boeser Spiegel

Spieglein, Spieglein an der Wand (Versteh deine Frau…)

aus Kradblatt 2/15
von Karin Eva Schmidt
 

Spieglein, Spieglein an der Wand…

 

boeser SpiegelDie Saison neigte sich dem Ende zu, und ich war auf der Suche nach neuen Handschuhen. Leder sollte es sein, gerne etwas sommerlich perforiert, Damenpassform und – da nicht zum Spazierengehen, sondern zum Motorradfahren gedacht – mit einer guten Schutzausstattung.

Nach diversen Geschäften und Anproben hatte ich SIE gefunden! Perfekter Sitz, perfekte Protektion sowie perfekter Preis, da es sich um ein Restpaar aus der vorherigen Kollektion handelte. „Ich nehme sie!“, gesagt, bezahlt, gefreut, dann mal ab aufs Mopped!

Mein Motorrad ist in rot-schwarz gehalten (Hondarot!), meine Lederkombi schwarz mit weißem Alpinestars-Emblem, die neuen Rev’it-Handschuhe farblich passend in rot-weiß. Ich kriege Appetit auf Pommes, während ich zum Parkplatz schreite, wo ich ausnahmsweise meinen Helm beim Motorrad gelassen habe. Shoei Raid II ist noch da und lacht mich in orange an. Orange…!

Das passte super zur alten Textilkombi mit der gleichfarbigen Jacke und gab einen Farbklecks zum ledernen Schwarz. Aber zu den rot-weißen Handschuhen…?

Egal, ich verdränge den Gedanken, fahre los, freue mich an der vorgeformten Griffigkeit meiner neuen, airconditionierten Fingerschützer und komme gut gelaunt zuhause an. Wo der Moment der Wahrheit in Form eines Spiegels wartet. Eines großen Flurspiegels, den ich extra mal angeschafft hatte, damit ich vor dem Verlassen des Hauses sicher sein kann, dass Hut, Mantel und Schuhe miteinander harmonieren. In diesem Fall sind das: ein Motorradhelm (in knalligem Orange), eine Lederkombi (schwarz-weiß), ein Paar Handschuhe (rot-weiß). Mein Spiegelbild glotzt mich an. Ich schiebe das Visier hoch und glotze zurück.

alles gut„Du weißt, dass die Farben nicht zueinander passen!“ Der Spiegel blickt streng. Ein kühler Luftzug streift mein Gesicht. „Es ist Funktionskleidung, da kommt es auf die Passform an!“, fauche ich. „Deine Laufsachen sind auch Funktionskleidung, und du fragst mich trotzdem um Rat, bevor du deine Runde machst“, gibt er schnippisch zurück. „Das ist etwas anderes! Die Lauf-Shirts kaufe ich im Doppelpack im Angebot. Weißt du überhaupt, was so ein Helm kostet? Der ist erst knapp zwei Jahre alt!“ winde ich mich.

Woraus besteht ein Spiegel? Doch wohl nur aus etwas beschichtetem Glas und einem Rahmen. Woher hat er solche Macht? Vor meinem geistigen Auge erscheint das Bild langbärtiger Alchemisten, die über einer in einem riesigen Topf wabernden, flüssigen, dampfenden Glasmasse ihren Zauberstab schwingen und beschwörerische Formeln murmeln: „Spieglein, Spieglein…“

Mein Teenagersohn reißt mich aus derart philosophischen Gedanken, als er die Treppe herunter sprintet. Er stoppt und mustert mich kurz. „Hat es geklappt mit den Handschuhen? Passen nicht zum Helm.“ Sagt’s und verschwindet im Wohnzimmer.

Danke für so viel Ehrlichkeit. Die Luft wird ziemlich dünn für meine Argumente.Ich schließe die Augen. Der Spiegel lauert. Ich fühle es. Ich blinzele. Langsam streife ich die Handschuhe von den Fingern und lege sie auf die Kommode. Dann ziehe ich den Helm vom Kopf und wuschele schnell durch mein plattgedrücktes Haar, bevor ich wieder einen Blick auf mein Konterfei riskiere. „Na?“, schnurrt der Spiegel versöhnlich. „Tu nicht so scheinheilig!“, rotze ich ihm entgegen. „Ich bin immer ehrlich. Immer, das weißt du!“, kontert er galant.

Spiegelglatt ist das Eis, auf das ich mich nun begebe. „Im Straßenverkehr gut sichtbar unterwegs zu sein, ist wichtiger als modischer Schnickschnack“, doziere ich. „Am besten sichtbar sind weiße Helme“, entgegnet er sanft. Ich kenne diesen Ton und weiß, was jetzt kommt. Gleich wird er seinen größten Trumpf ausspielen, sein Ass, seinen Joker, sein Totschlagargument. „Du bist eine FRAU…“, höre ich ihn hauchen. Was soll ich machen?

Nachdem die Lederkombi ordentlich an ihrem Platz hängt, greife ich zum iPad. Den Kontostand könnte ich mal checken. Ach, und im Mail-Eingang ist eine Reklame von Louis. Sie haben Helme im Angebot. Irgendwie… eigentlich… also… so richtig zufrieden war ich mit dem „Raid“ ja doch nicht, ist es nicht so, dass er immer ein wenig gedrückt hat?
Gedankenverloren gleite ich durch die einschlägigen Katalogseiten. Ich könnte mal einen anderen Probe fahren. Den kann man dann sicher in rot-weißem Design bestellen.

Mein Mann wird verstehen, dass ich zu den neuen Handschuhen für die nächste Saison unbedingt einen passenden Helm brauchte. Er fährt auch Motorrad. Immer Ton in Ton schwarz gekleidet. Er hat schließlich zwei Spiegel dabei.

passt nichtpasst

 

 


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