aus Kradblatt 5/26 von Guido Schmidt

Kurven, Murmeltiere und Kaiserschmarrn

Die Großglockner Hochalpenstraße mit ihrem höchsten Punkt, der Edelweißspitze auf 2.572 Metern, gehört mit zu den schönsten Passstraßen überhaupt und bietet atemberaubende Panoramen auf die Alpengipfel Österreichs – ein echtes Traumziel.

Der Großglockner strahlt weiß in der Ferne
Der Großglockner strahlt weiß in der Ferne

Anfang August 2025. Zur besten Reisezeit für eine Hochalpentour steht heute ein echter Klassiker auf dem Programm: die Großglockner Hochalpenstraße, die Königin der Alpenstraßen – legendär, kurvenreich, majestätisch.

Unser Startdomizil ist das „5-Helme“ moho-Hotel Sonnleiten in Bruck am Ziller. Eine rund 360 Kilometer lange Tour liegt vor uns, ein Tag voller Kurven, Gipfelblicke und Emotionen. Da wir für unterwegs einiges an Sightseeing in die Route gepackt haben, heißt es früh losfahren. Gerade die Kaiser-Franz-Josefs-Höhe ist ein absoluter Hotspot für Motorradfahrer – hier gehört ein längerer Stopp zum Pflichtprogramm.

Um 8.30 Uhr nach einem außerordentlich reichhaltigen Frühstück in der gemütlichen Gaststube des Hotel Sonnleiten starten wir unsere Motorräder und fahren über Zell am Ziller zum ersten Pass des Tages: den Gerlospass (1.628 m). Über elegant geschwungene Kurven erreichen wir die Passhöhe. Die Maut für Österreichs sanfteste Passstraße kostet 9 € für Motorräder – dazu gibt’s als Souvenir einen kleinen Aufkleber für die Gepäcktasche.

Eine 1,6 Kilometer lange, teils kopfsteingepflasterte Serpentinen-Stichstraße führt zur Edelweißhütte
Eine 1,6 Kilometer lange, teils kopfsteingepflasterte Serpentinen-Stichstraße führt zur Edelweißhütte

Doch bevor wir die Passhöhe erreichen, gönnen wir uns einen Stopp beim Kiosk am Gerlos Stausee. Der smaragdgrüne See liegt ruhig da, von Fichten umrahmt, während wir mit einem Cappuccino in der Hand die Aussicht genießen – das ist pures Alpenkino und der Eintritt ist frei.

Die Passhöhe selbst ist relativ unspektakulär, wir fahren ohne Stopp (außer an der Mautstation) drüber und erreichen nach einigen Tornanti und sanft verlaufenden Kurven Mittersill im Oberpinzgau. Über die B108 fahren wir 70 Kilometer gen Süden am Nationalpark Hohe Tauern vorbei bis nach Lienz.

Die Kleinstadt Lienz mit ihrem historischen, mittelalterlichen Stadtkern hat rund 12.000 Einwohner. Eine kurze Sightseeingtour sparen wir uns – der Ruf des Großglockners in der Ferne wird lauter.

Dem Himmel so nah: Mit der Edelweißspitze auf 2.572 Metern ist der höchste Punkt erreicht
Dem Himmel so nah: Mit der Edelweißspitze auf 2.572 Metern ist der höchste Punkt erreicht

Kurz hinter Lienz biegen wir ab auf die B107. Einen kurzen Halt in Großkirchheim-Döllach nutzen wir zum Auftanken unserer Energiereserven. Dann nehmen wir die parallel zur B107 verlaufende Apriacher Landstraße, die sich fernab der Zivilisation durch die Landschaft bis nach Heiligenblut windet. Hier beginnt sie: die legendäre Großglockner Hochalpenstraße.

Der Hochtor-Tunnel verbindet die Bundesländer Kärnten und Salzburg
Der Hochtor-Tunnel verbindet die Bundesländer Kärnten und Salzburg

Die Maut ist mit 35 € (inklusive Aufkleber für die Gepäcktasche) kein Schnäppchen, aber das Erlebnis ist unbezahlbar. Schon nach den ersten Kehren wird klar, warum diese Strecke zu den spektakulärsten Panoramastraßen Europas zählt: perfekter Asphalt, endlose Kurven, grandiose Ausblicke. Kurve um Kurve schrauben wir uns höher, bis wir an der Abzweigung zur Kaiser-Franz-Josefs-Höhe ankommen. Die Abzweigung liegt direkt am Scheitelpunkt einer Spitzkehre und hat es in sich – volle Konzentration ist gefragt.

Nach knapp acht Kilometern öffnet sich die Landschaft – und vor uns liegt der Parkplatz, dicht an dicht gefüllt mit Motorrädern. Rennräder lehnen an den Mauern, Autos parken im Parkhaus, überall Menschen. Also erst mal Helm ab, tief durchatmen. 2.369 Meter über dem Meer, der Wind pfeift, die Luft ist kühl und klar.

Die Kaiser-Franz-Josefs-Höhe (2.369 m) ist ein Ort mit Geschichte. Benannt nach dem österreichischen Kaiserpaar Franz Joseph I. und Elisabeth (Sisi), das hier 1856 den Gletscher besuchte, ist die Aussicht bis heute majestätisch.

