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Utah/USA – Go West!

aus Kradblatt 10/17
von Erik Peters, www.motorradreisender.de

Go West! Die Entdeckung der Einsamkeit in Utah, USA

Surreale Felsnadeln, tiefe Canyons, und gigantische Bögen aus rotem Stein: Utah, das wilde Herz im Südwesten der USA quillt nur so über vor faszinierenden Naturwundern und lockt jährlich Millionen Touristen an. In den spektakulären Landschaften abseits von Disneyland und Fast-Food-Ketten kann man den Duft von Freiheit und Abenteuer atmen und ein bedeutendes Stück der noch jungen amerikanischen Geschichte auf und abseits der Highways erleben. 

Adrian Jackson, Utah (USA)Adrian ist 33 Jahre alt. Ein Kerl wie du und ich. Wenn man mit ihm spricht und er über seine Lieblingsbands redet, dann denkt man nicht im Traum daran, dass Adrian eigentlich eine Berühmtheit ist. Er ist vom Stamm der Navajo, ein begnadeter Reiter und vermutlich der meist fotografierte Indianer aller Zeiten.

Fotografiert zu werden und dafür ein gutes Trinkgeld zu bekommen, ist Adrians „Job“ – ein Job, den er vor ein paar Jahren von seinem Vater übernommen hat, genau wie dieser es schon von seinem Vater tat, damals in den 1950er Jahren. Die meisten haben einen der drei ganz sicher schon einmal gesehen. Sei es in einem Reiseführer, in der Werbung oder sonst irgendwo. Das Bild ist einfach legendär. Ein Reiter, der stets eine blaue Jeans, ein rotes Hemd und ausgerechnet einen Cowboyhut trägt. Mit diesen Kleidungsstücken, die er als „Trademark“ bezeichnet, sitzt er auf seinem Pferd „Pistol“ und steht auf einem Felsvorsprung mitten im Monument Valley. „John Fords Point“ heißt der Ort, benannt nach dem berühmten Hollywood Regisseur, der hier mit John Wayne vor der Kamera große Kinogeschichte schrieb.

Welcome to UtahEtwa jede Stunde, wenn wieder ein Fahrzeug der „Gouldings Company“ (der angeblich beste Anbieter für geführte Touren durchs Monument Valley) am Horizont zu erspähen ist, streift sich Adrian das rote Hemd über und trottet auf seinem Pferd gemächlich zu der Stelle, die früher als Kamerastandort diente. Auch heute klicken hier die Kameras. Tausendfach am Tag, während der „Cowboy-Indianer“ nichts anders zu tun hat, als auf seinem Pferd zu sitzen und in die Ferne zu starren. Ab und an lässt er sein Pferd „steigen“, wobei er fest im Sattel sitzt. Touristen lieben diesen Anblick. Mehr „Wild Wild West“ auf einem Bild, das geht einfach nicht.

Bevor ich mich nach einer langen Unterhaltung von Adrian verabschiede, stelle ich ihm noch eine Frage, die mir nicht leicht über die Lippen kommt: „Warum um alles in der Welt verkleidet sich ein stolzer Navajo Indianer ausgerechnet als Cowboy, das Feindbild vieler seines Stammes?“ Er lacht. „Das hat mein Großvater so entschieden. Er hatte damals Angst, als Indianer von einem „Red Neck“ vom Felsen geschossen zu werden.“ Er lacht wieder. „Nein, Blödsinn! Mein Großvater war ein schlauer Mann. Er hat schnell begriffen, dass er als Cowboy einfach mehr Trinkgeld verdienen kann“. Außerdem, so sagt er, seien die Sachen, die ein Cowboy trägt viel bequemer als der „Indian Stuff“.

Für viele markiert der Anblick des Indianers im Cowboykostüm inmitten dieser legendären Landschaft im Grenzgebiet zu Arizona den Auftakt oder das Ende einer Reise durch Utah. Meine Reise durch diesen grandiosen Bundesstaat begann 14 Tage zuvor an einem drückend heißen Junimorgen, ein paar hundert Kilometer entfernt in „Sin City“, der Stadt der Sünde – Las Vegas.

