aus Kradblatt 2/19,¬†von¬†Michael Praschak,¬†www.asphalt-s√ľchtig.de

Mehr als Feinschliff …

Triumph Speed Triple RS, Modell 2018 

Das Bessere ist des Guten Feind. Das wusste bereits Philosoph und Aufkl√§rer Voltaire im fr√ľhen 18. Jahrhundert. Auch Triumph schickte sich im vergangenen Jahr an, die schon bereits sehr gute Triumph Speed ¬≠Triple¬†R zu verbessern und lancierte mit der neuen RS die Nachfolgerin des bisherigen, sportlichen Top-Modells.

Optisch hat sich im Vergleich zur Vorg√§ngerin nicht viel getan, die √Ąnderungen unter der Oberfl√§che und im Detail machen die √ľberarbeitete Speed Triple aber zu einer echten Landstra√üenwaffe. Wie am zus√§tzlichen ‚ÄěS‚Äú in der Typenbezeichnung zu erahnen, nahmen sich die Briten f√ľr das Update die Street Triple RS als Vorbild. Vor allem im Cockpit erkennt man die √Ąhnlichkeit zur kleinen Schwester. So tr√§gt auch die Speed Triple jetzt das feine f√ľnf Zoll TFT-Display der ¬≠Streety
und kommt nun mit der vollen Bandbreite an elektronischen Helferlein, die Triumph mit der Street Triple RS 2017 einf√ľhrte. Neben der individualisierbaren Displayanzeige (3 Standard-Designs plus 3 f√ľr die RS) lassen sich bei der Standard-Speedy √ľber den Bordcomputer nun auch vier verschiedene Fahrmodi einstellen. Wie bei der kleineren Street Triple gibt es jetzt auch bei der RS-Version der Speed Triple zus√§tzlichen noch einen User-Mode f√ľr die Rennstrecke. Hier lassen sich auch Traktionskontrolle und das ABS f√ľr den Hartgas-Einsatz komplett abstellen. Mehrwert gegen√ľber der kleinen Schwester und der Vorg√§ngerin: dank einer neuen IMU (Tr√§gheitsmesseinheit), die in Zusammenarbeit mit Continental entwickelt wurde, ist das ABS sogar kurventauglich und die Traktionskontrolle soll in allen Fahrzust√§nden noch besser agieren.¬†

Ride Connected

Tempomat & Co. - Triumph Speed Triple RS, Modell 2018 Gesteuert werden die Funktionen nun auch bei der Speedy √ľber einen 5-Wege-Joystick an der linken Lenkerarmatur. Im Gegensatz zur Street Triple sind die Schaltereinheiten nun aber von innen beleuchtet. Ebenfalls neu ist der Tempomat, der auf langen Etappen f√ľr mehr Komfort sorgen soll. Grunds√§tzlich verf√ľgt die Infozentrale der gro√üen Speedy nun √ľber alle Spielereien, die man sich aktuell nur w√ľnschen kann. Das hervorragend ablesbare Display versorgt den Fahrer nicht nur mit netten Zusatzinformationen wie Au√üentemperatur, Momentanverbrauch und Restreichweite, es passt auf Wunsch auch den Kontrast den Lichtverh√§ltnissen an und verf√ľgt in der Speed Triple RS sogar √ľber einen Laptimer.¬†

Elektronisches Lenkschloss - Triumph Speed Triple RS, Modell 2018 Als w√§re das nicht genug, legt Triumph 2019 noch einmal nach. Um die M√∂glichkeiten noch besser auszunutzen, gibt es ab Januar f√ľr die Speed Triple (und alle Modelle mit TFT-Display) das TFT-Connectivity-System. Mittels eines optional erh√§ltlichen Bluetooth Moduls und der ‚ÄěMy Triumph App‚Äú l√§sst sich so in Zukunft auch das Smartphone mit dem Motorrad koppeln. So kann man √ľber eine Google Maps Integration via Handy navigieren und sich die Routenhinweise im Motorraddisplay anzeigen lassen, √ľber die Armaturen des Motorrads die Musikwiedergabe des Smartphones steuern und ‚Äď sofern gew√ľnscht ‚Äď Anrufe annehmen. Wer seine Touren oder Rennstreckenausfl√ľge auch mit der GoPro Action-Cam festh√§lt, kann auch diese √ľber das Modul mit dem Motorrad verbinden und √ľber die Armaturen steuern.¬†

