Vorwort der Ausgabe 6/26 von Torsten Thimm
Noch ein Stück Sahnetorte mit Häubchen?
Das Durchschnittsalter der Motorradfahrer in Deutschland steigt seit Jahren. 2025 waren 64,5% lt. der Zeitschrift MOTORRAD, Ausgabe 11/26, älter als 50 Jahre. Ein Alter, in dem man mehr zurück als nach vorne blickt …

Vor noch nicht allzu langer Zeit war Motorradfahren eigentlich noch recht einfach: Zündschlüssel rein, Starter drücken und losfahren. Wenn es ganz wild wurde, hatte das Motorrad ABS und man fühlte sich technisch bereits wie ein Testfahrer der NASA.
Heute hingegen steigst du auf ein neues Motorrad und brauchst gefühlt erst einmal eine Einweisung wie auf einem Mittelstreckenjet. Gewaltige Displays, Fahrmodi, Connectivity-App, Kurven-ABS Pro Max Ultra GTI. Noch ein Knopf mehr für die Home Funktion. Eine weitere Schaltwippe oder Drehrad. Und irgendwo tief im Menü versteckt vermutlich auch die Funktion „Motorrad fahren“.
Ich kenne, wie jeder, natürlich die ganzen Sprüche: „Wer stehen bleibt, wird alt.“ „Stillstand ist Rückschritt.“ „Du musst mit der Zeit gehen.“
Ja, das mag alles stimmen. Aber vielleicht kommt irgendwann auch einfach der Punkt, an dem man nicht mehr jeden technischen Eskalationsschritt mitmachen möchte. Und zwar nicht aus Angst vor Neuem sondern weil man irgendwann mit steigendem Lebensalter wahrscheinlich verstanden hat, was man eigentlich sucht.
Daher merke ich mit bald 54 Lenzen eben immer häufiger: Meine größte Leidenschaft war und ist nie das Menü. Nie die App und nie die Bluetooth-Kopplung meines Helms mit dem Kühlschrank. Obwohl ich letzteres mit leichter Musik im Ohr sehr gerne seit Jahren nutze.
Es ist und war immer das Gefühl für die Straße, der Zug durch die nächste Kurve, der Klang des Motor beim Beschleunigen oder das Pratzeln beim Gas wegnehmen und ja, die Freiheit auf zwei Rädern. Fertig.
Deshalb ertappe ich mich immer öfter dabei, wie ich bewusst zu Motorrädern aus den 2010er Jahren greife. Maschinen, die aus meiner Sicht noch nicht versuchen, gleichzeitig Motorrad, Smartphone, Entertainmentsystem und Raumstation zu sein, die aber immer noch eigene Gesichter und schon moderne Technik besitzen. Gut, meine Kawasaki W 800 hat etwas weniger davon. Aber es sind klar Motorräder, bei denen man noch direkt fährt statt sie erst zu konfigurieren.
Natürlich soll jeder fahren, was ihn glücklich macht! Wer die neuesten Features liebt, perfekt. Wer alles vernetzt haben möchte, ebenfalls perfekt. Aber manchmal frage ich mich derzeit schon: Bin ich der Einzige, der beim Motorradfahren keine zweite IT-Ausbildung absolvieren möchte? Oder gibt es noch mehr Menschen, die heimlich denken: „Drei Knöpfe und ein ABS reichen doch, und wenn das Ding zuverlässig bollert, ist der Tag eigentlich schon gewonnen.“?
In diesem Sinne: die Linke zum Gruß und #lifeisaride
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