aus Kradblatt 4/26 von Oliver Erdmann
Eine „Jungfernfahrt“

Endlich, es geht los! Die Alu-Koffer stehen vollgepackt im Flur, meine frisch erworbene Honda Africa Twin wartet ungeduldig mit frisch geölter Kette vor der Tür und die Pausenbrote sind geschmiert. Ein wenig nervös bin ich jetzt doch. Ein paar Tagesausflüge haben wir zwar schon gemacht – aber gleich 10 Tage am Stück mit meiner Freundin als Sozia hinten drauf? Diese gemeinsame Erfahrung fehlt uns noch. Ich bin gespannt auf das, was vor uns liegt.

Von Hamburg aus soll es durch Harz und Thüringer Wald ins östliche Dreiländereck gehen. Den bekannten Kurort Karlsbad in Tschechien haben wir als Highlight fest mit eingeplant, und einen Abstecher nach Polen auch. Ansonsten steht nur entspanntes Fahren durch schöne Landschaften auf dem Programm. Und, ach ja, flexibel sein, falls der Wettergott uns mal im Stich lassen sollte.
Um erst mal Strecke zu machen und den Hamburger Speckgürtel möglichst schnell hinter uns zu lassen, geht’s auf der A7 bis Soltau Süd. Dann weiter über die Bundesstraße durch Celle, Braunschweig und Wolfenbüttel. Ab hier wird es landschaftlich reizvoller: grüne Wiesen, sanfte Hügel und irgendwann ist in der Ferne sogar der Brocken zu erkennen. Am Torfhaus, einem beliebten Bikertreff, ist es proppenvoll – wir fahren lieber weiter. Die langgezogenen Kurven machen gute Laune, allerdings frustrieren mich die vielen abgestorbenen Fichten-Skelette. Borkenkäfer oder Klimawandel? Ich weiß es nicht, vermutlich beides.
Pünktlich zum Nachmittagskaffee fahren wir bei unserer kleinen Pension in Sankt Andreasberg vor. Ein kleiner, unspektakulärer Ort, aber für uns auch irgendwie eine Oase der Ruhe inmitten der Natur. Wir genießen es, raus zu sein aus der Hektik der Großstadt. Deftiges Abendessen im empfohlenen, örtlichen Balkanlokal; ein kurzer Spaziergang am Waldesrand, duftende Blumenwiesen, und schon lassen wir auf dem Balkon unseres komfortablen Apartments den Tag ausklingen – mit Blick über den Südharz, romantischem Sonnenuntergang inklusive.
Der neue Tag begrüßt uns regnerisch und wolkenverhangen. Als es nur noch tröpfelt, machen wir uns auf den Weg. Die Wolkenfetzen liegen schwer auf den sattgrünen Wiesen; die nassen, engen Kurven verlangen Konzentration – und trotzdem ein herrlicher Start in eine zweite Fahretappe, die uns aber noch so einiges abverlangen wird. Der kleine Ort Lauscha im Thüringer Wald, ein Zentrum der Glaskunst, ist unser heutiges Ziel.

Auf dem Weg dorthin, mittlerweile geht’s durch eitel Sonnenschein, wollen wir dem Kyffhäuser-Denkmal, einem 81 Meter hohen Monument zu Ehren Kaiser Wilhelm I, einen Besuch abstatten. Was ich gar nicht auf dem Schirm hatte: Am Fuße dieses Berggipfels beginnt die legendäre „Kyffhäuser Rennstrecke“: 3,8 km und 36 enge Haarnadelkurven bei fast konstanten 10 % Steigung, auf denen bis nach oben ca. 300 Höhenmeter überwunden werden. Bis 2009 wurden hier sogar Bergrennen ausgetragen. Für einen Hamburger Jung, wie mich, der am liebsten geradeaus fährt, eine kleine Herausforderung.
Das Denkmal ist wirklich beeindruckend – der Eintritt von 9,50 € zum „mal eben gucken“, allerdings ziemlich happig.

