aus bma 9/99

von G. Feldkamp

Es ist Freitag morgen und noch sehr frĂŒh. Dennoch fĂ€llt es mir leicht, mich aus dem Bett zu schwingen. Die Aussicht aus dem KĂŒchenfenster ist eher ernĂŒchternd, aber noch hat die Natur ĂŒber neun Stunden Zeit, es sich anders zu ĂŒberlegen. Und tatsĂ€chlich, pĂŒnktlich zum Dienstschluß lĂ€ĂŸt sich die Sonne – wenn auch verhalten – durch die Wolken erahnen. Nichts wie nach Hause; die anderen warten bestimmt schon. Es soll fĂŒr drei Tage ins Sauerland gehen. Da fallen einem Schlagworte wie Möhnetalsperre oder Edertalsperre ein. NatĂŒrlich ist auch das Gespenst der Streckensperrung mit von der Partie, aber das wird erstmal verdrĂ€ngt. Mal sehen, was die SauerlĂ€nder so zu bieten haben!
Endlich setzt sich unsere spontan gegrĂŒndete MĂ€nner-Motorrad-Selbsthilfegruppe in Bewegung – vier „lonesome rider” und ihre fahrbaren UntersĂ€tze, als da wĂ€ren die NTV 650, eine XBR 500, eine XJ 750 und meine XJ 900 S; nach unseren VerpackungskĂŒnsten Ă  la Christo sehen sie eher nach Packesel aus als nach „Kurven-RĂ€ubern”.
Die Tour soll ihren Anfang an der Möhnetalsperre nehmen. Das sind erst einmal 85 Kilometer Anfahrt durch das Lippetal und an Soest vorbei. Die Landschaft wechselt abrupt in ein Auf und Ab. Kleine, sich schlĂ€ngelnde Straßen fĂŒhren uns an die nördliche Seite der Möhnetalsperre. Zur Zeit ist anscheinend Ebbe. Ein Großteil des Ufers hebt sich braun und steinig aus dem Wasser – der Sommer hat seinen Tribut gezollt. Das tut den Touristenscharen mit ihren angehĂ€ngten fahrbaren HĂ€usern aber anscheinend keinen Abbruch, die Straßen zu bevölkern. Hier lernen wir zum ersten Mal den Begriff „Wohnwagen wegklatschen”. Das hört sich dramatisch an, ist aber in Anbetracht der Steigungen nicht sonderlich schwierig; nur aufpassen muss man halt.

 

Schnell schlagen wir uns sĂŒdlich in die BĂŒsche und steuern Hirschberg an. Unvermittelt empfĂ€ngt uns ein dunkelgrĂŒner Tunnel aus dicht beieinanderstehenden Tannen und Kiefern. Harziger Geruch bahnt sich seinen Weg durch den Helm Richtung Nase. Die Sonne blinzelt durch das Nadeldach. Einem hinter mir auftauchenden Scheinwerfer eines einheimischen Motorradfahrers mache ich respektvoll Platz, da die Beladung der Maschine keine Sperenzchen zulĂ€sst.
Über kurz oder lang ist der Ausflug in die lĂ€ndliche Gegend beendet, denn vor uns taucht das Ortsschild von Warstein auf. Nun mĂŒssen wir uns wieder mit dem Stadtverkehr abplagen. Wie richtig vermutet, verbindet sich der Name der Stadt mit dem UrgebrĂ€u der Alemannen. Die typische goldene Kennung der Marke ist im Stadtkern ĂŒberall anzutreffen. Wenn wir nicht so ein volles Programm hĂ€tten, könnte die schöne Innenstadt im Fachwerkstil durchaus zum Verweilen einladen. Aber schnell den Gedanken an ein kĂŒhles Blondes verdrĂ€ngt und ab durch die Mitte. Die nĂ€chsten Kilometer werden auf einer Bundesstraße abgerissen, aber so eintönig wie das klingt, ist es gar nicht. In langen, eleganten Kurven geht es an dem FlĂŒsschen Möhne entlang. NatĂŒrlich gibt es hier kein Stakkato von Rechts -Links – Kombinationen, aber ein ab und zu riskierter Blick in Richtung Landschaft kann auch entschĂ€digen.
