aus Kradblatt 4/23 von Robert Friedrich und Jürgen Theiner www.motorprosa.com
Fotos: privat und Emmanuel Amblat www.emmanuel-amblat.kabook.fr

Portrait eines Kämpfers

Auf der diesjährigen Messe Motorradwelt Bodensee traf Jürgen Theiner auf Robert Friedrich. Den bewegenden Gastbeitrag veröffentlichen wir auch gerne im Kradblatt!

Fasziniert sah ich zu, wie Robert seine Supermoto über den Rundkurs trieb – schräg, schnell, und dabei über das ganze Gesicht strahlend. Unfassbar: Minuten zuvor saß Robert noch in seinem Rollstuhl. Da konnte ich nicht anders: Ich habe Robert um seine Geschichte gebeten – sie ist bedrückend und begeisternd zugleich. Achtung: die Schilderung des Unfalls ist nichts für schwache Gemüter! Überspringt den Absatz von Roberts Geschichte bitte ggf.

Robert Friedrich beim European Bridgestone Handy Cup in Le Mans
Robert Friedrich beim European Bridgestone Handy Cup in Le Mans

Roberts Geschichte:

Mein Name ist Robert Friedrich, ich bin 41 Jahre alt und in Rosenheim geboren. Im Oktober 2002 hatte ich einen schweren, unverschuldeten Motorradunfall und bin seitdem querschnittsgelähmt.

Meine Leidenschaft für das Motorradfahren begann schon als kleiner Junge. Mit 15 habe ich mir die Motocross-Maschine eines Kumpels geliehen – danach war klar: ich brauche auch so ein Ding. Kurze Zeit später stand eine Honda Vollcross vor der Tür, die leider nicht so lange gehalten hat, wie ich es mir gewünscht hätte. Mit 16 habe ich den 125er Schein gemacht und mir eine Yamaha DT gekauft. Seitdem waren die Straßen vor mir nicht mehr sicher. Mit 18 folgte der große Motorradführerschein und mit ihm eine Aprilia RS.

Robert Friedrich - Sei mutig & stark!
Sei mutig & stark!

Am 10. Oktober 2002 war ich bei meinem Pferd. Beim Ausmisten fiel mir dann ein, dass ich noch Zweitakt-Öl für die Aprilia brauchte. Für Oktober war es noch recht warm, also nutzte ich das Wetter nochmal aus. Außerdem hatten die Reifen noch guten Grip. Auf dem Rückweg von der Tankstelle musste ich an einem Bahnübergang halten, gemeinsam mit einem anderen Motorradfahrer. Nach dem Öffnen der Bahnschranken fuhren wir versetzt los. In einer Kurve kam uns aus dem Nichts ein Auto entgegen, das zwei LKW überholte …

Der Unfall: Der Kollege vor mir wich nach rechts aus und stürzte. Ich bremste stark, um ihn nicht zu überfahren. Dabei stürzte auch ich, das entgegenkommende Auto überrollte mich und schleifte mich einige Meter mit. Ich versuchte noch, mich am Auspuff festzuhalten, um nicht auch noch von den Hinterreifen überrollt zu werden, verbrannte mir aber sofort die Finger und verlor den Halt. Ich geriet in den Radkasten und mit dem Kopf unter das Rad. Mein Becken drehte sich um 180 Grad, Wirbel brachen, ich verletzte mich schwer an Nieren und Lunge.

Erst nach ca. 50 Metern hielt der Fahrer endlich an. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass er keinen Führerschein hatte und der Wagen nicht ihm gehörte. Deshalb wollte er sich aus dem Staub machen.

Robert Friedrich - Training in der MotoCross-Halle
Training in der MotoCross-Halle

Als die ersten Helfer am Unfallort eintrafen und ratlos um das Auto standen, bat ich höflich um Hilfe. Sie waren sehr überrascht, dass ich noch lebte. Ich gab ihnen den Hinweis, dass ich doch eher einen Hubschrauber bräuchte, da ich schon gemerkt hatte, dass mein Kreuz gebrochen war und ich keine Luft mehr bekam. Dann gingen meine Lichter aus.

Eiserner Willen: Zehn Tage lang lag ich auf der Intensivstation in Murnau, davon vier im künstlichen Koma. Ich konnte mich nur bruchstückhaft an den Unfall erinnern; die Nachricht meiner Querschnittslähmung war nicht einfach zu verarbeiten. Noch auf der Intensivstation wurde mir ein Psychologe an die Seite gestellt. Dieser wollte mich mit den besten Absichten auf ein Leben ohne Motorradfahren vorbereiten. Er sollte keinen Erfolg haben.

Insgesamt war ich 10 Wochen in der Klinik in Murnau. Kaum entlassen, fuhr ich mit einem Freund, der hinter mir auf meiner Motocross saß, auf einem Feldweg. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich: Ich kann wieder Motorrad fahren. Um fit dafür zu werden, verbrachte ich viel Zeit im Kart und auf dem Quad und trainierte hart. Meine Leidenschaft für das Motorrad ließ nie nach, im Gegenteil: sie trieb mich an.

