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Suzuki SV 650 S (Bj. 1999)

aus bma 7/00

von Rüdiger Wentzel

Nachdem ich vor einigen Jahren schon mal über meine Erfahrungen mit meiner Yamaha GTS 1000 A (hab’ ich immer noch!) berichtete, möchte ich nun über die vergangene Saison mit meinem neuen „Spielmobil” Suzuki SV 650 S erzählen.
Nach etlichen Jahren, in denen ich nur schwerfällige „Eisenhaufen” bewegte (z. B. TR 1, XS 1100, Vmax, GTS 1000), keimte in mir die Erkenntnis, dass es auch noch etwas anderes gibt – nämlich leichte und handliche Geräte, mit denen man auf kleinen, kurvigen Strecken Kreise um die Boliden drehen kann. Und so begab ich mich auf die Suche. Es sollte also leicht und flink (und natürlich nicht zu teuer) sein und nicht mehr als zwei Zylinder haben. Außerdem sollte es etwas sein, was nicht an jeder Ecke steht.
Die erste „Kontaktaufnahme” erfolgte im Herbst ‘98 auf einer der zahlreichen Motorradmessen: gesehen, drum ‘rum gelaufen, davor auf die Knie gefallen … und nicht mehr davon losgekommen! Von Anfang an hat mich die verkleidete „S”-Version deutlich mehr angesprochen als die Nackte – es war einfach „mehr” Motorrad. Als Farbe kam für mich nur Gelb in Frage.
Also: über Winter den Bazillus reifen lassen, das Weibchen weichgekocht (um Mecker vorzubeugen) und schließlich ab Februar ‘99 die Händler der Umgebung abgeklappert bis endlich im März die ersten Vorführmaschinen für eine Probefahrt bereit standen. Das Probesitzen auf der Messe war schon recht positiv (immerhin beträgt meine Körperlänge 192 cm) und die Probefahrt hat mich dann vollends überzeugt: her mit dem Teil, aber in der „S”-Version und mit härter abgestimmter Telegabel (ab Werk ist sie viel zu weich und leider nicht einstellbar!).

 

