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Bist du ein echter Biker?

aus Kradblatt 2/21 von Torsten „Glori“ Glorius

Eine ganz einfache Frage, oder?!

Torsten „Glori“ Glorius von out 4 a ride
Torsten „Glori“ Glorius von out 4 a ride stellt sich die Frage …

Obwohl ich inzwischen über 40 Jahre Motorrad fahre und mehr Bikes gefahren habe, als ich mich erinnern kann, bin ich manchmal unsicher was ich antworten soll, wenn mich jemand fragt: „Bist du ein echter Biker?“ 

Kann ich Motorrad fahren? Ja, ich denke schon. Habe ich ein eigenes Bike? Ja, sogar mehr als nur eins. Fahre ich regelmäßig? Ja, das ganze Jahr, ich hatte sogar noch nie ein Saisonkennzeichen. Und ist mein Bike das Wichtigste in meinem Leben? Schon – zumindest unmittelbar nach meiner Familie und dem was für sie lebenswichtig ist.

Biker oder „nur“ Motorradfahrer?

Es gibt mehr als nur eine Definition für echte Biker. Einige sagen, es geht darum das ganze Jahr über Motorrad zu fahren und evtl. sogar gar kein Auto zu besitzen. Andere glauben, nur Harley Fahrer könnten echte Biker sein, während wieder andere denken, dass nur Member eines 1%er MC richtige Biker sind. Ich habe auch schon einige sagen hören, echte Biker fahren sogar bei Sturm und Schneeregen. OK, dann bin ich wohl kein Biker, denn bei wirklich schlechtem Wetter bevorzuge ich mein Auto – ja, ich habe eins und ehrlich gesagt halte ich das auch für eine gute Entscheidung.

Man hat mir auch schon erklärt, das ein sicherer Job und ein gutes Einkommen nicht zu einem echten Biker passen, weil man dann ja ein Yuppie oder RUB (Rich Urban Biker) ist. Tja, dann bin ich wohl schon wieder raus, denn ich habe eine regelmäßige Beschäftigung und mir geht’s auch ganz gut, auch wenn ich alles andere als reich bin. Habe ich also wieder keine Punkte als echter Biker gemacht? Was dann? 

Bringen mich Tattoos, lange Haare oder schwere Ringe näher an das Geheimnis des echten Bikers? Was ist dann mit denen, die wie ich selber eine GS, eine Gold Wing oder ein Trike fahren? Sind sie echte Biker? Können Gold Wing Fahrer überhaupt echte Biker werden? Einige bezeichnen Gold Wings als rollende Einbauküchen – also 0 Punkte als Biker? Und was ist mit einem echten Biker, wenn er – Gott bewahre – auf die Idee kommt sich ein Britisches Motorrad zu kaufen?

Ich bin sicher, einige von euch haben sich auch schon mal gefragt, was einen echten Biker ausmacht. Denke ich wie ein Biker? Sehe ich wie einer aus? Muss ich mich immer wie ein Biker anziehen, auch wenn ich zur Arbeit oder zu einer Familienfeier fahre? Bin ich zu spießig, um wirklich ein Biker zu sein? Muss ich meine Motorradteile zum Putzen in den Geschirrspüler packen? Darf ich mit dem Fahrrad zu einem Geschäft fahren, wenn es gleich um die Ecke liegt?

Der junge Biker auf dem George

Vor einigen Jahren habe ich mich mit einem Motorradfahrer unterhalten, der mit seiner alten Honda zum George in Hannover gekommen war. Dem Georgsplatz am Aegi, der regelmäßig freitags ein Treffpunkt der Biker aus der Gegend ist. Er war sehr jung, eher unerfahren und würde wohl noch etwas Zeit brauchen, um zu einem richtigen Biker heranzureifen. Ich kannte zwar die Eigenschaften eines echten Bikers selber nicht genau, aber irgendwie war klar, dass er noch nicht soweit war.

Er erzählte mir begeistert davon, wie er im Frühjahr seine Honda angeschafft hatte, um mit Freunden eine Motorradtour zu machen. Einen kurzen Trip nach Korsika, auf einen Campingplatz für Biker. Er schwärmte davon, wie fantastisch diese Tour gewesen sei und wie sehr sie ihn beeindruckt hatte. Wie freundlich die Biker ihn dort aufgenommen hatten und wie überwältigt er war, so willkommen zu sein, obwohl ihn keiner kannte. 