2004 kaufte ich mir eine Yamaha R1 und ließ sie bei Willi Költgen (www.koeltgen.de) auf Luftdämpfer umbauen (Anmerk. d. Red.: das „Feetless Biking System“ der Fa. Költgen verfügt über Stützen, die bei langsamer Fahrt, sowie beim Anhalten per Knopfdruck zugeschaltet werden können). Ab 2005 fuhr ich auf der Rennstrecke und lernte das Motorradfahren neu. Ziemlich schnell merkte ich, dass die Stützen zu schwer und auf der Rennstrecke eigentlich unnütz waren. Also baute ich eine zweite R1 auf: ohne Stützen, aber mit elektromagnetischer Schaltung. Diese Maschine war viel leichter zu fahren – und schneller.

Robert Friedrich Später fuhr ich mit meinen Motorrädern, der Yamaha R1 und der KTM Supermoto, auf einer spanischen Rennstrecke. Dort zeigte mir der Streckenbesitzer einen Zeitungsartikel von einem gelähmten Amerikaner, der Motocross fuhr. Das probierte ich – als im Herzen Crosser – am nächsten Tag mit meiner KTM auch. Zwar war deren Fahrwerk dafür nicht geeignet und ich fand auf der zu harten Sitzbank keinen Halt – trotzdem wusste ich: Ich werde auch wieder Motocross fahren!

Zu Hause kaufte ich mir eine KTM SXF und startete nach den notwendigen Anpassungsarbeiten die ersten Versuche auf einer Motocross-Strecke. Das klappte überraschend gut – nun hatte ich drei Hobbys auf einmal: Ringfahren, Supermoto und Motocross. Nur noch ab und zu holte ich meine alte Yamaha R1 mit den Stützen für eine Sonntagsfahrt auf der Straße raus. Ich schaffte es hingegen, einige Rennen zu fahren, z. B. den G-Cup (Supermoto), den Kini Alpencup (Motocross) und den Metzeler Cup (Ringfahren).

Die nächste Herausforderung: 2015 legte ich eine kurze Pause ein – bei mir wurde Hodenkrebs diagnostiziert. Leider sehr spät, der Krebs hatte sich bereits im ganzen Körper ausgebreitet, die Diagnose der Ärzte war niederschmetternd. Ich dachte mir allerdings: „Ich bin ja eh schon in der Bonusrunde …“

Sofort begann die Chemotherapie. Ich wurde stationär aufgenommen und vertrieb mir die Zeit mit der Recherche nach Neuheiten aus der Motorradwelt. Dabei stieß ich zum ersten Mal auf den „European Handy Bridgestone Cup“. Nach der vierten Chemo wog ich nur noch 50 kg, trotzdem wollte ich wieder meine Supermoto fahren. Ich schaffte zwar nur eine Runde, aber die schaffte ich! Von da an ging es mir immer besser, mein Körper erholte sich ziemlich schnell. Es dauerte nicht lange, bis ich wieder aktiv Motorrad fuhr.

Supermoto Training in Kircheim unter Teck
Supermoto Training in Kircheim unter Teck

Rennen fahren: Ich bin immer gerne Rennen gefahren. Leider kann ich nicht mit den „Gesunden“ mithalten – so kam mir der European Handy Bridgestone Cup wieder in den Sinn. 2021 nahm ich Kontakt mit den Veranstaltern auf. Nach einer langen Odyssee für die notwendige Rennlizenz startete ich 2022 in mein erstes Rennjahr in der Europameisterschaft in Le Mans und Spa im Rahmen der EWC.

Motorradfahren ist meine Leidenschaft. Meine Jugend verbrachte ich zu 90 Prozent auf dem Motorrad, jede freie Minute war ich unterwegs oder schraubte an meinen Maschinen. Es war und ist mein Antrieb, Schicksalsschläge zu verarbeiten – wenn ich wusste, ich kann danach noch fahren, war alles nicht so schlimm.

Vor dem Rennstart bin ich natürlich nervös, habe tausend Gedanken. Ich gehe die Brems-, Einlenk- und Beschleunigungspunkte durch, konzentriere mich auf die perfekte Runde. Das Adrenalin schießt hoch – aber sobald die Ampel ausgeht, Ellenbogen sich berühren, ich mit anderen mit so wenig Abstand fahre, dann liege ich hinter meinem Windschild und genieße das Rennwochen-Feeling. Alle Gedanken sind weg. Ich kann nicht in Worte fassen, was mich am Rennsport so fasziniert. Es ist meine Welt, mein Leben. Es gehört zu mir, wie mittlerweile mein Rollstuhl zu mir gehört. Ich bin dankbar, dass ich das ohne Kompromisse machen kann!

Robert Friedrich

Gas ist rechts!

Weiter gehts …

Robert geht auch 2023 wieder an den Start – bestenfalls mit einem konkurrenzfähigen Motorrad. Über seine Crowdfunding-Kampagne könnt ihr ihn dabei unterstützen. Schaut euch das an und haltet euch nicht zurück! Denn jeder Euro hilft, diesen Traum zu verwirklichen. Die Kampagne findet ihr unter https://gofund.me/26d5075f. Besucht Robert außerdem auf Facebook. 

Viele Infos für Menschen mit einer körperlichen Behinderung, die gerne (wieder) Motorrad fahren möchten, findet ihr online bei den Einarmhelden (www.einarmhelden.de).

Jürgen Theiner