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Shangri La – geführte Motorradreise in China

aus Kradblatt 3/19, von Elke Rosskamp

Südlich der Wolken…

Motorrad-Gruppenreise in Yunnan (China)

Motorrad-Gruppenreise Yunann, China

Ich wollte mal nach Shangri-La. Den mystischen Ort der Glückseligkeit gibt es nämlich wirklich, er liegt in der Provinz Yunnan in Südwestchina. Allerdings muss man dazu wissen, dass die Stadt, etwa 100 Kilometer von der Grenze zu Tibet entfernt auf 3200 Meter Höhe gelegen, diesen Namen erst seit dem Jahr 2001 trägt. Und zwar wegen findiger Marketing-Strategen, die sich dachten, dass Shangri-La sich eben besser anhört als Zhongdian. 

Bei mir jedenfalls hatte die Werbemaßnahme Erfolg gezeigt. Auch die Bedeutung des Namens von Yunnan, „Südlich der Wolken“, weckte das Fernweh. Hier wollte ich mal motorradeln. Jetzt musste nur noch Andreas, meine bessere Hälfte, überzeugt werden. Das gelang, nun konnte es losgehen. 

Tag -2: Nach einer ewigen Anreise erreichen wir Dali, gelegen am Er Hai, einem 40 km langen See in 2000 Meter Höhe. In der Region leben die Bai, eine der nationalen Minderheiten, die in Yunnan, der Provinz mit der größten ethnischen Diversität, immerhin fast 40 % der Bevölkerung stellen. Am Abend treffen wir Hendrik, den Chef von Tibetmoto. Mit ihm werden wir zehn Tage lang in Yunnan unterwegs sein.

Frauen in traditionellen Gewändern in Dali - Motorrad-Gruppenreise Yunann, China Tag -1: Wir ließen wir uns durch die Altstadt von Dali treiben, nahmen die Vielfalt der Menschen, die ebenfalls unterwegs waren, wahr. Nach dem neuesten Style gekleidete Teens und Twens, fast ausschließlich mit ihrem Handy beschäftigt, begegneten vom Leben gekrümmten Bai mit runzeligen Gesichtern, die schwere Lasten schleppten oder für wenige Yuan Gemüse verkauften. Die Häuser, meist zweistöckig, besitzen die für China typischen geschwungenen Dächer, rote Lampions tauchen die Altstadt abends in warmes Licht. 

Südliches Stadttor in Dali Tag 0: Am Morgen regnete es. Das war nicht besonders schlimm, denn wir mussten aufs Amt. Der internationale Führerschein ist in China ungültig, man braucht einen chinesischen. Tashi, Hen­driks Schwager und Kompagnon bei Tibetmoto, fuhr mit uns zur Führerscheinstelle. Nach einer längeren Wartezeit erfuhren wir, dass heute keine Führerscheine ausgestellt würden. Wir fuhren weiter zu einem Übersetzungsbüro, wo unsere deutschen Führerscheine 1:1 übersetzt wurden. Wobei ich mir kaum vorstellen konnte, dass das deutsche FS-Klassensystem mit dem chinesischen identisch ist …

Am Nachmittag trafen wir die restliche Gruppe, die nach einem Sightseeing-Tag in Peking nun ebenfalls angereist war. Insgesamt würden wir zu neunt unterwegs sein, sieben Männer, zwei Frauen, alle aus Deutschland. Hendrik lud zum Barbecue in sein Haus ein. Der Garten war mit Motorrädern dekoriert und nach dem Lossystem und einigen internen Tauschaktionen fand jeder seins. 

Außer Manfred, der sich eine BMW F 800 GS gönnte, hatten wir alle auf ein heimisches Produkt gesetzt. Die enduresk ausgelegte Shineray X5 wird von einer 400 ccm-Honda-Kopie mit knapp 30 Pferdchen bewegt. Wie viele davon in 4000 Meter Höhe noch antraben würden, war ungewiss. Immerhin war durch offene Luftfilter die Beatmung optimiert. Die Kupplung war für trainierte Unterarme, aber nach Wahl der richtigen Sitzhöhe passte die Ergonomie und sollte sich als erstaunlich bequem herausstellen. 