Er sagte mir diese Reise hätte ihn sehr verändert und einen anderen, neuen Menschen aus ihm gemacht. Vorher gab es nur die Schule und die Ausbildung, er war gestresst und ausgebrannt vom Lernen und vom Studium. Jetzt aber wäre er leistungsfähiger als jemals zuvor und das Motorradfahren wäre sein Ausgleich gegen den Frust und das alltägliche Leben, seine persönliche Therapie.

In dem Moment habe ich verstanden, dass er mir gerade erklärte, worum es unter Bikern wirklich geht. Es war als würde mir zufällig ein alter Freund begegnen. Jemand, den ich schon fast vergessen hatte und über dessen Wiedersehen ich mich sehr freute. Ich war selber schon so lange mit Bikern unterwegs, dass ich fast vergessen hatte, was die Community so besonders macht. Ich hatte das, worum es geht, für selbstverständlich gehalten – aber das ist es nicht.

Dann fragte er mich, ob ich ein echter Biker sei. Überrascht, aber ohne zu zögern, antwortete ich: „Klar bin ich ein Biker!“. In dem Moment hatte ich keine Zweifel zu wissen was einen Biker ausmacht. Ich stellte mich nicht in Frage, weder meine Einstellung noch meinen Lifestyle oder meine Kleidung. Ich weiß noch nicht mal ob ich damals überhaupt richtige Motorradkleidung trug.

Es ist ganz einfach – es ist egal!

In diesem Moment habe ich verstanden, dass es für Biker nur darum geht, sich einfach vollständig zu fühlen, wenn man auf seinem Motorrad sitzt – egal auf welchem. Es spielt keine Rolle, ob man mit hundert anderen Bikern auf einer Landstraße im Korso fährt, oder alleine am Ortsausgang beschleunigt und merkt wie das Vorderrad leichter wird – fast wie in einem Flugzeug, bevor es beim Start abhebt. Es ist diese Leichtigkeit, dieser innere Frieden, den du spürst, wenn du auf dem Bike unterwegs bist. Millionen von Kilometern weg vom Job, den Sorgen und dem Alltag.

Weißt du was ich meine? Gut, denn wenn ich’s erklären müsste, würdest du es wohl nicht verstehen. Echte Biker sind alle Mitglieder der Familie, ohne Rücksicht auf Status oder Geld. 

Ich habe damals meine Definition für „echte Biker“ gefunden. Wenn du eine Gänsehaut bekommst, sobald du ein Motorrad auf der Landstraße beschleunigen hörst, wenn du im Garten sitzt. Oder wenn du jemals angehalten hast, um einem Biker am Straßenrand zu helfen, der offenbar ein Problem hatte. Oder auch wenn du kaum Schlafen kannst, weil du dich so sehr auf die Tour mit deinen Freunden am nächsten Morgen freust. Dann bist du ein echter Biker. 

Es ist egal, ob du einen Supersportler, einen Chopper oder eine Enduro fährst. Wenn es zwei (oder auch mal drei) Räder hat und du dieses einzigartige Gefühl spürst, wenn du dich auf dein Bike setzt, um eine Runde zu fahren, gehörst du dazu.

Irgendwie ist dieses motorisierte Stück Stahl auf zwei Rädern in der Lage das Echte aus den Menschen, die sie fahren hervorzubringen. Also wenn du in der nächsten Saison dem Fahrer einer Gold Wing oder Royal Enfield begegnest, oder wenn du an einem liegengebliebenen Roller vorbeikommst, gib ihnen den Respekt und die Hilfe, die du dir von ihnen wünscht – denn vermutlich sind die meisten echte Biker.

Mein junger Freund mit der alten Honda war jedenfalls einer, er hatte verstanden, worauf es ankommt.

Der Artikel erschien zuerst in Gloris Blog. Das Ganze ist noch im Aufbau und Glori freut sich über Anregungen und Kommentare. Klickt mal rein bei OUT 4 A RIDE (engl., out for a ride = drehe mal eben ’ne Runde) unter www.out4ari.de.


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