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Über Grenzen – 18.000 km mit 125 ccm durch Zentralasien

aus Kradblatt 8/21 von Margot Flügel-Anhalt

Aus Liebe zum Leben …

Der größte Fehler, den man bei einer Reise machen kann, ist: nicht Aufzubrechen. Margot Flügel-Anhalt ist aufgebrochen – mit einer 125er Honda nach Zen­tralasien, alleine, als Frau …

Motorradreise "Über Grenzen" - Margot Flügel-Anhalt
Die Reiseroute – rund 18.000 km mit 125 ccm

 „Solche Menschen sind wichtiger als je zuvor. Die sich ihren eigenen Ängsten aber auch den kollektiven Ängsten stellen und damit Barrieren durchbrechen, mit Vorurteilen aufräumen, Vertrauen dadurch schaffen, weil sie wissen von was sie reden. Weil sie das Erzählte gelebt haben. Ein herrlicher Beitrag. Tiefer Respekt vor dieser Dame. Ein Beispiel für uns alle. Wie einst die unvergessen Svetlana Geier, die Übersetzerin der großen Dostojevski Romane einmal gesagt hat: Jede Reise tut dafür gut, dass sich die Menschen nicht die Schädel einschlagen.“

Das sagt jemand, der in der Mediathek den Film über meine Reise nach Zentralasien „Über Grenzen“ gesehen hat. Es gibt auch andere Kommentare. Von Männern. Auch von Frauen. Die von Ahnungslosigkeit bis Dummheit sprechen und mich gerne beim Sticken und Häkeln in einer Senioreneinrichtung sehen würden. Verstehen kann ich sie irgendwie alle; so was tut man einfach nicht. Worum es ging? 

Also: Am 26. Mai 2018 fuhr ich los. In Thurnhosbach, einem sehr kleinen Dorf im Nordhessischen. Richtung Zentralasien, Richtung Pamir Gebirge, Richtung Pamir Highway.

Panne gleich am 2. Tag
Panne gleich am 2. Tag

Ich bin alleine losgefahren, mit einer Honda XR 125 L. 11 PS, 8 kW, 1 Zylinder, Vergaser, Höchstgeschwindigkeit 100 km/h, Elektro-Starter und Kettenantrieb. Es ist eine Dualsport Maschine, eine Enduro mit sehr gutem Federweg – das ist bei Schlaglöchern günstig. Pirelli Reifen, ein bisschen zu hoch für mich mit 84 cm Sitzhöhe, schwarz-rot, Honda eben. 

Ich hatte keinen Motorrad Führerschein. In meinem alten grauen Lappen steht, dass ich ohne Prüfung auch eine 125er fahren darf. Ich bin 64 Jahre.

Beschwerliche Straßenbedingungen
Beschwerliche Straßenbedingungen

Gut, ein paar Fahrstunden habe ich absolviert, ohne Prüfung. Mit meinem Sohn bin ich vor der Reise nach Zentralasien in die Schottischen North West Highlands gereist. Insgesamt war ich ca. 4.000 Kilometer mit der Enduro unterwegs, fahren konnte ich da noch nicht so richtig. Blickrichtung, Kurven, Bremsen … das waren böhmische Dörfer für mich. Einmal bin ich auf dem Waldweg hinterm Dorf gefahren, und immerhin nicht „abgestiegen“, obwohl alles recht matschig war.

Als ich an diesem 26. Mai 2018 losfuhr, war ich glücklich. Die Vorbereitungen hatten viel Zeit gekostet, beinahe zwei Jahre für Reiseroute, Visa, Material, Infos zu Grenzen, Geld und den 18 Ländern, durch die ich reisen wollte.

Am ersten Tag kam ich bis Gera und bereits am nächsten Morgen streikte das Moped. Das selbe am darauffolgenden Tag. Der ADAC schleppte mich jedes Mal in die Werkstatt. Aber die fanden nichts. Ich fuhr weiter und an der Autobahnauffahrt Richtung Polen ging die Maschine wieder aus, ich stürzte auf der schrägen Abfahrt einen Hang hinunter und blieb im Gebüsch hängen. Dort holten mich ein paar zu Hilfe gerufene Autobahnarbeiter wieder raus, drehten und schraubten ein wenig an den Aggregaten, starteten und seit dem Zeitpunkt ging die Maschine kein einziges Mal mehr unvorhergesehen und ungewollt aus.

