Wheel of India Gruppe

Organisierte Tour in Süd-Indien

aus bma 10/05

von Fritz Hasselbrink

Wheel of India Gruppe
Unsere Reisegruppe

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Royal Enfield 500

Es war auf einer Motorradtour durch Meck-Pom 2003, als Joachim zu mir sagte: „Im Februar kommenden Jahres fahre ich in Indien Motorrad.” Auf meine erste Verwunderung hin bat ich ihn, mir doch die Unterlagen zu faxen. Das tat Joachim auch. Meine Frau sagte zu mir: „Das ist doch sicherlich ein Traum von Dir. Eventuell Deine letzte Chance.” Wie sie das wohl meinte, altersmäßig? Im September ‘03 hatte ich mich entschlossen, an dieser Reise teilzunehmen und mir wirklich einen Traum zu erfüllen.
Am Dienstag, 17. Februar 2004, ging es morgens vom Flughafen Hannover auf die Reise. Die Wintermonate hierzulande sind in der Indischen Union die trockensten Wochen. In Frankfurt wollte ich Joachim, der aus Berlin/Tegel abgeflogen war, treffen, was auch geklappt hat. In den jeweiligen Warteräumen auf den Flughäfen trafen wir noch drei Motorradfahrer, (Manfred aus HH, Martin aus Stuttgart und Frank aus Berlin) Erkennungszeichen: Motorradhelme. Es ging über Bahrain (mit getrennten Beträumen für Frauen und Männer), Abu Dhabi (ein Flughafen wie aus 1001 Nacht) nach Thiruvanthapuram/ Indien (international „Trivandrum” genannt), mit langen Aufenthalten bei jeder Zwischenlandung, dafür war der Preis für die Flüge mit ca. 700 Euro vergleichsweise günstig. Die Fahrt mit aller Verpflegung, Unterkunft, Motorradmiete, Benzin und evtl. Straßen- oder Brückenzoll, allen Eintrittsgeldern usw. hatte bei Wheel of India gut 2000 Euro gekostet.
Erst am Mittwoch, 18.2.04, kamen wir in Tiruvananthapuram, morgens gegen 11 Uhr, an (wobei man die Zeitverschiebung von fünf Stunden vor unserer Zeit berücksichtigen muß). Wir wurden mit einem Schild „Wheel of India” begrüßt und abgeholt. Als wir den Flughafen verlassen wollten, schlug uns eine ungewohnte Temperatur von ca. 28 Grad Celsius entgegen, und die Temperatur sollte in den nächsten Tagen und Wochen bis an die 40 Grad (Spitzenwerte bis 45 Grad) steigen. Mit einer Taxe ging es nach Varkala, einem bedeutenden Pilgerort für die Hindus, mit dem Janardana Swamy Tempel, der angeblich vor 2000 Jahren erbaut sein soll, etwa 51 km nördlich von Tiruvananthapuram. In Indien kann man alles, was man bisher aus Mitteleuropa gewohnt ist, glatt vergessen. Man darf eben keine westeuropäischen Maßstäbe anlegen. Das gilt besonders für unsere Hygienevorstellungen.
Indiens Sprachenvielfalt ist größer als in jedem anderen Land der Erde. Etwa 300 bis 500 verschiedene Sprachen werden in Indien gesprochen; aber Hindi, das von einem Drittel der Bevölkerung gesprochen wird, und Englisch sind dort Amtssprachen.
Vor Ort lernten wir Ha-Jo aus Düsseldorf mit seiner Frau kennen, die aber nicht an der Motorradtour teilnehmen wollte, sondern sich einer Ajurveda Kur (die traditionelle Heilkunst der Inder, die ca. 5000 Jahre alt sein soll und übersetzt aus dem Sanskrit „Wissenschaft vom langen Leben” heißt) unterziehen wollte. Außerdem eine Amerikanerin, Betty, die uns auf dem Sozius von Günter bis Mysore (sprich: Meisor) begleitet hat und dann weiter nach Nordindien gereist ist. Auch ein Ehepaar aus Österreich, Toni und Marina, wollten auf einer Maschine teilnehmen. Somit waren wir acht Motorräder. Das Alter der Teilnehmer belief sich auf 38 bis 69 Jahre.