Unser Pickup - Motorrad-Gruppenreise Yunann, ChinaTag 1: Morgens beluden wir die Alukoffer der Bikes mit unserem Tagesbedarf, das große Gepäck kam auf die Ladefläche eines Pick-Ups, auf welcher schon ein Ersatz-Motorrad wartete. Nachdem wir uns aus Dali herausgearbeitet hatten, ging es sehr kurvig Richtung Norden. Auf den kleinen Bergsträßchen tendierte das Verkehrsaufkommen gegen Null. Mittags hielten wir an einem Lokal, das eine an westliche Standards gewöhnte Langnase eigentlich nicht freiwillig betreten würde, das Mahl jedoch war fantastisch. Die Speisen Yunnans schmecken frisch, meist gut gewürzt bis scharf, gerne mit Koriander, aber ohne Glutamat und Verdickungsmittel. Gar nicht preisverdächtig hingegen sind die sanitären Anlagen, weder in den Imbiss-Shops oder Restaurants noch an den Tankstellen. Über das, was es dort zu sehen (und zu riechen) gab, hüllen wir am besten den Mantel des Schweigens. 

Der Weg führte uns weiter über einen kleinen, 3000 Meter hohen Pass und weiter über endlose Kurven durch eine mittelgebirgsähnliche Landschaft, bis wir am frühen Abend Shaxi erreichten. Die kleine, ruhige Bai-Stadt liegt an der ehemaligen Tea-Horse­-Road, einem alten Handelsweg, auf dem Tee nach Lhasa in Tibet und umgekehrt Salz und Pferde nach Yunnan transportiert wurden. Abends erfuhren wir per Selbsttest, dass der hier gereichte Pflaumenschnaps erheblich hochprozentiger ist als sein eingedeutschtes Pendant.

Tempel in Qizong

Tag 2: Heute folgten wir für längere Zeit dem Jangtsekiang. Mit einer Länge von fast 6400 Kilometern ist er der längste Fluss Asiens und drittlängster der Welt. Er wird noch häufig unser Begleiter sein. Über gut ausgebaute, wunderbar geschwungene Landstraßen ging es Richtung Norden. Das fröhliche Treiben hatte leider an einem großen Kalkwerk ein Ende. Monika fuhr hinter einem LKW, der unvermittelt begann, mit einem Sprüher am Heck die mit Kalk­staub bedeckte Straße zu wässern. Einskommafünf Sekunden später glitschte sie weg und landete unsanft auf dem weißlich-nassen Asphalt. Gott sei Dank verlief der Sturz glimpflich. Bei Qizong, dem nächsten Übernachtungsort, besuchten wir ein auf einem Bergrücken hoch über dem Jangtse gelegenes tibetisches Kloster und einen Tempel am Ortsrand. 

Am Mekong - Motorrad-Gruppenreise Yunann, China Tag 3: Wir verließen den Jangtse und fuhren nun das Mekongtal entlang. Die Berglandschaft mit anfangs noch reicher Vegetation ging am Nachmittag innerhalb kürzester Zeit in eine karge, schroffe Schluchtenwelt über. Wir befanden uns nun auf tibetischem Gebiet, das deutlich über die Grenzen der eigentlichen Autonomen Provinz Tibet hinausgeht. In Yunlin, einem kleinen Dorf, bezogen wir unser Quartier. Am Abend wartete ein besonderes Erlebnis auf uns, wir waren zum Dinner in Tashis Elternhaus im Nachbardorf eingeladen. Das Essen und selbst erzeugter Rotwein schmeckten hervorragend. 

Mittagsstopp an der Tea-Horse-Road - Motorrad-Gruppenreise Yunann, China Tag 4: Hoch hinauf sollte es heute gehen. Um genau zu sein, bis auf 4300 Meter über Normalnull. 

Auf einem irrwitzigen Bergsträßchen schraubten wir uns immer höher durch eine entrückte Landschaft. Wir kamen nur langsam voran, denn wir mussten uns regelrecht um die Berge herumtasten, auf der anderen Seite gähnte der Abgrund. Zudem gab es eine neue Art von Hindernis: Yaks standen auf der Fahrbahn oder kraxelten am Hang über der Straße. 

