Vorwort der Ausgabe 9/26 von Torsten Thimm, www.ttmotorbikeblog.com

… ich aber ja auch!

Motorradurlaub in den Dolomiten
Die Dolomiten sind – trotz allem – einfach Klasse!

Heute, auf dem Weg zurück aus den Dolomiten Richtung Österreich, hatte ich auf dem Bike einen dieser lichten Momente: „Torsten, ob das wirklich eine gute Idee war, Teile der „Sellaronda“ mit in die Tour einzubauen?”, dachte ich noch. Nun ja, die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.

Canazei, am Eingang der Sellarunde (Sellajoch, Grödnerjoch, Campolongo Pass und Pordoi Pass), war die Verkehrshölle im Quadrat. Landschaftlich allerdings war es wie immer ganz großes Kino. Die Berge schaffen es jedes Mal, mich komplett einzufangen. Nur dumm, dass gefühlt halb Europa denselben Gedanken hatte und zwar genau heute.

Ich erinnere mich noch, früher haben wir die Pässe fast im Vorbeifahren mitgenommen und zwar ohne Rücksicht auf größere Verluste, aber auch immer im Rahmen. Heute sind vielerorts 60 km/h das Maximum. Wobei selbst das schon sehr optimistisch ist. Denn wenn sich Wohnmobile, Reisebusse, Semi-Rennradprofis, E-Bike Amateure, Motorräder, Cabriofahrer, Wanderer und vermutlich noch zwei bis sieben Alpakas gleichzeitig über den Pass bewegen, wird aus einer Traumstraße schnell ein rollendes Missverständnis in Sachen Völkerverständigung. Und wisst ihr was? Ich kann sie alle, wirklich jeden einzelnen davon verstehen. Ok bis auf die Alpakas.

Der Motorradfahrer will Kurven. Der Radfahrer will den Pass aus eigener Kraft bezwingen. Die Autofahrer und Womo-Piloten wollen diese unfassbare Aussicht genießen. Und jeder hat für sich genommen vollkommen recht. Vielleicht ist genau das sogar das größte Kompliment, das man dieser Gegend machen kann. Wenn wirklich jeder sie erleben möchte, dann muss sie wohl etwas ganz Besonderes sein. Zum Pro­blem wird es nur, wenn alle gefühlt zur gleichen Zeit dieselbe geniale Idee haben.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass Rücksicht unterwegs irgendwo in einer Spitzkehre liegengeblieben ist. Dabei würde genau die dafür sorgen, dass am Ende alle mit einem Lächeln ankommen. Bei mir war es heute übrigens der KTM-Fahrer mit junger Sozia, der seiner Tochter (ich nehm es mal an) zeigen wollte, wie toll ein Mann mit 50 sein kann. 

Doch zum Glück gibt es sie noch, diese kleinen Momente. Ein freundliches Winken eines Rennradlers: „Hey, Zeit für ein Foto prego?“, oder jemand, der freiwillig Platz macht, ein kurzes Danke, ein Gruß. Dann ist plötzlich völlig egal, ob das Kennzeichen aus Deutschland, Italien, Österreich oder sonst woher kommt. Denn genau solche Begegnungen und Gespräche machen für mich das Reisen aus.

Die starke Verkehrsbelastung führt indes zu ersten Einschränkungen, nicht nur bei der Geschwindigkeit. Geführte Gruppen werden oberhalb von 1.600 Metern ausgeschlossen (siehe Kradblatt 8/26).

Ja und ich? Ich werde beim nächsten Mal wahrscheinlich wieder sagen: „Torsten, fahr bloß nicht über die Sellapässe.” Um zwei Minuten später Calimoto zu öffnen und genau dort wieder die Route entlangzulegen. Manche lernen es eben nie. Und das ist auch ganz gut so, denn wo kämen wir hin, wenn wir nie losfahren würden?!