 

Dann wurden uns die „Hotelzimmer” zugeteilt: keine Bügel, kein Haken, nicht mal ein Schrank, aber quer durch das Zimmer eine gespannte Leine. Eine nackte Neonröhre an der Wand. Waschbecken undicht. Aus der Dusche kam kaum ein Tropfen Wasser. Dazu kam noch eine Sperre der Elektrizität um Ressourcen zu sparen, obwohl der Strom häufig aus Atomkraftwerken (die in zehn Jahren etwa 250 mal stillgelegt werden mußten) kommt. Die rasch steigende industrielle Stromnachfrage verschärft die Stromkrise seit Jahren. Nicht nur in den Hotels und Haushalten, sondern auch die Produktionsbetriebe beeinträchtigen diese Unterbrechungen. Daran kann man sich aber leicht gewöhnen, denn das Land und die Menschen sind so faszinierend, daß man diese Unzulänglichkeiten schnell vergißt.
Inzwischen war es Freitag, 20.2.04, geworden. Wir waren schon ganz gierig auf die Motorräder – nun wurden sie uns wenigstens gezeigt. Es waren Royal En- fields, 350er mit 18 PS und 500er mit 22 PS, meistens mit Schaltung und Bremse nach unseren Vorstellungen seitenverkehrt angeordnet. Nur eine 500er nicht. Nachdem sich niemand gemeldet hatte, der die Maschine haben wollte, nahm ich sie. Sie war nun meine Begleiterin für die nächsten zwei Wochen.

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Palast des Maharadja von Mysore.

