Südfrankreich war das Ziel …
aus Kradblatt 10/25 von Mathias Haake
Die Simson S51 ist das Moped meiner Jugend. Wie vielen „Dorfis“ wurde auch mir auf dieser DDR-Koryphäe das Schotterweg-Reisen beigebracht. Unzählige Erkundungstouren in die mecklenburgischen Wälder und erste Schraubversuche verbinden mich mit ihr. Leider musste ich mich aufgrund meines studienbedingten Umzugs von ihr trennen. Ein Trauerspiel.

Aber jetzt, im Mai 2024, eine unerwartete Gelegenheit: Wir wandern aus, nach Südfrankreich. Und meine Frau erbt den schlummernden rostig-grünen Scheunenfund ihres Großvaters – eine S51-B von 1984. Das Umzugsunternehmen schließt motorisierte Fahrzeuge aus und somit liegt die Idee auf der Hand: Ich fahre sie einfach selbst in den Süden! Warum nicht? Von Hamburg nach Toulouse sind es etwa 2000 km, das ergibt zehn Fahrtage mit täglich fünf Stunden Fahrzeit und bei 15 Tagen Urlaub und Anreiseaufwänden etwa zwei Tage Puffer. Somit ist das Projekt geboren: „La Grande Tournée de Simmi“

Wie jeder Familienzuwachs erhält sie einen Namen: „Cordula“. Anschließend kommt sie zur Behandlung beim Hamburger „Schwalbendoktor“, denn mir fehlt die Zeit, mich selbst auf die Fehlersuche zu begeben. Ich lerne Holger (der hinter dem Geschäftsnamen steckt) als einen sympathischen Schrauber kennen und berichte von meinem Vorhaben. Er lacht und kratzt sich zeitgleich an der Stirn, aber ich treffe seinen Nerv und wir schlagen über dem Plan ein, nur das technisch notwendige zu erledigen: Motorüberholung, VAPE-Zündung einbauen, Bremsen- und Reifenwechsel, Vergaser. „Das müsste klappen“, denke ich an diesem Apriltag, verlasse seine Werkstatt, wandere im Mai nach Südfrankreich aus und plane von dort aus grob die Tour. Mitte August fliege ich mit zwei Fahrradtaschen, Zeltzeug und einer soliden Ersatzteile-Sammlung (im Wesentlichen Zündkerzen, Reifenheber, Kette) wieder nach Hamburg.
Zwei Tage später kicke ich Cordula zum ersten Mal seit wahrscheinlich 10 Jahren in Elmshorn an. Es braucht nur drei Tritte und ich denke zufrieden an Holger: er hat es geschafft – sie läuft. Die Probetouren laufen rund und so rödele ich das Moped „bis unters Dach voll“, um uns startklar zu machen. Für Getriebe- und Motoröl knote ich mir einen Fahrradkorb an den Gepäckträger.

