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Schwarze Magie – Unterwegs mit Rikard Gustafsson

aus Kradblatt 6/17
Text und Fotos Henrik Vormdohre

Aufbau eines Top Fuel Bikes

Alljährlich versammeln sich die europäischen Top Teams zum gemeinsamen Kräftemessen auf der Traditions-Rennstrecke des Hockenheim Rings zu den Nitro­lympix, in der es um wertvolle Punkte der FIA und FIM Championship geht und um den Eventsieg.

Die hochexplosive Mischung aus Geschwindigkeit, Sport und Show, beim größten Drag-Racing Rennens außerhalb der USA, lockte vergangenes Jahr rund 50.000 Fans an die Traditions-Rennstrecke. Das Kräftemessen verwandelte die „Rico Anthes Quartermile“ wieder in den ultimativen Leistungsprüfstand. Der Geruch von Nitromethan vermischte sich mit verbranntem Gummi, dem Singen der Kompressoren und dem Jubel der Zuschauer. Ein absolutes Highlight im Veranstaltungskalender des europäischen Drag Racing Sports.

Für dieses Rennen hatte auch Rikard Gustafsson seine Nennung abgegeben. Mit einem rabenschwarzen und kraftstrotzendem Bike debütierte er vor deutschem Publikum auf für ihn neuem Terrain: NITROMETHAN.

Rikard Gustafsson lebt etwas außerhalb von Falkenberg in der historischen Provinz Halland an der Westküste Schwedens. Bereits seit 1992 betreibt er seine Motorradwerkstatt mit dem Namen RG Engineering. Ziel war es nicht, viel Geld zu verdienen, sondern es möglich zu machen, seinen Träumen zu folgen. Vom einfachen Service bis hin zu tiefgreifenden Tuningmaßnahmen ist im Hause alles möglich. Das Tuning von Rennmotoren liegt ihm dabei besonders am Herzen und ist ein wesentlicher Bestandteil seines Tagesgeschäfts.

Im internationalen Vergleich brillierte Rikard über viele Jahre mit dem Ex-Korry Hogan Funny Bike, das er 2006 von dem Amerikaner kaufte. Rikard war in den folgenden Jahren mit dem Turbo Bike eine Klasse für sich. Unzählige Rekorde stellte er mit dem Funny Bike auf. Permanent wurde das Bike modifiziert und schneller. Rikard startete in den unterschiedlichsten Motorradklassen, wo es vom Reglement her möglich war: Competition Bike, Top Eliminator und Top Fuel Bike. Der Erfolg gab ihm Recht, als er in Santa Pod mit 6,36 Sekunden die Lichtschranke durchschlug. Dies ist bis heute, unangefochten!

Nach so einer langen Zeit war für ihn der Zeitpunkt gekommen, dass er es leid war im direkten Duell Funny Bike Motorrad gegen die Top Fuel PS Monster zu bestehen. Mit einem süffisanten Lächeln erinnert sich Rikard gern an die unzähligen Male als er mit seinem leistungsmäßig völlig unterlegenen Turbo Bike seinen Top Fuel Bike Kontrahenten eine Lektion erteilte, öfter als es ihnen manchmal lieb war.

In dieser Zeit hatte der norwegische Top Fuel Bike Pilot Jon Leret in Mantorp Park bei einem bösen Unfall, sein Fuel Bike dabei irreparable zerstört. Schnell wurde mit dem Bau eines neues Chassis begonnen. Jan Egil Kongsgrud, (Mechaniker bei Svein Gottenberg) konstruierte und baute für Jon einen neuen fahrbaren Untersatz. Jons behandelnde Ärzte rieten aber zu einem sofortigen Karriereende. Somit fand das Chassis in Rikard einen neuen Besitzer.

Das Chassis wurde anschließend zum Spezialisten von PUMA Engineering geschickt. In den Niederlanden wurde ein neues Upgrade an der Rahmenkonstruktion durchgeführt. Mit dieser Aufgabe wurde Ex-Nitro Super­twin Fahrer Gerard Willemse (aktuell nicht mehr bei Puma beschäftigt) betraut.

Weil in der Konstruktionsphase des Chassis auf eine computerunterstützte Simulation der besonders beanspruchten Bereiche verzichtet wurde, konnte der Niederländer seine jahrzehntelange Erfahrung bei dem Umbau mit einfließen lassen. Die Sitzposition wurde nochmals abgesenkt und maßgeschneidert auf die Bedürfnisse (Gewicht des Fahrers, Beinlänge. Oberkörper- und Armlänge) von Rikard. Der hintere Bereich wurde wesentlich verstärkt. Erfahrungsgemäß wurde die Achsaufnahme ebenfalls für diese extremen Belastungen modifiziert. Nicht ungewöhnlich ist, dass sich die Standard 1˝ und 1 ¼˝ Achsen biegen. Insgesamt besteht ein Chassis von so einem Kaliber aus 20 Metern 4340 Chrom Molybdän Stahlrohr.

Als optimal gilt das Verhältnis der Platzierung des Motors für die beste Gewichtsübertragung, gepaart mit der geplanten Fahrergröße.