Evolutionsstufe

Aber nicht nur bei der Elektronik hat Triumph nachgelegt. Das Aggregat der aktuellen Speed Triple gleicht optisch der Vorgängerin zwar wie ein Ei dem anderen, innerhalb des schwarz lackierten Motorgehäuses haben die Briten aber an den neuralgischen Stellen ordentlich Hand angelegt. Der Drilling bekam nicht nur einen neuen Zylinderkopf mit optimierten Auslasskanälen, die Ingenieure aus Hinkley spendierten ihm auch leichtere, Nikasil-beschichtete Aluminium-Zylinderlaufbuchsen und Kolben mit neuem Profil.

Zus√§tzlich wurde auch der Kurbeltrieb erleichtert sowie ein kleinerer Anlassermotor, eine leichtere Lichtmaschine und eine leichtere Batterie verbaut. Dar√ľber hinaus wurden die Verdichtung und die Maximaldrehzahl erh√∂ht. In Summe sorgen diese √Ąnderungen laut Triumph f√ľr ein Leistungsplus von 10 PS, sodass die neue Speedy nun bei 10.500 Umdrehungen 150 PS leisten soll. Noch interessanter ist aber die Drehmomentausbeute. Auch hier soll die Speedy noch mal zugelegt haben und in der Ausbaustufe 2018/19 bereits bei knapp √ľber 7.000 Touren stattliche 117 Newtonmeter dr√ľcken. Wenn das nicht nach Spa√üpotential f√ľr die Landstra√üe klingt!

Triumph Speed Triple RS, Modell 2018 Detailverliebt

Doch schon bevor man sich mit der Triumph das erste Mal ins Kurvenget√ľmmel st√ľrzt, gibt es eine handfeste √úberraschung. Denn wider Erwarten erfolgt der Zugang zum Gl√ľck nicht √ľber einen normalen Motorradschl√ľssel, sondern in Form eines Senders mit Klappschl√ľssel, wie man ihn eher bei einer Mittelklassenlimousinen erwarten w√ľrde. Dieser wirkt zwar dank Metalloberfl√§che edel, f√§llt aber etwas klobig aus. Gl√ľcklicherweise muss das Ding nicht ins Z√ľndschloss. Auf dieses verzichtet Triumph bei der Speed Triple RS komplett und setzt bei der neuen stattdessen erstmals auf ein Keyless-Go-System. Wie aus dem Vierradbereich gewohnt, reicht es, den Schl√ľssel am Mann zu tragen. Ein kurzer Druck auf den Power-Knopf und Display sowie Elektronik der Triumph erwachen zum Leben. Danach nutzt man wie gewohnt den Anlasser, um auch den Drilling in seinen Betriebszustand zu versetzen. Wer sich jetzt fragt, wie man ohne Z√ľndschloss das Lenkerschloss einrastet ‚Äď auch das geschieht elektronisch und auf Knopfdruck. Einzig f√ľr den 15,5 Liter gro√üen Tank muss man tats√§chlich noch den Schl√ľssel bem√ľhen.

Keyless Ride - Triumph Speed Triple RS, Modell 2018 Wie so oft bei solchen Neuerungen fragt man sich am Anfang, was dieser Schnickschnack eigentlich soll. Sp√§testens bei der dritten Fahrt hat man sich aber daran gew√∂hnt und wundert sich bei der f√ľnften, wie man vorher √ľberhaupt ohne ausgekommen konnte. Und √ľberhaupt: wieso gibt es noch keine schl√ľssellose L√∂sung f√ľrs Tanken?!