Der Casino-Sound dröhnt noch in meinen Ohren, als ich die Zockermetropole hinter mir lasse. Der kühne Plan, meine Reisekasse am Roulettetisch aufzubessern ist gründlich in die Hose gegangen und so mache ich mich mit gewohnt schmalem Budget wieder auf den Weg. Innerlich bin ich zugegebenermaßen erleichtert, dass ich die nächsten Wochen vornehmlich im Zelt schlafen werde, anstatt in teuren Betten. Ich reiße am Gasgriff meiner Yamaha XT660Z Ténéré und folge der Interstate 15 in Richtung Nordosten. Fürs erste habe ich genug von urbanen Attraktionen und freue mich nun auf eine der am dünnsten besiedelten Regionen Amerikas.

Monument Valley an der Grenze Utah-ArizonaGeologisch gesehen liegt der größte Teil Utahs auf dem sogenannten Colorado-Plateau, einem riesigen, um mehr als eintausend Meter angehobenen Hochplateau, das sich auf einer Fläche so groß wie Deutschland von Arizona und New Mexico bis nach Utah und Colorado erstreckt. Vor langer, langer Zeit – Geologen reden von bis zu 2000 Millionen Jahren, begannen Wind und Wasser an diesem gewaltigen Werk aus Kalk- und Sandstein zu modellieren. In einem schier unglaublich zeitaufwendigen Prozess entstanden die surreal anmutenden Gesteinsformationen, für die der Südwesten der USA heute so bekannt ist. In dieser ohnehin schon spektakulären Landschaft liegen insgesamt acht US-Nationalparks, deren Aufgabe es ist, die einzigartige Schönheit in ihrer ursprünglichen Form der Nachwelt zu hinterlassen. Die Kronjuwelen des amerikanischen Westens, wie etwa Canyonlands-, Bryce Canyon-, Arches-, Capitol Reef- oder Zion-Nationalpark stehen auf meiner „To-Do-Liste“ für die nächsten zwei Wochen. Da ich auf meiner Nordamerikareise eine Vielzahl Nationalparks besuchen möchte, investiere ich zu Beginn 80 Dollar für einen sogenannten „Anual Pass“, eine Investition, die ich nur empfehlen kann. Da jeder Nationalpark einen Eintritt von 10–30 Dollar erhebt, rechnet sich der Jahrespass schon nach kürzester Zeit.

Der Zion National Park macht den Anfang auf meiner Reise durchs Mormonenland. Obwohl oder vielleicht auch gerade weil dieser Park einer der wenigen ist, den man nicht mit dem eigenen Fahrzeug befahren darf, gehört er zu meinen Favoriten. Anstatt an besucherreichen Tagen im Stau stehen zu müssen, wurde ein gut funktionierendes Shuttlesystem eingesetzt. Mit den kostenlosen Bussen, die im Zehn-Minuten-Takt frequentieren, ist es den Besuchern möglich, die unterschiedlichsten Attraktionen in kürzester Zeit und völlig stressfrei zu erreichen. Und Attraktionen gibt es im Zion Nationalpark wahrlich eine ganze Menge. Im wahrsten Sinne des Wortes „ganz oben“ steht eine Wanderung oder „Hike“, wie der Amerikaner sagt, zu einem „Angels Landing“ genannten Aussichtspunkt. Wer unter Höhenangst leidet, dem empfehle ich allerdings, sich die zwei anstrengenden Stunden hinauf zum „Landeplatz der Engel“ genauestens zu überlegen. Eine gewisse Schwindelfreiheit – zumindest für das letzte Stück der Wanderung – sollte auf jeden Fall vorhanden sein, denn der Weg führt an Abgründen vorbei, die völlig ungesichert mehrere Hundert Meter tief in das Tal fallen, durch das der Virgin River fließt. Es dauert eine ganze Weile, bis ich meinen inneren Schweinehund besiegen kann, um auch das letzte Stück des Weges hinter mich zu bringen. Was bin ich doch für ein Hasenfuß, denke ich immer wieder, als mich Rentner oder Mütter mit Kindern auf der Schulter überholen, während ich mich, von Todesangst geplagt, Zentimeter für Zentimeter vorwärts quäle. Im Nachhinein bin ich froh und stolz, diese Erfahrung gemacht zu haben. Ich weiß aber auch, dass ich es nicht noch einmal tun würde.