Die Vorderradaufhängung (Gabelbrücke und Gabel) samt Lenkdämpfung wurden überarbeitete um einen positiven Einfluss auf die Fahrdynamik des Bikes zu erwirken. Es ist enorm wichtig, dass der Fahrer eine Einheit mit dem Chassis bildet um stets die Kontrolle über das Fuel Monster, auch in „schwierigen“ Situationen zu haben. Viele Top Fuel Piloten benötigen einen gewissen Bewegungsspielraum auf dem Bike. Der Fahrstil ist recht unterschiedlich wenn man sich die Fahrer weltweit betrachtet.

Für die weiteren Arbeiten wurde das Chassis in die heimische Werkstatt verfrachtet. Viele aufwendigen und zeitraubenden Anpassungsarbeiten verschlang die Motor- bzw. Antriebshalterung für optimale Festigkeit und Funktion. Die Motor-Montageplatte, ermöglicht eine schnelle und einfache Entnahme des gesamten Motors mit der minimalen Demontage von Zubehör. Nicht zu vergessen sind die elektrische Verkabelung und die pneumatischen Komponenten.

Um die stylischen, komplett aus Carbon hergestellten Verkleidungsteile, kümmerte sich Kenneth Holmberg von Swecomposit. Passgenau wurde der Tank den beengten Platzverhältnissen vor dem Motor mit viel handwerklichem Geschick auf den Leib geschnitten. Prädestiniert für präzisen Fertigungsschritte war das ebenfalls schwedische Unternehmen und Suppliers-Spezialist Bentec. Diese übernahmen dann gleich die kompletten Arbeiten für den Riementrieb, Umlenk- bzw. Spannrollen. An so einem Top Fuel Motor sitzen doch einige Abnehmer wie Kompressor, Zündung, Spritpumpe und nicht zu vergessen der Mega-Antrieb des 2-Gang Getriebes.

Im Maschinenshop entstanden unzählige Spezialanbauteile, die aus dem vollen Aluminium gefräst wurden um den enormen Kräften standhalten zu können. Weitere Zukaufteile aus den Exklusiv-­Abteilungen namhafter Hersteller fanden ebenfalls den Weg in die Werkstatt. Der Plan bei dem Neubau war es stets, nicht ein schnelles Fuel Bike zu bauen sondern das absolut schnellste! Rikard war über die lange Phase des Projekts immer bewusst, dass nur die besten und aktuellsten Technologien zum Erfolg führen.

Bei den Motorkomponenten und Getriebe mit Kupplung wurde nichts dem Zufall überlassen und nur rennerprobtes Material fand hier Verwendung. Der Motorblock, Kurbelwelle, Zylinderkopf, Brennstoff-, Zünd- und Kupplungssteuerung ist ein Duplikat von dem 10-fachen Top Fuel Bike Champion und Rekordhalter Ian King (Chef des Unternehmens Puma Engineering). Auch wurden alle Tuning- und Setup-Daten zur Verfügung gestellt, damit Rikard schnellstmöglich auf ein solides Basis Setup zurückgreifen kann.

Summa summarum dauerte es sechs Jahre zum Finish dieses absolut genialen Bikes.

Während der langen Bauphase waren Peter und Sören Svensson, Jan Larsson und Ian King’s Crew Chief Marius von der Zijden sehr gern gesehene Gäste im Shop. Die Unterstützung vor Ort und der direkte Austausch von Erfahrungen gaben Rikard die Möglichkeit sein neues Vorhaben besser zu verstehen. Was aussieht wie eine Einmann Show, wäre nicht möglich, ohne Unterstützung von seinen Söhnen Oscar und Philip, Freunden und natürlich allen seinen Kunden.

Auf dem Malmö Raceway fand im Sommer 2015 der erste RollOut statt. Weitere Testläufe folgten und zufrieden mit dem Entwicklungsstand ging man in die Winterpause. In der langen und dunklen Jahreszeit wurden kleine Abstimmungsarbeiten vorgenommen. Das Hauptaugenmerk galt der Frontverkleidung, diese bekam den letzten aerodynamische Feinschliff.

Für die Saison 2016 hatte man sich zum Ziel gesetzt, den bestehenden Weltrekord von 6,36 Sekunden, aufgestellt mit dem Funny Bike, zu unterbieten. Eine lösbare Aufgabe, wenn man das enorme Leistungspotential des neuen Nitro Scooters betrachtet.

Wie zu erwarten übertraf das Fuel Bike in der vergangenen 2016er Saison alle Erwartungen des Teams und der Sponsoren. In der ersten Eliminationsrunde bei den Nitrolympx verbesserte er seine Bestzeit auf 6,02 sec.! Doch damit nicht genug, gebührend verabschiedete er sich in die Winterpause als er bei den Finals in Santa Pod, GB seine persönliche Bestzeit mit 6,01 sec bei 384 km/h noch weiter verbessern konnte. Die gute Performance wurde dann auch mit dem FIM Vizemeister belohnt.

Logische Konsequenz für 2017 ist die Top Fuel Bike Krone nach Schweden zu holen und mit Sicherheit in die 5 sec. zu fahren. Ob Rikard jemals wieder mit dem Funny Bike auf einem Drag Strip zu sehen sein wird darf bezweifelt werden. Wer einmal mit dem Nitro-Virus infiziert ist, kommt bekanntlich nur sehr schwer davon los.

Phase 1: Burnout

Phase 2: zurückschieben an den Start

Phase 3: Grün = Gaaaaaaaaaaas 🙂

Drag-Infos im Web:

www.rg-engineering.com
www.pumaengineering.moonfruit.com
www.kingracing.com
www.eurodragster.com
www.dragster.de
www.swecomposite.com


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