Triumph Scrambler Mod. 2006

Triumph Scrambler (Mod. 2006)

aus bma 06/06

von Marcus Lacroix

Triumph Scrambler Mod. 2006 Die Zeiten ändern sich – ist schon klar. Ständig kommt etwas Neues, verdrängt das Alte. Das Stillstand Rückschritt ist, wird einem schon recht früh weisgemacht und wir werden von dem Zug namens Fortschritt haltlos immer weitergerissen. Inzwischen, so kommt es einem oft vor, mit einem Tempo, das einen kaum noch Zeit zum Luftholen lässt, geschweige denn Zeit darüber nachzudenken, ob die Fahrtrichtung noch stimmt.
Dies soll kein Plädoyer gegen Forschung und Fortschritt sein. Es kommen schließlich auch interessante Produkte auf den Markt, manchmal sogar welche, die das Leben tatsächlich bereichern. Aber wo bleiben die einfachen Dinge, die man auch ohne Studium noch versteht, die einfach nur funktionieren? Die Dinge, die sich einem intuitiv erschließen und deren gebotenen Leistungsumfang man auch nutzt. Die einen nicht durch ihre Perfektion erschlagen, einen selbst klein machen und einem das Gefühl geben, Sklave der Technik zu sein statt deren Meister.

 

