Royal-Enfield-Interceptor-650

Royal Enfield Interceptor 650, Modell 2019

Fahrbericht aus Kradblatt 6/19, Text: Torsten Thimm
Bilder: Carmen & Motorcyclepics / Peter Wahl

Ride Pure …

Royal Enfield Interceptor 650 - Frontansicht

Intro: Es ist schon manchmal verwunderlich, welch positive Emotionen die einfachen Dinge auf dieser Welt in uns wecken. Ja, sie lassen uns gar unseren stressigen und zum Teil anstrengenden Alltag einfach einmal für ein paar Stunden vergessen und führen uns bestenfalls sogar ein wenig in eine andere Welt. Die Royal Enfield Interceptor 650 ist genau so eine einfache Maschine und ihr Konzept funktioniert. Dieser Text soll bei Leibe keine Lobhudelei werden, aber er gibt meine Gedanken und Gefühle wieder, die ich mit diesem kleinen Motorrad in drei Wochen erlebt habe. Nicht auf der großen Reise, nein in Odenwald und Spessart war ich damit unterwegs. Und als ich zum ersten Mal darüber nachdenke, was ich zu ihr und über sie schreiben werde, sitze ich gerade auf einer alten Holzbank im Odenwald, schaue sie mir im Abendrot an, höre ihrem knisternden Auspuff und Motor zu und bin glücklich.

Royal Enfield Interceptor 650 - links Die Interceptor: Der Frühling hat seine Fühler bereits weit ins Land gestreckt und beschert uns Mitte April wunderschönes Sonnenwetter. Die ersten Rapsfelder beginnen zu blühen und unter mir blubbert sonor der brandneue Royal Enfield Twin. Ja richtig gelesen Royal Enfield, die älteste am Stück produzierende Motorradmarke der Welt, hat nach einer fulminanten Präsentation auf der Eicma 2017 seine Reihenzweizylinder nun auf der Straße. 

Wie schon einmal in den 1960er und 1970er hat man das Konzept des Reihentwins erneut aufgelegt. Dieses Mal hubraumtechnisch etwas schwächer als damals und nicht als 700 ccm bzw. ab 1962 als 750 ccm Maschine. Auch wird das Motorrad diesmal weltweit zum Verkauf angeboten und nicht wie ihre Ahnin damals, nur auf dem amerikanischen Kontinent. 

Royal Enfield Interceptor 650 - rechts Mit rund 47 PS Leistung (A2 freundlich also), bei 7100 Umdrehungen, 53 Nm Drehmoment, bei 4000 Umdrehungen und gesunden 650 ccm Hubraum, lässt sich mit dem jungen Spross vortrefflich die Weltgeschichte erkunden. Ja eigentlich viel mehr noch als das, denn es ist Motorrad fahren pur. Mit Ausnahme einer elektronischen Einspritzung und eines mittlerweile gesetzlich vorgeschriebenen ABS-Systems. Sonst aber ohne all die, meiner Ansicht nach oft unnötigen, elektronischen Hilfsmittel, denen wir doch gerne in unserer Freizeit einfach einmal entfliehen möchten, um uns freier zu fühlen.

Royal Enfield Interceptor 650 - motorcyclepics Entfliehen, genau das ist im Übrigen das richtige Wort, denn was liegt näher bei diesem berauschenden Frühlingswetter als die nächsten Kurven, die schon auf uns warten. Um sie zu genießen schalte ich runter und gebe der kleinen Maschine ein wenig mehr die Sporen. 

Dieses leichte, ja mopedartige Feeling mit ihr macht einfach unendlichen viel Spaß, zumal im leichtgängigen Sechsganggetriebe immer der richtige Gang parat ist und man dem herrlichen Klang aus den beiden Auspuffrohren beim Beschleunigen zuhören kann. Der alte Trick mit dem Hubzapfenversatz auf der Kurbelwelle funktioniert nämlich auch hier und wie bei meiner Yamaha TRX 850, der Motorradgott habe sie selig, sind es bei der Enfield auch 270 Grad. 