Wir erreichten die Stadt Deqen und nach etwa 15 Kilometern genialer Kurvenhatz einen Aussichtspunkt. Bei strahlend blauem Himmel hatten wir einen fantastischen Blick auf die Meili Snow Mountains mit dem über 6700 Meter hohen Khawa Karpo, einem der acht heiligen Berge der Tibeter. 

Auch buddhistische Mönche gehen mit der Zeit Wir befanden uns mittlerweile auf einer Höhe von 3400 Metern. Bis zum höchsten Punkt unserer Reise, dem Pass des Weißen Pferdes, gewannen wir nochmals fast 1000 Meter an Höhe. Eine große Stele, mit Hunderten von Gebetsfahnen umwickelt, stand dort, der Blick ging über karge Berge. Etwas weiter graste eine Yakherde. 

Dann ging es in großen Serpentinen wieder hinunter und über eine gut ausgebaute Straße weiter Richtung Shangri-La. Wir pressten alle Pferdchen aus den Motoren der Shinerays. Ich hatte augenscheinlich ein etwas lahmes Exemplar erwischt, denn während ich schon geduckt auf dem Lenker lag, konnte Andreas mich trotz Gewichtsnachteil locker sitzend überholen. 

In Shangri-La bezogen wir Quartier in einem großen Hotel. Die Zimmer waren sehr schön und wir genossen dieses Quäntchen Luxus nach den Nächten in den einfachen Unterkünften. 

Nun waren wir also in dem Ort mit dem Namen angelangt, den der Autor James Hilton 1933 in seinem Buch „Verlorener Horizont“ zum Mythos machte. Wobei bis heute nicht klar ist, welche Gegend Hilton wirklich beschrieben hat. Shangri-La liegt auf 3200 Metern Höhe und wird von Tibetern und Angehörigen des Naxi-Volkes bewohnt. Einst war die Stadt ein Zwischenhalt an der südlichen Seidenstraße, heute machen inländische Touristen hier auf dem Weg nach Tibet gerne einen Stopp. Auf dem Tempelhügel befindet sich, die mit 21 Metern Höhe, größte Gebetsmühle der Welt! Nach einem Altstadtbummel kehrten wir in ein tibetisches Restaurant ein. 

Borsten abflammen am Straßenrand - Motorrad-Gruppenreise Yunann, China

Tag 5: Das Frühstück war ein Hochgenuss für deutsche Gaumen, denn es gab Toast, Butter und Rührei! Weniger ansprechend war der Blick nach draußen, denn es regnete. 

Wir verließen Shangri-La und folgten einem Landsträßchen, das glatt wie Schmierseife war und – in diesem Fall leider – reihte sich Kurve an Kurve. Selbst im Schneckengang führten die Endurogummis made in China ein äußerst rutschiges Eigenleben. Irgendwann passierte das vielleicht Unvermeidliche, ein Sturz, und es erwischte meinen Andreas. Gott sei Dank verletzte er sich nicht schlimm, trotzdem war die Motorradfahrt heute für ihn beendet. Er wechselte in den Pick-Up, während Tashi sein Motorrad weiterfuhr. 

Stunden später endlich hatten wir dieses furchtbare Stück Straße überwunden. Den Regen leider nicht. Während wir in die berühmte Tigersprungschlucht einfuhren, hingen Wolkenfetzen in dem gewaltigen Graben, den der Jangtse hier in die Erdoberfläche gefressen hatte. Wir bezogen in der Nähe eines kleinen Dorfes eine Lodge und konnten von einem Trampelpfad aus einen Blick in die Schlucht werfen. 

Fähre am Jangtse - Motorrad-Gruppenreise Yunann, China Tag 6: Am Morgen, es regnete weiterhin leicht, fuhren wir zu einem großen Aussichtspunkt. Die Ausmaße des Flusses wurden angesichts der tiefstgelegenen Besucherplattform am Fuß der Schlucht deutlich. Die wenigen Menschen dort waren winzige bunte Punkte im Angesicht der tosenden Wassermassen. Leider hatten wir keine Zeit hinabzusteigen, denn es wartete wieder ein langer Tag auf uns. 

