Alpiner Fahrspaß mit 14 PS

aus Kradblatt 10/25 von Konstantin Winkler

Konstantin liebt Oldtimer - und das Reisen damit …
Konstantin liebt Oldtimer – und das Reisen damit …

Schon immer haben mich Motorradreisen fasziniert die nicht so leicht zu bewältigen sind. Nicht alltägliche Touren mit gerne etwas älteren Fahrzeugen, die dafür nicht unbedingt prädestiniert sind. Etwas machen, was sich nur wenige trauen. Neue Herausforderungen suchen und finden.

Die Gilera 150 Strada ist solch ein Motorrad, mit dem es über die Alpen nach Italien gehen soll. Warum 150 Kubik, wenn es doch 125er und 175er gibt? Die Antwort liegt in der italienischen Straßengesetzgebung, die Motorräder erst ab 125 ccm auf die Autobahn lässt!

14 PS, das liefert heute so manche 125er
14 PS, das liefert heute so manche 125er

Der luftgekühlte Einzylinder-Viertakter kann mit seinen 14 PS naturgemäß nur ganz kleine Bäume ausreißen. Jegliche Hektik wird da schon im Ansatz erstickt. Für den Überlandverkehr mit mäßigen Steigungen reicht es allemal. In den Alpen sieht es da schon etwas anders aus.

Müssen es denn die Alpen sein? Unbedingt! Die physikalisch miteinander verknüpften Größen: Weg, Zeit und Geschwindigkeit bekommen beim Fahren mit der kleinen Gilera eine ganz neue Bedeutung. Tempo 80 sind ein echtes Abenteuer und 100 Kilometer können ganz schön weit sein. Schon eine kleine Steigung ist eine Herausforderung, die ein sorgfältiges Management der bescheidenen Ressourcen Hubraum und Leistung braucht. Entspanntes Fahren ist angesagt.

Entspannt geht auch die Startprozedur vonstatten: Benzinhahn öffnen, damit Sprit in den 23er Dell’Orto läuft, Chokehebel am Lenker betätigen und mangels E-Starter den Kickstarter betätigen. Meistens ist schon der erste Versuch erfolgreich!

2.500 Umdrehungen pro Minute sind ausreichend, um die Gilera ruckfrei im 5. Gang zu bewegen und zu beschleunigen – also weit entfernt von der Maximaldrehzahl von 8.250. Dann soll die Gilera 118 km/h schnell sein. Das schafft Reserven.

Klassische Rundinstrumente und filigraner Lichtschalter
Klassische Rundinstrumente und filigraner Lichtschalter

Was die Bedienung angeht, gibt es ein paar gewöhnungsbedürftige Kleinigkeiten: Der winzige Zündschlüssel wird in eine noch winzigere Bajonett-Fassung seitlich im Scheinwerfer eingehakt. Das muss der Gilera-Neuling erst einmal suchen und finden!

Das Zündschloss muss man erst mal finden
Das Zündschloss muss man erst mal finden

Das Fünfganggetriebe lässt sich präzise und sanft schalten. Der Fußschalthebel befindet sich sogar auf der richtigen Seite, nämlich links, was bei italienischen Motorrädern der frühen 70er Jahre nicht immer so war. Dennoch ist höchste Konzentration beim Schalten gefordert, denn der erste Gang ist oben und die anderen unten. Ergo muss zum Hochschalten runtergeschaltet werden und umgekehrt. Schaltfehler sind da vorprogrammiert. Was aber nicht ganz so schlimm ist wenn man, wie ich, schaltfaul unterwegs ist und frühzeitig die Gänge wechselt.

Eine relativ große Schwungmasse sorgt in allen Drehzahlbereichen für einen ruhigen Lauf. So klein der kopfgesteuerte Stoßstangen-Motor ist, so modern ist er auch. Er hat sogar eine Ölfilterpatrone für die bescheidenen 1,5 Liter der Geschmacksrichtung 20W50. Weitere moderne Features: Eine Mehrscheibenkupplung im Ölbad und Kraftübertragung durch schräg verzahnte Stirnräder.

Unsägliche 95 dB Regelung in Tirol? Die Gilera juckt das nicht …
Unsägliche 95 dB Regelung in Tirol? Die Gilera juckt das nicht …

Das Fahrwerk macht auch auf schlechten Straßen Spaß. Eine Telegabel vorne und eine Schwinge mit hydraulischen Federbeinen hinten sorgen für Komfort. Handlich ist die Gilera allemal dank nur 117 Kilo Leergewicht. Dazu kommen 11 Liter Benzin im formschönen Tank, die für etwa 300 Kilometer reichen. Zwar wird die Prospektangabe von knapp 3 Liter pro 100 Kilometer nicht erreicht, aber mit 3,5 Litern ist sie dennoch sehr genügsam. Da lohnt es fast gar nicht, zum Tanken durch Serpentinen und unbeleuchtete Kehrtunnel die steile Bergstrecke ins zollfreie Samnaun zu befahren. 