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Elefanten im Straßenbild

Joachim hatte einen Rikschafahrer gefragt, ob es in der näheren Umgebung ein Fest gäbe, und wir fuhren mit diesem Gefährt dort hin. Es war ein religiöses Fest zu Ehren von Shiva und Vishnu (Vishnu ist neben Shiva und Brahma einer der drei Hauptgötter im Hinduismus). Die Inder lieben bunte Feste, und so konnten wir nachmittags zu einem Ele- fantenfest mit ca. 100 Elefanten zu Ehren des Elefantengottes Ghanesh fahren.
Am anderen Tag, wir waren noch am Strand der Arabischen See, war ein Pilgerfest in Varkala. Das Arabische Meer ist so warm, daß man getrost hinein laufen kann ohne sich vorher abzukühlen. Die Brandungswellen sind bis zu zwei Meter hoch, und wenn sie über einem zusammenschlagen, kann man leicht die Orientierung verlieren. Am Strand war es so heiß, daß selbst die Strandhunde Schatten suchten. Am Weg zum Meer saßen alle drei Meter Bettler, häufig mit amputierten Gliedern. Eine junge Frau, selbst noch ein Kind, hatte ihr nacktes Baby auf dem Arm. Entsetzen stieg in mir auf angesichts dieser Armut. Sie suchte im Abfall, um noch etwas Eßbares zu finden. Fast alle, die in der absoluten Armut leben, sind Alkoholiker und viele indische Familien sind dadurch zerrüttet. Den ersten habe ich jeweils zehn Rupies gegeben; aber: Wo soll man anfangen und wo aufhören? In Indien leben etwa ein Drittel aller Armen dieser Welt.
Nachdem wir schon die ersten Eindrücke und Kontakte mit Indern gewonnen hatten, gab es am nächsten Tag eine Ausfahrt, es war die erste mit den Royal Enfields. Da wir den Druck aufs Knöpfchen gewohnt sind, war das Ankicken der Maschinen nicht so einfach. Das klappte zuerst nicht so gut. Später war meine Maschine mit jedem zweiten Tritt angesprungen. Zuerst mußten die Motorräder betankt werden, und dann ging es noch einmal zu einer Werkstatt um einige Glühlampen zu ersetzen. Inzwischen war es Mittag geworden, und wir mußten etwas essen: Kleine, süß oder scharf gewürzte Kuchen, die vor Fett trieften, konnten wir an einer Bude kaufen; das sollte für die nächsten 17 Tage unser Mittagessen sein. Über die Straßen sind am Ortsein- und Ausgang „Speedstopper” (das sind quer über die ganze Straßenbreite verlaufende Schwellen) betoniert. Über den Ersten stürzten die Österreicher. Gott sei Dank war außer einer Zerrung nichts weiter passiert. Die Fahrt führte weiter in ein entferntes Fischerdorf. Wir fuhren über eine lange Sandstrecke. Einer von uns hatte mitten auf der Sandstrecke Kupplungsschaden.
Bei den Ortsdurchfahrten konnte ich viele rote Fahnen mit Hammer und Sichel sehen. Kerala, ein Land Indiens, ist das einzige Land der Erde, wo die Kommunisten demokratisch gewählt werden. Unser Weg führte uns an Kirchen, Moscheen und Tempeln vorbei als Zeichen der Vielfältigkeit der Religionen. Die Mehrheit der Bevölkerung ist hinduistisch (ca. 82%), 11% gehören dem Islam an.
Am Abend wollten mehrere Kameraden Bier trinken. In Kerala ist Alkoholausschank verboten, deshalb werden die Bierflaschen und die Biergläser in Zeitungspapier eingewickelt und nachher steht auf der Rechnung „Spezial Tee”. Manchmal wird das Bier auch in Teekannen an den Tisch gebracht.
Nachts konnte ich nicht schlafen. Erstens hatte sich mein Körper noch nicht an die Zeitverschiebung gewöhnt, und zweitens war es im Zimmer mindestens 28 Grad heiß, obwohl ein „Miefquirl” an der Decke seine Tätigkeit aufgenommen hatte.
Wir hatten inzwischen den indischen Straßenverkehr kennengelernt: Gefahren wird dort wo Platz ist, und die Straßen sind Kampfzone. Indiens Straßen sind dem steigenden Verkehr und den zunehmenden Achslasten nicht mehr gewachsen. Es herrscht das Recht des Stärkeren und Größeren, angefangen bei überladenen Lastwagen und voll besetzten Bussen, zwischen denen sich Ochsenkarren durchschlängeln. Unsere Motorräder wurden vermutlich als notwendiges Übel angesehen. Dazwischen wuselt es von Roller-, Moped- und Radfahrern. Nicht genug mit diesem Chaos: Es laufen auch unberechenbare Hunde und Ziegen, geruhsame Cebus (Kühe), aufgeregte Schweine und Federvieh auf der Straße umher. Dazu kommen noch Elefanten. Auch ein paar Schikanen gehören in Indien zum Verkehrsalltag: Schlaglöcher, bis zu 30 cm Tiefe, in unglaublicher Fülle. Selten sind die Überlandstraßen für zwei Fahrzeuge asphaltiert. Wenn ein Bus oder ein Lastwagen entgegenkommt, war es für uns ratsam, am Straßenrand auf Staub oder Schotter auszuweichen. Motorradfahren in Indien verlangt vielerlei: Viel Grips, viel Gehupe, viel Glück und sehr viele Schutzengel. Beim Warten vor einer Ampel, sofern sie funktionierte, ist der Abstand von 10 cm zu 9 cm verschenkter Raum. Platte Reifen gibt es immer wieder, aber Spezialisten, die in windeseile die Reifen wieder abdichten und wenig Geld dafür verlangen, auch.

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Auch Kühe und Affen gehören dazu.

