aus Kradblatt 1/14
von Egon Milbrod
Der Empfang ist herzlich. Anton, den wir im letzten Jahr kennengelernt hatten, empfängt uns an der verabredeten Stelle. Noch am Abend vorher hatte uns sein Clubvorsitzender Igor zugesichert, dass alles klappen würde. Aus Antons chinesischer 250er ist eine stattliche 750er Virago geworden. Auch sonst scheint es ihm wirtschaftlich besser zu gehen. Vor der Besichtigung der bedeutendsten Ikonenmalerei Russlands werden wir noch in ein nahegelegenes Lokal zum Essen eingeladen. Erst langsam realisiere ich, dass sein Begleiter der Direktor des Unternehmens ist. Auch er ist ein begeisterter Motorradfahrer.
Kurz vor unserer Abfahrt kommt die nächste Nachricht: Paul hatte einen Unfall. Er sei unverletzt, aber seine Maschine wäre fahrtuntüchtig. Also setze ich mich in den Bulli und fahre los. Unter anderem für solche Fälle haben wir das Begleitfahrzeug dabei. In den Telefonaten zwischendurch gibt mir Paul die Koordinaten durch, die er von seinem Blackberry abgelesen hat. Er steht ca. 75 km von der eigentlichen Route entfernt mitten in einem kleinen Dorf in einer riesigen Waldgegend. Als ich mich seinem Aufenthaltsort auf wenige Kilometer genähert habe, der nächste Schock: Die Koordinaten, die er mir durchgegeben hat, stimmten mit dem Format unserer Garmin Geräte nicht überein! Also im Schnelltempo an den Polizeistreifen am Wolga-Stausee vorbei. Staumauern sind nämlich sicherheitsrelevante Objekte und werden besonders argwöhnisch durch die Polizei überwacht! Zügig weiter zum Platz der Havarie. Als ich endlich bei ihm eintreffe, ist Jürgen schon da. Paul hat einige leichte Schürfwunden, der Helm ist aufgeplatzt, ein Blinker abgebrochen und der Zylinderkopfdeckel seiner 30 Jahre alten BMW R 80 GS durch seine Rutschpartie durchgescheuert. Bei strömendem Regen hatte er einen LKW überholen wollen und sei dabei in eine Spurrille geraten. Das Aquaplaning hatte ihn zum Bremsen veranlasst und seinen Sturz zur Folge gehabt. Ich bin mir nicht sicher, ob ihm klar war, wie viele Schutzengel er bei dieser Aktion gehabt hatte.
Igor ist der Motorradclubvorsitzende der Region Wladimir/Susdal und unser nächstes Hotel ist 400 km von ihm entfernt. Aber wir sind ja in Russland! Auf meine SMS mit der Bitte um Hilfe folgt nur ein kurzes „Warte“. Paul probiert währenddessen sein Glück bei BMW in Deutschland und beim ADAC. Kurze Zeit später erreicht mich dann die Mitteilung: Um 20 Uhr meldet sich jemand bei euch im Hotel, dem gibst du das Teil und dann wird dir geholfen! Genau so war es auch. Am nächsten Tag um 15.00 Uhr haben wir den reparierten Seitendeckel in der Hand; sauber ist das Aluminium aufgeschweißt und der Deckel ist dicht. Inzwischen hat auch der ADAC geantwortet: In 3-5 Tagen könnten wir vielleicht aus Deutschland Ersatz erhalten, wenn bis dahin die Formalien für den Import nach Russland geklärt sein sollten und wir eine Empfangsadresse angeben würden.
Dieses Mal waren wir mit der Fähre nach Russland eingereist. Ich konnte St. Petersburg zum ersten Mal während seiner „weißen Nächte“ besuchen, leider regnete es! Auf halbem Weg nach Moskau begrüßen uns die Waldai-Biker und laden uns ein. Wir dürfen uns in diesem bedeutsamen Naturschutzgebiet nördlich von Moskau, in dem auch Putin seine Datscha hat, erholen. Mit dabei ist Jürgens Freund Gisbert, der seit über 25 Jahren als Korrespondent in Russland lebt. Er ist es auch, der uns das russische Leben mit Datscha auf dem Lande und Stadtwohnung in Moskau näher bringt. Unser Weg führt uns um Moskau herum zur Klosterstadt Sergejew Possad, das ehemalige Sagorsk, inzwischen Weltkulturerbe und später am Nachmittag erreichen wir Susdal. Nach einer Stadtführung sitzen wir noch lange mit Vertretern des lokalen Motorradclubs zusammen. Höhepunkt dieses Teils der Reise auf dem „Goldenen Ring“ im Umkreis von 300 km um Moskau sollte eigentlich die Ikonenmalerei in Palech sein. Stattdessen ereignet sich die oben erwähnte Episode.
