aus bma 10/07

von Konstantin Winkler

Wanderer 616 Was ist dran, am Reiz alter MotorrĂ€der? Ist es das gemĂ€chliche Tempo oder die spartanische Ausstattung, die zur Bauzeit als luxuriös galt? Es ist wohl eher das Besondere, einen Oldtimer sein Eigen nennen zu dĂŒrfen, zu schrauben und sich mit Gleichgesinnten auszutauschen.
Bereits zu Zeiten des ersten Weltkrieges war das Motorrad ein eintrĂ€gliches Industrieprodukt und auch ein begehrtes Straßenfahrzeug, das nicht nur an der Front, sondern auch im Individualverkehr seine vielseitigen Einsatzmöglichkeiten bewies. Von seinem Fahrer verlangte es nicht nur Begeisterung, sondern auch Geschicklichkeit und Opferbereitschaft. Schon das Starten des Motors erforderte Kraft, Geschick und GlĂŒck.
Wie die NSU-Werke in Neckarsulm erweiterten auch die Wanderer-Werke in Chemnitz 1909 ihr Angebot um eine große V-Zweizylinder-Maschine. Der Glanzpunkt des Unternehmens in den frĂŒhen 20er Jahren: Die „616”. Die Wanderer aus dem Jahr 1923 hatte im Gegensatz zu den VorgĂ€ngermodellen keine Ähnlichkeit mehr mit dem Fahrrad. Die FĂŒĂŸe ruhten bequem auf komfortablen Trittbrettern statt auf Tretpedalen. Es gab einen Kickstarter, und das neue Dreiganggetriebe saß im Blockmotor. Auch beim Hinterradantrieb hatte sich nun der Kettenantrieb gegenĂŒber dem Keilriemen durchgesetzt.

 

Wanderer 616Daß die Wanderer neben dem Auge auch noch anderen Sinnen schmeichelt, merkt man spĂ€testens beim Losfahren. Zum Starten des 616 ccm großen, seitengesteuerten Langhubers muß ein altertĂŒmliches Ritual bemĂŒht werden, das nicht nur fĂŒr freudige Erwartung, sondern auch fĂŒr gebĂŒhrende Ehrfurcht sorgt. Die erhebenden Sekunden nach dem Start sollte man genießen. Denn das, was nun kommt, ist Motorradfahren am Rande der persönlichen ErlebnisfĂ€higkeit. Sind die filigranen Hebel fĂŒr Gas, Luft und ZĂŒndung am Lenker in der richtigen Position, und der beherzte Tritt auf den Kickstarter von Erfolg gekrönt, dann kommt der erste Zylinder, hustet etwas Öl heraus. Kurze Zeit spĂ€ter gesellt sich der zweite dazu. Unter UmstĂ€nden spuckt die Wanderer dem Fahrer noch ein paar Tropfen ihres 40er Einbereichsöls vor die FĂŒĂŸe, bevor sie nach einigen Kurbelwellenumdrehungen in einen seidenweichen Leerlauf fĂ€llt. Der Motor ist eine waschechte Verbrennungsmaschine, die gierig nach Luft und Benzin schlĂŒrft. UnĂŒberhörbar wird im Viertakt auf die beiden Stahlkolben eingehĂ€mmert. Dabei ballert der Auspuff seinen Baß in die Botanik, besonders bei geöffneter Auspuffklappe. Bei richtiger Einstellung des Vergasers und der ZĂŒndung vernimmt man im Leerlauf eine Abfolge von blubbern, fast ausgehen, blubbern, etc.
Nun geht es los! Der linke Fuß betĂ€tigt die Kupplung, die rechte Hand rĂŒckt am Tank den ersten Gang ein. Mit einem trockenen Rasten melden sich die GetriebezahnrĂ€der auf Posten. Und mit einem weichen, mehrscheibigen Einkuppeln einer nach dem Herrenfahrer-Programm gesteuerten Beinmuskulatur rollt das Oldtimer-Bike stilvoll an. Zweimal kann noch hochgeschaltet werden, bis man sich im dritten und somit letzten Gang befindet. Tempo 80 sind dann möglich. Die genaue Geschwindigkeit lĂ€ĂŸt sich eh nicht immer ablesen, weil der Blick auf der Straße und den vielen Hebeln, die bedient werden mĂŒssen, klebt.
Wanderer 616 Ein Blick in den RĂŒckspiegel verrĂ€t: Keine anderen Verkehrsteilnehmer, dafĂŒr aber ein Kondensstreifen verbrannten Motoröls. Der Grund ist die damals ĂŒbliche Verlustschmierung. Bis zu einem halben Liter genehmigt sich die Wanderer aus der rechten HĂ€lfte des geteilten Tanks. Auf 100 (!) Kilometer. ZusĂ€tzlich befindet sich oben im Tank noch eine Handölpumpe. Sie dient zwar zur Motorschmierung bei stĂ€rkerer Belastung, aber oft genug wird auch die Bekleidung des Fahrers gleich mit eingeölt.
Einen Soziussitz, der auf dem GepĂ€cktrĂ€ger befestigt ist, gibt es auch. Biker und Sozia sitzen streng voneinander getrennt wie die Zöglinge in der Klosterschule. Dennoch sorgt die entspannte Sitzposition fĂŒr eine gewisse IntimitĂ€t. Gelitten wird gemeinsam. Die beiden Federn der Gabel verhindern Fahrannehmlichkeiten auf schlechten Straßen und bei hohem Tempo. Auch die Wulstreifen der GrĂ¶ĂŸe 26 x 2,5 erhöhen den Fahrkomfort nicht. KnĂŒppelhart mĂŒssen diese Pneus aufgepumpt werden (bis 3,5 atĂŒ).
Solch ein altes Motorrad kann man sogar verstehen lernen. Wenn sich der V-Motor im Leerlauf schĂŒttelt, kann es an der ZĂŒndung liegen. SchĂŒttelt es beim Anfahren, sollte der Messingvergaser neu eingestellt oder gereinigt werden. Ein Blick auf den Motorblock verrĂ€t: Ölfilm um die ZylinderfĂŒĂŸe ist normal. Tropft es jedoch, mĂŒssen die Muttern nachgezogen werden.
Eine Wanderer 616 zu fahren bedeutet individuell zu sein und ein Motorrad zu fahren, das sich von der Masse abhebt. Pure Nostalgie verkörpert sie und nimmt den Betrachter mit auf eine Zeitreise zurĂŒck in die 20er Jahre. Sie ist ein exklusives Motorrad, das unweigerlich die Blicke auf sich zieht. 10 PS reichten damals wie heute aus, um das GlĂŒck auf zwei RĂ€dern in der Natur zu finden. Man sollte der Vergangenheit aber nicht allzu viel nachtrauern, denn heute leben wir zweifelsohne leichter und bequemer. Und dennoch beschleicht den Oldtimer-Enthusiasten immer wieder ein bißchen Sehnsucht nach der guten, alten Zeit.