Yamaha GTS 1000

Yamaha GTS 1000

aus bma 04/02

von Peter Mund

Yamaha GTS 10001992 wurde auf der IFMA in Köln auf dem Yamaha-Stand die neueste Kreation eines Sporttourers mit einer für damalige Verhältnisse revolutionären Vorderradführung vorgestellt. Ich glaube, ich habe sehr einem kleinen Kind unter dem Weihnachtsbaum geähnelt. Mit glänzenden Augen stand ich vor der sich auf einem drehenden Podest befindlichen Traummaschine. Die Ernüchterung ereilte mich, als mein Blick nach eingehendem Studium der technischen Daten auf die Preisvorstellung fiel. Da stand doch tatsächlich eine Zahl, die äußerst knapp an der 25.000 DM-Marke knabberte! Die wunderschöne Seifenblase, mit einer GTS 1000 in der Mitte, die ich vorher noch gesehen hatte, zerplatzte im gleichen Moment.
Im April 1993 sah ich „meine Schöne” wieder. Sie stand rot lackiert bei einem befreundeten Yamaha-Händler. Er beging den „Fehler” und bot mir eine Probefahrt an. Leicht zitternd stand ich vor meinem Traum. Als ich den Motor starten wollte, suchte ich gewohnheitsgemäß den Choke-Zug. Hier traf mich das erste Aha-Erlebnis: Kein Choke dank Einspritzanlage! Die gesamte Probefahrt verlief dann über etwa zehn Kilometer, danach musste ich die Maschine schweren Herzens wieder abgeben. Ich verließ den Parkplatz des Händlers mit meiner treuen XJ 900.

 

