aus Kradblatt 5/26 von Norbert Baier, www.avp-institut.de

Warum es sich lohnt, genauer hinzuschauen

Das AVP – Institut für angewandte Verkehrspädagogik e.V. (kurv AVP)ist ein eingetragener Verein und wurde im Juli 1989 von Fachleuten verschiedener Berufe gegründet, die ihr professionelles Know-how in die verschiedenen Projekte des AVP einbringen. In einer siebenteiligen Serie werden wir verschiedene Themen beleuchten. Los geht es mit der Vorstellung und Teil 1.

Norbert Baier führt uns durch die Lektionen
Norbert Baier führt uns durch die Lektionen

Gedanken eines Trainers: Ich arbeite seit vielen Jahren mit Motorradfahrern. Mit Einsteigern, Wiedereinsteigern, Vielfahrern – und mit Menschen, die seit Jahrzehnten unterwegs sind und ihr Motorrad in- und auswendig kennen. Wenn man lange genug zuschaut, erkennt man irgendwann ein Muster. Nicht bei einzelnen Fahrern, sondern bei fast allen.

Die meisten fahren nicht schlecht, im Gegenteil. Sie kommen sicher an, bewegen ihr Motorrad flüssig und haben Spaß am Fahren. Genau so, wie es sein soll. Und trotzdem gibt es da etwas, das immer wieder auffällt. Etwas, das man nicht sofort sieht, das sich aber in bestimmten Momenten plötzlich sehr deutlich zeigt.

Es sind bei der großen Mehrheit nicht die spektakulären Fehler, die entscheidend sind. Nicht das offensichtlich falsche Fahren. Sondern die kleinen Dinge. Der Blick, der einen Tick zu spät kommt. Die Linie, die nicht ganz passt. Die Bremse, die nicht konsequent genutzt wird. Alles für sich genommen unscheinbar. Und genau deshalb so tückisch. Denn diese kleinen Abweichungen bleiben oft lange unbemerkt, schleifen sich ein und werden irgendwann zum festen Bestandteil des eigenen Fahrstils.

Im Alltag funktioniert das erstaunlich gut. Solange alles nach Plan läuft, reicht dieses Niveau völlig aus. Die Straße ist frei, die Kurven sind übersichtlich, der Rhythmus stimmt. In diesen Momenten fühlt sich Motorradfahren leicht und kontrolliert an. Es entsteht das Gefühl, das Motorrad im Griff zu haben. Und genau dieses Gefühl sorgt dafür, dass kaum jemand einen Anlass sieht, etwas zu hinterfragen. In einigen Fällen höre ich dann z.B. „Ich fahre schon 25 Jahre unfallfrei Motorrad!“ Man muss dazu sagen, dass die Anzahl der Jahre meist jenseits der 20 liegen und die Aussage meist von „Silberrücken“ kommt.

Das stimmt sicher auch. Nur beginnt das Problem dort, wo sich die Bedingungen ändern. Nicht dramatisch, sondern oft schleichend. Eine Kurve wird enger als gedacht, weil sich der Radius zuzieht. Der Belag wirkt nicht mehr ganz so sauber. Vielleicht taucht Gegenverkehr auf, vielleicht wird der Blick kurz unsicher. Es sind genau diese Situationen, die darüber entscheiden, ob jemand einfach weiterfährt oder plötzlich ins Kämpfen kommt.

Locker bleiben schafft Sicherheit
Locker bleiben schafft Sicherheit

In diesen Momenten zeigt sich, ob jemand nur Routine hat oder wirklich über Reserven verfügt. Routine trägt einen weit. Sie sorgt dafür, dass viele Situationen scheinbar mühelos funktionieren. Aber sie hat eine Grenze. Und diese Grenze liegt genau dort, wo etwas nicht mehr so läuft wie gewohnt. Dann reicht es nicht mehr, sich auf das zu verlassen, was sich über Jahre eingeschliffen hat.

Was mich als Trainer immer wieder überrascht, ist weniger das fahrerische Niveau, sondern die Wahrnehmung der Fahrer selbst. Die meisten kommen nicht mit dem Gefühl, grundlegende Defizite zu haben. Sie kommen mit dem Eindruck, eigentlich ganz gut unterwegs zu sein und vielleicht noch ein wenig Feinschliff zu brauchen. Das ist verständlich. Wer regelmäßig fährt, selten Probleme hat und Spaß am Motorradfahren erlebt, entwickelt zwangsläufig ein positives Selbstbild.

Dieses Selbstbild wird jedoch selten hinterfragt. Es basiert auf Erfahrungen, die fast immer unter günstigen Bedingungen gesammelt wurden. Auf Straßen, die man kennt, in Situationen, die überschaubar sind, in Momenten, in denen alles zusammenpasst. Genau dort entsteht Sicherheit. Und genau dort entsteht auch die Überzeugung, das eigene Können richtig einschätzen zu können. Erst wenn man beginnt, genauer hinzuschauen, entsteht ein anderes Bild. Wenn man Fahrern gezielt Aufgaben gibt, wenn man bestimmte Dinge bewusst verändert, wenn man sie aus ihrer Gewohnheit herausholt, dann wird sichtbar, was tatsächlich vorhanden ist. Und oft ist der Unterschied zwischen dem, was jemand glaubt zu können, und dem, was er tatsächlich abrufen kann,
größer als erwartet.