Wieder heil unten angekommen gibt’s im zünftigen Biker-Café zur Belohnung eine leckere Thüringer Bratwurst – allerdings schnell heruntergeschlungen. Unwetter haben sich angekündigt. Anstatt relaxt über die Landstraße zu knattern, weist uns das Navi jetzt den schnellsten Weg über die A 71. Allerdings zu spät: Wir werden kalt, nein, nass erwischt. Es schüttet wie aus Kübeln, das Wasser läuft mir in die Stiefel und steht in meiner Hose.
Abfahrt Ilmenau-Ost verlassen wir die Autobahn. Es will einfach nicht aufhören, wird immer heftiger, Blitze durchzucken den schwarzen Himmel und Sturzbäche ergießen sich über den Asphalt. Die Straße fest im Blick zittere ich uns mit klammen Fingern trotzdem sicher bis nach Lauscha – die Schönheit des Thüringer Waldes konnte ich jedoch kaum würdigen. Lauscha selbst scheint schon bessere Zeiten gesehen zu haben. Der Ort erscheint uns trostlos, ist wie leergefegt, fast schon Endzeitstimmung. Egal, wir sind froh, gut angekommen zu sein und hängen erst mal die völlig durchnässten Klamotten in die Duschkabine unseres Hotelzimmers.
Unsere klitschnassen, total durchweichten Motorradklamotten trocknen natürlich nicht mal so eben über Nacht. Nach etwas hin und her entscheiden wir uns, einfach noch einen weiteren Tag in Lauscha dran zu hängen. Praktischerweise befindet sich der Bahnhof direkt gegenüber unseres Hotels. Ein entspannter Tagesausflug mit der Regionalbahn nach Coburg verkürzt uns den ungeplant verlängerten Aufenthalt.
Jetzt muss es aber endlich weitergehen, die Straße ruft! Die Sonne lugt zwischen lockeren Quellwolken hervor und das Thermometer zeigt moderate 18 °C – gute Bedingungen, das nächste Etappenziel in Angriff zu nehmen. Die Africa Twin trägt uns glücklich brummend in südöstliche Richtung raus aus dem Thüringer Wald, hinein in das Schiefergebirge und das sächsische Vogtland. Die hügelige Landschaft ist einfach nur großartig. Auf schmalen Asphaltwegen geht es durch dichte Wälder und über saftige Wiesen. Die Kaffeepause verbringen wir auf dem Marktplatz des hübschen, sehr aufgeräumten Städtchens Plauen. Bis nach Karlsbad (Karlovy Vary), und somit dem Erzgebirge, ist es dann nur noch ein Katzensprung.

Der mondäne Kurort im ehemaligen Böhmen begeistert uns mit seinen, entlang des Kanalflusses Teplá gelegenen, prächtigen Bauwerken aus dem 19. Jahrhundert, den heißen Thermalquellen und Kolonnaden. Sie lassen erahnen, wie es hier vor über hundert Jahren gewesen sein muss. Auf mich wirkt die ganze Szenerie aber auch ein klein wenig wie eine Filmkulisse.

Laut Prognosen kündigen sich weitere Unwetter an – sicherheitshalber bleiben wir eine weitere Nacht in unserem gemütlichen Hotel direkt in der Fußgängerzone im Zentrum von Karlsbad und unternehmen eine kleine Wanderung zum Aussichtsturm „Diana“ auf der „Freundschaftshöhe“, direkt über der Stadt. Von dort hat man einen überwältigenden Rundumblick über die gesamte Gegend. Das Erzgebirge hatte ich mir ehrlicherweise ein wenig felsiger und mehr zerklüftet vorgestellt, eigentlich ist es aber eher eine grün bewaldete Hügellandschaft. Am nächsten Morgen geht es weiter. Die erste Stunde fahren wir auf einer Schnellstraße über eine industriell geprägte Ebene, ziemlich eintönig. Rechts und links zu allem Überfluss sogar zwei dampfende Kraftwerke. Ab Most (Brüx) wird es endlich wieder reizvoller, die Route führt durch das böhmische Mittelgebirge. Weizenfelder wiegen sich im Wind, roter Mohn und gelbe Rapsfelder geben ein paar Farbtupfer hinzu. Česká Lipa (Böhmisch Leipa) ist bemerkenswert unspektakulär, ein winzig kleines historisches Zentrum, eigentlich nur der Marktplatz, sonst nichts.
Die heutige Etappe ist mit ca. 125 Kilometern zwar bislang die kürzeste auf unserer Tour, aber auch eine der abwechslungsreichsten: Bewusst fahren wir zu Beginn die ganz kleinen, mit Schlaglöchern übersäten Asphaltsträßchen, um im Norden Tschechiens soviel Natur und ländliches Leben wie möglich einzuatmen. Idyllische kleine Dörfer und grasende Kuhherden ziehen an uns vorbei, es ist eine wahre Augenweide. Die Honda tuckert derweil gemütlich vor sich hin.
Bei Liberec geraten wir dann doch noch auf verkehrsreiche Schnellstraßen und starker, böiger Wind macht das Fahren anstrengend. Bevor es mich aber richtig zu stressen beginnt, bewegen wir uns wieder auf schmalen Landstraßen durch dichte Wälder.

Urplötzlich, und fast zu übersehen, vor uns ein blaues Schild: „Rzeczpospolita Polska“. Die kleine Grenzstation scheint unbesetzt. Auch das gibt es also noch im neuen Europa. Einreisekontrollen? Fehlanzeige. Ab jetzt befahren wir, fast unbemerkt, das dritte Land unseres Roadtrips: Polen.
Jelenia Góra (von 1927 bis 1945 Hirschberg) entpuppt sich als überaus schmuckes Städtchen direkt am Rand des Riesengebirges. Mit einem sehenswerten, jahrhundertalten Rathaus mitten auf dem Marktplatz und einer lebhaften Fußgängerzone umsäumt von hübschen, historischen Gebäuden. Da wir früh dran sind, erleichtern wir die Africa Twin nur schnell um Alu-Koffer und Gepäckrolle, schwingen uns gleich wieder in den Sattel und cruisen noch mal los, um uns einen Eindruck zu verschaffen und aus der Ferne einen Blick auf die höchste Erhebung, die Schneekoppe, zu werfen. Hier scheint niemand an den Klimawandel zu glauben bzw. um seine Investitionen zu bangen: Oben in Szklarska Poręba, einem der beiden bedeutendsten Touristenzentren im Riesengebirge, entsteht gerade ein Hotelresort neben dem anderen.