1994 hatte ich das Geld für eine FJ 1200 zusammengekratzt, und im Mai 1999 wollte das Schicksal, dass es doch noch passierte. Bei einem Yamaha-Händler in Delmenhorst stand „SIE” wunderschön in Blau gehalten und natürlich hochglanzpoliert. Ich ertappte mich dabei, wie ich leicht über die Sitzbank streichelte. Als mich ein Verkäufer mit den Worten „Na, die wär doch was für Dich” ansprach, entfuhr mir nur ein „Oh, jaaaaa”. Der Verkäufer erzählte etwas von „eine der Letzten” und „auslaufendes Modell”. Sollte es sich wirklich um eines der letzten Exemplare handeln? Und was würde dann aus meinem Traum? Nach zweistündiger Verhandlung (der Verkäufer tut mir heute noch Leid) lagen wir bei einem Verkaufspreis den ich (inkl. Koffer) für akzeptabel hielt.
Zwei Tage später war es dann soweit! Maschine abgeholt – und schon ging die Schrauberei los. Ölthermometer ist bei mir Pflicht. Außerdem wurde eine Warnblinkanlage eingebaut. Wer einmal der „Schwanz” in einer Autobahnschlange war, weiß dieses Teil zu schätzen. Für den Fall der Fälle wurde noch eine Alarmanlage installiert.
Yamaha GTS 1000Die GTS ist trotz ihres hohen Gewichts von 275 Kilogramm durchaus als handlich einzustufen. Einen großen Beitrag dazu leistet meiner Meinung nach die Achsschenkelaufhängung des Vorderrades. Leider ist die Maschine gerade wegen dieser Aufhängung von der Fachpresse „zerrissen” worden. Ich finde, zu Unrecht! Von den in den Fahrberichten zitierten Fahrwerksunruhen habe ich bis heute nichts bemerkt. Eher das Gegenteil. Mit keiner bisher gefahrenen Telegabel-Maschine habe ich solch einen sturen Geradeauslauf erlebt. In engen, winkligen Kurven bewegt sich eine GTS selbstverständlich nicht so leichtfüßig wie eine 250er, für eine Rekordrunde auf dem Nürburgring gibt es andere Motorräder, die dazu besser geeignet sind. Für Tourenfahrer allerdings ist die GTS 1000 eine Empfehlung.
Der Motor, der seine Ursprünge in der FZR 1000 hat, ist auf die Belange von „Fernfahrern” zugeschnitten: flüssigkeitsgekühlter Vierzylinder mit fünf Ventilen pro Zylinder, elektronische Einspritzanlage und versich- erungsfreundliche 98 PS. Der Motor kann schaltfaul gefahren werden, so dass es unwichtig ist, ob man am Ortsausgangsschild im 3., 4. oder 5. Gang fährt. Ein kleiner Dreh am Quirl und ruckfrei, turbinenartig, „geht die Post ab”. Das einzige kleine Manko ist ein Ruckeln bei konstanter Fahrt mit exakt 3.500 U/min. Dieses Problem ist Yamaha bekannt und wird der Einspritzanlage zugeschrieben.
Yamaha GTS 1000Um die Straßen glattzubügeln, besitzt die Yamaha vorne einen in Zug-und Druckstufe einstellbaren Dämpfer, der sich am Rahmen abstützt. Hier wird der Vorteil der Achsschenkellenkung deutlich. Die Lenkung und die Bremsanlage sind voneinander abgekoppelt. Weil bei einer konventionellen Maschine die Gabeln während des Bremsvorganges eintauchen und gleichzeitig noch Lenkkräfte übernehmen sollen, ist die Überforderung der Federn schnell erreicht. Wird dagegen die GTS abgebremst, stützt sich der Dämpfer gegen den Rahmen ab, ein „Eintauchen” findet im Prinzip nicht statt, die Lenkung bleibt völlig entkoppelt. Hinten bewerkstelligt ein ebenfalls voll einstellbarers Federbein diese Aufgabe. Das Bremsen selbst erledigt vorn eine innenbelüftete Einzelscheibe, die von sechs Kolben in die Zange genommen und von einer Einzelscheibe hinten unterstützt wird. Ein ABS ist dabei bemüht, ein Überbremsen zu verhindern. Die Kraft übertragen in meinem Fall Reifen aus dem Hause Michelin, und zwar in der Dimension 120/70ZR17 (vorn) und 180/55ZR17 Macadam 90 (hinten). Möglich ist auch die Paarung (Original im Auslieferungszustand) 130/60 und 170/60. Der 130er vorne macht die Maschine allerdings ein wenig träge. Der 120er ist auf jeden Fall empfehlenswert. Im Zweipersonenbetrieb habe ich bisher von meiner Frau keine Klagen gehört. Nur das Aufsteigen bei montierten Koffern ist für den Sozius etwas umständlich.
Umgerüstet habe ich noch auf Stahlflexbremsleitungen. Da die Kupplung hydraulisch betätigt wird, habe ich diesen Schlauch auch gleich entfernt und auf Stahlflex umgerüstet. Die nächste Anschaffung war eine Tourenscheibe von MRA. Yamaha lieferte zwei Scheiben mit, jedoch ist mir die Sportscheibe zu kurz und die Tourenscheibe sieht nicht unbedingt vorteilhaft aus. Den aus der Vorgängerin ausgebauten Scottoiler hatte ich gleich zu Anfang eingebaut (unbedingt empehlenswert dieses Teil).
Auf meinen Touren liegt der Verbrauch etwa zwischen 5,5 und 6 Litern. Mit dem 20 Liter fassenden Tank sind also Reichweiten zwischen 300 und 350 Kilometern möglich. Das Fahren im Hochsommer (Ozon) ist dank geregeltem Katalysator, der in der serienmäßigen 4-in-1-Anlage untergebracht ist, auch kein Problem.
Die Inspektionen führe ich selbst durch, den Ölwechsel samt Filtertausch erledige ich alle 5.000 km, die Zündkerzen werden alle 10.000 km gewechselt. Im Frühjahr spendiere ich der GTS regelmäßig einen neuen Luftfilter sowie neue Brems- und Kupplungsflüssigkeit. Diese Pflegemaßnahmen hat mir das Motorrad bisher mit hundertprozentiger Zuverlässigkeit gedankt.

 

 

 


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3 Kommentare zu :
“Yamaha GTS 1000”


  • Jürgen Schlicksupp sagt:

    Ein toller und aufschlußreicher Beitrag. Sehr gut und packend formuliert. Ein paar technische Daten wären noch interessant gewesen. Diese Yamaha 1000 GTS war einst auch meine Traum-Maschine. Allerdings hat mich das Gewicht stets abgeschreckt. Die wenigsten der heute gebauten Maschinen sind noch derart solide und harmonisch aufgebaut. Alles muß irgendwelche Sicken und Kanten aufweißen und möglichst aggresiv aussehen. Dieses Bike hingegen strahlt Ruhe und Gelassenheit aus und hat es nicht nötig, sich mit den nervösen und giftigen Streetfightern zu messen. In unserer hektischen und schnelllebigen Zeit bietet diese Maschine Entspannung bereits beim Aufsitzen. Einfach nur anschauen macht auch glücklich!

  • Jean-Didier sagt:

    Sehr gut ge- und beschrieben. Habe bis heute kein so formschönes und technisch solides Motorrad gesehen wie die GTS.

  • V.S. sagt:

    Schöner Bericht! Da werde ich ganz neidisch und nehme lieber nochmal bis zum nächsten Frühjahr Abstand von meiner Probefahrt-sonst ist es um mich geschehen…