Wir bogen auf eine Piste ab, die hinunter zum Jangtse führte. Am Ufer wartete eine kleine Fähre. Mit Gesangseinlagen norddeutschen Liedguts überquerten wir den Fluss, der hier Gott sei Dank nicht mehr so reißend war. 

Über zahllose Kurven ging es weiter Richtung Wumu. Die letzten 15 Kilometer bis dahin führten über ein betoniertes, nun im Regen aalglattes Sträßchen. Wegen der Unfallgefahr stellten wir unsere Bikes ab und Hendrik organisierte einen Bus. Die Fahrt war ein Höllentrip, aber nach einer Stunde hatten wir es geschafft. Die Unterkunft in Wumu war wunderschön und eine Wohltat nach den Strapazen des Tages. Zum hervorragenden Essen bestellten wir zur Feier des Tages Wein und genossen einen lustigen Abend.

Einfahrt in die Tigersprungschlucht - Motorrad-Gruppenreise Yunann, China Tag 7: Regen. Wir waren weiterhin eher in, statt südlich der Wolken. Das zweite unschöne Detail: Wir mussten den Betonweg zu den Motorrädern mit dem Bus zurückfahren. 

Als wir endlich wieder auf den Bikes saßen, wartete nach wenigen Kilometern eine Baustelle auf uns. Der Asphalt war Elementen wie Schotter und Sand gewichen, nun natürlich in der Form von Matsch. 

Der offroad-erfahrene Teil der Gruppe juchzte und war bald außer Sichtweite. Ich führte den zweiten Trupp an. Niemand riss sich darum, mich zu überholen, denn die Piste war übersät mit großen Wasserlöchern. Ich dachte, dass Gas nicht schaden könne. Nur nicht in einem dieser Wasserlöcher steckenbleiben und stumpf umfallen. Diese Taktik klappte ganz gut und nach 25 Kilometern hatten wir diese Herausforderung geschafft. 

Wir fuhren weiter Richtung Lugu-See. Kurz vor der Ankunft erreichten wir auf einem Pass nochmals über 3000 Meter Höhe. Hier addierte sich zum Regen auch noch die Kälte hinzu, so dass wir nur noch eines wollten: ankommen. 

Der Lugu-See, einer der größten Gebirgsseen Asiens, liegt auf 2700 Metern Höhe und ist das Ziel vieler inländischer Touristen. Etliche Gästehäuser und Restaurants säumen das Seeufer. Wir bezogen unsere Unterkunft, freuten uns über eine heiße Dusche und über die Klimaanlage, die Gott sei Dank auch „warm“ konnte. Zum Abendessen gingen wir in ein Bar-Restaurant und zum ersten Mal war das Essen nicht schmackhaft. Da waren wir in eine Touristenfalle getappt. Zusammen mit der Speisenqualität erreichte dann auch die Laune ihren Tiefpunkt.

Im Zentrum von Shue Tag 8: Am Morgen: Regen. Michaels Wetter-App versprach jedoch Besserung. Tatsächlich, nach etwa einer Stunde Fahrt trafen erste Sonnenstrahlen auf unsere Netzhäute. Freude machte sich breit, die Stimmung hob sich ebenso wie das Tempo. 

Wir surften auf wunderbaren Straßen, häufig mit Blick auf den sich durch das Gebirge windenden Jangtse, bis wir Shue, eine kleine Stadt nahe der Millionenmetropole Lijiang, erreichten. Hier erwartete uns ein nettes Gästehaus, dessen Innenhof wir mit den Motorrädern okkupierten. 

Nach dem Abendessen schnappten wir uns zwei Taxen und fuhren in die City von Lijiang. Die von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannte 800 Jahre alte Altstadt wurde 1996 durch ein Erdbeben zerstört, jedoch originalgetreu wieder aufgebaut. Ein riesiges Gassengewirr stellt den Orientierungssinn auf die Probe. Heerscharen von chinesischen Touristen entern die Altstadt tagtäglich. Wir befanden uns in der Nebensaison, nicht auszudenken, was hier in der Hauptsaison los ist. Wir arbeiteten uns aus dem irrwitzigen Rummel heraus und stiegen auf eine Anhöhe. In einem Lokal mit Ausblick über die Stadt nahmen wir ein Kaltgetränk, bevor wir uns auf den Rückweg Richtung Taxistand machten. 