Royal Enfield Interceptor 650 - ABS Bremse vorne Beim beschwingten Cruising, denn das ist genau das was sie gerne tut, durch die grün werdenden Wälder bleibt das sportlich-komfortabel abgestimmte Fahrwerk fast vollkommen entspannt. Lediglich bei Kurven mit allzu vielen Unebenheiten wird es etwas unruhiger im Federsystem. Zu ihrer Stabilität tragen natürlich verschiedene Faktoren bei. Da wären zum einen die Reifendimensionen mit vorne 100/90-18 und hinten 130/70-18, sowie auch die montierten Pirelli Phantom Reifen, die perfekt auf das Krad passen. Und das im zweifachen Sinn, denn sie teilen auch das namentliche Alter mit der Interceptor. Ja man möchte es kaum glauben, aber die ersten Pirellis mit diesem Namen gab es bereits 1970 und seither wurden sie mit neuen Standards immer weiterentwickelt. 

Wer trotzdem nicht ganz mit der Performance seines Twins zufrieden ist, der kann allenfalls an den hinteren Federbeinen ganz klassisch per Hakenschlüssel die Federvorspannung in fünf Stufen an seine Wünsche anpassen. Damit wären dann aber auch alle Register des Serienfahrwerks gezogen. Und apropos Fahrwerk, einer der wenigen Kritikpunkte für mich ist die Gabel, denn schön wäre es, wenn sie Faltenbälge hätte, oder wenigstens Schützer! Die Simmerringe würden es auf Dauer mit Haltbarkeit danken und optisch wäre es auch ein Hingucker. Der Zubehörmarkt wird es richten.

Royal Enfield Interceptor 650 - Tacho Und im Übrigen, anpassen können sich auch eine Vielzahl von Fahrern, denn durch die klassische und konturbefreite Sitzbank der Enfield, findet beinahe jeder den richtigen Platz hinterm Touringlenker und das mit einem einigermaßen guten Kniewinkel. Der Lenker wirkt verstärkt mit seiner Mittelstrebe fast ein wenig Enduro-like und liegt leicht gekröpft gut in den Händen. Die fehlende Elektronik sorgt zudem dafür, dass die Schalterelemente aussehen, als seien sie aus der Mitte der 1970er und 80er Jahre wieder auferstanden. Fast so, als kämen sie von der Urahnin zurück in Neuzeit. Das ist nicht nur charmant, nein es passt auch zu den beiden klassischen Rundinstrumenten, die man vor dem Lenker platziert hat. Hier ziehen zwei klassische Zeiger ihre Kreise über die Zifferblätter, eingefasst von zwei Kunststoffgehäusen. Einzig im Tacho befindet sich ein digitales Display, das über den Füllstand im Tank, zwei Tages- und die Gesamtkilometer informiert. Nicht einmal eine Uhr ist vorhanden, aber mal ehrlich, wer braucht die schon auf so einer Maschine? Fahren und entspannt die Welt entdecken ist ihr Ziel und das gelingt ohne Zeitmesser einfach viel besser.

Royal Enfield Interceptor 650 - Spritzschutz Doch nicht nur das zeichnet sie aus, denn zu ihrer oben genannten Einfachheit gesellt sich zudem robuster Maschinenbau. Unter anderem am Luft/Öl gekühlten Motor, aber auch am stabilen Rahmen, ja bis hinunter zur Befestigung der Bremsscheiben und des Kettenrades mit Sechskant und Inbusschrauben. Manch einer würde es wahrscheinlich auch als rustikal bezeichnen, ich für meinen Teil finde es einfach nur charmant und vintagelike. 