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Die Fahrt ging in Richtung Madurai. Madurai, die 2500 Jahre alte frühere Hauptstadt, ist Zentrum tamilischen Wissens und Kultur. Das Straßenbild ist vor 1650 Jahren angelegt worden. Es stellt das Bild einer Lotosblüte dar. Die Fahrt nach Madurai dauerte zwölf Stunden und war 279 km lang. Durch die vielen unvorhergesehenen Reifenpannen zog sich der Tag hin, und es wurde schnell dunkel. In der Dunkelheit scheint der Straßenverkehr noch chaotischer, letztlich haben wir doch noch im Hotel Chentoor zu Abend gegessen und dort übernachtet.
Am anderen Morgen konnten wir auf der Dachterasse frühstücken und im Hintergrund die große Tempelanlage des Meenakshi Sundareswarar Tempels sehen, der in der Mitte der Stadt liegt. Über 1000 Götterfiguren (in Indien gibt es über 100.000 verschiedene Götter) schmücken in grellen Farben den Tempel. Mitten im Tempel steht ein heiliger Elefant mit geschmückter Stirn. Von dem kann man sich, gegen Trinkgeld allerdings, segnen lassen, indem er den vor sich Knieenden den Rüssel auf den Kopf legt.
Nachdem wir den Tempel, es soll die größte kompakte Tempelanlage in Indien sein, besichtigt hatten, traten wir wieder unsere Motorräder an und fuhren Richtung Thekkady. Nach 152 km erreichten wir das Hotel „Tretop”. Die Hotels wurden von Tag zu Tag besser, und es war kein Vergleich mit Varkala. Wir waren hier in einer Höhe von 2000 bis 3000 m ü. NN, und es war morgens und abends richtig kalt. Meine Royal lief nur zwischen 2000 und 3000 Touren richtig rund. Martin, der Motorenversuchsingenieur bei Daimler Benz ist, sagte mir, daß er nach der Fahrt vor dem Hotel die Maschine einmal untersuchen würde. Er machte zielgerichtet den Luftfilterkasten auf – und siehe da, es lief etwa 1/2 Liter Öl heraus. Der Luftfilter selber war auch vollständig mit Öl vollgesogen. Jemand hatte offensichtlich zuviel Öl eingefüllt.
Inzwischen war es Mittwoch, der 25. Februar. Es ging in eine Tee-, Pfeffer- und Cardamomfabrik mit einer Dampfmaschine, die den notwendigen Strom erzeugte. Bestimmt war diese Maschine aus dem 19. Jahrhundert. Weiter ging es auf einer vom Veranstalter ausgesuchten Strecke mit ständigen Kurven und Kehren, so daß das Herz des Motorradfahrers lachte. Wir fuhren durch das „Western Ghat”, eine Gebirgskette in Westindien, nach Munnar. Die Fahrt ging durch die Kannan Devan Hills im „Western Ghat”. Wir waren jetzt in Munnar angekommen. Das Hotel hieß „Royal Retreat”. Die Strecke war 90 km lang und dermaßen schön, daß man nach jeder Kurve eine andere Aussicht genießen konnte. Beim Abendessen lud uns ein Inder in sein Zimmer ein, und ich habe das erste Mal Brandy aus Cashew-Nüssen getrunken.
Nun ging das Kurvenräubern wieder los. Das Motorrad rechts und links angewinkelt ging es in schneller Hatz durch die Serpentinen. Wir hatten wegen der morgendlichen Frische warme Kleidung angezogen, die wir aber gegen 9.30 Uhr wieder ausziehen konnten. Hier in den Bergen hatten sich von unseren acht Motorrädern zwei Gruppen gebildet. Häufig mußten wir auf die zweite Gruppe warten. Es ging nun in das „Indira Ghandi Wildlife Resort”. Es war eine Fahrt auf Straßen durch den Dschungel. Bambuswälder wechselten sich mit Schirmakazien und Palmenhainen ab, vorbei an Termitenhügeln. Schade, daß die Straße eine derartige Schüttelstrecke war, so daß einmal mein Kerzenstecker von der Kerze geschüttelt wurde. In den Dörfern standen die Menschen an der Straße und winkten. Wir kamen uns vor, als hätten wir die „Tour de France” gefahren. 20 km vor dem Ziel Ooty hatte ich feststellen müssen, daß die Vorderradgabel undicht geworden war, und das Gabelöl den vorderen Bremsschlauch aufgeweicht hatte und dieser dadurch abgescheuert war. Ich bremste möglichst nicht mehr mit dem Vorderrad. Diese Tagesetappe war 256 km lang. Abends übernachteten wir in einem ehemaligen Gästehaus des Maharadja von Mysore.
Der Sommerpalast des Maharadja lag in der Nähe, und wir konnten ihn Tags darauf besichtigen. Wir befanden uns in einer Höhe von ca. 2000 m ü. NN. Der Maharadja von Mysore hatte mit seinen Gästen den Sommer hier verbracht, da die Temperatur hier auszuhalten ist. Am anderen Morgen ging es weiter. Günter hatte sich darum gekümmert, daß die Gabel von meinem Motorrad abgedichtet und der Schlauch ersetzt wurde.
Zur Mittagszeit tranken wir regelmäßig Tee. Dieser Tee bestand aus viel Milch mit schwarzem Tee aufgefüllt und mit Cardamom gewürzt. Er wird in Gläsern serviert (soweit man das sagen kann). Vorher wird der Tee jedoch vom Glas im hohen Bogen in einen Becher geschüttet, bis er sehr schaumig ist. Auch kleines Gebäck, meist sehr, sehr scharf gewürzt, wurde gegessen.
Abermals wurde ein nationales Wildreservat durchquert. Aber wieder konnten wir nur die Affen bestaunen, obwohl am Straßenrand Schilder standen, die vor die Straße kreuzenden Elefanten, Büffeln, Tigern, Leoparden usw., warnten. Die Straße durch den Nationalpark war wieder nur ein Fahrzeug breit und voller riesiger Schlaglöcher; außerdem war die Straße an den Rändern stark „ausgefranst”. Trotzdem kamen uns mehrere Gruppen von offensichtlich europäischen Motorradfahrern entgegen, erkennbar an Helm und Hautfarbe.