Zebra Canyon - UtahBetrachtet man eine Landkarte der USA, so stellt man fest, dass es im Süden Utahs vergleichsweise wenige Straßen gibt. Meine Ténéré ist daher eine perfekte Wahl, das Land auch abseits der asphaltierten Verbindungen zu erkunden. Mit Hilfe des Reiseführers „Utah Byways“, in dem alle bekannten Off-Road-Strecken genau beschrieben werden, wähle ich die Routen für die kommenden Tage aus. Über die „Kolob Terrace Road“, eine größtenteils nicht asphaltierte Nebenstrecke der absoluten Extraklasse, mache ich mich anderntags auf den Weg in Richtung des nächsten Nationalparks. Auf gut 100 Kilometern Länge verläuft der Trail zunächst durch die Sandsteinlandschaften des Zion Parks und windet sich dann immer weiter hinauf in die Kiefern- und Birkenwälder des Dixie National Forest. An den höchsten Punkten, auf über 3000 Metern Höhe, hat der Frühling noch nicht den Winter verdrängen können und so muss ich mich über einige noch nicht geschmolzene Schneefelder quälen.

Bryce Canyon - Utah, USAMein Hintern zeigt leichte Ermüdungserscheinungen, als ich am späten Nachmittag den Bryce Canyon erreiche – einen gewaltigen Skulpturenpark der von der Natur geschaffen wurde. Den Namen „Canyon“ trägt der Nationalpark allerdings zu Unrecht, denn die wundersame Landschaft des fünf Kilometer breiten und 19 Kilometer langen Bryce Canyon wurde nämlich nicht von einem Fluss aus dem Fels gewaschen, sondern ist das Ergebnis einer zeitaufwendigen Erosion. „Hoodoos“ werden die bis zu 60 Meter hohen, rötlichen Felsnadeln genannt, die sich wie riesige Totempfähle zu Tausenden aneinander reihen. Für die Paiute Indianer, die das Gebiet des heutigen Bryce Canyons zwischen dem 13. und 19. Jahrhundert durchstreiften, waren die vielen Hoodoos Menschen, die von verärgerten Göttern zu Stein verwandelt wurden. Die erste überlieferte Beschreibung des Bryce Canyon stammt von Ebenezer Bryce, einem Mormonensiedler, der 1874 zusammen mit anderen Mormonenfamilien in dieser kargen Gegend sein Farmerglück versuchte. Für ihn war der später nach ihm benannte Canyon ganz einfach nur „a hell of a place to lose a cow“, ein höllischer Ort, um darin eine Kuh zu verlieren. Ebenezer Bryce hielt es dann auch nicht allzu lange aus, sondern zog mit seiner Familie nach wenigen Jahren weiter nach Mexico. Um die Schönheit des Parks so richtig aufsaugen zu können, empfiehlt es sich für einen Tag aus dem Sattel zu steigen und das Meer aus Stein per pedes zu erkunden. Tief im Inneren, so scheint es, legt Mutter Natur eine Künstlerpause ein. Nur ganz selten hört man ein leises Knacken, gefolgt von einem Rieseln, was einem zeigt, dass ohne Unterlass an diesem Kunstwerk modelliert wird. Klein und unbedeutend fühlt man sich als Mensch zwischen all den Felsen und Alltagsprobleme, so stelle ich fest, lösen sich schnell in Wohlgefallen auf.

Wie fast jeder Tag in Utah endet auch mein dritter Reisetag mit einer atemberaubenden Show: Der Himmel scheint die rote Erde zu reflektieren und die Wolken können sich nicht entscheiden, ob sie im letzten Licht der Sonne pink, lila oder orange leuchten sollen. Für die wirklich sensationellen Sonnenauf- und Untergänge wurden im Bryce Canyon eigens danach benannte Aussichtspunkte geschaffen. Am sogenannten Sunrise- oder Sunset Point ist man jedoch nicht allein, sondern man muss sich die Magie des Ortes mit vielen anderen Touristen und Fotografen teilen. Noch besser als dort ist die Aussicht meiner Meinung nach vom „Bryce Point“ im Norden des Parks, von wo man das Naturspektakel völlig ungestört bestaunen kann. Generell sollte man jedoch nicht die Temperaturen unterschätzen, die hier selbst im Sommer herrschen können. Aufgrund der Tatsache, dass der Park auf einer Höhe von knapp 2700 Metern liegt, kann es empfindlich kalt werden.

