Aabachtalsperre

Ostwestfalen mit dem Motorrad erleben

aus Kradblatt 4/15
von Frank Sachau

Ostwestfalen mit dem Motorrad erleben

AabachtalsperreBegeisterte Motorradfahrer sind immer an Land und Leuten, Kultur und Küche interessiert. Egal, ob abenteuerlich oder bodenständig, Reisen lassen einen über den Tellerrand schauen. Und wenn auf dem Hotelgeschirr auch noch „westfälisch genießen“ steht, ist der Entdeckerdrang nicht mehr zu stoppen.

Mit kalten Motoren schleichen wir aus dem verschlafenen Vörden an der nahegelegenen Benediktinerabtei Marienmünster vorbei, die der Region nicht nur ihren Namen verlieh, sondern seit dem 12. Jahrhundert auch kirchlich prägte. Den Gipfel des bekannten Bikertreffs Köterberg lassen wir, obwohl in Kirschkernspuckweite, links liegen und biegen in Richtung Höxter zum kleineren Bremerberg ab. Der Weg hat Ähnlichkeit mit einer Achterbahn, anfangs unspektakulär aber zügig bergan, dann ein schneller Rundumblick und plötzlich der rasante Sturz in die Tiefe. Nach einem kurzen Bundesstraßen-Intermezzo beginnen wir erneut mit einem Aufstieg, diesmal zu einer baumlosen Hochebene bei Lütmarsen. Eine fantastische Motorradstrecke entführt uns in das sanft gewellte Oberwälder Land, wo Geraden Mangelware sind. Wunderbar runde Kurven lassen uns durch Feld und Flur bis nach Ottbergen im Tal der Nethe tanzen. Der Wasserlauf, der südlich von Höxter in die Weser mündet, teilt unser Tourengebiet in zwei Hälften, die Quelle werden wir am Nachmittag erreichen.

Burg DringenbergNach einer kurzen Rast machen wir uns auf die Reifen, um über einen weiteren Höhenzug zum nächsten Flüsschen, der Bever, zu cruisen. Wir passieren die B 241 und treiben unsere Maschinen aus dem Tal den Jakobsberg hinauf, als ungewöhnliche Vibrationen über Hände, Füße und Gesäß in unsere Körper finden: Die steile Anfahrt ist nicht geteert, sondern mit S-Steinen gepflastert. Auf der Höhe angekommen, zerren zickige Böen an unseren Helmen und den Rotoren unzähliger Windkraftanlagen. Ohne einen kräftigen Luftstrom würde es bei unserem nächsten Halt mucksmäuschenstill sein. In Borgentreichs Orgelmuseum erfahren wir alles über die Königin der Instrumente und besuchen anschließend die größte Barockorgel Westfalens in der Pfarrkirche St. Johannes Baptist. Und als wir wenig später unsere Maschinen starten, ertönen aus unseren Pfeifen auch tolle Klänge. Die folgenden Landstraßenkilometer entlang der fast baumlosen, leicht hügeligen Warburger Börde verbreiten gute Laune und sind stressfrei zu genießen.

Cafe Kaffeebohne WillebadessenAls es Zeit für eine Dosis Koffein wird, kommt das Café Kaffeebohne in Willebadessen gerade recht. Im begrünten Innenhof gegenüber des Klosters lassen wir es uns gut gehen, während die Mopeds in Sichtweite parken. Die Straßenkarte mental eingeprägt, schlagen wir dann auf schmalem Teer einen großen Bogen über Gehrden zur mittelalterlichen Höhenburg in Dringenberg, um die sich eine traurige Sage rankt: Der gefangene Ritter Teudebert sollte die Freiheit erlangen, sobald er den Burgbrunnen bis zum Grundwasserspiegel ausgehoben hat. Am Tag seiner Entlassung soll er vor Erschöpfung gestorben sein. In Neuenheerse kommt das Wasser von alleine an die Oberfläche, hier sprudelt die Nethe, die auch den Graben des Wasserschlosses speist. In dem ehrwürdigen Gemäuer sind zahlreiche Museen und Ausstellungen untergebracht, die riesige Menge verschiedenster Exponate erschwert uns allerdings den Überblick. Glänzende Augen bekommen selbst gestandene Kerle, wenn sie die Räume der Modellbundesbahn im historischen Güterbahnhof von Bad Driburg betreten.

Corvey WachhaeuschenAuf einer Gleisanlage von über 1000 Meter Länge sind maßstabsgetreue Dampflokmodelle im nachgebildeten Weserbergland unterwegs – da wird manch schöne Erinnerung an glückliche Kindertage wach. Früher träumten wir nur davon, auf einem schweren Motorrad die Gegend unsicher zu machen, heute tun wir’s. Abseits der Bundesstraßen düsen wir durch die mit allerlei Kurven gespickten Ausläufer von Eggegebirge und Teutoburger Wald, schauen noch schnell mal in der Glashütte Erpentrup vorbei und erreichen mit knurrendem Magen Nieheim.