Hab ich trotzdem gemacht und nicht bereut. Es war die erste richtige Herausforderung auf meiner Reise durch Österreich, die Schweiz und Italien. Die Auffahrt ging teilweise nur im 2. Gang und das halogenfreie 12 Volt-Licht ist völlig ungeeignet für unbeleuchtete Kehrtunnel. Etwa 1.000 Höhenmeter waren zu überwinden, bis Samnaun-Dorf in 1.800 Metern Höhe und der erste Neuschnee erreicht war. Von wegen Dorf! Geschäft reihte sich an Geschäft. 

Samnaun ist ein Zollanschlussgebiet der Schweiz, damit ist zollfreier Einkauf möglich und Benzin dementsprechend preiswert. Es gehört zum Kanton Graubünden, bekannt für seinen Bergkäse, Bündner Fleisch und die vielen Alpenpässe. Für mich eine leichte Entscheidung, die landschaftlichen den kulinarischen vorzuziehen!

Am Reschenpass kann man die Strada richtig laufen lassen
Am Reschenpass kann man die Strada richtig laufen lassen

Eindeutig mehr Spaß als der mühsame Aufstieg, wo ich mir Windschattenduelle mit Wohnmobilen liefern konnte, machte dann die Abfahrt. Das kleine und handliche Motorrad nötigte schon fast zu sportlicher Fahrweise und der Sound in den Tunnelröhren war phantastisch. Röhren in der Röhre! Kein Problem für die beiden Trommelbremsen! Die vordere hat sogar Kühlrippen – wohl hauptsächlich aus optischen Gründen. 

Damals gabs noch richtige Sitzbänke
Damals gabs noch richtige Sitzbänke

Auf schmalen Füßen ist die Kleine unterwegs. Reifen der Größen 2,75-18 vorne und 3,00-18 hinten tragen auch zur enormen Handlichkeit bei.

Nun war es endlich soweit: die kleine Gilera bekam ihr Heimatland zu sehen, das sie möglicherweise seit 1974 nicht mehr gesehen hat. Die Fahrt nach Italien über den knapp 1.500 Meter hohen Reschenpass ging erwartungsgemäß flotter vonstatten als die vorige Bergprüfung. Dennoch erforderten die wenigen Überholvorgänge einige hundert Meter freie Strecke und längerfristige Planung.

Wir sind jetzt in Südtirol. Hier paart sich alpenländisches Brauchtum mit südlicher Lebensfreude. Weinliebhaber können sich vor Auswahl kaum retten. Es gibt tausende von Weinbaubetrieben. 1.800 Sonnenstunden pro Jahr ergeben 400.000 Hektoliter Wein. Na dann Prost! Welch ein Kontrast: Lauschige Weindörfer und urige Berghöfe mit ihrem alpinen Charme auf der einen Seite und Großstädte wie Meran mit südländischem Flair auf der anderen Seite. 

Die letzte alpine Herausforderung ist nun, Österreich von Süd nach Nord zu durchqueren. Der Fernpass zählt dabei mit wenigen Spitzkehren und höchstens 8% Steigung zu den harmlosesten Pässen. Und zu den langweiligsten. 

Tatsächlich kann man mit diesem kleinen Bike sogar eine etwas längere Überland- oder Autobahn­etappe genießen. Für mich gibt es keine freudlosen Kilometer, sondern höchstens freudlose Fahrzeuge, denen man fast alles mitgegeben hat, was die Technik so zu bieten hat. Nur eines fehlt mir dabei oftmals: Das, was unter den Oberbegriff „Emotion“ fällt!

Ich habe schon viele Alpenrundfahrten mit den verschiedensten Motorrädern gemacht. Von der 200er Vorkriegs-Zündapp bis zur 1.200er Harley-Davidson Sportster. Aber noch nie mit so wenig Hubraum. Und ich hätte nicht gedacht, dass es so viel Spaß machen würde. 

Auch hätte ich als eingefleischter Motorradfahrer nie gedacht, mal ein Motorrad zu besitzen, bei dem „Piaggio“ hinten auf der Sitzbank steht. 1969 wurde Gilera nämlich von Piaggio übernommen. Importeur war die Vespa GmbH, die die 150er in den 1970er Jahren für 2.590 Deutsche Mark verkaufte. Heute muss man mindestens diese Summe in Euro für ein gepflegtes Exemplar ausgeben.