Beim Kiosk Stausee Gerlos darf man gerne etwas länger verweilen und die Aussicht genießen
Beim Kiosk Stausee Gerlos darf man gerne etwas länger verweilen und die Aussicht genießen

Nach einem ausgiebigen Rundgang stehen wir demütig an Schautafeln, die das unaufhaltsame Schrumpfen des Gletschers eindrücklich darstellen. Hier oben wird man sich der Auswirkungen der Klimaerwärmug bewusst. Der Gletscher verliert jährlich rund zehn Meter an Dicke und wird wohl in ein paar wenigen Jahren verschwunden sein.

Doch dann lockt das Leben zurück: Wenn man schon mal da ist, sollte man sich nicht den Kaiserschmarrn im Panoramarestaurant entgehen lassen. Wer es lieber deftiger mag, bestellt sich eine Tiroler Knödelsuppe oder Kärntner Kasnudeln. Wir sitzen windgeschützt in der warmen Sonne und genießen die Kärtner-Tiroler Kulinarik – und das alles mit Blick auf die mit 3.798 Metern höchste Erhebung Österreichs.

Beim Rückweg zu den Motorrädern schmunzeln wir über eine eigenartige Szene: Menschen mit Karotten in der Hand stehen an der Mauer des Aussichtsplateaus. Ein Blick nach unten – und das Rätsel ist gelöst: Murmeltiere! Dutzende der flauschigen Gesellen tummeln sich dort, scheinbar bestens versorgt mit Leckereien. Verhungern werden sowohl Besucher als auch die großen Nager hier oben jedenfalls nicht.

Großkirchheim-Döllach mit der Filialkirche St. Andreas
Großkirchheim-Döllach mit der Filialkirche St. Andreas

Dann heißt es: weiter! Das nächste Ziel ist die Edelweißspitze, der höchste Punkt der Hochalpenstraße. Jetzt wird’s richtig kurvig. Die Straße windet sich wie ein silbernes Band durch die Bergwelt, nur kurz unterbrochen vom Hochtor-Tunnel auf 2.504 Metern, der die Bundesländer Kärnten und Salzburg verbindet. Nach 20 Kilometern Fahrfreude erreichen wir die Edelweißspitze. Hier könnte man einfach drüberfahren, was aber viel zu schade wäre. Denn das eigentliche Highlight ist die 1,6 Kilometer lange, teils kopfsteingepflasterte und mit Serpentinen gespickte Stichstraße zur Edelweißhütte. Hier zählt Technik und Gefühl – vor allem, wenn zweispuriger Gegenverkehr kommt. Dann heißt es: Ruhe bewahren und mit dem bergseitigen Fuß abstützen, sonst ist ein Umfallen samt Motorrad vorprogrammiert. Oben angekommen klettern wir auf den Aussichtsturm – und was sich hier bietet, ist schlicht überwältigend. 360 Grad Freiheit, Gipfel soweit das Auge reicht – ein Moment, der bleibt.

Von hier oben sind es noch ungefähr 140 Kilometer zurück zum Hotel Sonnleiten. Also heißt es für uns, nicht so lange staunen, sondern weiterfahren, denn ich habe noch einen kurzen Stopp in Kitzbühel eingeplant.

Murmeltiere sieht man auch
Murmeltiere sieht man auch

Wir kurven durch das Tal, vorbei an der Mautstation Ferleiten, weiter Richtung Zeller See. Das schöne Zell am See lassen wir aus, doch in meinem Kopf läuft leise Wolfgang Ambros’ Schifoan (… ins Stubaitoi oder noch Zöll am See, wei durt auf de Berg obm ham’s imma an leiwandn Schnee …)

Bei Kaprun huscht ein Gedanke an das tragische Unglück vom 11. November 2000 durch den Kopf, bei dem 155 Menschen ihr Leben ließen.

Dann rollen wir weiter nach Mittersill. Um unsere Route zu einer halbwegs sauberen Acht zu schließen, biegen wir ab Richtung Kitzbühel. Die kleine Stadt ist international als Wintersport­ort bekannt – mondän, charmant und prädestiniert für einen letzten kurzen Zwischenstopp, bevor es zurück zu unserem Domizil ins Zillertal geht.

Als wir am Hotel Sonnleiten einrollen, steht Walter Koidl, der Chef, schon mit einem breiten Grinsen und zwei frisch gezapften Bieren bereit. Wir lassen uns auf die Sonnenterrasse sinken, stoßen an – und blicken in die Abendsonne. Was für ein Tag. Was für eine Tour. Was für ein Gefühl.


Hotelinfo:

Unser Stützpunkt, das Hotel Sonnleiten
Unser Stützpunkt, das Hotel Sonnleiten

Das Hotel Sonnleiten in Bruck am Ziller liegt ruhig und etwas abseits der Hauptstraße. Walter und Melanie Koidl sind beide leidenschaftliche Motorradfahrer. Walter ist mehr offroad unterwegs, während Melanie onroad viel mit den Gästen unterwegs ist.

Unbedingt zu empfehlen ist die Halbpension, denn Walter kocht selbst schmackhafte tiroler Gerichte.  

Als 5-Helmer Moho-Hotel gibt es im Sonnleiten einen überdachten Abstellplatz, eine Schrauberecke, einen Helm- und Motorradwaschplatz, einen Trocknungsraum und natürlich Tourenkarten sowie GPS-Downloads. Auf Anfrage fährt Melanie gerne mit euch in die schönsten Ecken.  

www.dassonnleiten.atwww.moho.info