Sicher ist es für eine Firma kaum möglich Produkt xyz auf einem für die Praxis ausreichenden technischen Stand einzufrieren. Die Masse der Kunden würde wahrscheinlich das vermeindlich bessere, weil unfangreicher ausgestattete Produkt des Mitbewerbers kaufen, egal ob es für einen persönlich Sinn macht oder nicht. Allein die Angst vor dem Verlust des Kunden zwingt einen Hersteller also in den Innovationskreislauf. Das man zweidrittel der gebotenen Handyfunktionen nie nutzt, sich über die defekte Elektrik im Auto mehr ärgert als über das Fehlen von Elektro-Gimmicks und das ein aktuelles Sportmotorrad auf der Landstraße eher an „Perlen für die Säue” erinnert, spielt da keine Rolle. Umso erfreulicher ist es da, wenn eine Firma einem durch eine entsprechende Modellpalette die Chance gibt, die ganz persönliche Notbremse zu ziehen und aus dem Zug auszusteigen.
Eine solche Notbremse überließ uns Triumph-Vertragshändler Udo Kölle vom Motorradhaus Lohrig & Kölle (Telefon 04242/ 920310) aus Syke an zwei sonnigen Tagen im Mai.
Natürlich hat Triumph für diejenigen, die keinen Sinn im Innehalten sehen, mit der Daytona, der Sprint ST oder der Speed Triple fortschrittliche Eisen im Feuer. Da es aber scheinbar genug Menschen gibt die sich nach einem Zwischen-Halt sehnen, kann sich die Riege der „einfachen” Brit-Bikes durchaus sehen lassen.
Schon die Triumph Thruxton zauberte uns 2004 ein breites Grinsen ins Gesicht. Der Retro-Style faszinierte und beruhigte die vom Fortschritt gepeinigten Nerven. Ihr zur Seite stehen die America, die Speedmaster, die Bonneville, die Bonneville T 100 und als neueste Kreation die Scrambler, um die es hier geht.
Triumph Scrambler Mod. 2006 Scrambler sind quasi die Ahnen der Enduros. Damals, so etwa Mitte des letzten Jahrhundert des letzten Jahrtausend scrambelte (engl.: to scramble = klettern, krabbeln) man mit leicht modifizierten Straßenmotorrädern durch’s Gelände. Die Wettbewerbe beinhalteten meist eine Mischung aus langsamen und schnellen Geländepassagen, die mit den heutigen MotoCross Veranstaltungen mit ihren extremen Sprüngen nichts zu tun hatten. Mindestens genauso viel Spaß haben SixDays & Co. aber sicher auch gemacht. In den 60er Jahren konnte man Scrambler bereit „von der Stange” kaufen, mit Erscheinen der stärker spezialisierten Enduros starben sie dann aber aus.
Die Triumph Scrambler des Jahres 2006 nimmt optisch perfekt Anleihe am Design der original Scrambler. Wer auf den Retro-Style steht (wie der Autor), verliebt sich spontan in die Maschine. Reaktionen Nicht-Retro-Style-Verliebter (wie die Setzerin) führen wir an dieser Stelle lieber nicht weiter aus.
Der 865 ccm Motor treibt in anderer Abstimmung auch die anderen sogenannten „Modern Classics” aus dem Hause Triumph an. Ob der Zweizylinder wie in der Scrambler 270 Grad Hubzapfenversatz hat oder deren 360 in der Thruxton und der Bonneville, interessiert wahrscheinlich niemanden wirklich – wer macht sich schon Gedanken darüber, was für ein Zapfen das überhaupt ist. Dem entsprechend sind die meisten Scrambler Leistungsdaten und Messwerte höchstens auf dem Papier interessant. Ob die Maschine ein paar Kilos mehr oder weniger wiegt, die Bremsscheiben ein paar Millimeter größer oder kleiner sind und ob der Rahmen nun aus Stahl oder Alu ist – wer will das wirklich wissen?
Triumph Scrambler Mod. 2006 Eingehen könnte man eventuell auf das 19 Zoll große Vorderrad, das in Verbindung mit 105 Millimeter Nachlauf beim Landstraßensurfen für ein beruhigend unkompliziertes Handling sorgt, beim Abbiegen und in engen Kehren dafür eher an einen Chopper erinnert und so etwas mehr Konzentration erfordert. Interessant könnte auch die Tatsache sein, das die scheinbar mageren 54 PS auf dem Papier mit den in der Praxis gefühlten Pferdestärken rein gar nichts zu tun haben. Der sanft an’s Werk gehende Motor beschleunigt die Scrambler überraschend zügig, wie man beim Gasaufziehen mit Blick auf den hübschen Tacho erstaunt feststellt. Den Blick auf die wenigen Kontrollleuchten kann man sich hingegen sparen – zumindest wenn die Sonne darauf scheint, denn dann sieht man eh nichts.
Wie wenig sich die Scrambler – nach heutigen Maßstäben – für den Geländeeinsatz eignet erfährt man beim ersten ambitionierten Abstecher in die Sandgrube. Das leichte Geländeprofil der Reifen sorgt zwar für eine ganz ordentliche Traktion und auch die endurotypische Lenkstange vermittelt Vertrauen, die geringe Bodenfreiheit, die für’s Gelände zu lange Endübersetzung und das realtiv hohe Fahrzeuggewicht ersticken sportliches Engagement allerdings schon im Keim.
OK, der Sandgruben-Einsatz war auch eher spaßig gedacht und niemand wird der Scrambler diese Schwäche übel nehmen. Erstaunlich gute Nehmerqualitäten beweist die Triumph dafür auf trockenen Wald- und Wiesenwegen. Fein geschotterte Passagen mit 80 km/h zu durchpflügen, eine Staubfahne hinter sich herzuziehen und gelegentliche Minidrifts wird für die meisten Käufer mehr als genug Geländesport sein und das steckt die Scrambler locker weg.
Zuhause ist die Triumph Scrambler erwartungsgemäß auf der Landstraße. Die aufrechte Sitzposition hinter dem breiten Lenker beschränkt die echte Wohlfühl-Vmax je nach Windrichtung auf etwa 110 km/h. Auf Langstrecken-Autobahnetappen, z.B. mal auf ein Pint nach Brighton, hält man – am besten mit einem Tankrucksack vor’m Bauch und den Füßen auf den hinteren Rasten – auch 130 km/h permanent durch. Die Endgeschwindigkeit ist indes so uninteressant, das sie nicht einmal im Triumph-Prospekt aufgeführt ist.
Triumph Scrambler Mod. 2006 Bei vorwiegend ruhiger, in den Kurven eher zügiger Landstraßenfahrt, nuckelten die beiden Vergaser (ja, es geht auch heute noch ohne Einspritzanlage) übrigens nur 4,4 Liter je 100 Kilometer aus dem 16,6 Liter-Tank. Ein höherer Verbrauch ist sicher problemlos möglich, meist aber wohl nicht nötig. Eine komplette Tankfüllung wird man selten am Stück verfahren, auch wenn die etwas weich gepolsterte Sitzbank dies zulassen würde. Pausen machen dafür einfach zu viel Spaß. Während sich nach einem aktuellen Supersportler nur noch Insider umdrehen, spricht die Scrambler ein breites Publikum an. Hingucker ist dabei ganz klar die bildschöne, hochgelegte 2in2-Auspuffanlage. Diese lässt einen speziell im Stadtverkehr auch spüren, dass ein Verbrennungsmotor seinen Namen zu Recht trägt. Chromblenden schützen glücklicherweise die rechten Oberschenkel von Fahrer und Sozius. Und das die Anlage mit U-Kat aus dem Vollen geschnitzt wurde, spürt man beim freihändigen Fahren, denn dann zieht die Scrambler nach rechts. Aber mal ehrlich: who cares?
Who cares (wen kümmert’s) ist sowieso ein gutes Motto für die Scrambler. Man lernt mit kleinen Schwächen zu leben, sie zu akzeptieren, lernt das gerade sie es sind, die ein Stück Technik liebenswert und nicht austauschbar machen. Warum haben wir damals eigentlich nach Chokehebeln gerufen, die vom Lenker aus zu bedienen sind? Geht doch auch so. Und wer hat etwas gegen Benzinhähne? Da weiß man wann die Reserve wirklich anfängt und ist keinem Lämpchen ausgeliefert.
Mit der Scrambler kann man für jedermann ganz klar erkennbar darstellen, das man es geschafft hat – geschafft aus dem Zug auszusteigen. Man hat es gewagt die Notbremse zu ziehen, um sich auf ursprünglichen Spaß ohne Leistungsdruck zu besinnen! Klingt wie Gelaber aus dem Prospekt? Mag sein, ist es aber wirklich nicht und wie bei jedem unserer subjektiven Fahrberichte ist es auch hier das Beste, sich ein eigenes Bild zu schaffen. Ein freundlicher Triumph-Vertragshändler hilft sicher gerne – schaut einfach hinten im bma in’s Telefonverzeichnis.
Die Scrambler gibt es in blau/weiß und rot/weiß, sie kostet knapp neun Riesen und kommt mit zwei Jahren Garantie ohne Kilometerbeschränkung. Und wer den Retro-Style voll ausleben will, findet bei Triumph eine Menge passendes Zubehör und schicke Bekleidung.

 

 

 


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