Treffen mit dem Filmteam
Treffen mit dem Filmteam

Durch Polen, die Ukraine, Russland und Kasachstan fuhr ich bis Kirgistan. Dort, auf 3000 Meter Höhe wartete ich auf mein Filmteam: Zwei Freunde aus der Theatercrew, in der wir seit Jahren gutes Laientheater schaffen. Beide erfahren in Reisefilmerei und interessiert an meiner etwas blauäugigen Tour. In Saritash trafen wir uns und starteten für fünf Tage zur gemeinsamen Tour über den Kyzyl Art Pass nach Tadschikistan. 

Es hatte geregnet und geschneit dort oben auf dem Pass, der bis auf 4.200 Meter Höhe bis zur Grenze anstieg. Und, ja, ohne die Hilfe des Filmteams hätte ich an dem Tag die Tour nicht geschafft. Es war grässlich: tiefer, 15 Zentimeter hoher rötlicher Schneeschlamm, darunter Geröll und Wasserrillen … Mehrmals rutschte ich mit
der Honda in den Schlamm. Der Vergaser, der die Benzin-Luft-Mischung regelt, war bereits an den Vortagen ab 3000 Meter Höhe etwas überfordert. Einen entsprechenden Schraubenzieher zur Einstellung hatte ich nicht in der kleinen Werkzeugtasche unterm Sitz. Im Schneckentempo schlicht ich hoch und höher im Schneetreiben, das zu allem Übel auch noch einsetzte.

Strapazen im Pamir-Gebirge
Strapazen im Pamir-Gebirge

Es gab Augenblicke, da wollte ich aufgeben, das Moped stehen lassen und warten, bis das Wetter wieder „offen“ ist, wie man im Hessischen sagt. Aber ich fuhr weiter, und weiter, so gut es eben ging. 

Oben angekommen, öffnete sich der enge, verschneite Pass in eine weite Ebene, an deren linkem Rand sich die chinesischen Bergriesen erhoben. Rechts der Piste der Pamir. Eine irre Landschaft, wie man sie sich vielleicht auf dem Mond vorstellt. Wir kamen an dem Tag bis zum Karakul See und blieben die Nacht bei einer Familie des Fahrers, mit dem das Filmteam im SUV die Tour mitreiste.

Später, im Wakhan Corridor in Gorno Badachschan, an der Grenze zu Afghanistan, stürzte ich vor einer Wasserrinne – zu heftig an der Vorderradbremse gezogen – ins Geröll, eine Eisenkante der Honda krachte auf meinen Knöchel, der sofort heftig schmerzte und anschwoll. Zwei polnische Biker, die den Pamir Highway in der anderen Richtung unterwegs waren, leisteten mir Erste Hilfe. Ab diesem Augenblick, wo der Ersthelfer meinen lädierten Fuß berührte, wusste ich, ich würde weiter reisen können, der Knöchel würde heilen. „Engel kommen immer dann, wenn man sie braucht.“ 

Paul, vom Filmteam, fuhr die Honda bis Korough. Von dort reiste das Filmteam nach sieben Tagen Begleitung zurück nach Deutschland. Ich blieb und lernte in der Woche, die mein Knöchel für die Heilung benötigte, Land und Leute im Pamir Gebirge kennen.

Margot im Iran

Im Iran stieß das Filmteam noch einmal für fünf Tage zu mir. Insgesamt waren sie 12 Tage mit mir unterwegs. Meine Reise dauerte 117 Tage und als ich am 19. September 2018 in meinem kleinen Dorf von den aufgeregten Dorfbewohnern begrüßt wurde, war ich mit der 125er 18.046 km gefahren.

Von Tadschikistan aus führte mich mein Weg durch Usbekistan, Turkmenistan, den Iran, die Türkei, Bulgarien, Serbien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Slowenien und Österreich bis zurück nach Nordhessen. 