Keine Eingew√∂hnungszeit bedarf die Ergonomie der Triumph. Schon die Vorg√§ngerin war beim Thema Landstra√üensitzposition sowie Bedienerfreundlichkeit √ľber jeden Zweifel erhaben und auch die neue gibt sich nicht den Hauch einer Bl√∂√üe. Hier passt einfach alles. Das f√§ngt beim angenehm breiten, perfekt gekr√∂pften Lenker an, setzt sich √ľber den Knieschluss fort und h√∂rt beim optimalen Abstand zwischen Sitz (825 mm Sitzh√∂he) und Rasten nicht auf. Denn es sind die Details, die schon vor Fahrtantritt, sp√§testens auf den ersten Metern dieses angenehme ‚ÄěZu Hause Gef√ľhl‚Äú erm√∂glichen. Da sind die einstellbaren Kupplungs- und Bremshebel, die im Fall des Bremshebels sogar das Justieren des √úbersetzungsverh√§ltnisses zulassen. Da ist das Sitzpolster, das zwar angenehm straff ausf√§llt, dabei aber so ausgelegt ist, dass es auch auf langen Etappen noch den n√∂tigen Komfort bietet. Und da sind die Armaturen, die nicht nur gut zu bedienen, sondern nun auch von innen beleuchtet sind. Nur f√ľr den Fall, dass man doch mal bei Dunkelheit den passenden Schalter sucht. Apropos beleuchtet: wie schon bei der Street Triple machen auch die Doppelscheinwerfer der Speedy einen tollen Job. Kaum ein anderes Motorrad in dieser Klasse leuchtet die Stra√üe so gut aus.¬†

Triumph Speed Triple RS, Modell 2018 Ein Fest der Sinne

Doch das sind nur die Verlockungen des Ersteindrucks. Nimmt man mit der Speedy ordentlich Fahrt auf, zeigt die Neue erst richtig, was f√ľr ein hervorragendes Landstra√üenmotorrad sie tats√§chlich geworden ist. Der 1050 Kubikzentimeter gro√üe Dreizylinder war in der Vorg√§ngerin alles andere als tr√§ge und unkultiviert, was aber nun passiert, wenn man am hervorragend abgestimmten E-Gas dreht, ist vom Allerfeinsten. Schon knapp √ľber Standgasdrehzahl dr√ľckt der Drilling sauber und kr√§ftig an und dreht dabei so schnell Richtung Begrenzer, dass man selbst mit dem obligatorischen Quickshifter kaum mit dem Schalten hinterherkommt. Entscheidet man sich bei niedrigen Drehzahlen f√ľr einen konventionellen Gangwechsel, freut man sich √ľber die leichtg√§ngige Kupplung und das sauber zu schaltende Getriebe.¬†

Cockpit - Triumph Speed Triple RS, Modell 2018 Bemerkenswert ist auch, wie linear, ja fast unspektakul√§r der Motor seine Leistung entfaltet. Dass dieser Eindruck tr√ľgt, merkt man immer dann, wenn die Speedy beim Zwischensprint aus mittleren Drehzahlen das Vorderrad lupft oder beim schnellen Ausscheren mit weit ge√∂ffneten Drosselklappen kurz mit dem Lenker zuckt. Einfach gro√üartig, wie viel Spa√ü die Speedy am Gas macht, auch wenn hier ab und an ein Lenkungsd√§mpfer w√ľnschenswert w√§re. Diesen macht der Klang der RS aber schnell wieder vergessen und verpasst dem Gesamterlebnis Motor noch das akustische i-T√ľpfelchen. Auch die Speed Triple muss nat√ľrlich die Euro4-Regelung einhalten, es ist aber immer wieder beeindruckend, welch lauten und sonoren Sound die beiden Arrow-Endt√∂pfe der Speed Triple RS in die Umgebung entlassen.¬†

Aber nicht nur am Gas ist die Speedy ein Fest f√ľr die Sinne. Auch auf der Bremse bietet sie selbst sensiblen Zeitgenossen keinen Grund zur Beschwerde. Das liegt zum einen an den superben Stoppern aus dem Hause Brembo. Die Kombination aus den radial verschraubten M4.34 Bl√∂cken, den 320er Scheiben und der radialen Bremspumpe lassen auch bei harten Verz√∂gerungsorgien keine W√ľnsche offen.¬†