Völlig unnötig, aber aufgrund moralischer Verpflichtungen streife ich mir das Geschenk meiner Freunde über: eine Kutte, mit der ein S51-Fahrer nicht die Öffentlichkeit reizen sollte. Passend dazu kommen ein orangefarbener Helm mit Racing-Streifen und eine verspiegelte Sonnenbrille, die ich innerhalb der nächsten zwei Wochen nicht abzunehmen plane. Selbstironie soll mir helfen zu vergessen, dass 50 Stunden reine Fahrzeit vor mir liegen.
Die Reise startet planmäßig und ich stehe an der ersten Ampel neben einem Polizeiwagen, dessen Offizielle mich nur mitleidig anlächeln. „Für lange Kontrollen hätte ich jetzt eh keine Zeit, jedenfalls nicht bei Kilometer 3“, denke ich und tuckere zur Fähre nach Glückstadt.
Der erste Tag läuft super, ich lasse mich durch Niedersachsen treiben und genieße die Deicheinfriedungen im Elbe-Marschland, das weiße Fachwerk und die niedlichen Obsthöfe im Alten Land.
Planmäßig komme ich bei Freunden im Bremer Umland an – 180 km sind geschafft – nicht schlecht. Wir genießen einen Grillabend auf ihrem Pferdehof und grooven uns gemeinsam in Urlaubsstimmung.
Tag 2 und 18 km hinter der Idylle: Cordula „säuft“ bei Vollgas im vierten Gang ab, im ersten kommt sie nicht vom Fleck. Ich bleibe liegen. Sehr gut, die Problemchen gehen also doch früher los als gedacht. Ich hänge an einem Feldweg fest und stelle das Luft-Benzin-Gemisch neu ein, reinige die Düsen des Vergasers, hänge die Teillastnadel um, teste, saufe ab, baue um, teste, saufe ab … War es das jetzt schon? Auf jeden Fall komme ich hier nicht weiter und brauche besseres Werkzeug: Ich vermute Spritnachlauf-Probleme, die Zündung schließe ich fingerkreuzend aus. Verzweifelt rufe ich Tim an, mit dem ich abends zuvor die Bratwurst genossen hatte. Er eilt herbei und lädt mich und Cordula in seinen Transporter. Und da sind wir wieder: auf dem Pferdehof.
Den nächsten Morgen starte ich in der Werkstatt, wo ich die Schwimmereinstellung des Vergasers korrigiere, die Teillastnadel umhänge und alle Düsen reinige. Außerdem kommen mir Tims Vater, Opa und dessen Freund zur Hilfe – einer dieser Momente, wo man den wahren Wert von Freundschaft feststellt. Hier auf dem Land wird sich geholfen, ähnliche Gemüter ziehen sich an.

Wir reinigen den Luftfilter und testen erneut – keine Besserung. Zu fünft stehen wir fragend um das Moped und dann das: Opa fasst im Standgas hinter den Auspuff und zweifelt. So wenig Gegendruck? Sofort schraube ich das Rohr ab und wir entdecken Kohle aus 40 Jahren Mopedleben. Eine wahre „Smoking Gun“ für das Problem – wir brennen ihn frei und zum Sonnenuntergang rennt Cordula wieder. Darauf ein Haake-Beck!

Ich plane um und nehme Bundesstraßen ins Visier, nachdem mein erster Puffertag konsumiert ist. Den Kreuzschlitz-Schraubenzieher für die Gemischschraube packe ich locker in die Jacke, hin und wieder zücke ich ihn an einer Ampel, feile am stöchiometrischen Optimum. Trotzdem stirbt Cordula nach langen Vollgasfahrten bergauf ab. Damit kann ich umgehen, bestelle mir aber trotzdem einen Satz Vergaser-Kleinteile zu Freunden in den Schwarzwald.
Tag 4 und mein Vertrauen in Cordula wächst. Wir lernen uns je nach Fahrzustand besser kennen. Ich schaffe es bis nach Naumburg/Hessen und notiere in mein Reisetagebuch: „ausgiebig warm fahren; eher hochtourig; berghoch auf Gas achten und bergrunter auf Leerlauf verzichten; Gemisch optimierbar“, bevor ich mit einem Steakteller auf dem idyllischen Campingplatz selig werde. Am nächsten Morgen mache ich Bekanntschaft mit dem „Speichenspanner“, der in einem chinesischen, auf E-Antrieb umgebauten Pritschenwagen vom Bodensee nach Lippe treidelt. Wir sind uns sympathisch, teilen wir doch dieselbe Lebensfreude, tauschen Kontakte aus und verabreden uns in Südfrankreich.
Ich treffe unterwegs Simson-Liebhaber, die mich zum Mopedtreffen einladen, werde in dörflichen Mofa-Gangs eskortiert und halte Schwätzchen in unterschiedlichen Dialekten. Deutschland ist wunderbar vielfältig. Tatsächlich rolle ich im Laufe des Tages in Bayern ein und gönne mir etwas Handgebackenes in einem typischen Dorfkiosk. Hier treffe ich das Oldenburger Bikerpärchen, die mir erklären, warum man mich Hubraum-Winzling auf der Straße nicht grüße. Wir schwatzen in der Sonne und sie setzen den Funken, Marcus vom Kradblatt anzuschreiben (Vielen herzlichen Dank an dieser Stelle sowohl dem netten Pärchen als auch dem Kradblatt, diese kleine Erzählung mit euch zu teilen).

