aus Kradblatt 3/26 von Kai-Ingmar Weikert
Ein Lebenstraum
Ich sitze seit meinem 16. Lebensjahr auf dem Motorrad und habe in dieser Zeit einige Motorräder besessen. Wie bei vielen anderen Bikern auch, haben Höhen & Tiefen mein Leben begleitet, aber das Motorradfahren war immer eine feste & wichtige Größe in meinem Leben. Als dann vor rund einem Jahr mein Ruhestand begann, war es auch nur konsequent, meinen großen Traum zu verwirklichen: einmal die Route 66 zu fahren.

Rund ein halbes Jahr vorher habe ich mit der Planung begonnen und dann war es endlich soweit. Natürlich habe ich vorher meine Motorradfreunde ebenfalls gefragt, aber alle hatten leider ihren Jahresurlaub schon verplant und somit keinen Spielraum mehr. Da ist man als Rentner schon in einer komfortablen Ausgangssituation, das habe ich da zum ersten Mal richtig gespürt.
Ende August steige ich in den Flieger nach L.A. Ich habe zwar einige Erfahrung, was lange Touren angeht, aber ich habe mir dennoch viel Mühe gemacht, meine Gepäckfrage gründlich zu klären. Manches flog wieder raus, andere Sachen kamen neu hinzu. Am Ende, soviel kann ich schon mal sagen, haben sich die Gedanken dazu gelohnt.
Gelohnt hat sich ebenfalls die Zeit, die ich in Literatur über die Strecke gesteckt habe. Es ist aber auch klar, dass die Zeit im Urlaub begrenzt ist. In meinem Fall hatte ich mir drei Wochen vorgenommen. Ich habe daher alles „aufgesaugt“, was ich an Streckeninformationen irgendwo gefunden habe. Aus all diesen Berichten habe ich anschließend mein eigenes „Roadbook“ zusammengestellt. So kannte ich bereits meine Ziele entlang der Strecke im Vorwege und musste vor Ort keine Zeit mit großen Klärungen verbringen. Das hat die ganze Tour über sehr gut funktioniert und war sehr entspannt.
Ich hatte mir im Rahmen der Planung sowohl in L.A. als auch in Chicago jeweils zwei Tage eingebaut. Das würde ich auch immer wieder so machen, da es sich bewährt hat. Vorweg die größeren Städte, die ich besucht habe (von West nach Ost): L.A., Barstow, Las Vegas, Kingman, Oatman, Precott, Flagstaff, Gallup, Santa Fe, Tucumcari, Amarillo, Oklahoma, Tulsa, Springfield (MO), St. Louis, Springfield (IL) & Chicago. Ich habe mich übrigens bewusst für die Gegenrichtung entschieden, also von L.A. nach Chicago und nicht wie üblich, von Chicago nach L.A. Aber das ist am Ende Geschmackssache.
Nach der Übernahme meiner Road Glide in L.A. geht es dort als erstes zum Harley Dealer, um ein Souvenir zu kaufen. Nach diesem „Pflichtbesuch“ führt der Weg raus aus der Stadt und über Barstow in Richtung Las Vegas. Auf dem Weg dahin lohnt sich ein kurzer Stopp an der Bottle Tree Ranch (eine Kunstform mitten in der Wüste) & Roy’s Motel & Cafe. Ein bisschen in die Jahre gekommen, aber absoluter Kult! Kurz vor Las Vegas gilt es noch eine Kunstausstellung zu besuchen: die 7 Magic Mountains.

In Las Vegas hat mich am meisten die Sphere beeindruckt. Ja, ich weiß, Las Vegas liegt nicht an der Route 66, aber das war ein persönlicher Wunsch von mir, deswegen der kleine Umweg. Der Weg zurück zur Route 66 führt mich über den Hoover Dam nach Kingman. Nach dem obligatorischen Foto am Ortseingang geht es noch auf eine Sonderstrecke, die ich nur jedem empfehlen kann. Besucht Oatman und fahrt die „Sidewinder“ runter. Das Oatman Hotel (alle Decken & Wände sind voller Dollar Scheine) und die Esel in der Stadt gehören zum Pflichtprogramm. Es folgt Prescott.
Und überall treffe ich auf nette Amerikaner, mit denen man einfach so zwanglos ins Gespräch kommt. Einfach nur klasse. Bei dieser Art zu Reisen, bleibt es eben nicht aus, dass man jeden Tag neue Menschen kennenlernt. Das mag nicht jeder, ich finde es aber wahnsinnig spannend. Und so gehe ich auch keiner Konversation aus dem Weg. Um den Rahmen nicht zu sprengen, hier nur zwei Beispiele.

Erstens: Nach dem Besuch von Kingman stand auf meiner Road Map als nächster Ort die Stadt Prescott. Soweit so normal. Am nächsten Morgen sollte es weitergehen, aber beim Start musste ich feststellen, meine beide Reifen brauchten Luft. Also ran an die nächste Luftstation. Und während ich dabei war, meine Reifen wieder in Form zu bringen, kam ich mit Kurt ins Gespräch. Kurt fuhr eine Street Glide und brauchte ebenfalls Luft für seine Reifen. Na ja, und da Biker ohnehin nicht Kontaktscheu sind, ergab sich ein Gespräch unter Motorradfahrer. Und anstatt um 9 Uhr zu starten, wie eigentlich geplant, lud mich Kurt in „seinen“ Coffee Shop ein. Und so wurde aus 9 Uhr schließlich 11 Uhr. Aber genau das mag ich, diese spontanen Dinge auch erleben zu dürfen. Herrlich.
Es geht weiter nach Flagstaff und damit wird es ab jetzt hügelig. Kurvige Landstraßen, die einen Motorradfahrer durch eine wirklich schöne Landschaft begleiten. Ab hier merkt man, es wird von Tag zu Tag grüner, je weiter es nach Osten geht.

