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Triumph Bonneville (Mod. 2000)

aus bma 4/01

Fotos/Text : Stephan Angler

Endlich ist sie da. Wieso da? Ist doch schon mal dagewesen! Aber anders und nicht wie früher. Oft gehörte Kommentare im Triumph- Motorradgeschäft. Kontrovers geht’s hier zu, die Diskussion um Original und Kopie. Verwunderlich ist aber der Umstand, dass sicherlich früher viele Motorradfahrer gern ein Motorrad von diesem heutigen Qualitätsstand ihr Eigen genannt hätten. Alter Name, gute klassische Optik und moderne Technik, ist doch toll. Schwierigkeiten haben oft nur die alten ewig Gestrigen und Originalitätsfanatiker.
Endlich ist sie da und es ist gut, dass Sie so gekommen ist, wie sie ist. Wer? Die neue Bonnie, Triumph Bonneville. Über Details lässt sich gefällig streiten und allen verschiedenen Motorradfans kann man es eh nicht recht machen. Es ist dem britischen Motorradhersteller Triumph hoch anzurechnen, auch ein Fahrzeug gegen den Trend schneller, höher, leichter auf den mittlerweile sehr umfangreichen Modellmarkt gebracht zu haben, und es ist ihnen zu wünschen, Erfolg damit zu haben. Klassiker mit moderater Motorleistung sind nicht dazu geschaffen, Zulassungsrekorde zu bringen.
Ein schlichtes, gutes Motorrad ist es geworden – und hübsch anzusehen ist die neue Triumph Bonneville zudem auch noch. Spät kam die Bonnie auf den Markt. Kawasaki war den Briten etwas voraus und hatte mit der W650 schon viele Fans der traditionellen Linie für sich gewinnen können. Viele Gerüchte gab es vor der Präsentation. Dann endlich, nach vielen Spekulationen, wurde das neue „Alte” Motorrad auf der Intermot 2000 präsentiert und ein Aufschrei ging durch die Fangemeinde. Viel Kritik an Optik, Linie, Motorleistung und überhaupt wurde laut. Viele meckerten, wussten es besser – nur keiner hatte sie gefahren. Alle „Fachleute“ waren wieder schlauer.

 