Das Bremen-Desaster hat mich und Cordula resilient gemacht und so gibt es ab sofort im Verhältnis dazu nur Problemchen. Mehr Zeit für prophylaktische Statistiken wie dem Verbrauch: 2 Liter/100km – „Warum so wenig?“ und Routine-Checks: Die rehbraune Farbe der Zündkerze gefällt mir gut, die Ölverluste an der Kickstarterwelle eher weniger.

An Tag 6 treffe ich im Odenwald ein und frage spontan im Sportflugverein nach einem Gastflug. Die Schönheit an dieser Art zu reisen ist die Zugänglichkeit: Man ist langsam. Man ist allein. Man hat keine Eile. Man ist kontaktfreudig. So funktioniert es auch hier und eine halbe Stunde später kreise ich mit Karl-Heinz über Heidelberg – ein wunderbares Intermezzo bei prallem Sonnenschein und 31 °C.
Nachteile dieser Art zu reisen: Man ist nie pannensicher und immer das schwächste Glied im Blechstrom der Straße: So fällt mir mal die Glühbirne in der Dämmerung aus oder ich werde fast vom 40-Tonner überrollt. Außerdem schmerzt mein Rücken von der Affe-auf-dem-Schleifstein-Haltung. Und am Ende des Tages habe ich einen Bärenhunger auf fettiges Essen und enormen Bierdurst – vom Nichtstun.
Ist das auf Dauer mein Ding? Erste Zweifel kommen mir im Schwarzwald. Einerseits ist die Zeit einzigartig, andererseits stehe ich ständig unter Stress. Und was wird passieren, nachdem ich es wirklich nach Toulouse geschafft habe? Ich müsste größere Wartungen vornehmen und die Zeit der Cordulapflege gegen die Zeit der Auskundschaftung unseres neuen Zuhauses aufwiegen, da meine Frau nicht an Mopedausflügen interessiert wäre und unser Hund schon gar nicht. Ich werde philosophisch, habe ja genug Zeit auf der Straße und stelle das weitere Unterfangen in Frage. Und das, obwohl ich es jetzt bereits bis zu meinem Mittelziel in den Breisgau zu weiteren Freunden geschafft habe.
Eine schlaflose Nacht und Pro-Contra-Liste später entscheide ich mich – unerwartet für viele meiner Freunde – für den Verkauf. Hier und jetzt, bevor ich in Frankreich einfahre. Ist das unmoralisch? Vielleicht. Andererseits bin ich erleichtert, dass ich im schönsten Moment aufhöre. Und so biete ich sie nicht ganz sorgenfrei auf dem digitalen Marktplatz an: gut eingestellt, fahrerprobt, mit leichter Anfälligkeit in der Vergasung.

Und dann kommt es erneut unerwartet: Mein Bruder „veto’t“ beim Anblick der Annonce und kauft sie. Ich muss lachen. Sie geht dahin zurück, wo sie herkommt: nach Norddeutschland. Ich organisiere den Transport mit Hilfe eines weiteren Freundes, baue eine Palette aus Sperrmüll und eine Woche später kommt sie in Kiel an.
Für mich selbst geht es auf dem Schienenweg zurück an die Garonne und so wuchte ich mich mit all dem Gepäck in Freiburg in den TGV. Ich sinniere zufrieden über die Tour und meine Freunde, während die französischen Landschaften an mir vorbeirauschen. Und beim Gedanken an Cordula freue ich mich auf eine nächste gemütliche Runde an der Ostsee.
PS: Den Artikel mit mehr Bildern findet ihr in KRADblatt Ausgabe 10/25.

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