Das nĂ€chste Ziel ist fix ausgemacht. In nicht allzu weiter Entfernung liegt die Aa-bachtalsperre. Man hat auf der Staumauer stehend einen schönen Ausblick auf blaugrĂŒnes Wasser. WĂ€lder sĂ€umen das umliegende Ufer. Nur ein Schönheitsfehler ragt recht imposant aus dem Wasser: Der von uns getaufte „Stöpsel”. Er ist ein kegelförmiges Gebilde und wird als Überlauf in besseren Regenzeiten dienen.
Nachdem jeder seine Fotos im Kasten hat, geht es weiter Richtung Arolsen. AllmÀhlich senkt sich die Sonne und taucht den von uns angefahrenen Aussichtspunkt des Twiste-Stausees in ein leuchtend-warmes Orange-Rot. So verwunschen wie unsere anfÀngliche Begegnung mit dem ersten Stausee ist dieser Ort allerdings nicht. Die NÀhe der Stadt macht sich bemerkbar.
Über Ă€usserst reizvolle, einsame Straßen schlĂ€ngeln wir gen Korbach; wir halten uns nordwestlich und gelangen ĂŒber Adorf nach Heringshausen am Diemelsee. Laut Karte befindet sich im Ort am Rande des Diemelsees ein Campingplatz. Dass es zwei PlĂ€tze gibt, erfahren wir erst spĂ€ter. Mit den letzten Strahlen der Sonne rollen wir auf das GelĂ€nde der Anlage. Ein Blick um die HĂ€userfront zeigt, dass wir nicht die einzigen Moppedfahrer sind, die hier Unterschlupf suchen.
Nach ĂŒber 240 Landstraßenkilometern und sieben Stunden im Sattel verlangt es uns nun nach einer deftigen Mahlzeit und einem kĂŒhlen Pils, aber da ist hier in der campingplatzeigenen Pinte und der daneben liegenden Pommes-Bude Fehlanzeige. Die KĂŒche bleibt nach 21.30 Uhr kalt. Nicht mal eine Frikadelle ist aufzutreiben. Wir erhalten jedoch den Tip, es bei dem Gasthof im Ort zu versuchen. Zum GlĂŒck kann die Wirtin unseren vier leidenden Dackelblicken nichts abschlagen, und so können wir uns eine Stunde spĂ€ter mĂŒde und satt Richtung Zeltplatz schleppen und verschwinden unter den Daunen der SchlafsĂ€cke.
Am nĂ€chsten Morgen lĂ€ĂŸt mich die allgemeine GeschĂ€ftigkeit der Camper frĂŒh wach werden. Die „Waschstation” lĂ€dt nicht gerade zu einer ausfĂŒhrlichen Morgentoilette ein. Zum Erreichen der Waschgelegenheiten muss erst der ĂŒbersichtlich angeordnete „Zwölfzylinder” (zwei Rei- hen Ă  sechs Klos) passiert werden, ein entsprechendes Aroma liegt in der Luft. Bei der RĂŒckkehr zu unseren Zelten sind schon erste Lebenszeichen in denselben auszumachen. Ein bisschen mit Instant-Kaffee und „Lecker-Lecker” gelockt, dann geben auch die HartnĂ€ckigsten auf, aber lichtscheu sind sie doch noch ein bisschen. Nach dem FrĂŒhstĂŒck schlendern wir ein wenig am Rande des Diemelstausees entlang. Die enorme WasserflĂ€che erstreckt sich weit in die umliegende Landschaft. Ein paar Ruder- und Motorboote schippern gemĂ€chlich durch die zur Zeit eher unappetitliche, braune Wasserwelt. Rechts und links versuchen Angler ihr GlĂŒck. Am gegenĂŒber liegenden Ufer schimmern Zeltdachplanen und WohnwagendĂ€cher durch die Anpflanzungen. Wahrscheinlich ist das der neuere Campingplatz, der uns gestern abend noch verborgen blieb. Gegen 11 Uhr starten wir Richtung Willingen ĂŒber Usseln nach Winterberg und steuern dann Richtung Olsberg, natĂŒrlich alles unter Mitnahme der, laut Karte, als landschaftlich schön ausgezeichneten Strecken. Unterhalb von Olsberg befindet sich der Freizeitpark Fort Fun. Ein kurzer Abstecher den Berg hoch, und schon finden wir uns auf einem großen Parkplatz mit Panorama-Bussen und vielen Großfamilien wieder. Schnell machen wir uns auf den Weg, die StĂ€tte der Volksbelustigung zu verlassen.