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Für Westeuropäer teils
erschreckende Armut

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Dies war eine äußerst interessante Strecke über 132 km von Ooty nach Mysore, trotz eines Sturzes von Abdul, dem aber auch nichts Schlimmes passiert war. Im Verlaufe des Nachmittags waren wir im Hotel „Palace Plaza”. In Mysore, es ist die zweitgrößte Stadt in Karnataka nach Bangalore, angekommen, wollten wir zwei Nächte bleiben. Wenn man mehrere Nächte im gleichen Hotel wohnt, kann man feststellen, daß das Zimmer nur gemacht wird, wenn der Gast wechselt. Wir haben uns in Mysore ins Straßenleben gestürzt, zu Fuß natürlich. Am anderen Morgen war es Zeit den Lalitha Mahal-Palast anzusehen, der heute wie ein Museum betrachtet werden kann. Hier konnte ich mir vorstellen, in welchem Luxus diese Familien gelebt haben müssen. Nachmittags blieb uns noch Zeit, wieder die Stadt zu besichtigen. Überall liefen Kühe umher. Außerdem hatten wir ein Heiligtum besichtigt: Eine überdimensionale Kuh. Etwas weiter gab es noch einen Tempel. Auf dem Parkplatz vor dem Tempel klauten Affen, die überall frei umher liefen, eine Kokosnuß. Selbstverständ- lich hatten wir unsere Mopeds auch auf dem Parkplatz abgestellt. Die frei umherlaufenden Kühe haben von den Motorrädern die Blumenkränze, die wir beim Start in Varkala bekommen hatten, abgefressen. Hier, in Mysore, wurden wir nicht nur andauernd von den Rikschafahrern angesprochen, sondern auch von jungen Straßenpassanten. „Woher wir denn kommen?”, und nachdem man etwas geplaudert hatte, wurde einem fast alles angeboten, von Rauschgift bis zur angeblichen Schwester (Kinderprostitution ist meistens Armut bedingt). Erstaunt war ich darüber, daß häufig nach Nina Hagen, einer schrillen Künstlerin aus Deutschland, gefragt wurde. Abends hatten wir uns um 19 Uhr in der Hotelhalle verabredet um gemeinsam zu Abend zu essen.
Nach kurzer Orientierung auf der Straßenkarte ging die Fahrt weiter nach Calicut, wieder durch ein Wildreservat. Die Affen waren so neugierig, daß sie erst die Motorräder untersuchen mußten. Unter einem Baum, Ficus Indicus, der viele Luftwurzeln entwickelt, war ein Mittagshalt angesagt, und eine Bude für die Mittagssnacks war auch vorhanden. Die Luft war so heiß, daß man meinte durch einen Backofen zu fahren. Vorbei ging es an Reisfeldern und durch kleine Ortschaften. Häufig konnten wir im Vorbeifahren Standbilder von Mahatma Gandhi sehen. Gandhi, 1869 geboren, wurde im Jahre 1948, 79-jährig, ermordet. Und wieder in Serpentinen und Kehren in die Berge. Es war erneut eine so schlechte Strecke, daß mir die Vorderradgabel durchschlug und häufig der Gang heraussprang. Teilweise wirbelte der Vordermann soviel Staub auf, daß man ihn kaum sehen konnte. Dann waren wir im Land Kerala, und die Straßen wurden schlagartig besser. Ein voller Acht-Stunden-Tag für 