Figur am Xingjiao-Tempel in Shaxi

Tag 9: Für den heutigen Tag bot Hendrik eine lange und eine kurze Tourvariante an. 

Andreas laborierte noch etwas an seinem Sturz, ich an einer Sehnenreizung im, an der Gashand befestigten, Unterarm und Karl, unser Senior, war jetzt doch ein wenig erschöpft. Wir drei wählten die kurze Variante unter der Führung von Tashi. Im Nachhinein bedauerte ich die Entscheidung, denn die Tour führte zunächst 80 Kilometer über eine autobahnartige Straße stur geradeaus. Erst nach der letzten Mautstelle wurde es etwas spannender. Das lag erst einmal an einer Polizeikontrolle, der wir uns unterziehen mussten. Bei vergangenen Kontrollen hatten wir jeweils nur kurz unseren Reisepass gezückt, nun wollte man auch Fahrzeugpapiere und Führerscheine sehen. Erstaunlicherweise erzeugte Karls chinesischer Lappen mehr Diskussionsbedarf als unsere Zettel mit den Übersetzungen. Die Situation war leicht festgefahren, bis die Aufmerksamkeit der Ordnungshüter auf ein anderes Ziel umgelenkt wurde: Ein in changierenden Bonbonfarben glitzernder Porsche, pilotiert von einer sehr ansprechend aussehenden jungen Dame, hatte gerade die Mautstelle passiert. Flugs fischten die Beamten sie raus und wir, nun vollkommen abgeschrieben, setzten unsere Fahrt fort und genossen noch ein paar Kurven.

Schon am frühen Nachmittag erreichten wir unsere nächste Unterkunft. Sie lag in einem Ort, der praktisch nur aus Baustelle bestand. Das Hotel war recht groß, aber es schienen außer uns keine weiteren Gäste hier zu logieren. Wir bezogen unser Zimmer und enterten dann die Dachterrasse, die mit einer besonderen Einrichtung aufwartete: „Hot Spring“-Becken. Heiße Quellen sorgten für natürlich warmes Wasser. Wir ließen uns ein Becken füllen und genossen das süße Nichtstun. 

Irgendwann brach die Dämmerung herein. In den Hotelfluren brannte kein Licht. Es wurde finster, von der restlichen Gruppe keine Spur. Wir begannen, Vermutungen anzustellen, was passiert sein könnte. Das Fahren im Dunkeln ist eigentlich etwas, was es hier dringend zu vermeiden gilt. Endlich gelang es Tashi, Kontakt mit Hendrik aufzunehmen. Auf deren Tour war es zu einigen Verzögerungen gekommen. Ein LKW-Unfall hatte die Weiterfahrt für eineinhalb Stunden verhindert und gegen Abend war auf einer Passhöhe die Kupplung des Pick-Ups abgeraucht, so dass ein Ersatzfahrzeug organisiert und alles umgeladen werden musste. 

Kurz nach 20 Uhr hörten wir endlich das Brummen der Bikes. Erschöpft und hungrig bezog die Gruppe das Hotel, das nun außen wie innen, außer ein paar Notlichtern in den Fluren, komplett unbeleuchtet war. Hendriks Vermutung nach war das Hotel von den Behörden geschlossen worden, vielleicht wegen Steuerschulden, und wurde nun illegal weiterbetrieben. Seine Zimmerreservierung für uns lag ja Monate zurück. Er bat die Dame des Hauses, etwas zu essen zu organisieren. Durch das dunkle Treppenhaus tapsten wir auf die Dachterrasse und genossen unser Bringdienst-Dinner im Kerzenschein. 