Weiter geht es Schlag auf Schlag. Die Anzahl der Naturhighlights, die in Utah zu bestaunen sind, suchen weltweit wirklich ihresgleichen. Mehrere Tage folge ich den zahlreichen Dirt Roads kreuz und quer durchs Land, um so viele Eindrücke wie möglich sammeln zu können. Die Nottom Bullfrog Road führt mich schließlich weiter gen Süden. Wie ein Labyrinth mit tausenden Abzweigungen erstreckt sich der Lake Powell an der Grenze zu Arizona über das Colorado Plateau. Fast 3000 Kilometer misst die Küstenlinie des aufgestauten Colorado River und ist damit länger als die der Westküste der USA zwischen Kanada und Mexiko. Weiter über eine tiefe Sandpiste erreiche ich am sogenannten „Alstrom Point“ den vielleicht spektakulärsten Lagerplatz meiner Reise.

Byway 12Doch nicht nur die Dirt Roads in den USA sind ein Erlebnis. Im Jahr 1991 brachte das amerikanische Verkehrsministerium ein Programm auf den Weg, wonach künftig alle landschaftlich besonders herausragenden Panoramastraßen als „National Scenic Byway“ und „All-American Road“ betitelt werden sollten. Straßen also, die als solche schon ein lohnenswertes Reiseziel darstellen. Der „National Scenic Byway 12“ ist eine solche Straße, die sich auf spektakuläre Art und Weise durch das Herz des amerikanischen Westens windet. Sie verbindet dabei so viele landschaftliche Höhepunkte und Sehenswürdigkeiten miteinander, wie kaum eine andere Straße in den USA und bietet dabei visuell berauschende Aussichten. Ein Highlight ist zweifelsohne die Fahrt über den sogenannten „Hogback“ – Schweinerücken – einen Bergkamm mit 300 Meter steil abfallenden Klippen links und rechts der Fahrbahn. Auf diesem Abschnitt umfassen die Hände kraftvoll den Lenker und man merkt, dass man sich noch etwas mehr als sonst aufs Fahren konzentriert.

Das knapp 8000 km² große Grand Staircase-Escalante National Monument, durch das die US12 verläuft, ist die am dünnsten besiedelte Region im Kernland der USA. Als Motorradfahrer fühlt man sich dort so einsam, dass man sogar die Autofahrer grüßt. Im Umkreis von über 200 Kilometern liegen nur ein paar wenige Ortschaften verstreut. Viele berühmte Revolverhelden und Bankräuber wie etwa „Billy the Kid“ oder „Butch Cassidy“ wussten die Einsamkeit bereits vor über 100 Jahren zu schätzen. Sie diente ihnen nach ihren Raubzügen als perfekter Rückzugsort, wo sie in Ruhe Inventur machen konnten. Die zweifelhaften Outlaws von einst haben sich heute trotz ihrer vielen Straftaten rehabilitiert. Die Legenden, die sich um ihre Namen ranken, dienen einigen Hotels und Bars im Südwesten der USA mittlerweile als gut funktionierender Publikumsmagnet.

Escalante ist eines der kleinen Städtchen inmitten dieser heißen Einöde. „Pop. 818“ steht auf dem Ortseingangsschild des Wüstenkaffs geschrieben und verweist auf die aktuelle Einwohnerzahl. Einer von ihnen ist der sogenannte „Desert Doctor“ ein ebenso sympathischer wie exzentrischer Biker, den ich am Ortsrand treffe. Wie die überwiegende Mehrzahl der Motorradfahrer in den USA ist auch er mit einem verchromten Zweizylinder unterwegs. Als ich am Straßenrand die Karte studiere, hält er neben mir an und fragt mich, ob ich Hilfe bräuchte. Sich gegenseitig zu helfen ist in dieser Gegend ein Ehrenkodex. Obwohl ich keine Hilfe benötige nehme ich gerne seine Einladung an, ihm auf ein Getränk zu seinem Haus zu folgen. Insgeheim wittere ich die Chance, ein eiskaltes Bier abzustauben. Die Luft in Utah kann nämlich verdammt trocken sein.

Der Desert DoctorDas Zuhause des Desert Doctors könnte man problemlos als Museum bezeichnen. Unzählige Motorradleichen zieren das Grundstück und die Wände seines Hauses sind mit Reifenstücken verkleidet, auf die er die Namen der Heimatstädte derer gepinselt hat, die hier einen Plattfuß hatten. Aus einem Bier werden ein paar mehr und da immer weitere Kradfahrer auftauchen, um ihm einen Besuch abzustatten, entwickelt sich ein spontanes kleines Bikertreffen. Ich lasse das Motorrad stehen und beende den Tag in meinem Zelt in seinem Garten.