Das ist kein Vorwurf! Es ist ein völlig normaler Effekt. Menschen orientieren sich an dem, was funktioniert. Und solange etwas funktioniert, gibt es keinen Grund, es zu verändern. Genau deshalb bleiben viele dieser kleinen Fehler über Jahre bestehen. Sie fallen nicht auf, weil sie (Gott sei Dank) selten zu unmittelbaren
Konsequenzen führen. Sie werden erst dann relevant, wenn die Situation anspruchsvoller wird.

Und genau dort liegt der Ansatzpunkt für diese Serie. Es geht nicht darum, spektakuläre Fahrtechniken zu vermitteln oder extreme Situationen zu analysieren. Es geht um die Dinge, die alle Motorradfahrenden kennen, die aber oft unterschätzt werden. Um typische Fehler, die sich einschleichen. Um Denkweisen, die sich festsetzen. Und um einfache Möglichkeiten, das eigene Fahren bewusster zu gestalten. Dabei geht es nicht um Perfektion.
Niemand fährt fehlerfrei, und das ist auch nicht das Ziel. Entscheidend ist etwas anderes: zu erkennen, wo die eigenen Grenzen liegen, und zu verstehen, wie man sich innerhalb dieser Grenzen bewegt. Wer weiß, was er tut, kann bewusst entscheiden. Wer sich nur auf Gewohnheit verlässt, reagiert erst, wenn es zu spät ist.

In dieser und den nächsten KRADblatt-Ausgaben geht es deshalb Schritt für Schritt um genau diese Punkte.

Um typische Fehlerbilder, um deren Ursachen und um Möglichkeiten, sie zu verändern. Nicht theoretisch, sondern aus der Praxis. Aus dem, was wir täglich sehen, wenn wir Motorradfahrenden zuschauen.

Am Ende steht dabei keine allgemeingültige Wahrheit. Jeder fährt anders, jeder hat andere Voraussetzungen. Aber es gibt Muster, die sich wiederholen. Und es gibt Zusammenhänge, die sich verstehen lassen. Wer beginnt, diese Zusammenhänge zu erkennen, verändert automatisch sein Fahren.

Genau um diese Dinge geht es in dieser Serie in der Theorie und bei unseren Trainings in der Praxis. Dort wird sichtbar, was im normalen Fahralltag oft verborgen bleibt. Unter kontrollierten Bedingungen lassen sich genau die Situationen erzeugen, in denen Routine an ihre Grenzen kommt und echtes Können gefragt ist. Das ist kein abstraktes Konzept, sondern unsere tägliche Arbeit. Wir trainieren unter anderem auf der Rundstrecke von Groß Dölln, wo Fahrer sehr schnell ein ehrliches Gefühl dafür bekommen, was wirklich funktioniert und was nicht. Dies gilt im Übrigen für alle Motorradfahrer – vom Rookie bis zum Profi.

Denn besser wird man nicht nur dadurch, dass man mehr fährt. Sondern dadurch, dass man bewusster fährt.

AVP – das Institut für angewandte Verkehrspädagogik e.V. schult auch auf Rundkursen wie z.B. in Groß Dölln
AVP – das Institut für angewandte Verkehrspädagogik e.V. schult auch auf Rundkursen wie z.B. in Groß Dölln

Teil 1: Die 5 häufigsten Fahrfehler
und wie du sie sofort erkennst

(Fokus: konkrete Fehlerbilder aus der Praxis)

Wenn man Motorradfahrern über längere Zeit zuschaut, fällt eines schnell auf: Die Fehler, die gemacht werden, sind selten spektakulär. Es sind nicht die groben Patzer, die sofort ins Auge springen. Es sind die kleinen Dinge. Unauffällig, oft kaum wahrnehmbar – und genau deshalb so wirkungsvoll.

Das Entscheidende ist: Diese Fehler passieren nicht einzelnen Fahrern. Sie ziehen sich durch alle Erfahrungsstufen. Vom Einsteiger bis zum Vielfahrer. Und sie bleiben oft über Jahre bestehen, weil sie im Alltag funktionieren. 

Erst wenn man beginnt, genauer hinzuschauen, werden sie sichtbar.

Plötzlich eine Ölspur, was macht man jetzt?
Plötzlich eine Ölspur, was macht man jetzt?

Der erste dieser Fehler ist der Blick. Viele Fahrer sind überzeugt, dass sie dorthin schauen, wo sie hinwollen. In der Praxis zeigt sich jedoch häufig ein anderer Ablauf. Der Blick ist zu kurz, bleibt zu nah am Motorrad oder wandert unruhig hin und her. Besonders in Kurven wird das deutlich. Statt früh zum Kurvenausgang zu schauen, bleibt der Blick im Nahbereich oder haftet an Dingen, die eigentlich keine Rolle spielen sollten.