Ab heute geht’s schon langsam zurück Richtung Heimat; zunächst auf schmalen, asphaltierten Pfaden noch einmal durch die Ausläufer des Riesengebirges, ein kurzes Stück durch Tschechien, bis wir bei Zittau wieder deutschen Boden befahren.
Zwischenstopp in Herrnhut: Vor mehr als 160 Jahren entstand in der dortigen Brüdergemeinde, von einem einfallsreichen Mathematiklehrer erdacht, der erste geometrische Weihnachtsstern. Der beleuchtete Papierstern mit seinen 25 Zacken symbolisiert den Stern von Bethlehem, und die Herrnhuter Sterne sind irgendwie auch der Ursprung aller deutschen Weihnachtssterne. Zwei kleine Exemplare davon wandern in unsere Alu-Koffer, und meine Freundin bekommt auf einmal leuchtende Augen.
Bis nach Bautzen/Budyšin ist es dann nicht mehr weit. Uns fällt auf, die Schilder sind hier sowohl in Deutsch, als auch in einer dem Polnischen oder Tschechischen ähnlichen Sprache verfasst, nämlich in Sorbisch. Die hübsche ostsächsische Kreisstadt gilt als das politische und kulturelle Zentrum der Sorben, einer hier noch immer lebenden Minderheit. Jeder Zehnte spricht hier noch Sorbisch.
Irgendwie haben wir am nächsten Morgen keine Lust, schon wieder die Koffer zu packen und weiterzuziehen. So schnell kommen wir bestimmt auch nicht wieder in diesen östlichsten Zipfel unseres Heimatlandes – und Zeit haben wir auch noch. Ergo, verlängern wir an der Rezeption wieder mal spontan um eine Nacht und machen einen Tagesausflug durch die sächsische Schweiz und das Elbsandsteingebirge. Die bizarren Felsformationen und Tafelberge begeistern uns am meisten, wie schön und abwechslungsreich Deutschland doch ist!
Auf der B96 geht’s einmal quer durch die Lausitz. Die Strecke ist unspektakulär bis eintönig. Getreidefelder, Kiefernwälder und gesichtslose Dörfer bestimmen das Bild. Rund um den Spreewald wird es landschaftlich dann wieder ansprechender – allerdings nur, bis wir über die autobahnähnlich ausgebaute B101 unser Etappenziel ins Visier nehmen.

Die heutige brandenburgische Landeshauptstadt Potsdam wurde im 18. Jahrhundert durch die preußischen Könige zu einer Garnisons- und Residenzstadt ausgebaut, und dadurch maßgeblich geprägt. Das „holländische Viertel“, vier Straßenquadrate mit ca. 150 Backsteinhäusern, ließ einst der „Soldatenkönig“ Friedrich I für niederländische Gastarbeiter errichten. Wir spazieren durch dieses entzückende Wohnquartier und ich fühle mich versetzt nach wahlweise Utrecht, Den Haag oder Amsterdam.
Unsere Reise neigt sich dem Ende zu. Nach einem Blick auf die Karte entscheiden wir, auf eine weitere Übernachtung auf dem Weg nach Hause zu verzichten, bleiben dafür lieber noch einen Tag hier, ein bisschen Berliner Luft schnuppern.
Auf dem „Mauerweg“ geht es entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze am Ufer der Havel in den Park Babelsberg, schauen hinüber zur Glienicker Brücke, während des Kalten Krieges Schauplatz so manchen Agentenaustausches. Den Abend verbringen wir in unserem geliebten Berlin – wenn wir schon mal so nah dran sind, oder?
Home-Run! Die letzte Etappe unserer Reise, es geht zurück nach Hamburg. Wir zuckeln über die B1 durchs Havelland, der Verkehr läuft zäh: unzählige LKW, Baustellen und Umleitungen. Bei Wittenberge wird eine neue Autobahn aus dem Boden gestampft – kommt etwas überraschend für mein Navi. Den Plan, noch durchs Wendland zu fahren, verwerfen wir. Stattdessen nehmen wir die kurvenreiche B195 durch die lieblichen Elbtal-Auen. Der Rest läuft dann wie am Schnürchen.
Die Sonne steht schon tief am Himmel, als wir wieder zu Hause vorfahren. Wir strecken die Beine, klatschen ab und umarmen uns. Geschafft! Etwas müde und doch beseelt schauen wir uns in die Augen. So viele Eindrücke und Momente, die unser Leben bereichern, haben wir gesammelt. Es war für uns aber auch so etwas wie eine kleine Generalprobe, die wir erfolgreich gemeistert haben und die Lust gemacht hat auf mehr, länger und weiter, andere Kulturen und Sprachen.
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