der volle Liter eben. 

Meine erste Unterschreitung dieser selbstauferlegten Beschränkung war die 900er Honda Hornet, die SC48. Aber auch hier relativierte ich für mich: „Die hat ja 919 ccm und der Motor stammt ja auch aus der Blade.“ 

Eigentlich ziemlich dumm? Ja! Etliche wirklich interessante Bikes hat mein innerer Schweinehund auf diese Art abmoderiert. 

Die Krux hieran: Bikes wie die selige GSX 1100 F gab es nimmer. Wer dieses Ding noch kennt und sich an das Sitzgefühl erinnern kann, kann es vielleicht nachempfinden. Die war nicht leicht. Aber dafür taten Sitz und Federung das, was deren Job ist. Vielleicht ist es ja nur Einbildung,  aber gefühlt sind moderne Pendants fahrwerksseitig immer sowas von wirklich toll, dass sie eigentlich nur auf topfebener Strecke Komfort vermitteln – oder halt einspurige Berge vom Schlage einer GS. Und viel Gewicht wollte ich definitiv nicht haben! 

Naja, zurück zur Hornet. Gabel mittels neuer Federn gemacht und fast ein Jahrzehnt auf jedem Meter Spaß! So einfach und ohne den vollen Liter. 

Trotz Regen entspannt reisen
Trotz Regen entspannt reisen

Dann erforderten die Umstände mehr Windschutz, es standen privat viele Autobahnkilometer im Lastenheft. So kam ich zur 900er Yamaha Tracer. Eigentlich hat die ja „nur“ 860 ccm, aber der Monk in mir wurde von der Typenbezeichnung besänftigt. Und wirklich, die Tracer war ein Traum! Die konnte einfach zu jeder Zeit mehr als ich, aber es hat nie wirklich gematcht, zwischen uns. Sich ankündigende Getriebeprobleme taten ihr Übriges. Ich war mir sicher: ich gebe das Fahren dran! Moped weg und gut. 

Mit diesem Gedanken tief in meinem Arbeitsspeicher stand ich irgendwann in der traumhaften Werkstatt von meinem Freund Jochen. Jochen darf man, so glaube ich, getrost „Guzzi-Fuzzi“ nennen. Dort stand seine V85 TT – und das Unheil nahm seinen Lauf. 

Die V85 ist, zumindest in meinen Augen, herrlich „oldschoolig“. Nicht riesengroß, nicht irre schwer, nicht mit „veredgetem“ Design gestraft …irgendwie ziemlich konventionell halt. Und irgendwie passierte es, dass ich auf dieser Guzzi Platz nahm.

Ohne Scheiß, da war es! Dieses Gefühl wie 1998 auf der 11er GSX-F. Das Sitzpolster folgte dem Verlauf meines knorrigen Hinterteils, das Federbein verneigte sich höflich unter meinem Gewicht, die Lenker­enden waren am rechten Platz. 

Knapp drei Monate später unterschrieb ich beim Händler, gänzlich ohne Probefahrt. Seither ist jeder gefahrene Meter wieder purer Spaß! Voller Liter? 850 Kubik! Meinen Monk habe ich endgültig in die Pampa gejagt.

In den letzten Monaten hab ich mit der Guzzi mehr Kilometer gemacht, als in den letzten vier Jahren zusammen! Und auf dem Rückweg von Norwegen (von Ljosland aus zur Mitte zwischen Hamburg und Bremen) schlug ich die Übernachtungsmöglichkeit in Dänemark, bei Tony, überzeugt aus – trotz Regen, Sturm, Nacht und Temperaturen knapp um 5°C. Das war alles ziemlich wumpe, das Fahren machte alles wett! Und so stand ich Sonntagfrüh um 3:45 Uhr völlig durchnässt in meiner Werkstatt, blickte auf meine noch tickende Guzzi und grinste selig, wie ein Kind an Weihnachten! 

Manchmal ist weniger halt wirklich nicht wenig sondern definitiv mehr! Probiert es mal aus …