Auf diese Art zusammengebaut bringt sie es auf ein bodenständiges Gewicht von 202 kg im fahrfertigen Zustand. Gepaart mit einigen pfiffigen Lösungen, ist das eine großartige Kombination. So hat man z.B. recht schnell die schwarzen Schmutzfänger, an den lackierten Kunststoffkotflügeln entfernt (hinten 2 und vorne 3 Schrauben) und passend zum Stil ruckzuck kurze Costumfender. Besitzern, die das machen sei gesagt, die schwarzen Teile haben durchaus einen Sinn, denn ohne sie ist der Spritzschutz dahin. Via Zündschlüssel lässt sich der rechte Kunststoffseitendeckel entfernen, unter dem sich der freie Zugang zur Batterie, ein wenig Werkzeug und der Zug zur Entriegelung der Sitzbank befinden. Alles wohldurchdacht woran man auch sieht, dass es trotz des günstigen Anschaffungspreises von gerade mal 6500 Euro kein billig gemachtes Motorrad ist. Nein, die Interceptor und ihre Schwester Continental GT mit Stummellenker bilden eine perfekte Ausgangsposition für den Hersteller, um noch weiteren zukünftigen Modellen den Weg auf den Markt zu bahnen. Erste Bilder eines möglichen Scramblermodelles bereicherten bereits das Internet und machen Lust auf mehr. 

Mehr bekommt man auch so schon, denn zum niedrigen Kaufpreis kommt eine gleichwohl günstige Unterhaltung dazu. Im Schnitt zieht die Interceptor 3,5 Liter auf 100 km aus ihrem 14 Liter Tank und das reicht bis ca. genau 309,6 km – hier gingen Motor und Lichter bei einer meiner Tagestouren aus und erst dank der Unterstützung meiner Freundin, in Form eines vorbeigebrachten Kanisters Benzin wieder an. Erfahrungen, die man im wahrsten Sinne des Wortes mal machen kann, um seine Maschine richtig kennenzulernen. Also aufpassen, wenn der letzte Strich der Tankuhr blinkt und über 300 km auf der Uhr sind. 

Royal Enfield Interceptor 650 - auf der LandstraßeResümee: Mit den Enfield Twins bekommt und erlebt der geneigte Käufer viel pures Motorrad für sein Geld und einen schnell gewonnenen neuen Freund an seiner Seite. Für das, wofür sie konstruiert wurden, nämlich das klassische Motorrad fahren, sind die Interceptor und die Continental tatsächlich bestens geeignet. Und ich denke, ich kann es beurteilen, denn als Liebhaber und Besitzer einer Kawasaki W 650 mag ich diese Neoklassiker persönlich wirklich sehr und freue mich darüber, dass es mittlerweile so viel Auswahlmöglichkeiten bei den verschiedenen Herstellern gibt. Klangtechnisch hat die Enfield meiner W ein bisschen was voraus, was meine alte Lady aber mit schaltfaulerem Fahren wieder wett macht. Doch gerade auch das Schalten führt dazu, dass das pure Fahren mit der Enfield riesigen Spaß macht, gerade auch in Verbindung mit den geringen elektronischen Helferlein und mit der sehr entspannten Zahl an Pferdestärken. Denn was nützt dir Vorsprung durch zu viel Technik, ohne die passende Freude am Fahren. In diesem Sinn: lebt einfach mal glücklich …

P.S. Auch der Tuningmarkt nimmt sich schon der Enfield Twins an und bringt mit diversen Hebeln, Motorabdeckungen, Sturzpads und Bügeln, Taschen und weiterem Zubehör all das, was die Individualisierung der Maschine einfach und leicht macht. 

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Ein Kommentar zu :
“Royal Enfield Interceptor 650, Modell 2019”


  • Brar Bruns sagt:

    Dieser Fahrbericht gibt glänzend meine eigenen Erfahrungen mit der Interceptor wieder.
    Ist einfach nur ein hübsches Motorrad, welches sich zum „Entschleunigen“ hervorragend eignet.

    Mit freundlichen Grüßen

    Brar Bruns