In Form einer Schleife nÀhern wir uns dem unterhalb von Meschede gelegenem Henne-See und legen eine kurze Rast ein. Unterhaltung finden wir durch die verstÀrkt auftretenden Motorradfahrer-Rudel, die den Samstagmittag zur Ausfahrt nutzen.
Nach Abschluß der Zwischenmahlzeit geht es weiter Richtung Finnen-trop und Plettenberg. Ein Abstecher kurz vor Plettenberg ĂŒber eine – laut Karte – geschwungene Landstraße in Richtung Allendorf entpuppt sich als eine wahrlich gute Motorradstrecke. Anspruchsvolle Kurven, die sich anfangs recht ĂŒbersichtlich nacheinander an den Berg anlegen, werden unterbrochen durch ein kurzes WaldstĂŒck. Im unteren Bereich mĂŒssen wir der Begutachtung mehrerer Duc-Piloten standhalten. Anscheinend hat hier jede Kurve eine eigene Markenvertretung, denn in der nĂ€chsten erwartet uns schon eine japanische Delega- tion.
Oberhalb von Allendorf beginnt die Sorpe-Talsperre. Wieder ist es eine geschwungene Straße, die uns am Uferrand unter Einhaltung der Geschwindigkeitsvorgaben entlangfĂŒhrt. Auch hier macht sich leider der Touristenrummel und Ausflugsverkehr bemerkbar.
Der nĂ€chste Abschnitt birgt die krassesten GegensĂ€tze in sich, die wĂ€hrend der Tour auftraten. Der Weg fĂŒhrt uns durch eine Ă€usserst beschauliche Landschaft mit sehr engen Straßen auf Neuenrade und Werdohl zu. Noch sind wir in der unmittelbaren Natur auf Hohlwegen und Schotterpisten gefangen, doch plötzlich weicht das GrĂŒn und die Konturen einer eng bebauten, grauen und tristen Industriestadt zeichnen sich ab. Schnell breitet sich ErnĂŒchterung aus. Doch eigentlich kommt diese Vergleichsmöglichkeit der Empfindungen rechtzeitig, denn inzwischen hatte man sich an den Landschafts-panoramen schon beinahe sattgesehen. So bringen wir den Abschnitt hinter uns mit der Gewissheit, dass auch hier die nĂ€chste „Wasserstelle” nicht weit ist. Diese liegt unterhalb von Werdohl und nennt sich Verse-Talsperre, eine der kleineren, aber immerhin im GrĂŒnen.
Von dort aus schwenken wir Richtung Kirchhunden unter Einbeziehung des recht imposanten Biggesees. Hier war eigentlich die nĂ€chste Übernachtung eingeplant, aber schnell zeigt sich, dass das Wochenende so seine TĂŒcken fĂŒr Motorrad-Nomaden mit sich bringt. An drei verschiedenen ZeltplĂ€tzen werden wir wegen ÜberfĂŒllung abgewiesen. Mit dem Hinweis, in der NĂ€he von Attendorn könnten eventuell noch PlĂ€tze frei sein, verlassen wir die vorgegebene Route und machen uns schnurstracks auf den Weg. Zum GlĂŒck sind wir rechtzeitig vor Ort und können uns neben unseren MotorrĂ€dern ĂŒbernachtungsmĂ€ĂŸig einrichten.