Mag es an diesen ergreifenden Momenten liegen, dass auf der Weiterfahrt von einigen die Grenze Europa-Asien und das dazugehörige Denkmal am Straßenrand übersehen wird? Ein paar Stunden später erwartet uns in Bingi, einem kleinen Dorf schon in Sibirien, Stefan Semken. Sein Motto: „Russland ist nicht Teil Europas und deshalb ein wenig anders.“ Um das zu verdeutlichen, ermöglicht er seinen Gästen in einem russischen Dorf zu übernachten und stellt im Sommer Jurten in seinem Garten auf. In den Gesprächen mit ihm, den Dorfbewohnern oder dem Popen kann jeder authentische Informationen über das Leben hier erhalten. Dazu gibt es viele Tipps zum Erkunden der näheren Umgebung dieser Landschaft östlich des Ural.Die folgende Etappe nach Omsk führt unweit der kasachischen Grenze vorbei. Genau wie wir benutzen viele Kraftfahrer diese Route. Güter werden auch hier „just in time“ auf der Straße transportiert. Obwohl der Straßenbau in Russland Hochkonjunktur hat, sind noch viele Haupt- und Nebenstrecken in einem bedauernswerten Zustand. Über jede Baustelle freue ich mich, denn man weiß bei einem schlechten Streckenabschnitt nicht, ob er 100 m oder 100 km lang ist.
Landwirtschaft mit riesigen Flächen begleitet uns bis Novosibirsk. Ich verlasse zwischendurch die Hauptstraße und besuche deutschstämmige Siedler in einem kleinen Dorf. Das Leben in diesen Dörfern erschrickt sogar mich! Klar, wenn die Felder 200 ha groß sind, dann sind die Entfernungen zwischen den Dörfern entsprechend.
In Tulun wird Steinkohle abgebaut, die hier schon in 5 m Tiefe liegt. Wir besichtigen einen der größten Schaufelradbagger der Welt, der als strategische Reserve sein Dasein fristet. Bewacht wird er von Irina, die hier seit Jahren im Wechsel mit ihrem Kollegen im Wohnwagen Dienst verrichtet. Sie freute sich riesig, uns zu sehen, denn sie hatte es nicht glauben wollen, als wir ihr im vergangenen Jahr versicherten, dass wir wieder kommen würden.Der Baikal! Für viele Menschen steht nicht die Reise dorthin im Mittelpunkt, sondern der Baikal-See selbst. Aber ist nicht die Reise dorthin der Schlüssel zum Verständnis über die Bedeutung dieses Sees? Erst die bewusste Reise durch die vielfältigen Gebiete und Regionen Russlands macht deutlich, dass nicht die Entfernung in Kilometern den Reiz ausmacht, sondern das Wandeln durch die verschiedenen Kulturen und Landschaften mit ihren nationalen Minderheiten und Eigenarten. Es ist müßig aufzuzählen, was die Größe und die Berühmtheit dieses Sees ausmacht, das kann jeder im Lexikon besser nachlesen. Viel erwähnenswerter ist die Tatsache, dass hier auch der letzte Teilnehmer begriffen hatte, dass wir uns in einer anderen Welt befanden. Widerspruchlos, wenn auch mit einem Zögern, wurden die Motorräder mitsamt Dokumenten einer Spedition anvertraut. Alle kannten die Straßen, die dieser LKW innerhalb von 4 Tagen in Tag- und Nachtfahrt zurückzulegen hatte! Und wir wussten inzwischen, dass unser Rechtsverständnis die Behörden in Russland nur zum Lachen anregt. Alle hatten zum Baikal reisen wollen und stellten nun fest, dass er zu groß ist, um in wenigen Tagen alle Besonderheiten zu erleben.
Für unsere Rückfahrt nach Moskau nahmen wir die Transsibirische Eisenbahn, in Russland das zuverlässigste Verkehrsmittel. Auch in den Zügen müssen wir uns den russischen Bedingungen fügen. Dazu gehört auch, dass in einem Waggon kein Strom für die diversen Ladegeräte und Laptops zu erhalten ist, wenn eine Zugbegleiterin ihre Macht ausspielt und behauptet, dass die Staatsbahn Strom sparen müsse. Warum das in anderen Waggons nicht der Fall sei, wollte sie uns nicht erklären. Vier Tage auf engem Raum in einem Abteil, in dem gegessen, geschlafen und gelesen wird, ist für manchen Motorradfahrer ein Alptraum. So sind wir froh, endlich in Moskau anzukommen. Klasse, im Hotel können wir bereits um 8.00 Uhr morgens die Zimmer zu beziehen. Dafür ist aber auch der Übernachtungspreis mindestens doppelt so hoch wie in Deutschland. —
Kommentare
2 Kommentare zu “Sibirien – Motorrad-Gruppenreise”
Das kann man sicher sagen. Aber es ist ein unglaublich interessantes Reiseziel – wenn man sich darauf einlassen will und im Vorwege seine Vorurteile über Bord wirft. In diesem Jahr ähnlich wieder.
Zum Einstimmen DER Veranstaltungshinweis dazu:
Mi. 22.01.14 30 Jahre Abenteuer Russland
„Wer Angst vor dem Wolf hat, darf nicht alleine in den Wald gehen“
Live-Audiovision von Jürgen Grieschat (MOTTOUREN / Welt im Dia)
BMW Niederlassung Hamburg, Motorradzentrum, Offakamp, 19 Uhr
Anmeldung unter motorrad.hamburg@bmw.de
besten Gruß
Jürgen
Toller Bericht.
Langweilig, war es euch bestimmt nicht.
Gruß und bis denne.
Bernd