Wenn die Zeit dafür da ist, empfehle ich einen Besuch in Williams, um einmal die Grand Canyon Railroad zu besuchen. Es lohnt sich. Ein Spaßbesuch ist dagegen Bedrock City. Wer auf den Spuren der Flintstones wandern möchte, ist hier genau richtig. Es geht weiter nach Gallup. Mein Highlight ist der Besuch in Winslow. Ich bin mit der Band Eagles (Song: Take It Easy) groß geworden und deswegen ist dieser Besuch ein Muss für mich!
Nächste Station ist Santa Fe. Bekannt aus vielen Filmen meiner Kindheit habe ich mich sehr gefreut, diese Stadt einmal persönlich kennenzulernen. Es folgt Tucumcari. Unterwegs lohnt ein Stopp im Auto Museum von Santa Rosa. Weiter nach Amarillo und hier gibt’s ebenfalls Autos und zwar Cadillacs. Aber nicht einfach so, sondern halb im Sand vergraben. In Amarillo kommen auch Steak Fans auf ihre Kosten. Wer es schafft, ein 2 kg schweres Steak inkl. Beilagen innerhalb von 60 Min. zu essen, bekommt die Mahlzeit umsonst. Wer aufgibt, zahlt die volle Zeche, ca. 72 US-Dollar.
Weiter geht’s nach Oklahoma, vorher ist aber noch ein Besuch auf der Slug Bug Ranch drin. Etwas außerhalb von Oklahoma wartet das Sodamusuem POPS 66. Tulsa ist die nächste Station mit dem Golden Driller und weiteren gigantischen Figuren am Straßenrand. Es geht weiter nach Springfield (MO).
Mein zweites Beispiel spielte sich auf dem Weg von Tulsa nach Springfield (MO) ab. Ich war den ganzen Vormittag unterwegs und nun kam um die Mittagszeit der kleine Hunger. Ich erreichte das HI-WAY-CAFE bei Vinita (OK) und kehrte ein. Mein Blick ging einmal von links nach rechts und ich sah sofort, alle Tische waren besetzt. Wie in Amerika üblich, wartete ich auf die Kellnerin, um zu klären, ob ich noch einen freien Platz bekommen könnte?
Noch bevor die Kellnerin sich um mich kümmern konnte, sprach mich eine ältere Dame an, die alleine an ihrem Tisch saß. Sie wollte von mir wissen, ob ich eine Harley fahre? Ich bejahte, und sie bat mich umgehend darum, an ihrem Tisch Platz zu nehmen. Sie sei auf dem Weg zu einem Termin und kehrte hier ein, um vorher eine Kleinigkeit zu Essen. Sie hätte gehört, hier kommen immer Harley Fahrer vorbei um eine Pause einzulegen. Und davon wollte sie sich nun selber einen Eindruck verschaffen. Na, da kam ich ja gerade richtig durch die Tür. Ich mache es kurz. Mit Libby habe ich über eine Stunde geredet über alles Mögliche. Wir haben uns sofort prächtig verstanden und dann ist jeder wieder seiner Wege gegangen. Klar, es ist oberflächlich. Aber das ist mir allemal lieber, als nur so stillschweigend neben einer Person zu sitzen und sich anzuschweigen. Das finde ich schrecklich und deswegen komme ich vielleicht auch sehr gut mit dieser amerikanischen Art zu Recht.

Der Platz reicht nicht, um alle Ziele am Wegesrand aufzuführen, aber einen Ort möchte ich noch besonders erwähnen. Im Schifferdecker Park in Joplin bekommen Künstler regelmäßig die Möglichkeit, Motive der Route 66 auf den Asphalt zu zeichnen, meistens mit einem 3D-Effekt.
Es ruft der nächste Ort, nämlich St. Louis. Zu St. Louis gehört natürlich der Gateway Arch. Hinter St. Louis wartet erneut eine Stadt namens Springfield (IL), die aber zu Illinois gehört. Kurz vor Chicago wird es nochmal historisch, denn hier gibt es die „Old Brick Lane“, ein altes Stück Fahrbahn der Route 66, bestehend aus einzelnen Ziegelsteinen.
Nach über 5.000 km und 21 Tagen „on the road“ erreiche ich voller Zufriedenheit Chicago.
Eine Sache noch zum Schluss: Natürlich habe ich auch in meinem Bekanntenkreis oft die Frage gestellt bekommen, „warum fährst du ausgerechnet jetzt in die USA, wo der aktuelle Präsident alles auf den Kopf stellt?“
Meine Antwort darauf: „ich fahre ja nicht zum Präsidenten, sondern ich will das Land und somit die Menschen kennenlernen.“ Und ich glaube, das ist mir im Rahmen der Möglichkeiten auch gelungen.
Ich bin schon in einigen Ländern dieser Welt unterwegs gewesen, aber wenn man erst mal ein wenig Vertrauen bzw. Zugang zu der jeweiligen Bevölkerung gefunden hat, dann wollen alle doch nur eines, nämlich Frieden. Natürlich wird es immer Fanatiker geben, mit denen man nicht reden kann. Aber ich denke, auch die muss eine Demokratie aushalten. Wichtig ist nur, dass die Demokratie nicht ausgehöhlt wird, weil einzelne Egomanen ein ganzes Volk missbrauchen.
Für mich ist die Route 66 ein wahr gewordener Traum. Ein tolles Gefühl! Übrigens, in 2026 reden wir bei der Route 66 über eine Verkehrsader, die genau 100 Jahre alt ist. Das ist doch was, oder?



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