aus bma 3/13
von Konstantin Winkler

NimbusVierzylinder-Reihenmotor und Staubsauger. Da kann man an die BMW K 100 denken. Muss man aber nicht. Wir blicken nach Dänemark zur Zeit des 1. Weltkriegs. Die Firma Fisker & Nielsen hatte Absatzprobleme bei ihren berühmten „Nilfisk“-Staubsaugern. Das veranlasste Peder Andersen Fisker, einziger Motorradhersteller des Königreiches zu werden. Obwohl er noch nie auf einem gesessen hatte. 1919 war der erste Prototyp mit längs eingebautem, wechselgesteuerten 750 ccm – Reihenmotor fertig. Die vier Zylinder standen einzeln auf dem Motorgehäuse.

Über ein handgeschaltetes Dreigang-Getriebe und Kardanantrieb gingen die 16 Pferdestärken ans Hinterrad. Charakteristisches Merkmal des „Nimbus“ genannten Motorrades war das riesige Rahmen-Oberrohr, das als Tank diente. Nur 1.250 Exemplare der sogenannten „Ofenrohr-Nimbus“ wurden bis 1928 hergestellt. Dann änderte der dänische Staat das Umsatzsteuergesetz: Motorräder wurden mit einer 100% Abgabe belegt. Das machte die Herstellung unrentabel und die freigewordenen Kapazitäten wurden für die wieder stärker gefragten Staubsauger genutzt. Während der sechs Jahre dauernden Produktionspause beschäftigten sich Vater und Sohn Fisker mit der Entwicklung eines neuen Nimbus-Motorrades.

Nimbus CockpitIn einem einfachen, aus Stahlblechprofilen zusammengenieteten Rahmen ohne Hinterradfederung, aber mit der damals revolutionären Telegabel vorne, saß wieder ein 750er Vierzylinder-Reihenmotor. Zuerst waren vier einzelne Zylinder wie bei der Ur-Nimbus vorgesehen. Man kam jedoch auf die Idee der vier Zylinder in einem Block, dessen Guss damals Neuland war. Eine obenliegende Nockenwelle (OHC) wurde damals nur bei teuren Rennmaschinen verwandt. Und bei Nimbus. Eine Königswelle sorgt für den Antrieb. Hierbei verbindet eine Welle die Kurbelwelle mit der Nockenwelle. Für die Umlenkung der Antriebskräfte sind vier Kegelräder nötig. Der Name Königswelle hat seinen Ursprung im Mühlenbau, wo es eine senkrechte Welle mit mit sogenannten Königszapfen gibt. Vor dem Zylinderblock sitzt die Königswelle bei der Nimbus und treibt auch die Lichtmaschine an. Die Kurbelwelle wurde an beiden Enden in großen Kugellagern aufgehängt.

Nimbus KardanDazwischen gab es keine Lager. Dieses zeigt auch die Grenze der Leistung des Motors mit seinen exakt 746 ccm und 22 PS bei 4.500 Umdrehungen pro Minute mit einem Verdichtungsverhältnis von 5,7 : 1. Die ersten Baujahre hatten nur 18 PS bei 4.000 U/min und 5,0 : 1. Über eine Steckkupplung mit 1,5-facher Kurbelwellendrehzahl angetrieben, versorgt eine Zahnradpumpe Motor und Getriebe mit Öl. Zwei Liter 30er Einbereichsöl sollen es im Sommer, 20er im Winter sein. Für hochbelastete und verschlissene Motoren empfahl das Werk SAE 40.