221 Kilometer, d. h., wir waren einen Schnitt von etwa 27 km/h gefahren. Aber wir waren in Calicut am Meer angekommen. Das Hotel, Hyson Heritage, ist durchaus mit europäischen Maßstäben zu messen. Wieder hatten wir Probleme bei der Bestellung des Abendessens. Nachdem das Essen endlich auf dem Tisch stand, begleitete uns ein Orchester mit einer Sängerin. Diese sang den ganzen Abend Hindi-Gesänge, die für unsere Ohren recht fremd klangen.
Inzwischen war es März geworden und wir hatten ein absolutes Lehrstück in defensivem Fahren erhalten: Wir waren auf dem so genannten indischen „Highway” gefahren. Auf dem Highway findet all das statt, was ich vorher über den Verkehr geschrieben habe. Man kann ihn weder mit den amerikanischen Highways vergleichen, noch mit unseren Autobahnen. Trotz durchgezogenem Mittel- streifen wird überholt, manchmal auch in dritter Position, die ganze Straßenbreite einnehmend. Es wird auch auf dem Highway gewendet; niemanden kümmert das. Wenn wir einen indischen Motorradfahrer überholten, fühlte er sich offensichtlich in seiner Ehre gekränkt und führte ein Rennen mit unserer Gruppe auf. Häufig scherte er aber in die Gruppe ein, und die hinter ihm fahrenden Teilnehmer hatten es schwer, der Gruppe zu folgen.
Nach sechs Stunden Fahrt und 213 km waren wir in Kochi angekommen. Unser Hotel hieß „The old Courtyard”. Das „Old” brauchte man nicht zu betonen, das konnte man sehen: Das Hotel wurde vor 200 Jahren erbaut und scheinbar ist außer Elektrizität nichts verändert worden. Abends gingen wir zum Katakali-Tanzdrama aus dem Epos Mahabharatha, eine leidenschaftliche, tragische Geschichte. Die Tänzer werden stundenlang vorher geschminkt.
Kochi ist eine lebendige Hafenstadt mit viel alter Kultur. Das Christentum ist hier älter als in Europa. Apostel Thomas hat das Christentum im Jahre 52 hierher gebracht. Die Portugiesen landeten etwa um 1500 und mit ihnen Vasco da Gama, der hier verstorben ist. In einer Kirche ist eine Gedenktafel für ihn angebracht. Später haben ihn die Portugiesen exhumiert und nach Portugal gebracht. Im 17. Jahrhundert wurden auch europäische Handelsniederlassungen in der Indischen Republik gegründet. Die frühesten bisher gefundenen Spuren menschlicher Aktivität jedoch gehen auf die Zeit um 200.000 Jahre vor Christus zurück.
Es war wie an jedem Morgen: Erst kam der Toast, dann lange nichts, und zuletzt kam der Juice. 62 km lagen an diesem Morgen vor uns, die wir in ein bis zwei Stunden gefahren hatten. Das Ziel war Allepey. Hier blieben wir die nächsten 24 Stunden an Bord eines so genannten Hausbootes. Es gibt viele Seen und Kanäle, die „Backwaters”. Hier strömen Salz- und Süßwasser zusammen. Es war Romantik pur. Das Essen war äußerst lecker gewürzt, nur der Abwasch erfolgte in dem übel riechenden Wasser. Wenn nicht schon vorher, so sollte man spätestens jetzt seine Vorstellungen von Hygiene buchstäblich über Bord werfen. Nach einer heißen Nacht auf den Schiffen (wir hatten drei Schiffe besetzt) ging es zurück nach Varkala. Inzwischen hatten sich noch zwei Motorradfahrer zu uns gesellt, ein Inder und ein Hamburger.
