Schuberth E1 Front geschlossen

Schuberth E1

aus Kradblatt 8/16
von: Marcus Lacroix

Ausprobiert: Adventure-Helm Schuberth E1 – Die Eierlegendewollmilchsau?

Schuberth E1 Front geschlossenAls die ersten Pressebilder veröffentlicht wurden dachte ich: „YES – da ist sie endlich, MEINE Eierlegendewollmilchsau, der Helm, der alles in sich vereint!“. Der Habenwollen-Faktor war entsprechend groß und die Freude ebenfalls, als Schuberth uns ein Testmuster zur Verfügung stellte. Die Rede ist vom Schuberth E1, den ich jetzt seit vier Monaten fahren kann.

Racer werden den Hype kaum verstehen, denn in dem Bereich sind die Ansprüche an einen Helm völlig andere. Das Konzept des E1 wendet sich an Tourenfahrer, auch die, die mit ihrer Reiseenduro gerne mal abseits der Straße unterwegs sind: Ein Klapphelm mit Helmschild und guter Belüftung. Das hat so keiner im Sortiment und entsprechend lagen auch bei mir zwei Helme im Regal – ein klappbarer für Touren und einer mit Schild fürs gelegentliche „Abenteuer“.

Packt man den E1 aus, fällt zuerst der wertig gepolsterte Helmsack auf – nettes Detail, versüßt einem den UVP von 649 Euro in Uni, (Dekor 729 Euro) ein wenig. Des Weiteren fällt das Gewicht auf: Der E1 fühlt sich schwer an. Die Waage zeigt dann auch 1711 Gramm in Größe M. Montiert man (wie wir) das Schuberth Kommunikationssystem SRCS, sind es schon 1854 Gramm. Ein X-Lite Klapphelm X-1003 bringt es inkl. N-Com bei einer Vergleichsmessung auf 1682 Gramm. Zieht man beim Schuberth die 170 Gramm für den Helmschild ab, ist austattungsbereinigt also doch alles wieder im gleichen Bereich. Mein X-Lite X-551 mit Helmschild, dafür aber nicht klappbar und ohne Kommunikation, wiegt immerhin auch 1627 Gramm. Gewicht ist somit erstaunlicher Weise doch recht subjektiv und für die meisten Tourenfahrer wohl auch ­ohnehin eher nebensächlich.

Schuberth E1 Stellung Helmschild
Zurück zum E1. Der erinnert bei näherer Betrachtung (und bei der Gegenüberstellung) massiv an den Schuberth C3. Vorne ein Loch ins Kinnteil gebohrt, eine markante Blende mit Lüftungsschieber aufgeklebt, ein Helmschild dran und fertig, oder? Ganz so einfach war es im Bereich der Visiermechanik dann doch nicht, denn der Helmschild ist nicht nur in drei Stufen verstell- und arretierbar, er klappt auch mit dem Kinnteil hoch und in die alte Stellung zurück. Am C3 lässt er sich darum leider nicht einfach nachrüsten. Dem E1 liegen zwei Abdeckkappen für die Visiermechanik bei, so dass man ihn auch ohne Helmschild fahren kann.

Schuberth E1 Front offenDas Coolmax-Innenfutter trägt sich angenehm auf der Haut und ist natürlich zum Waschen herausnehmbar. Es ist nach OEKO-TEX® Standard 100 zertifiziert (Info siehe: www.oeko-tex.com.

Der E1 verfügt über eine integrierte, in fünf Tönungen lieferbare Sonnenblende, die einfach zu bedienen ist und schön weit herunter reicht sowie über ein beschlagverhinderndes Pinlock-Innenvisier.

Das optionale SRC-Kommunikationssystem (345 Euro) bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten, deren Beschreibung den Rahmen hier sprengen würde. Ich nutze es unterwegs eigentlich nur zum Telefonieren (erspart das Nesteln nach dem Handy in der drittletzten wasserdichten Innentasche), für Navi-Ansagen und selten auch mal für Musik. Sehr gut ist die Integration des SRCS in den Helm, gewöhnungsbedürftig dafür das Ertasten der Bedienelemente am Kragen. SRCS-Antennen sind auch im E1 vorinstalliert.