Im Westfalen Culinarium stoßen wir auf vier Museen, die vier Themen schmackhaft vermitteln: Käse, Brot, Schinken, Bier und Schnaps. Gut gestärkt, Bier und Schnaps müssen allerdings bis zum Abend warten, drücken wir den Anlasserknopf und flitzen über Steinheim zum Schiedersee, dessen nördliche Spitze unseren imaginären Wendepunkt bildet. Gut einsehbare Kurven lassen uns in flottem Tempo am Großen Pulskopf vorbei zum Köterberg eilen. Der fast 500 Meter hohe Gipfel mit seinem riesigen Parkplatz ist täglich Treffpunkt zahlreicher Biker, die den wohl schönsten Rundblick Mitteldeutschlands auf 62 Ortschaften genießen wollen. Weniger dem Fahrspaß, mehr dem Gaumenschmaus hat sich der 1990 gegründete Verein „Westfälisch Genießen“ verschrieben. Traditionelle Rezepte und heimische Produkte sollen die über 2000-jährige Ess- und Trinkkultur in den zahlreichen Restaurants zwischen Teutoburger Wald und Siegerland wach halten. So lassen wir uns Westfalen schmecken.

KoeterbergAuch der zweite Fahrtag beginnt vielversprechend: Durch die Morgensonne geweckt, prima gefrühstückt und im Tank­rucksack wieder eine perfekt ausgearbeitete Route vom Kulturland Kreis Höxter. Von angenehmen Temperaturen begleitet, genießen wir die ersten Landstraßenkurven bis zur nahegelegenen Abtei Marienmünster, die im Dreißigjährigen Krieg fast vollständig verwüstet wurde. Kurze Zeit danach erblühte die Anlage zu ihrer noch heute erhaltenen Form mit den spitzen Doppeltürmen und dem geschwungenen Vierungsturm. Mit der Sonne im Rücken beschleunigen wir dann in den Naturpark Eggegebirge und südlicher Teutoburger Wald.

Rast an der NetheMit dem Eisenbahnviadukt Altenbeken begegnet uns ein weiteres markantes Bauwerk. Für die Errichtung eines wichtigen Schienenstranges mussten die hiesigen Niveauunterschiede überwunden werden. Fast 500 Meter lang und bis zu 35 Meter hoch überspannen 24 Sandsteinbögen das Beketal. Als König Friedrich Wilhelm IV. 1853 zur Einweihung anreiste, gab er kund: „Ich habe geglaubt, eine goldene Brücke vorzufinden, weil so schrecklich viele Thaler verbraucht worden sind“. Sein Geld war gut angelegt, denn die kühn geschwungene Überführung wird noch immer von der Bahn befahren. Nach einem Sprint über die herrlich verkehrsarmen Nebenstrecken der Paderborner Hochfläche keimt in uns der Gedanke, dass uns heute außergewöhnliche Bauformen magisch anzuziehen scheinen: Denn die im 17. Jahrhundert auf einem Bergsporn erbaute Wewelsburg gehört aufgrund ihrer Dreiecksform sicherlich zu den extravagantesten Festungen Deutschlands. Aus dem tiefen Almetal hinauf bis ans Burgtor geschwungen, lassen wir von hier oben unsere Blicke über das Umland wandern, doch schon bald rückt der Fahrspaß wieder in den Vordergrund.

Westfalen CulinariumVon nun an jagt eine Kurve die nächste, gegen den Lauf der Alme erreichen wir das beschauliche Büren. Hier verewigten sich Jesuiten mit der sehenswerten spätbarocken Kirche Maria Immaculata. Unser Schräglagenkrimi durch Feld, Wald und Wiese hält die Spannung über die Aabachtalsperre südlich von Wünnenberg hinaus aufrecht und endet erst an den hohen Mauern des mittelalterlichen Frauenklosters Dalheim. Die einst von Augustinern ins Leben gerufene Anlage kann auf eine 800-jährige Geschichte zurückblicken. Die sehr gut erhaltenen Gebäude beherbergen nicht nur das Museum für klösterliche Kulturgeschichte, sondern im Gewölbekeller auch eine eigene Brauerei. Die Tradition, vollmundige, naturtrübe Biere zu brauen, ist in Klöstern tief verankert, denn während der Fastenzeit galt: Liquida non frangunt ieunum – „Flüssiges bricht das Fasten nicht“. Rotbunte Kühe schauen gelangweilt auf, als wir unsere kurzweilige Fahrt durchs südliche Eggegebirge fortsetzen. Wechselnde Straßenzustände und Landschaftsbilder sind unsere ständigen Begleiter bis zur ehemaligen Abtei in Hardehausen.