Spät in der 2000er Saison kam die Bonnie zu den Händlern und nur wenige hatten die Chance, das Fahrzeug Probe zu fahren. Dank der ersten zarten Sonnentage hatten wir die Möglichkeit, eines dieser Exemplare der Bonnies auf dem noch kalten Asphalt der norddeutschen Heidelandschaft zu testen. Die Vorschusslorbeeren aber auch die Erwartungen, waren hoch. Alles musste so sein wie früher – nur besser. Die Bonnie 2000 ist ein ganz normales und modernes Motorrad. Das macht sich spätestens dann akustisch bemerkbar, wenn der 800 ccm Motor gestartet wird. Zündschloss an der Lampenseite im Lampenhalter integriert und separates Lenkradschloss sind sehr unpraktisch und billig gemacht, das haben wir schon besser gelöst gesehen. Klassische Anleihen sind ganz schön, aber ob sie immer praktisch sind, sei dahingestellt.
Benzinhahn auf, Choke links am Vergaser betätigt, und auf den Elektrostarter gedrückt: läuft der Motor oder läuft er nicht? Große Enttäuschung macht sich breit. Die Bonneville ist sehr modern geraten und hält sich rein subjektiv sehr an die Geräuschvorschriften. Eine Yamaha SR 125 klingt auch nicht kerniger. Nun, primär sollte ein Motorrad fahren und Spaß machen, also aufgesessen und los.
Klappt prima. Flache, straffe Sitzbank und alle wichtigen Instrumente und Hebel in Reichweite. Leicht wirkt sie, das Leergewicht von knapp über 200 kg bestätigt den ersten Eindruck, die Fußrasten stören ein wenig den sicheren Stand, sind irgendwie immer im Weg, aber nach ein paar Metern gibt es nicht mehr viel am Handling und am Fahrverhalten zu kritisieren. Etwas ungewohnt ist der leicht schwerfällige Eindruck beim Lenken. Das gibt sich mit zunehmender Geschwindigkeit, und beim Wenden auf engen Straßen macht das Motorrad einen prima ausbalancierten Eindruck.
Leider stimmt das optische Gleichgewicht beim Cockpit nicht – da hat sicherlich der Rotstift wieder ein Wörtchen mitzureden gehabt. Einen Drehzahlmesser sucht der Bonnietreiber vergeblich und somit gestaltet sich die Warmlaufphase etwas länger und mit Gefühl.
Mit zunehmender Motordrehzahl ändert sich auch der zurückhaltende Sound und die Bonnie brummt zügig voran. Wahre Leistungsspitzen sind nicht vorhanden. Mangels Drehzahlmesser wird nach Gefühl und sich ankündigenden Vibrationen geschaltet. Ja, auch Vibrationen hat der Motor der Bonnie zu bieten. Trotz zweier Ausgleichswellen treten diese zwar erst bei höheren Drehzahlen auf und sind an sich nicht lästig. Der Motor zieht schön und gleichmäßig auch aus unteren Drehzahlen heraus nach oben; der angenehmste Geschwindigkeitsbereich liegt zwischen 100 bis 130 km/h.
Eigentlich kann trotz der nur 60 vorhandenen Pferdestärken fast alles im fünften Gang erledigt werden. Zum Überholen bitte einmal runterschalten – besser ist das. Keep cool – es kommt kein Stress auf. Sonor brummt der Motor vor sich hin und siehe da, Bremspunkte müssen nicht auf der letzten Rille ertastet werden und Beschleunigungsrekorde wollen auch nicht gebrochen werden. Alles geht plötzlich relaxter, und ich entdecke Dinge am Straßenrand, die ich vorher noch nie wahrgenommen habe – ich war wohl immer etwas hektisch unterwegs?!
Der Motor ist ein Kurzhuber und stellt im unteren und mittleren Drehzahlbereich seine Leistung eher unspektakulär zur Schau, erst kurz vor dem Ende des Drehzahlbandes erfühlt man eine kleine Leistungsspitze. Der Schlag eines langhubigen Klassikers bleibt jedenfalls aus. Statt dessen macht es Spaß, mit dem spurstabilen Fahrwerk schön durch die engen Kurven zu zirkeln. Landstraßen – kurvig, auch gern uneben sollte der Untergrund sein. Der Stahlrohrdoppelschleifenrahmen ist sehr stabil, die Stahlrohrschwinge führt das Hinterrad sicher. Vorn verrichtet eine konventionelle 43mm Telegabel unauffällig ihren Dienst. Der Federungskomfort ist als sehr sportlich und straff zu bezeichnen. Zusammen mit der dünn und flach gepolsterten Sitzbank ist bei längeren Touren öfter mal eine Pause für Pilot und Sozia einzuplanen. Sollte auch mal zu zweit spät gebremst werden müssen, bitte schön: kein Problem! Vorn eine zeitgemäße Scheibenbremse mit 310 mm Durchmesser und Doppelkolbenzange und hinten 255 mm, ebenfalls mit Doppelkolbenzange, bringen die Triumph aus jeder Geschwindigkeit sicher zum Stehen. Ca. 180 km/h stehen auf dem Tacho bei Topspeed, die Drehzahl kann nur geschätzt werden. Schade, dass so kleine Details den guten Gesamteindruck ein wenig stören.
Trotz aller klassischen Anleihen bei ihrem Vorgänger sollte die neue Triumph Bonneville als modernes und eigenständiges Motorrad gesehen werden. Optische Vergleiche mit der alten Bonnie sind sicherlich angebracht – nur das praktischere Motorrad ist die „Neue” allemal. Sehr gute Verarbeitung an Lack und Chrom, gute Detaillösungen, wie z. B. der versteckt angebrachte Ölkühler zwischen den vorderen Rahmenrohren, das sehr gut zu schaltende Getriebe, gute Bremsen und eine sehr harmonische Leistungsentfaltung machen dieses Motorrad zu einer stressfreien Alternative für denjenigen, der nicht jedem modernen Trend hinterher läuft und immer schneller, höher und leichter mit dem Motorrad unterwegs sein will. Für diejenigen unter den Fans dieser Motorräder hat Triumph auch für die Bonnie ein umfangreiches Zubehörprogramm zu bieten. So ist u. a. ein praktischer Hauptständer, ein Windschild und verschiedene Sitzbänke, Lederkoffer und viel Chromzubehör im Programm. Und alle die, die mit dem Sound nicht zufrieden sind, müssen auch nicht darben. Es gibt Schalldämpfer mit einem schönen, dumpfen Zweizylindersound – leider „not for road use”, steht aber sehr versteckt drauf und fällt nicht wirklich auf. Bleibt nun für jeden Klassikfan selbst zu entscheiden, was er möchte, als Alternative im Triumph-Programm gibt es da sozusagen als Konkurrenz im eigenen Haus noch die Thunderbird 900 mit einem hubraumstarken Dreizylinder und etwas mehr Leistung. So ist für jeden etwas dabei.
Allen, die sich für ein schönes Motorrad interessieren, sei noch auf die Probefahrt mitgegeben: das Alte war gestern und hört nicht darauf, was die Anderen sagen; die besten Kapitäne stehen nämlich auf dem Deich…
Macht Euch selbst einen Eindruck beim nächsten Triumph-Händler. Viel Spaß.

 

 

 


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