Irgendwann führt mich der Weg nach „Green River“, eine Kleinstadt am gleichnamigen Fluss gelegen, die schon deutlich bessere Tage gesehen hat. Der morbide Charme verlassener Tankstellen, an denen sich das Unkraut durch die Betondecke bohrt oder aber die Neonreklametafeln der Motels, die quietschend im Wüstenwind schaukeln, lassen erkennen, dass Green River auf dem besten Weg ist, eine Geisterstadt zu werden. „Ghost Towns“ gibt es in den USA hunderte und ständig kommen neue hinzu. Sie entstehen überall dort, wo Menschen ihre Hoffnungen ansiedelten, wo Bodenschätze oder Arbeitsplätze Menschen aus dem ganzen Land anlockten. Sie alle haben gemeinsam, dass sie eine kurze Blütezeit erleben mit hunderten, manchmal sogar tausenden von Einwohnern, die jedoch dann weiterziehen, wenn es nichts mehr zu holen gibt. Green River ist da nur ein Beispiel von vielen. Einst eine blühende Mormonen Oase, versprach der Ort eine rosige Zukunft. Mit der Schließung einer nahegelegen Raketenbasis verlor die Stadt jedoch den größten Arbeitgeber, die Army, und die Menschen zogen fort. Das Aufgeben ganzer Städte ist, wie gesagt, nichts Ungewöhnliches in den USA, denn Amerikaner sind es gewöhnt, dorthin zu ziehen, wo die Arbeit ist. Der Begriff Heimat hat dort eine ganz andere Bedeutung als bei uns. Weil man in den USA jobbedingt viel flexibler sein muss, haben die Menschen es schon früh gelernt, auf die Veränderungen der Umwelt mit Mobilität zu reagieren. Während in Deutschland etwa zwei Drittel der Menschen ein Leben lang an einem Ort bleibt, sind es in den USA gerade mal 2 %.

Jeder Verlierer hat jedoch auch seinen Gewinner. Ein paar Kilometer weiter östlich, in der Stadt Moab, sieht die Welt ganz anders aus. Das Eingangstor zu den Nationalparks „Arches“ und „Canyonlands“ erlebt goldene Zeiten. Das Geschäft mit dem Abenteuer blüht und verschafft der Tourismusindustrie enorme Zuwachsraten. Pfiffige Anbieter von Rafting-, Kletter-, oder Mountainbike-Touren reihen sich dicht gedrängt an der Main Street aneinander. Neben all den Adrenalin intensiven Aktivitäten zieht es die Touristen vor allem in den Arches Nationalpark. Wie der Name schon verrät gibt es in diesem Park in allererster Linie die berühmten Steinbögen zu bewundern. Insgesamt über 2000 sollen es sein. Vom kleinsten Bogen, wo gerade mal ein Tennisball durchpasst bis zum „Landscape Arch“, der die beeindruckende Spannweite von 100 Metern hat. Der „Grazile Bogen“, der „Delicate Arch“, ist die 16 Meter hohe Hauptattraktion. Er ist gleichzeitig das Wahrzeichen Utahs und prangt auf Briefmarken und Nummernschildern.

Mönch unter dem Delicate ArchIn unmittelbarer Nähe des Arches Nationalparks liegt der „Dead Horse Point State Park“ – ein von abschüssigen Klippen umgebener Tafelberg. Der Ort wurde nach den „Toten Pferden“ benannt, weil Cowboys und Pferdediebe das vorstehende Hochplateau mit den an allen Seiten steil abfallenden Kanten als natürliche Koppel benutzten. Nur über einen schmalen Bergrücken ist der Ort mit der restlichen Hochebene verbunden. Indem man den einzigen Ausweg mit Ästen und Gestrüpp abgeriegelte, wurden die Pferde eingeschlossen. Die Tiere, die man für den Verkauf oder zur Zucht aussortierte wurden mitgenommen. Für die Zurückgelassenen endete die Gefangennahme meist tödlich, da sie auf der beschränkten kargen Fläche kein Wasser und kaum geeignete Nahrung fanden. Doch nicht nur die Pferde fanden hier ein jähes Ende. Für das dramatische Finale des Films „Thelma und Louise“ wurde das Plateau als Drehort genutzt.