Der Kauf ging dann recht schnell und unkompliziert über die Bühne: ein Händler hatte gerade eine „S” in Gelb im Laden und die Konditionen stimmten auch, die Gabel wollte er vor Auslieferung noch modifizieren. Also Vertrag unterschrieben, nach Hause gefahren, vier Tage nägelkauend gewartet und schließlich angemeldet (mit Wunschkennzeichen) abgeholt. Die Gabelabstimmung stimmte auch – es wurde ein zäheres Gabelöl eingefüllt und die Menge etwas erhöht.
Das war am 11. März ‘99. Inzwischen hat die Suzi 9500 Kilometer auf dem Tacho. Was ist in der Zwischenzeit so passiert? Zuerst einmal muss ich der SV absolute Zuverlässigkeit bescheinigen. Es gab keinerlei Ausfälle, Defekte oder andere Unannehmlichkeiten. Die Einfahrvorschrift hatte ich so einigermaßen eingehalten, obwohl es schon sehr nervig ist, mit maximal 100 km/h bei 5000 U/min im 6. Gang 800 Kilometer zu fahren. Bei 1000 km war der erste Kundendienst fällig (230 DM), bis 1600 km sind 8000 U/min erlaubt und dann durfte der Motor endlich voll ausgewrungen werden: 10.500 U/min sind für einen V2 schon ganz beachtlich, und dieser Wert wird auch spielend und ohne nennenswerte Vibrationen erreicht. Erst im 6. Gang geht ihm bei ca. 9500 U/min die Luft aus, was sicherlich an meiner Größe liegt. Obwohl der Motor in jedem Gang ab 2000 U/min sauber ohne Ruckeln hochdreht, geht es doch erst ab 4500 U/min richtig voran und ab 7000 U/min rennt er richtig los. Kaum zu glauben, zu was so ein kleiner 650 ccm-Zweizylinder mit nominell 70 PS imstande ist! Des Rätsels Lösung ist niedriges Gewicht (189 kg vollgetankt), dazu ein sehr stabiles Fahrwerk und gute Bremsen (Stoppies = kein Problem).
Der Verbrauch liegt bei eigentlich immer sehr „zügiger” Fahrweise bei 5,5 l Normal auf 100 km. Mit dem 16 Liter-Tank sind ca. 230 km bis zum Aufleuchten der Reserve-Warnleuchte möglich, dann sind noch vier Liter im Tank. Also allemal ausreichend um die nächste Tanke zu erreichen, ohne schleichen zu müssen.
Im Mai ‘99 folgte der erste kleine Umbau: die flache Original-Verkleidungscheibe wurde durch eine MRA-Spoilerscheibe ersetzt. Sie ist passgenau, leicht zu montieren und bringt bis Tempo 160 eine ordentliche Winddruck-Entlastung. Bei kleineren Fahrern wird sie sicherlich auch darüber hinaus den Winddruck reduzieren und evtl. eine höhere Topspeed ermöglichen.
Die von mir vermisste Zeituhr habe ich mittels „Fahrradtacho” (Sigma Sport) nachgerüstet. Dieses billige Zubehörteil entlarvte auch – nach sorgfältiger Justierung – den ebenfalls elektronischen Originaltacho als ausgemachten Lügner: bis ca. 90 km/h noch einigermaßen akkurat, eilt er darüber hinaus dreist vor. Bei 200 km/h zeigt der Fahrradtacho nur 187 an! Naja, die Wirklichkeit liegt wohl irgendwo dazwischen. Die Höchstgeschwindigkeit ist mir aber auch ziemlich egal. Zum Autobahnbrennen taugt sie eh’ nicht, dafür gibt es andere Bikes (ich nehm’ für die BAB lieber meine gute alte GTS 1000).
Die für meinen Geschmack viel zu großen Blinker habe ich durch Miniblinker im Carbon-Look ersetzt. Durch Hinterlegen der kleinen Halogen-Glühbirnchen mit Alufolie konnte die Leuchtstärke der Funzeln auf ein normales Niveau verbessert werden.
Im Juli hatte ich schließlich das „Püffeln” des Original-Schalldämpfers satt und montierte einen IXIL Carbon-Look-Dämpfer mit ABE. Das hätte ich mir schenken können! Die sehr gut verarbeitete Original-Edelstahlanlage musste vor dem Dämpfer abgesägt werden (wegen einteilig). Der IXIL-Topf ist zwar auch sehr gut verarbeitet und passgenau, aber genauso schwer und leise wie das Original. So hat sich also nur die Optik etwas verändert. Zum Glück hat die Motorleistung nicht darunter gelitten, es hat sich in keinem Drehzahlbereich etwas geändert. Ein ABE-Auspuff erzeugt zwar ein gutes Gewissen, aber für die (meine) Ohren ist er eine Beleidigung.
Im Internet unter www.SV650.org (sehr zu empfehlen) las ich den Tipp, die Leerlaufdrehzahl auf 1500 U/min hochzudrehen. Tatsächlich verbesserte sich dadurch das Ansprechverhalten bei niedrigen Drehzahlen. Ein weiterer Tipp war, dem Motor durch einige Bohrungen im Luftfiltereinsatz (natürlich auf der „schmutzigen” Seite) zu besserer Atmung zu verhelfen. Ich habe das ausprobiert, aber außer einem nun sehr sonoren Ansaugröcheln konnte ich keinen spürbaren Unterschied feststellen.
Der zweite Kundendienst folgte im August ‘99 bei 6000 km und kostete 315 DM. Nach der Inspektion habe ich aus reiner Neugier selbst die Vergasersynchronisierung geprüft und musste leider feststellen, dass sie total daneben lag! Nach sorgfältiger Einstellung läuft der Motor nun noch runder als zuvor. Dass der Tank nach Lösen von zwei Inbusschrauben nach hinten hochgeklappt werden kann, erleichtert Einstellarbeiten an Motor und Vergaser.
Eine Wochenendtour mit den Kumpels (ZRX 1100 und TDM 850) in die Eifel zum „Ring” bewies, dass die SV trotz Hubraum- und Leistungsmanko locker mithalten kann. Eine Runde auf der Nordschleife zeigte allerdings auch klar ihre Grenzen. Gegen eine flott gefahrene GSX-R / ZXR / R-1 etc. hat man keine Chance. Das ist ganz einfach eine andere Klasse in Bezug auf Leistung, Bremsen und Reifen. Zudem würden uns Nordlichtern die Einheimischen auf „ihrem” Ring wahrscheinlich auch auf einer Gold Wing oder einer SR500 um die Ohren fahren… Die 1200 km in 2 1/2 Tagen habe ich zwar ohne Krämpfe, Druckstellen oder andere Begleitumstände einer sportlichen Sitzposition überstanden, doch bequem ist etwas anderes…
Die meisten Kilometer habe ich nach Feierabend oder am Wochenende in der näheren Umgebung gefahren, meistens kreuz und quer durch die Wildeshauser Geest. Nur einmal konnte ich meine Dame überreden, auf der SV mitzufahren. Obwohl nicht gerade mit Gardemaß gesegnet (nur 160 cm), war ihr die Sitzposition auf längerer Strecke zu unbequem. Kein Wunder, wenn „Frau” das Sofa einer GTS 1000 gewohnt ist …. So konnte ich meine SV immer schön solo genießen.
Da der Hinterreifen (Metzeler ME Z4) nach immerhin 9200 km völlig am Ende war und der Winter vor der Tür stand, entschloss ich mich, die SV abzumelden. Diese Pause nutzte ich für einige Umbauten: Stahlflex-Bremsleitungen vorn und hinten für einen exakteren Druckpunkt (beide Bremsen sind recht giftig und neigen zum Blockieren bei hartem Zugriff) und eine Soziussitz-Abdeckung (statt des überflüssigen Passagier-Brötchens). In Planung sind außerdem ein Bugspoiler und ein Dynojet-Vergaserkit. Und wenn sich mein innerer Schweinehund durchsetzt, kommt noch ein echtes Brüllrohr ‘dran (und wenn sich die selbsternannten Verkehrsregelwächter noch so sehr aufregen: „Loud pipes save lifes”!).
Mein Fazit: bei der Summe der guten Eigenschaften ist es nicht verwunderlich, dass die SV eines der meistverkauften Bikes der letzten Saison war. Sie macht einfach Spaß. Für eine ruhige Fahrweise ist sie aber, nach meiner persönlichen Einschätzung, aufgrund des nervösen Motors und der stark nach vorn orientierten Sitzposition nicht geeignet. Um dieses wieselflinke Motorrad richtig auskosten zu können, haben wir hier im Norden viel zu wenig Kurven. Bleibt nur die Aussicht auf ein paar Tage in der Eifel oder im Schwarzwald zum „Fahren bis zum Abwinken”, aber den Weg dorthin würde ich lieber mit der GTS zurücklegen.

 

 

 


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