Kommen wir zur Praxis – ist der E1 die Eierlegendewollmilchsau? Um es kurz zu machen: nein, für mich leider nicht.
Der geneigte Leser wird nun stutzen: So ein toller, teurer und neuer Helm ist nicht das Obergelbe vom Ei? Hier kommt wieder das, was wir ja seit Jahren predigen: ein Motorradhelm ist eine sehr persönliche Sache und Bewertungen in der Fachpresse immer mit Vorsicht zu genießen. Ein Testsieger kann für einen selbst völlig unbrauchbar sein, wenn er nicht richtig sitzt oder zum Motorrad passt.

Schuberth SRCS E1 EinbauIm Fall des E1 habe ich mehrere Kritikpunkte, allen voran und für mich auch das KO: Der E1-Helmschild, auf den ich mich besonders gefreut hatte, hat im Gegensatz zum erwähnten X-551 durch die Klappfunktion nur eine Befestigung an den Seiten, der X-Lite zusätzlich auch oben. Beim E1 führen dadurch je nach Verkleidung und Sitzposition Turbulenzen dazu, dass der Schild waagerecht vibrieren kann. Das führt bei mir nach einer Stunde zu ernsthaften Kopfschmerzen, zumal die Vibrationen auch noch auf meine Brille übertragen werden. Blindfische mit acht Dioptrien kennen das Problem, wenn das Bild ständig wackelt, Kontaktlinsen könnten helfen – oder erweiterbare Kanäle für die Brillenbügel, wie beim X-1003. Von dem kann Schuberth auch gleich die Kinnteil-Arretierung übernehmen, damit man den Helm (z.B. in der Stadt) legal und sicher als offenen „Jethelm“ fahren kann.

Auf einem Naked-Bike gibt es übrigens keine Probleme mit dem Helmschild und auch bei höheren Geschwindigkeiten keinen Genickbruch. Die Aerodynamik hat Schuberth wirklich gut im Griff, die Lautstärkenentwicklung dadurch auch.
Das der E1 bei mir an der Stirn drückt, kann man Schuberth natürlich nicht anlasten. Offenbar hat man vor ein paar Jahren die Formen geändert, denn früher passten mir Schuberth Helme ungesehen. Evtl. hat sich aber ja auch meine Rübe mit den Jahren verformt.

Die verbesserte Belüftung ist nur zu spüren, wenn der Fahrtwind das Kinnteil trifft. Fährt man im Gelände im Stehen, hilft es schon ein wenig – ein Offroad-Helm ist der E1 damit aber nicht. Das gilt auch für die Kopfbelüftung, die mir abseits der Straße nicht reicht und bei heruntergezogenem Schild je nach Sitzposition zusätzlich eingeschränkt wird. Interessanterweise hat Touratech – die den E1 fast baugleich als „Aventuro Mod“ anbieten – am Hinterkopf zusätzliche Entlüftungsöffnungen. Die Touratech-Variante bietet zudem eine Halterung für ein Brillenband, damit man mit Endurobrille ohne Visier fahren kann. Für Abenteurer sicher mehr als ein Blick wert! Leider konnten wir ihn nicht im direkten Vergleich fahren.

Noch mehr als sonst empfehlen wir beim Schuberth E1 somit den Gang zum Fachhändler und eine Probefahrt! Wer mit den von mir kritisierten Punkten keine Probleme hat, bekommt mit dem E1 einen sauber verarbeiteten und funktionalen Klapphelm aus deutschen Landen mit fünf Jahren Garantie inkl. Unfallabsicherung.

Wem nicht klar ist, was so ein Helmschild überhaupt bringt, der sollte es unbedingt mal ausprobieren – Sonnenschein natürlich vorausgesetzt. Der Vorteil zur Sonnenblende bzw. zur Sonnenbrille wird dann schnell klar.

Lieferbar ist der Schuberth E1 in sieben Größen von XS bis XXXL und in verschiedenen Farben und Dekoren. Infos zum E1 bzw. Aventuro Mod gibt es auch online unter www.schuberth.com bzw. www.touratech.de.


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Ein Kommentar zu :
“Schuberth E1”


  • Moin,

    passt zu meinen ersten Eindrücken des E1. Ich habe ihn allerdings nicht probe gefahren, sondern nur auf der Messe anprobiert. Für mich ein C3 mit augepappten Schirm.
    Unnötig teuer.
    Als Alltagsfahrer spricht eh nichts gegen einen Zweithelm…
    Ich habe einen C3 und einen S1Pro, die ich regelmässig wechsel.