Unendliche Weiten - Menschen helfen sich dort
Unendliche Weiten – Menschen helfen sich dort

In all der Zeit war ich immer wieder auf die Hilfe der Menschen um mich herum angewiesen, sei es beim Öl- und Kettenwechsel, bei Fragen nach dem Weg oder nach Unterkünften, bei der Bewältigung des Attentats, das auf eine Gruppe von Fahrradreisenden in Tadschikistan verübt worden war. Ich habe keine Probleme damit Hilfe anzunehmen. Und die Menschen in Asien sind nur allzu gerne bereit, einem Fremden zu helfen. Als könnte irgendjemand ohne die Hilfe der anderen überleben …

Im Iran besorgte ich mir ein Ziegenfell, des langen Sitzens auf dem Bike wegen. Das hilft. Und obwohl es iranischen Frauen nicht erlaubt ist, Motorrad zu fahren, bin ich oft bewundert worden, für den Mut, als Frau alleine eine solche Tour zu wagen.

Den anderen Fernreisenden zu begegnen, Fahrradfahrern, Bikern, Reisenden im öffentlichen Kleinbus und ganz Irre auch zu Fuß unterwegs, ist wundervoll. Jeder ist ständig ein wenig dreckig, braungebrannt im Gesicht, die Augen voller wilder Freude über all diese Freiheit des Unterwegsseins. Auch von ihnen habe ich immer wieder Hilfe und Unterstützung gefunden und ihnen meine angeboten. Unterwegs gibt es nie die Frage, wie alt jemand ist, ob Mann oder Frau, welche Sprache man spricht oder mit wie viel PS sich jemand auf den Weg macht. Man fasst mit an, wenn Hilfe nötig ist. 

Freiheit - dreckige Finger gehören auch dazu
Freiheit – dreckige Finger gehören auch dazu

Die Welt ist wunderschön. Und die Menschen sind gut. Diese Erkenntnis habe ich von unterwegs aus mitgebracht. Und natürlich die kleine Honda. Immer noch mit den selben Reifen. Ich habe sie an einen Trucker aus dem Norden weitergegeben. Habe den Führerschein nachgeholt und fahre jetzt eine Ducati Scrambler mit 800 ccm, Einspritzer, ABS. Das erste, was ich gemacht habe, nachdem das Motorrad bei mir stand, war, passende Handprotektoren anzuschrauben. Die Brems- und Kupplungshebel, die unterwegs gebrochen sind, weil ich mit der Honda umgefallen bin, haben mich überzeugt. Die Ducati hat eine Sitzhöhe von 78 cm. Da komme ich mit den Füßen gut auf den Boden. 

Mit der Ducati bin ich im Mai 2019 zu einer recht abenteuerlichen Tour wieder in die Schottischen North West Highlands aufgebrochen. Als ich in New Castle von Bord der Fähre fuhr, war es knapp über 10 Grad Celsius, es regnete in Strömen und auf den Bergen in den Highlands lag noch Schnee. 

Im März 2019 hatte das Filmteam, Johannes Meier und Paul Hartmann (streetsfilm) es geschafft, aus meinen wackligen Aufnahmen mit Handy und GoPro und ihrer Filmerei mit der guten Kamera und der Drohne den Kinofilm „Über Grenzen“ zu basteln. Gemeinsam reisten wir zu Filmgesprächen, Vorträgen und Lesungen, bis Corona uns Einhalt gebot. Im Herbst 2019 hatte ich mein Buch „Über Grenzen“ fertig, das ich aus Tagebuch- und Blogeinträgen und meiner Erinnerung schrieb, fertig. Es erschien im Herbst 2019 beim Reiseverlag DuMont.

Den Film gibt es inzwischen auch in der Mediathek im Fernsehen, auf YouTube und natürlich als DVD, Blue-ray sowie online zum Streamen.


Motorradreise "Über Grenzen" - Margot Flügel-Anhalt Infos sowie Bestellmöglichkeiten für den wirklich empfehlenswerten Film und das Buch gibt es online unter www.über-grenzen.de. Das Buch ist für nur 14,95 €, die DVD für schlappe 10,89 € und die Blue-ray für 12,48 € auch überall im Buchhandel On- wie Offline erhältlich. Nicht nur als kleines Geschenk jeden Cent wert. 

Auf Facebook gibt es Infos unter @margotreistbuchfilm und Margots eigene Homepage findet man unter http://www.genosten.jimdo.com.

Lange hat sie es übrigens nicht zu Hause ausgehalten – mit 65 Jahren und einem 24 Jahre alten Benz machte sie sich auf, um 15 Länder über 18.000 Kilometern bis nach Südostasien zu bereisen. Ihr Buch dazu „Einfach abgefahren“ findet ihr für 16,99 € im Buchhandel.


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