Erkennen kann man das relativ einfach. Die Linie wirkt unruhig. Kleine Korrekturen entstehen, obwohl die Situation eigentlich klar ist. Das Motorrad läuft nicht sauber durch die Kurve, sondern wirkt „beschäftigt“. Oft kommt noch ein Gefühl von „es wird enger als gedacht“ dazu. Das ist in vielen Fällen kein Problem der Strecke, sondern ein Problem des Blicks.

Der zweite Fehler betrifft die Linienwahl. Viele Fahrer fahren Kurven ohne klaren Plan. Sie reagieren auf das, was vor ihnen liegt, statt aktiv zu gestalten. Das funktioniert überraschend gut, solange die Bedingungen einfach sind. Sobald sich jedoch etwas verändert, fehlt die Struktur.

Das zeigt sich oft daran, dass Fahrer zu früh nach innen ziehen oder am Kurvenausgang plötzlich zu weit außen landen. Beides sind Hinweise darauf, dass die Linie nicht bewusst gewählt wurde. Wer seine Linie nicht aktiv bestimmt, wird von der Situation bestimmt.

Vollbremsungen brauchen Übung
Vollbremsungen brauchen Übung

Der dritte Punkt ist das Thema Bremsen. Viele Fahrer nutzen die Bremse weniger, als sie könnten. Oft steckt dahinter die Vorstellung, dass Bremsen in Schräglage grundsätzlich problematisch ist. Also wird versucht, die Geschwindigkeit vor der Kurve „irgendwie passend“ zu wählen.

Das funktioniert – bis es nicht mehr funktioniert. Erkennbar wird dieser Fehler daran, dass Fahrer zu schnell in Kurven hineinfahren und dann keine Möglichkeit mehr sehen, sauber zu reagieren. Statt Geschwindigkeit zu reduzieren, wird die Linie enger gezogen oder das Motorrad unruhig bewegt. Das eigentliche Problem ist dabei nicht fehlender Mut, sondern fehlende Handlungsoption.

Ein weiterer, oft übersehener Fehler liegt in der Körperspannung.  Viele Fahrer sind deutlich angespannter unterwegs, als ihnen bewusst ist. Die Hände arbeiten permanent, der Oberkörper ist nicht wirklich locker und das Motorrad bekommt ständig kleine, ungewollte Impulse. 

Das lässt sich gut beobachten. Das Motorrad wirkt unruhig, obwohl die Strecke eigentlich keinen Anlass dafür gibt. Kurven, die sauber gefahren werden könnten, werden „zerarbeitet“. Die Ursache liegt selten im Motorrad, sondern fast immer beim Fahrer.

Grenzbereiche ertastet man auf der Renne
Grenzbereiche ertastet man auf der Renne

Der fünfte und vielleicht wichtigste Punkt ist die fehlende Reserve. Viele Fahrer bewegen sich näher an ihrer persönlichen Grenze, als sie glauben. Nicht aus Leichtsinn, sondern weil sich das eigene Niveau über die Zeit verschiebt. Was früher schnell war, fühlt sich irgendwann normal an. Erkennbar wird das daran, dass Situationen schneller „eng“ werden. Es bleibt wenig Zeit für Entscheidungen, wenig Spielraum für Korrekturen. Das Fahren wird anstrengender, ohne dass klar ist, warum. Genau hier fehlt die Reserve, die in unerwarteten Situationen entscheidend wäre.

Was all diese Fehler gemeinsam haben: Sie funktionieren lange. Sie führen nicht sofort zu Problemen. Und genau deshalb bleiben sie bestehen. Sie sind Teil eines Systems, das im Alltag stabil wirkt, aber unter veränderten Bedingungen schnell an seine Grenzen kommt. Wenn Fahrer im Training zum ersten Mal bewusst mit diesen Punkten konfrontiert werden, ist die Reaktion oft ähnlich. Es ist weniger ein „Das kann ich nicht“, sondern eher ein „Das habe ich so noch nie gesehen“. Und genau das ist der entscheidende Moment.

Nicht, weil plötzlich alles anders wird. Sondern weil ein Bewusstsein entsteht. Wer beginnt zu erkennen, was tatsächlich passiert, bekommt die Möglichkeit, etwas zu verändern. Nicht alles auf einmal. Aber Schritt für Schritt. Und genau darum geht es. Nicht darum, Fehler zu vermeiden, sondern darum, sie zu erkennen. Denn erst wenn ich sehe, was ich tue, kann ich entscheiden, ob ich es so weitermachen will.

Tipps zum Trainieren:

  • Trainiere deinen Blick bewusst
  • Fahre Kurven mit Plan statt nach Gefühl
  •  Nutze die Bremse früh und konsequent
  • Werde locker statt schneller
  • Baue dir bewusst Reserve ein

Der Artikel wurde mit freundlicher Unterstützung des AVP – Institut für angewandte Verkehrspädagogik e.V. bereitgestellt und dient der Förderung der Sicherheit aller Teilnehmer am öffentlichen Straßenverkehr. Autor: Norbert Baier. Mehr Infos unter: www.avp-institut.de