Uns gegenĂŒber steht ein großer Mercedes-Transporter mit nicht zĂ€hlbaren Individuen, sĂ€mtlich mit langer Haarpracht, Cowboy-Stiefel, Lederklamotten und Kutte ausgestattet. Äusseres Aussehen: gefĂ€hrlich; innere Werte: Ă€usserst nett und lustig. Das stellt sich auch beim anschließenden Grillabend unter Beweis. Als die GrundbedĂŒrfnise bei dem einen ausreichend und bei dem anderen ĂŒberdurchschnittlich befriedigt sind, kriechen wir in unsere SchlafsĂ€cke und gleiten, unter unfreiwilliger Teilnahme eines spontanen Mini-Hardrock – Openair der Nachbarn, in das Land der TrĂ€ume hinab.
Der nĂ€chste Morgen schaut eher trist und neblig – fast genauso wie einige Camper – aus der WĂ€sche. FĂŒr heute stehen verschiedene herausragende Anfahrtspunkte auf dem Programm: zum einen ist da die „Erfahrung” des Kahlen Asten und zum anderen ein Besuch am Eder Stausee vorgesehen.
Aber der Reihe nach: zuerst stellen wir von Attendorn aus ĂŒber Helden und JĂ€ckelchen die Verbindung mit der B 55 her. Der folgende Abschnitt ĂŒber Schmellenberg bekommt nach ein paar Kilometern mehr und mehr den Charakter eines Wanderweges. Letztendlich landen wir in einem WaldstĂŒck mit umliegenden HĂ€usern, die den passenden Ortsnamen Einsiedelei tragen. Ab hier ist eine Ausschilderung nicht mehr zu entdecken, und so folgen wir etwas skeptisch dem mittlerweile unbefestigten Waldweg. Aber nicht verzagen und dem SpĂŒrsinn des Tour-Guide folgen, der uns schließlich und tatsĂ€chlich wieder auf eine geteerte Straße fĂŒhrt. Eine Abfahrt zwischen BuchenwĂ€ldern bringt uns der angesteuerten Bundesstraße 517 nĂ€her. Dort schwenken die MotorrĂ€der gen Kirchhundem.
Das Wetter ist sich immer noch nicht ganz klar, was es an diesem Tag anstellen soll und kommt ĂŒber ein Graublau nicht hinaus.
Wir steuem inzwischen auf Röspe zu und legen an dem Panoramapark Sauerland kurz eine Rast ein. Zum einen ist fĂŒr die Raucher unter uns der nĂ€chste Nikotinhappen fĂ€llig, und eine Erweiterung als Pinkelpause ist auch vonnöten.
Ich verschwinde schnell auf der Toilette; allerdings ist an ein schnelles Erledigen der Sache an sich nicht zu denken, denn der Reißverschluß meiner Lederhose haucht plötzlich seinen Geist aus, und ich stehe nun etwas belĂ€mmert mit den Überresten in der Hand da. Schei…! Wat nu?! Ich sehe mich schon beim Überqueren des Platzes mit offener Hose in einem Meer von schlagenden Schirmen und Handtaschen ereiferter MĂŒtter gen Boden sinken, aber zum GlĂŒck ist da ja noch mein Helm! Dass ich nach der Darstellung meiner misslichen Lage zur Erheiterung meiner Tour-Kollegen herhalten muss, ist wohl jedem klar. Zum GlĂŒck kann Ingo sich zeitweise von seiner innig geliebten SchnĂŒr-Lederjeans trennen. Eine DistanzbewĂ€ltigung von ĂŒber 700 Kilometern nur in Jeanshose erscheint auch ihm nicht als eine akzeptable Alternative.
