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Puch GS 600

aus bma 7/01

von Jens Schäfer

So, nun raff‘ ich mich auch einmal auf, eine Geschichte von meinem Motorrad zu schreiben. Nach mehreren angenehmen und ruhigen Jahren auf einer BMW K 75 S sehnte ich mich wieder nach etwas Rustikalem, mit nur dem Nötigsten dran, back to the roots eben. Eine Enduro sollte es sein, am besten etwas europäisches mit einer Prise Nostalgie, derb und nicht weichgespült. Aber was?
Nun war ein Freund bereits seit Jahren mit einem gewissen Virus infiziert. Dieser hörte auf den Namen Frigerio-Puch. Bei den Namen Puch denkt jeder natürlich an Puch Maxi Mofas oder an die bekannten Puch Cobra Kleinkrafträder. Doch die Puchs von Frigerio, bis Anfang der neunziger Jahre in Mailand/Italien hergestellt, sehen da doch ganz anders aus. Hier sind rassige Gelände-sportmaschinen, kurz „GS” genannt, gemeint. Hochbeinig mit kräftigen Zwei- oder Viertakt Rotax-Motoren. Besagter Freund nennt gleich mehrere Maschinen diesen Kalibers sein Eigen. Aus diesem Fundus sollte nun eine verkauft werden. Als ich die Puch GS 500 das erste Mal sah, war ich sofort Feuer und Flamme. Sie stand gut da. Mit neu lackiertem, in rot gehaltenem Chrom-Molybdän- Rahmen, Marzocchi Gabel mit einem Standrohrdurchmesser von 42 mm und Marzocchi Federbein hinten. Die Schwinge ist aus Stahl mit ovalem Profil. Gute Hausmannskost, oder High-End-Technik der Achtziger.

 

Da die Federwege bei ca. 300 mm liegen, gelangte ich beim ersten Probesitzen gerade mal mit den Fußspitzen auf den Boden, und das bei einer Körpergröße von knapp 1,80 m. Die Federung erwies sich als sehr stramm. Als Antrieb fungiert ein 500ccm-Einzylinder-Viertakt-Motor, der zwar nicht dem Original entspricht (dies wäre der 562 ccm-Motor), der aber dennoch gut im Futter steht. Der Motor ist bekannt von Exoten wie z.B. der amerikanischen ATK und der britischen CCM, aber auch MZ hat ihn verbaut. Die Gemischaufbereitung übernimmt ein 36 mm Dell’Orto-Vergaser, wobei auch eine Befeuerung mit der 40er-Ausführung möglich ist. Die Luftfilterung wird von einem K & N-Filter recht freizügig übernommen. Wir wurden uns schnell handelseinig und ich übernahm die herbe Schönheit.
Mir graute es allerdings schon vor der Startzeremonie. Natürlich gibt es keinen Elektrostarter, denn die Puch verfügt über keine Batterie. Ihr wisst schon: Gewicht und so. Das Ganze funktioniert wie bei der altbekannten Yamaha XT 500 mit Schauglas zur Ortung des oberen Totpunkts und manuell zu betätigendem Dekompressionshebel. Das Ankicken hat was von südostasiatischen Kampfsportarten: Nicht die Kraft ist das wichtigste, sondern die Technik. Bei meinen ersten Versuchen war ich ca. 20 Minuten damit beschäftigt den Motor zum Leben zu erwecken, nun arbeite ich schon deutlich effektiver. Läuft der Motor erst einmal, ist die Mühe schnell vergessen.
Den Motorsound möchte ich mit Begriffen aus der Musik beschreiben: Es beginnt mit einem Stakkato im unteren Drehzahlbereich, sich aufschwingend zu einem munteren Rondo Allegro endet der Satz mit dem Klang einer Posaune von Jericho. Oder anders: Ich wohne in einer 30 km/h-Zone, und man fühlt sich irgendwie immer beobachtet, dabei befindet sich die Auspuffanlage im 100% Originalzustand. Glücklicherweise habe ich verständisvolle Nachbarn. Der Motor nimmt nach einer kurzen Warmlaufphase Gas an und dreht auch spontan hoch.
Das Fahren selbst hat etwas von einer Kartoffelkiste auf Rädern: Kaum Federungskomfort und alles vibriert mehr oder weniger stark. Beim Bremsen gilt: wer früher anfängt steht trotzdem nicht als erster. Im Vorderrad wirkt eine eine schwimmend gelagerte Brembo-Scheibe, von einer Zweikolbenzange mühsam in den Griff genommen. Durch Verwendung von Ferrodo-Belägen konnte ich eine leichte Verbesserung erreichen. Außerdem ließ ich mir eine Spiegler-Stahlflex-Bremsleitung anfertigen. Am Hinterrad wird nach alter Väter Sitte mit einer Trommel verzögert. Das Fahren mit der Puch hat etwas von Abenteuer, selbst im Großstadt-Dschungel.
Die Puch hat sich ihr Gnadenbrot verdient und wird nicht mehr im Gelände bewegt, da Ersatzteile für Fahrwerk nur noch schwer erhältlich sind. Außerdem sind sämtliche Kunststoffteile im Orginal nicht mehr zu bekommen. Beim Motor sieht es da besser aus, hier ist noch alles zu haben. Nach über zwei Jahren, die wir nun zusammen sind, hält die Verliebtheit immer noch an, und sie hat das Zeug für die ewige Liebe.

 

 

 


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Ein Kommentar zu :
“Puch GS 600”


  • Hallo Jens, das waren noch Zeiten! Auch ich hatte in meiner Jugend ein Puch-Motorrad. Und war so stolz darauf! High-End-Technik der Achtziger. Wer auf der Suche nach Informationen zum Thema ist, braucht nur «Puch» im Suchfeld eines x-beliebigen Onlinemarktplatzes einzugeben, und schon findet sich wunderbares Anschauungsmaterial; z.B. auf https://moto-inserate.ch/?title=puch – dort werden PUCH vor allem von Privaten verkauft. Und z.T. gibts sogar noch Ersatzteile!