aus Kradblatt 6/26 von Norbert Baier, www.avp-institut.de
Der Blick entscheidet – und genau hier liegt dein Problem
Fehler aus der Praxis und wie man sie erkennt

Der Artikel wurde mit freundlicher Unterstützung des Institut für angewandte Verkehrspädagogik e.V. (AVP) bereitgestellt und dient der Förderung der Sicherheit aller Teilnehmer am öffentlichen Straßenverkehr. In einer siebenteiligen Serie beleuchten wir verschiedene Themen.
Diesen Satz hört man oft und er klingt auf den ersten Blick logisch. Fast schon wie ein Naturgesetz: „Du fährst immer dahin, wo du hinschaust.“ Bullshit! Es ist so nicht richtig. Denn wenn das richtig wäre, wären alle hübschen Frauen tot – und die hübschen Männer übrigens auch.
So einfach ist es also nicht.

Was allerdings stimmt: Der Blick hat einen massiven Einfluss auf das, was wir tun. Nur eben nicht so platt, wie es oft dargestellt wird. Immer wenn wir uns bewegen, läuft im Hintergrund ein Programm ab. Ziemlich zuverlässig, ziemlich schnell und meistens unbewusst. Wir erkennen eine Situation, wir bewerten das, was wir sehen, wir schmieden daraus einen Plan und setzen diesen Plan am Ende um. Das passiert nicht nur beim Motorradfahren, sondern immer, wenn wir uns von A nach B bewegen.
Der entscheidende Punkt ist: Dieses System funktioniert nur so gut wie die Informationen, die wir ihm liefern. Und diese Informationen kommen maßgeblich über den Blick. Wenn der dynamische Blick auch weit nach vorne geht, haben wir die wichtigen Informationen für unseren Plan früher. Vorausschauendes Fahren eben.
Genau hier liegt das Problem. Viele Motorradfahrer schauen nicht dahin, wo sie hinwollen. Sie schauen dahin, wo sie nicht hin wollen. Auf das Hindernis, auf den Gegenverkehr, auf die Stelle, an der der Stein oder Dreck auf der Straße liegt. Das ist menschlich und glaube nicht, dass mir das noch nie passiert ist. Unser Gehirn ist darauf programmiert, Gefahren zu erkennen.
Problemorientierung ist erst mal ein Schutzmechanismus. Auf dem Motorrad ist sie jedoch oft kontraproduktiv. Denn wenn ich meinen Blick auf das Problem richte, dann füttere ich genau dieses System mit den falschen Informationen. Ich erkenne das Hindernis, ich bewerte es als kritisch, ich mache daraus einen Plan und dieser Plan ist selten sauber, wenn ich es nicht schaffe den Blick abzuwenden und in die „Lücke“ zu schauen. Das Ergebnis ist dann nicht selten genau das, was man eigentlich vermeiden wollte.
Die besten Motorradfahrer schauen auf das Hindernis bzw. die nahende Gefahr, weil sie diese erst einmal als solche wahrnehmen und erkennen müssen – und zwar so früh wie möglich. Die besten Motorradfahrer schaffen es dann aber, wenn sie die Gefahr erkannt haben, den Blick dorthin zu richten, wo sie auch hinfahren möchten.

Schaue dahin, wo du hinfahren möchtest!
Die Alternative ist nicht, Gefahren zu ignorieren. Es geht nicht darum, blind durch die Gegend zu schauen. Es geht darum, den Fokus bewusst zu setzen. Nicht problemorientiert, sondern lösungsorientiert. Also nicht auf das Hindernis zu schauen, sondern in die Lücke, auf den Raum, auf den Weg, den ich tatsächlich fahren will. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Denn unter Druck fällt man schnell in alte Muster zurück. Der Blick wandert dahin, wo es unangenehm wird. Genau in dem Moment, in dem man eigentlich Klarheit bräuchte.
Ein weiterer Punkt, der oft unterschätzt wird, ist die Stabilität des Blicks. Viele Fahrer kippen in der Kurve den Kopf mit dem Motorrad. Der Horizont wandert mit. Das sieht von außen manchmal sogar sportlich aus, bringt aber ein Problem mit sich: Die Orientierung geht verloren.
Ein stabiler Augenhorizont, also „im Wasser“, sorgt dafür, dass das Gehirn die Situation besser einordnen kann. Es schafft Ruhe im System.
Genauso wichtig ist die Bewegung des Kopfes. Wer nur mit den Augen arbeitet, bleibt zu statisch. Der Kopf muss aktiv in die Kurve gedreht werden. Erst dadurch öffnet sich das Sichtfeld wirklich in Fahrtrichtung. Erst dadurch entsteht der Raum im Blick, den man braucht, um die Situation sauber zu erfassen.
Und dann kommt noch etwas dazu, das viele unterschätzen: Der Blick ist kein fixer Punkt. Er ist dynamisch. Gute Fahrer „lesen“ die Straße. Der Blick geht tendenziell weit nach vorne, dorthin, wo die entscheidenden Informationen liegen. Dort entsteht der Plan, dort wird entschieden, was gleich passiert. Wenn dort etwas auftaucht, das relevant ist, eine enger werdende Kurve, ein Fahrzeug oder eine Veränderung im Fahrbahnbelag, dann kann der Blick auch wieder kürzer werden. Aber nur so lange, wie diese Information wirklich gebraucht wird. Danach geht er wieder nach vorne. Dieses Wechselspiel ist entscheidend. Ein starrer Blick funktioniert genauso wenig wie ein hektischer.

Es gibt übrigens Ergebnisse von Versuchen mit Blickführungskameras die gezeigt haben, dass Ablenkung verheerende Einflüsse auf das Blickverhalten hat. Der Blick wird kurz und „chaotisch“. Er springt hin und her. Und was das für den Plan bedeutet, dürfte klar sein.
Wenn man sich das Ganze im Training anschaut, wird schnell klar, wie groß der Einfluss wirklich ist. Kleine Veränderungen im Blick führen zu spürbaren Veränderungen im Fahrverhalten. Die Linie wird ruhiger, das Motorrad stabiler, die Entscheidungen klarer. Nicht, weil sich das Motorrad verändert hat, sondern weil sich die Qualität der Informationen verändert hat.
Und genau deshalb ist der Blick einer der größten Hebel überhaupt. Nicht spektakulär, nicht kompliziert, aber entscheidend. Wer seinen Blick verändert, verändert automatisch sein Fahren. Nicht sofort perfekt, aber spürbar. Und vor allem nachhaltig.
Tipps zum Trainieren:
- Erfasse schnell die relevanten Informationen.
- Schau dahin, wo du hinfahren möchtest.
- Halte deine Blickführung dynamisch, d. h. scanne sowohl den Bereich vor deinem Fahrzeug ab, schaue aber auch immer wieder nach vorne, dort wo du hin willst.
- Konzentriere dich auf das Fahren, und nur auf das Fahren (höre keine Musik, telefoniere nicht). Wenn du Motorrad fährst, dann fahre Motorrad.
Teil 1 der Serie erschien in KRADblatt 5/26 und ist <hier> im Archiv sowie <hier> als Download zu finden
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