Unfallakte – Sturz mit neuem Reifen

Unfallakte – Sturz mit neuem Reifen

aus Kradblatt 3/18

Unfallakte – Sturz mit neuem Reifen

Kradblatt-Kollege Mathias Thomaschek gibt seit 1985 das ebenfalls kostenlose Motorradmagazin „Zweirad“ heraus, die „Heimatzeitung der fränkischen Biker“. Unter www.zweirad-online.de findet man sie auch im Netz. Seit geraumer Zeit druckt Mathias die Rubrik „Unfallakte“, wo ausgewählte (Un)Fälle in Zusammenarbeit mit der regionalen Polizei vorgestellt werden. 

Gerade zum Saisonstart möchten wir auch den Kradblatt-Lesern diesen Fall hier besonders ans Herz legen!

Am 11. März 2016 überholt ein 21-jähriger Ortsansässiger mit seiner Yamaha R1 auf der Ortsverbindungsstraße zwischen Thüngbach und Schlüsselfeld ca. 500 Meter vor dem Ortseingang Thüngbach einen PKW. In der nun folgenden Linkskurve haben die Reifen nach seinen Angaben auf der trockenen Fahrbahn „plötzlich keinen Grip mehr“. Er kommt infolgedessen nach rechts von der Fahrbahn ab und stürzt in den Straßengraben. Dabei verletzt er sich schwer, am Motorrad entsteht Totalschaden.

Elf Tage später, am 22. März 2016, befährt ein 22-jähriger auf einer Kawasaki ER6n gegen 12:15 Uhr die Hofer Straße in Bayreuth. Seine Geschwindigkeit beträgt zu diesem Zeitpunkt ca. 30–40 km/h. Beim Abbiegen nach rechts verlieren die Reifen die Haftung auf der feuchten Fahrbahn. Anschließend stellt sich das Motorrad auf und wirft den Fahrer ab. Er bricht sich bei dem Sturz das Schlüsselbein.

Neuer Reifen nach dem Sturz

Bei beiden hier geschilderten Unfällen wurden zuvor auf die Motorräder neue Reifen aufgezogen. Daraus erklärt sich ganz besonders beim zweiten geschilderten Fall, der sich bei sehr niedriger Geschwindigkeit abspielt, die oft unterschätzte Gefahr nach einem Reifenwechsel an Motorrad. Aus Produktionsgründen besitzen neue Motorradreifen eine sehr glatte Oberfläche, die nur einen Bruchteil der Kraftübertragung zulässt, die bei diesem Reifen möglich ist.

Erst im Laufe einer Einfahrzeit, die je nach Reifen und Fahrweise zwischen 20 und 50 km lang ist, raut sich die glatte Reifenoberfläche durch die Übertragung von Antriebs- und Bremskräften auf und gewährleistet volle Haftung. Aus diesem Grund spricht man hier vom „Reifen anfahren“.

Bei fabrikneuen Reifen können bereits moderate Seitenkräfte zum Haftungsverlust führen. Diese Situation beschrieb der erste Fahrer mit „plötzlich keinen Grip mehr“.

Beim starken Bremsen in Kurven kann es, wenn der Reifen noch nicht ausreichend angefahren ist, zum plötzlichen Haftungsverlust und anschließend dem gefürchteten „Einklappen“ des Vorderrades kommen. Besonders im Zusammenhang mit leistungsstarken Sportmotorrädern, wie der im ersten Fall geschilderten Yamaha R1, die vom Fahrer schon länger bewegt wurde und normalerweise eine hervorragende Straßenlage bietet, entstehen schnell derartige Situationen. Und das nur, weil der Fahrer in dem Augenblick vergessen hat, dass die frisch montierten Reifen noch nicht den vollen Grip aufbauen können.

Hochleistungsreifen benötigen ein gewisses Temperaturfenster, in dem sie perfekt arbeiten. Die Kraftübertragung bei kalten Reifen liegt erheblich unter der im betriebswarmen Zustand. Dies sollte vor allem beim morgendlichen Start zu einer Motorradtour nicht außer Acht gelassen werden. Zum Beispiel, wenn nach ein paar Kilometern Bummeltour durch die Stadt, eine Autobahneinfahrt mit voller Schräglage gefahren wird.

Alternativ produziert der Fahrer wegen seiner geringen Geschwindigkeit einen klassischen „Lowsider“. Dabei schmiert aufgrund mangelnder Haftung entweder zuerst das Hinter- oder Vorderrad weg. Das Motorrad klappt nach innen und der Fahrer fällt auf die Straße. Da er sich beim Sturz instinktiv mit dem Arm abzustützen versucht, entstehen typischerweise, wie im Reitsport, Schlüsselbeinbrüche.

Gefährlicher sind dagegen die sogenannten „Highsider“, bei denen sich nach einer kurzen Phase des Wegrutschens schlagartig wieder auf beiden Rädern Grip aufbaut. Der Fahrer versucht im Augenblick des Haftungsverlustes instinktiv gegenzulenken. In dem Augenblick, in dem die Reifen schlagartig wieder Haftung aufbauen, kommt es durch den eingeleiteten Lenk­impuls zu einem blitzartigen Aufstellen des Fahrzeugs. Der Fahrer wird dabei hoch aus dem Sattel katapultiert und hat keine Chance, sein Motorrad wieder unter Kontrolle zu bringen.

Die gefährlichen Situationen mit dem mangelnden Grip bei frisch montierten Reifen entstehen seltener bei einem Neufahrzeug, weil sich der Fahrer hier erst vorsichtig an das Fahrverhalten he­rantastet. Kritischer sind die neuen Reifen auf einem Motorrad, das schon jahrelang bewegt wird und dessen Fahrverhalten dem Fahrer geläufig ist. Wenn er jetzt vergisst, die Reifen auf den ersten Kilometern mit angepasster Geschwindigkeit anzufahren, kann es sehr gefährlich werden.

Alternativ können die Reifen mechanisch aufgeraut oder mit chemischen Mitteln behandelt werden. Beide Methoden sollte man jedoch dem Reifenfachhandel überlassen.

Ein letzter Gedanke darf beim Anfahren neuer Reifen ebenfalls nicht vergessen werden: Wer nach der Montage ausschließlich auf der Autobahn 100 km geradeaus gefahren ist, verfügt zwar über hervorragenden Grip – aber nur in der Mitte der Lauffläche. Eine flott gefahrene Autobahnausfahrt mit zügig eingeleiteter Maximalschräglage führt zum Sturz, weil die Reifenflanken noch nicht angefahren sind. Reifenflanken können zum Beispiel in einem Kreisverkehr angefahren werden – allerdings nur auf der linken Seite.

Ganz vergesslichen Fahrern hilft auch ein kleiner Aufkleber im Cockpit, der ihn daran erinnert, dass er mit neuen und damit glatten Reifen unterwegs ist.

Alle Beiträge der Unfallakte werden von der Redaktion der Zeitschrift ZWEIRAD in Zusammenarbeit mit der Pressestelle des Polizeipräsidiums Oberfranken erstellt. Sie dienen durch Schilderung von Unfallhergang und Ursachen allein der Prävention und Verbesserung der Verkehrssicherheit beim Motorradfahren. Die Wahrung von Persönlichkeitsrechten werden in Wort und Bild strikt beachtet. 

Alle bisher erschienenen Beiträge sind online unter Facebook/Unfallakte abrufbar.


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