Motorrad-Gruppenreise Yunann, China

Tag 10: Auf zur letzten Etappe! Die Baustelle zog sich über etliche Kilometer und wir konnten wieder unsere Offroad-Fähigkeiten unter Beweis stellen. Nochmals erwischte es Monika, sie stürzte in einer tiefen Spurrinne in den Matsch, die Farbe ihrer Klamotten wechselte von schwarz auf braun. Nach dem Ablegen ihrer Überhose sah sie schon wieder etwas manierlicher aus. Trotzdem war der neue Style ein Foto wert.

Auf dem Weg nach Shaxi Wir fuhren über einen Pass, den wir zu Tourbeginn schon einmal unter die Räder genommen hatten. Welch ein Unterschied, sinnierte ich. Am ersten Tag benötigte das fremde Motorrad noch Aufmerksamkeit, jetzt hingegen konnte ich mich voll auf die Kurven konzentrieren. Dies hier war Kyffhäuser (der Kurventraum des norddeutschen Kradlers) in mega! Ich scheuchte den Chinakracher mit einem Grinsen unterm Helm um die Ecken. Zu sehen gab es nicht viel, weil die Straße durch Wald führte. Weiterer Verkehr: so gut wie Fehlanzeige. 

Nach 45 Minuten Kurvenorgie wurde die Straße schlechter, dafür die Aussichten besser. Wir waren auf subtropischen 2000 Metern Seehöhe unterwegs, terrassierte Felder prägten die Landschaft. Der Weg führte westlich an Dali vorbei, wir folgten einem winzigen, endlos scheinenden Sträßchen, das ebenfalls Kurve an Kurve reihte, uns aber bei Gegenverkehr kaum eine Handbreit Platz ließ. 

Südlich von Dali stießen wir auf eine viel befahrene Hauptstraße, hier waren die Trucker die Könige. Wir kamen über einen mehrspurigen Highway in die Stadt und schließlich bogen wir auf den kleinen Weg ein, der zu Hendriks Haus führte. Yeah, geschafft! Das Ankomm-Bier schmeckte hervorragend und alle waren froh, dass die Tour ohne größere Schäden an Mensch und Maschine überstanden war. Abends führte uns Hendrik in ein Restaurant mit „Crossover-Küche“, es gab sogar Pizza. Aber auch einheimische Köstlichkeiten waren wieder dabei. 

Elke Rosskamp in China An diesem Abend hieß es Abschied nehmen von den anderen. Während die restliche Gruppe am nächsten Morgen über Peking die Heimreise antreten würde, wollten wir unsere Urlaubszeit in Lijiang ausklingen lassen. Nun war ich mir zwar nach dem abendlichen Touri-­Overkill vor wenigen Tagen gar nicht mehr so sicher, ob das ein guter Plan war, aber wir zogen das jetzt durch. Während der knapp zwei Tage, die wir dort verbrachten, entdeckten wir auch ruhigere Plätze abseits des Trubels. Nur der Blick auf den Jadedrachenberg, für den Lijiang berühmt ist, blieb uns verwehrt – die verflixten Wolken …

Dann sagten wir China endgültig zàijiàn – tschüss! Wir verließen ein Land, dessen Dimensionen und schiere Masse an Einwohnern, mittlerweile fast 1,4 Milliarden, kaum fassbar sind. Die landschaftliche und kulturelle Vielfalt allein in der Provinz Yunnan ist ein faszinierendes Erlebnis. Die Verhältnisse, besonders in den ländlichen Regionen, haben wenig gemein mit dem, was in der medialen Berichterstattung über China zu sehen ist. Der Spruch „Der Himmel ist hoch, der Kaiser ist weit.“ gilt hier immer noch. Und last but not least – Yunnan ist aufgrund der unzähligen Kurven auf meist guten und verkehrsarmen Straßen ein wahres Bikerparadies. Wenn man nicht gerade in, statt südlich der Wolken ist …

Infos vom Reiseveranstalter findet ihr unter www.tibetmoto.de.

Fürs Kradblatt musste ich meine Reiseerzählung stark kürzen, da sie sonst nicht ins Heft gepasst hätte. Die „Vollversion“ könnt ihr <Gruppenreise-China-Kradblatt-Langfassung> als doc-Datei herunterladen.

Video zu Reise von Tibetmoto:


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