Schon wenig spĂ€ter kann es weitergehen – Richtung Bad Berleburg und Kahler Asten. Dieses StĂŒck ist landschaftlich wieder ein sehr schönes Eckchen. Man fĂ€hrt mehr oder weniger im Talbereich der Höhen an dem FlĂŒsschen Odeborn entlang.
Rechts und links schmĂŒcken WĂ€lder den Talstreifen und weichen kurz vor Erreichen des Wasserlaufes dem saftigen GrĂŒn der Wiesen. Der einzige Schönheitsfehler ist die holprige Verbindungsstraße, die mehr Aufmerksamkeit benötigt, als wir ihr eigentlich einrĂ€umen wollen. Eine wahre Teststrecke fĂŒr GepĂ€cktrĂ€gersysteme. Aber bald sind wir in Neuenasten angekommen und kringeln uns auf einer gut ausgebauten Bundesstraße mit einigen anderen Motorradfahrern dem Ausichtsturm des Kahlen Asten entgegen.
Oben empfangen uns die ersten Sonnenstrahlen. Auch hier herrscht reger Ausflugsverkehr. Viel zu sehen ist allerdings nicht; die Gegend trĂ€gt ZĂŒge einer Heidelandschaft – ringsum sind BlaubeerstrĂ€ucher und Heidepflanzen. Unterbrochen wird das Bild von Kiefer- und TannenwĂ€ldern.
Den RĂŒckweg vom Kahlen Asten treten wir ĂŒber Mollseifen und Liesen auf der Route nach Medebach an. Dem Anschein nach bewegen wir uns auf einer HochflĂ€che, denn ab und zu hat man einen weiten und schönen Überblick entlang der Medebacher Bucht. Dies ist, wie der Name zwar vermuten lĂ€ĂŸt, allerdings keine Badebucht, sondern vielmehr eine weitlĂ€ufige Aneinanderreihung von Korn- und Weizenfeldern; die ĂŒber den Feldern flimmernde Luft zaubert eine imaginĂ€re WasserflĂ€che in den Blickwinkel des Betrachters.
In dem Gewusel der kleinen Dörfer verpassen wir anscheinend eine Abfahrt, denn plötzlich ist die vorgesehene Route nicht mehr auffindbar. Diesem Umstand verdanken wir es, eine weitere herrliche Motorradstrecke zu entdecken. Diese befindet sich östlich von Medebach kurz vor dem AuslĂ€ufer des Eder Stausees. Von der Ortschaft Buchenberg geht es in engen und weiten Kombinationen ĂŒber eine Strecke von vier Kilometern zu Tal. Unten angekommen brauchen wir erst einmal eine Atem- und Begeisterungspause. Nun, da wir alle wieder aus dem Begeisterungszustand erwacht sind, verschwinden auch schnell die Scheuklappen, und der Blick konzentriert sich nicht mehr nur auf die fĂŒnf Meter breite Straße, sondern fĂ€llt auf den Oberlauf des Flusses Eder, der uns nun zu FĂŒĂŸen liegt und unter einer BrĂŒcke trĂ€ge dahinfließt. Dahinter lĂ€sst sich das Panorama einer großen WasserflĂ€che erahnen. Leider ist auf dem Weg zur Talsperre ein Großteil der Strecke mit Geschwindigkeitsbegrenzun- gen gespickt, aber das große Aufkommen der MotorrĂ€der scheint hier solche Maßnahmen zu erfordern.
Wir suchen uns ein CafĂ©, von dessen erhöhter Terrasse man einen schönen Blick auf die WasserflĂ€che zwischen Waldeck mit einer darĂŒber liegenden Burg und Scheid hat. Der aufgestaute See hat eine LĂ€nge von 28 Kilometern. An der Staumauer scheint der eigentliche Treffpunkt sĂ€mtlicher AusflĂŒgler zu sein, denn die angebotenen ParkplĂ€tze und Haltestreifen platzen aus allen NĂ€hten. Die Edertalsperre ist eine der grĂ¶ĂŸten europĂ€ischen Talsperren – die Staumauer ist 48 m hoch und 400 m lang.