Einen gro√üen Teil zum formidablen Bremserlebnis tr√§gt aber auch die √Ėhlins NIX 30 Gabel bei. Dank derer Sensibilit√§t kommt es einem selbst mit dem hohen und breiten Lenker der Speed Triple so vor, als h√§tte man nicht den Lenker, sondern direkt die Vorderachse in der Hand. Ein Gef√ľhl, dass man sonst eigentlich nur von Supersportlern kennt. Besonders bemerkenswert: funktionieren sowohl die Gabel als auch das TTX 36 Federbein auf perfektem Asphalt schon sehr gut, √ľberzeugen sie vor allem auf kleinen Nebenstr√§√üchen mit schlechtem Belag. Zwar sind die √Ėhlins-Elemente eher f√ľr den sportlichen Einsatz gedacht, die Grundabstimmung ist aber so gut gelungen, dass sie vor allem bei z√ľgiger Gangart auf schlechtem Untergrund ihre eigentlichen Qualit√§ten zeigen.

Triumph Speed Triple RS, Modell 2018 Nicht leicht, aber leichtf√ľ√üig¬†

Auch beim Fahrverhalten ist es ihre Ausgewogenheit, mit der die Speed Triple gl√§nzen kann. Das RS-Modell ist zwar Dank der Auspuff¬≠-anlage und dem Carbon-Zierrat drei Kilogramm leichter als die Standard-Variante, mit 189 Kilogramm Trockengewicht ist sie f√ľr ein Naked-Bike aber kein absolutes Leichtgewicht. Umso erstaunlicher ist das leichtf√ľ√üige Fahrverhalten der Speedy. Die Triumph winkelt willig ab und verh√§lt sich bis in tiefste Schr√§glage extrem homogen und berechenbar. Vielleicht gibt es etwas agilere Motorr√§der in dieser Klasse, in puncto Stabilit√§t und Neutralit√§t macht der Speed Triple RS aber sicher keine was vor.¬†

Fazit:

Um das eingangs genutzte Zitat wieder aufzugreifen: F√ľr die neue Speed Triple RS und ihre Vorg√§ngerin, die Speed Triple R, m√ľsste man Voltaires Sprichwort eigentlich in ‚Äědas Exzellente ist des sehr Guten Feind‚Äú abwandeln. War die Speed Triple R schon ein hervorragendes Motorrad, so macht die RS ihren Job fast perfekt. Die Speed Triple hat sowohl beim Motor als auch bei der Elektronik noch einmal deutlich zugelegt und l√§sst hier eigentlich keine W√ľnsche offen. Ihre 150 PS, das satte Drehmoment, die homogene Leistungsentfaltung und die hervorragenden Manieren des Motors machen die Speedy zu einem Landstra√üen-Motorrad allererste G√ľte, das den Fahrer fordert, aber nicht √ľberfordert. Dank der Top-Stopper von Brembo, des feinen √Ėhlins-Fahrwerks, des neutralen Handlings und nat√ľrlich der Elektronik ist man mit der Triumph sprichw√∂rtlich in allen Situation Herr der Lage. On Top gibt es noch die gute Verarbeitung sowie die edlen Carbonteile, die der RS eine sehr wertige Anmutung verleihen. Wie gut das alles funktioniert, wurde mir in gedankenverlorenen Momenten bewusst. So ertappte ich mich in kurzen Fahrpausen oder an der Ampel immer wieder dabei, wie ich der Speedy seelig grinsend den Tank streichelte und mit den Fingern sanft √ľber den Triumph-Schriftzug glitt.

Das alles hat nat√ľrlich seinen Preis. Wer das supersportliche Gesamtpaket der RS will, liegt mit Anschaffungskosten ab 16.150 ‚ā¨ tats√§chlich schon fast auf dem supersportlichen Niveau aktueller Superbikes. Wer ein sportliches Landstra√üenmotorrad mit Alltagsqualit√§ten sucht, wird nach einer Probefahrt aber nicht mehr lange √ľberlegen.