Noch ein letztes Mal die Snacks gegessen und nach 123 km waren wir wieder in Varkala. Die gesamte Strecke war über 1800 km lang. Noch ein finales Bild von der ganzen Truppe. Ich selbst war völlig unbeschadet wieder in Varkala angekommen.
Joachim und ich wollten, einmal in Indien, noch eine Woche vor Ort bleiben. Wir hatten die Zimmer im Hotel „Eden Garden” reserviert. In den nächsten Tagen hatten wir noch einmal die Gelegenheit ein Fest zu Ehren des Elefantengottes „Ghanesh” zu besuchen. Über 100 Elefanten waren geschmückt. Auf jedem Elefanten saßen zwei Inder, die zum Sonnenschutz einen Schirm aufgespannt hatten. Jeweils nach ein paar Elefanten zog eine Trommlergruppe, die fürchterlichen Lärm machte. Während wir den für uns exotischen Umzug ansahen, wurde es dunkel.
Der Rückflug war wie der Hinflug vorgesehen. In Abu Dhabi jedoch konnte das Flugzeug wegen Nebels nicht starten, und wir bekamen einen Gutschein für ein Hotelzimmer und den ganzen Tag hervorragendes Essen.
Zum Schluß nun noch ein paar Informationen über die Indische Union: Für Reisende ist Indien kein leichtes Land. Faszination und Irretation liegen dicht beieinander. Indien mißt in der Längsachse ca. 3200 km und etwa an der breitesten Stelle das Gleiche. Es verfügt über 12 mal soviele Einwohner wie die BRD, das entspricht einer Milliarde Menschen oder 20% der Weltbevölkerung. Das Bruttosozialprodukt ist bei uns ca. 58 mal höher als in Indien. Die indischen Arbeitslöhne gehören zu den niedrigsten der Welt. Der Landarbeiter verdient etwa 30 Euro im Monat. Etwa 50% sind Analphabeten und 400 Millionen Menschen leben unter der Armutsgrenze.
Fazit: Jeder Motorradfahrer, der defensives Fahren gewohnt ist und auch praktiziert, kann an dieser Tour teilnehmen. Es ist ein absolutes Abenteuer, und ich möchte keinen Kilometer dieser Reise missen.

Reiseziel:
Die Südindischen Bundesstaaten Kerala, Tamil-Nadu und Karnataka
Beste Reisezeit: Im indischen Winter, von November bis März

Dokumente:
Benötigt werden ein noch mindestens sechs Monate gültiger Reisepaß, ein
Touristenvisum und zum Motorradfahren der int. und nationale Führerschein
Währung: Indische Rupie, 1 E = ca. 54 INR

Gesundheit:
Bei der Einreise nach Indien werden keine Impfungen vorgeeschrieben. Empfohlen werden jedoch Hepatitis A, Diphterie, Polio, Typhus, Tetanus und Tollwut. Malaria Prophylaxe ist nicht unbedingt erforderlich. Aktuelle Informationen erhält man bei den Tropeninstituten.

Reiseführer:
Thomas Barkemeyer, Indien-Der Süden, Reise-Know-How-Verlag
Reiseveranstalter: Wheel of India GmbH, Tel. 05193-519191, www.WheelOfIndia.de

 

 

 


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