Es geht weiter Richtung SĂŒden ĂŒber Affoldern nach Mehlen. Kurzzeitig mĂŒssen wir mit einer Bundesstraße vorliebnehmen, bevor es meines Erachtens auf das beschaulichste TeilstĂŒck der Tour geht. Von der B 485 biegen wir rechts ab, fahren durch das Örtchen Giflitz, folgen dem Wese-Bach bis Gellerhausen und fahren dann quer durch das Wildunger Bergland auf den Ort Bergfreiheit zu. Nach dem starken touristischen Andrang am Eder Stausee kann man hier die völlige Ruhe und Abgeschiedenheit genießen.
Leider ist diese Passage bald durchfahren, und uns macht allmĂ€hlich die verbleibende Zeit zum Aufsuchen eines Zeltplatzes zu schaffen. Also beschließen wir, die Tour fĂŒr heute abzukĂŒrzen. Als Alternative bietet sich ein Campingplatz in Marburg an. Ohne zu ahnen, welch schönes Stadtbild uns erwartet, machen wir uns auf ĂŒber GemĂŒnden, Rosen-thal, Ernsthausen und weiter nach Marburg. Der Zeltplatz liegt sehr schön zentral am Stadtkern und direkt am FlĂŒsschen Lahn. Nur die an der RĂŒckseite des Campingplatzes entlang fĂŒhrende Schnellstraße stört ein wenig, aber wir wollen uns ja nicht ewig hier aufhalten, und so wird der GerĂ€uschpegel toleriert.
Nach dem Duschen laufen wir in den Ort und stehen schon bald vor dem Altstadtbereich und der darĂŒber liegenden Burg. Diese wurde zu Beginn des 12. Jahrhunderts auf einem mĂ€chtigen Bergsporn errichtet. Unverkennbar ist allerdings, welche Institution der Stadt maßgeblich zu ihrem Flair und ihrer Jugendlichkeit beitrĂ€gt: Die Philips-UniversitĂ€t. So ist es nicht weiter verwunderlich, welches Nachtleben uns erwartet. Überall scheint in den altehrwĂŒrdigen Gassen mit ihren charakteristischem Kopfsteinpflaster das Leben zu pulsieren. Eine Studentenkneipe jagt die andere.
Am nĂ€chsten Morgen weckt uns nicht das ewige Rauschen der WĂ€lder, sondern das der Fernstraße. Bei einem Blick nach draussen bleibt dieser an unserem Zelt gegenĂŒber hĂ€ngen; die Einstiegsluke ist leicht geöffnet und nur ein Paar FĂŒĂŸe sind auszumachen. Eigenartig! Ist Dirk II etwa schon aufgestanden? Erstmal nach den Moppeds gucken! Irgend etwas passt da nicht ins Bild: zwischen den MotorrĂ€dern liegt eine unförmige olivfarbene Wurst mit Kaputze. Was soll man dazu sagen?! Der verlorene Sohn hat sich neben sein GefĂ€hrt schlafen gelegt, um den SĂ€gegerĂ€uschen seines Zeltmitbewohners zu entgehen! Drastische EinflĂŒsse erfordern drastische Maßnahmen.
Ein Rundumblick lĂ€sst einen freundlichen und warmen Tag erwarten. Wie in den letzten Tagen rödelt man das GepĂ€ck gemĂ€chlich auf. Anschließend setzen wir uns zusammen, um ĂŒber den weiteren Verlauf des letzten Tourabschnitts zu beraten. Wir kommen ĂŒberein, zuerst kurz in die Innenstadt von Marburg einzutauchen, um dann Richtung Niederwalgen und Bieber aus dem Dunstkreis der Uni-Stadt zu verschwinden. Zur Zeit kann ich gar nicht mehr wiedergeben, wie wir schließlich in die NĂ€he von Eschenburg gelangt sind; ich gehe mal davon aus, dass im Grunde nicht der ganze gekennzeichnete Kurs abgefahren wurde. Als Mitfahrer im „Rudel” ist der stĂ€ndige Blick auf die Karte und das Entziffern der Ortsschilder nicht unbedingt mehr nötig, denn Ingo hat seine Aufgabe als Tour-Guide sehr gut absolviert. So taucht unsere Gruppe schließlich vor der Hainicher Höhe kurz hinter Dietzhölztal auf.