Fragt man mich nach einem Geheimtipp unter den vielen Parks in Utah, so würde ich den nahe gelegenen „Canyonlands Nationalpark“ nennen. Die meisten Reisenden fahren auf dem Weg nach Moab an ihm vorbei, ohne Notiz davon zu nehmen. Mit seiner fast unberührten Natur und Einsamkeit ist dieser der größte und gleichzeitig am schwersten zugängliche Nationalpark des Bundesstaates. Von mehreren Aussichtspunkten am Rand des Plateaus hat man eine fantastische Aussicht auf den Zusammenfluss des Colorado River und Green River, die sich 600 Meter tiefer grün und träge durch die Erdgeschichte fressen.

Alkohol statt RauchkrautWie in den meisten anderen Parks gibt es auch hier mehrere einfache Plätze, an denen man sein Zelt aufschlagen kann. Für umgerechnet weniger als sieben Euro, die man in einem Umschlag in eine Box steckt, bekommt man großartige Naturerlebnisse geboten. Noch lange nach dem Sonnenuntergang sitze ich vor meinem Zelt, höre in der Ferne einen Kojoten heulen und sehe unzählige Sternschnuppen, die von einem wolkenlosen Himmel regnen. Am nächsten Morgen bin ich gewohnt früh auf den Beinen. Ich habe den Blick auf den Canyon ausgiebig genossen und möchte ihn nun mit meiner Ténéré erkunden. Über eine schmale Sandpiste, die sich in eine Steilwand klammert, geht es hinunter in die zerklüftete Felsenlandschaft, „Canyonlands“ genannt. Es folgen 50 Kilometer über den „Shafer Trail“, der mir von mehreren einheimischen Endurofahrern völlig zu Recht wärmstens empfohlen wurde. Je weiter man talwärts fährt, desto majestätischer werden die roten Felsen. Die Vegetation hingegen wird spärlicher. Bedingt durch die wenigen Niederschläge haben die anspruchslosen Pflanzen die Größe ihrer Blätter reduziert und mit einer Wachsschicht überzogen, um die Verdunstung zu reduzieren.

Ich traue meinen Augen nicht, als ich mitten im Nichts ein sichtlich verzweifeltes Ehepaar aus England treffe, die mit einem Wagenheber versuchen, den für diese Strecke völlig ungeeigneten Pkw über eine Bodenwelle zu heben. Fast schon apathisch wiederholt er immer wieder den Satz „Ich habe die falsche Abzweigung genommen“, während seine Frau ihn immer wieder anschreit. Zwar sieht man in den USA immer wieder Touristen, die mit Ihren Mietwagen auf Strecken unterwegs sind, auf denen sie laut Mietvertrag nichts zu suchen haben, doch das hier ist wirklich krass. Ich helfe den beiden eine Weile, sehe dann jedoch ein, dass sie ihre Ehekrise alleine durchstehen müssen. Wir tauschen E-Mail-Adressen aus und verabreden, dass ich Hilfe bei der Parkverwaltung hole, wenn sie sich in zwei Tagen nicht bei mir gemeldet haben. Dann verabschiede ich mich. Noch eine Weile kann ich das Echo einer hysterischen Frauenstimme zwischen den Felsen hören. Als ich vor Ablauf der Frist eine E-Mail bekomme, dass alles in Ordnung sei, verabreden wir uns spontan auf ein paar Bier in der Moab-Brewery. Selten habe ich auf meiner Reise so lachen müssen, wie an diesem Abend.

Meine Reise durch Utah endet wie anfangs beschrieben im Indianerland. Über den Highway 163 fahre ich auf die 300 Meter hohen Tafelberge des Monument Valley an der Grenze zu Arizona zu. Ich bekomme eine Gänsehaut beim Anblick der vermutlich bekanntesten Kulisse Amerikas. Wie gerne würde ich die Zeit zurückdrehen und die vergangenen zwei Wochen noch einmal erleben. Doch meine Reise endet ja noch nicht, sie führt mich weiter in einen weiteren großartigen Bundesstaat – Colorado.

Erik ist weltweit auf seiner Yamaha unterwegs und mit seiner Multivisionsschau zwischenzeitlich auch immer wieder mal im Kradblatt-Gebiet zu Gast. Aktuelle Termine, DVDs, Bücher und vieles mehr findet man online auf seiner Website: www.motorradreisender.de


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