Man schrieb das Jahr 1140, als die Gründung des ersten Zisterzienserklosters in Westfalen erfolgte. Schnell entwickelte es sich zum geistlichen und wirtschaftlichen Zentrum, nicht zuletzt durch das angegliederte Hospital, das jedermann offen stand. Fast zur gleichen Zeit entstanden im nahen Willebadessen und Gehrden zwei weitere Klöster der Benediktinerinnen. Von beiden historischen Anlagen blieben nur die Kirchen erhalten. Im Schatten des Gehrdener Gotteshauses wächst die Zwölf-Apostel-Linde. Während ihr Alter auf 400 bis 800 Jahre geschätzt wird, beträgt der Stammumfang nachweislich zehn Meter.

WewelsburgAch ja, ein Dom sollte auf unserer Klostertour natürlich nicht fehlen. Da kommt die auf dicke Hose machende Stiftskirche von Neuenheerse gerade recht: Schon von weitem ist die wuchtige Kirche zu erkennen, was ihr den Spitznamen „Eggedom“ einbrachte. Als es mal wieder Zeit für einen Kaffee wird, biegen wir auf den Innenhof von Gut Albrock ein. Der urige Motorradtreff nordwestlich von Brakel hat zwar nur an Wochenenden geöffnet, was der Beliebtheit aber keineswegs schadet. Anschließend lenken wir unsere Maschinen auf charmanten Chausseen durch das sanft gewellte Oberwälder Land in Richtung Höxter an der Weser. Von dort aus führt eine schnurgerade Allee bis zum Kloster Corvey. Kein Geringerer als Karl der Große soll bei der Gründung seine Finger im Spiel gehabt haben. Kaum hatte der Kaiser Anfang des 9. Jahrhunderts Sachsen erobert, wählte er taktisch klug eine Weserschleife für den geschützten Standort des Klosters aus, um von dort die Christianisierung seines Reiches fortzusetzen. Geschichte hin, Geschichte her, uns juckt es dermaßen in der Gashand, dass wir den direkten Weg zum Hotel verschmähen und stattdessen erneut den Köterberg ansteuern – wir sind halt Genießer!

Reisetipps:

Unterkunft:
Wirtshaus am Brunnen
Das liebevoll eingerichtete Fachwerkhaus liegt ruhig im Ortskern und die Wirtsleute verwöhnen mit leckeren, regionalen Spezialitäten, gepflegten Getränken und einem hervorragenden Service, während das Motorrad sicher im Innenhof parkt. Ideales Basislager auch für Touren in den Teutoburger Wald und das Weserbergland. Das Doppelzimmer mit Frühstück ab 72 Euro.
Wirtshaus am Brunnen, Antje und Werner Lange
Niedernstraße 5, 37696 Marienmünster-Vörden
Telefon 05276-952257, www.wirtshaus-am-brunnen.de

Infos & Karten:
Eine Broschüre „Motorradtouren im Herzen von Deutschland“ mit elf perfekt ausgearbeiteten Rundtouren und einzeln zu entnehmenden Karten für den Tankrucksack bietet Kulturland Kreis Höxter für 2,50 Euro oder als kostenlosen PDF-Download an.
Kulturland Kreis Höxter
Corveyer Allee 7, 37671 Höxter
Telefon: 05271-97430, www.bikerregion.de


Kommentare

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2 Kommentare zu :
“Ostwestfalen mit dem Motorrad erleben”


  • Kradblatt-Marcus sagt:

    Hallo Deutsche.

    Frank hat ein Buch mit Tourentipps in Norddeutschland. Die GPS Daten werden auch dazu bereit gestellt.
    Schau mal hier: http://www.motorradreisefuehrer.de/alpentourer-tourguides.html

    Viele Grüße, Marcus

  • Dutsche1247 sagt:

    😀 😆 🙂 🙂 Hallo Frank – Super deine Tour. Auch wir ( Ehefrau) fahren gerne ins Wesebergland – Köterberg inclusive. Hannover ist unser Startpunkt. Deine Tour ist prima beschrieben und ich habe mir die verschiedenen Ziele auf Goggle angemarkert und wir werden diese auch in etwa so abfahren. Wir/Ich habe eine „alte“ Kawa 500 EN a (Bj. 92 mit jetzt 87000km – aber wir fahren….. 😆 Meine Frage: könnte ich die Tour als Vorlage „irgendwo“ runterladen? (Landkarte ?). Geb mir einen Tipp. Ansonsten fahre weiter so und schreibe deine Touren nieder. Für uns ist das Weserbergland, Harz und die Lüneburger Heide meistens das Ziel – aber in naher Zukunft haben wir auch wieder Zeit uns weiter weg zu bewegen. Danke für deinen Tipp und denke dran: Biker fahren – sie töten nicht ! Bis bald Dutsche 47