Vom Örtchen Hainnichen fĂŒhrt uns der Weg auf eine Höhe von 638 m (Stiegelburg) an der Lahnquelle vorbei in Richtung Großenbach. GrĂ¶ĂŸtenteils durchquert man einen hochstĂ€mmigen Nadelwald, dessen Wegbefestigung eher an einen Wanderpfad als an die ausgewiesene Straße erinnert. Rechts abbiegend nehmen wir die direkte Verbindung nach Volkhausen, wo eine der vorhandenen GaststĂ€tten schließlich unsere Zustimmung findet und wir uns zum Mittagessen niederlassen.
Weil das Gros der Aufmerksamkeit mit der Verdauung der recht guten und reichlichen Mahlzeit beschĂ€ftigt ist, gondeln wir mit verminderter Geschwindigkeit auf Bad Laasphe zu. Nun wieder auf unserer vorgesehenen Strecke, fahren wir auf leichten Steigungsstrecken nach Sassenhausen und Dotzlar. In Dotzlar schwenken wir rechts. Plötzlich taucht ein alter Bekannter auf. Er hat zwar einiges an GrĂ¶ĂŸe eingebĂŒĂŸt, schlĂ€ngelt sich aber stetig an unserer Trasse entlang. Es ist der Flussoberlauf der Eder, die wir tags zuvor in ihrer ganzen aufgestauten Pracht bewundert hatten. Zwischenzeitlich haben uns die dunklen Wolken eingeholt, die ersten nassen Straßenabschnitte sind zu passieren. Eine Wetterbesserung scheint nicht in Sicht. So ist es ganz gut, dass wir wieder gen Norden schwenken und ĂŒber die kĂŒrzeste Bundesstraßenverbindung endgĂŒltig den Heimweg antreten.
Von der eigentlichen RĂŒckfahrt gibt es nicht viel zu berichten. Nur vielleicht, dass wir natĂŒrlich in den Berufsverkehr geraten und uns eine weitrĂ€umige Umleitung vor Winterberg recht viel Zeit und Nerven kostet. Kurz vor der Autobahnabfahrt BĂŒren beginnt es leicht zu regnen. Aber das kann uns nun nicht mehr schocken, da ĂŒber die ganze Tour nur ĂŒberdurchschnittlich gutes Wetter gewesen ist. Außerdem ist der Regenschauer nur von kurzer Dauer, und wir gelangen noch mehr oder weniger trocken nach Hause.
Die Anstrengung ist uns wohl ins Gesicht und auf die GesĂ€ĂŸmuskulatur geschrieben, denn der „FĂŒr heute habe ich aber die Schnauze voll”-Ausdruck kommt uns beiden (Ingo und mir) gleichzeitig ĂŒber die Lippen, als wir uns der Behelmung entledigen. Die allerbeste Sozia bzw. Selbstfahrerin hat anscheinend vor dem Fenster auf Lauer gelegen und taucht schon bald vor dem Haus auf. Die Frage nach dem „Wie war’s?” beantworten wir erst einmal mit einem lakonischen „Gut”, denn die Erinnerungen sind alle noch so frisch, dass zur Zeit noch kein richtiges ResĂŒmee abgegeben werden kann.
Einige Tage spĂ€ter sitzten wir draussen bei Dirk II, verzehren Pizza und tauschen die allmĂ€hlich aufkommenden intensiven Erinnerungen aus. Doch das Wichtigste, was heute Abend einhellig festgehalten wird, ist: „Stimmt es, daß es sein muß, ist fĂŒr heute wirklich Schluß? FĂŒr heute ja, aber wir kommen wieder, keine Frage!”