Im April 1934 wurde die erste Nimbus II vorgestellt. Wie Henry Ford bezüglich seiner legendären „Tinn Lizzy“ sagte P.A. Fisker: Jede Farbe wird geliefert, Hauptsache sie ist schwarz. Das änderte sich jedoch bald. Ab 1935 kamen die Farben weinrot und grün dazu, 1937 blau. Am Aussehen und an der Technik änderte sich wenig in den 26 Jahren Bauzeit. Ab 1937 gab es Fußschaltung anstelle des veralteten Systems der Handschaltung. Nach dem 2. Weltkrieg saßen die Faltenbälge der Telegabel über statt unter dem Schutzblech. Letzteres war auch ganz offen ohne Seitenbleche. Die letzte große Änderung war 1956: Gekapselte Ventile. Jedoch gab es Probleme mit Schmierung und Wärmeableitung. Der eigentliche Mittelpunkt des Motorrades: Der Motor. Mehr zur Schau gestellten historischen Maschinenbau kann man sich kaum vorstellen. Keine Blende und keine Verkleidung schirmt die Bauteile ab.

Nimbus FrontUnspektakulär die Startzeremonie: Benzinhahn auf, Luftklappe schließen, Zündung an und auf den Kickstarter treten. Der erste Zylinder kommt, hustet etwas Öl heraus, dann springt der zweite an, dann folgen Nummer drei und vier. Der Leerlauf: Bei korrekter Einstellung von Vergaser und Zündung vernimmt man eine Abfolge von blubbern, fast ausgehen, blubbern, etc. So hören sich Motoren an, die ewig halten. Echte (Alt-)Eisen mit riesiger Schwungmasse. Der Lufthebel bleibt vorerst geschlossen; der Messing-Vergaser hat ein paar fette Minuten vor sich. Der Reihenvierzylinder, der so weich und kraftvoll wie ein Automotor läuft, ist eine waschechte Verbrennungsmaschine, die gierig nach Sprit und Luft schlürft. Unüberhörbar wird im Arbeitstakt auf die vier Kolben eingehämmert. Und der Auspuff ballert seinen Bass in die Landschaft. Mit 22 kaltblütigen Pferdestärken steht die Nimbus recht gut im Futter. Der Reihenvierer besticht durch sattes Drehmoment und bei schonender Behandlung durch ewiges Leben. Etwas unpraktisch ist der offene Ventiltrieb: Des Nimbus-Fahrers Extremitäten werden bisweilen mit feinem Ölnebel überzogen.

Das geradverzahnte Dreigang-Getriebe wird vom Motoröl mitgeschmiert. Von der Ölpumpe führt ein Schmierrohr ins Getriebe, von wo das Öl über einen Kanal wieder in die Ölwanne zurückläuft. Von 1934 bis 1947 war das Getriebe handgeschaltet. Beim Sportmodell gab es jedoch schon ab 1937 Fußschaltung.

Hat man auf dem bequemen Ledersattel Platz genommen, heißt es, gefühlvoll den ersten Gang einlegen. Die Gänge rasten relativ leicht ein, allerdings von einem deutlichen Klacken begleitet. Das Wechseln der Gänge fordert dem Fahrer einiges Geschick ab, ist aber nur selten nötig. Einmal in Fahrt gekommen, geht alles nördlich vom Großglockner im dritten und letzten Gang.

NimbusHinten starrer Flachstahlrahmen, längs eingebauter Reihenvierzylinder und die offenlaufende Kardanwelle kennzeichnen den rustikalen Charakter dieses unverwüstlichen Krades aus Dänemark. Ein Kontrast zum formschönen Motor ist der eher plump wirkende, aus genieteten Pressstahlprofilen zusammengesetzte Starrrahmen. Trotzdem überzeugt das Fahrwerk mit korrektem Fahrverhalten. Dank des passend gebogenen Lenkers und großem Lenkanschlag lässt sich der Oldtimer nicht nur bequem rangieren, sondern auch fahren. Die wuchtigen Räder der Dimension 3.50 × 19 garantieren einen tadellosen Geradeauslauf. Der Fahrer nimmt durch die zurückverlegten Fußrasten fast die Sitzposition eines Rennfahrers ein. Das wenig gedämpfte Auspuffgeräusch passt dazu ebenso perfekt wie das Ansauggeräusch. Die Lenkung arbeitet exakt, solange es geradeaus geht. In Kurven zeigt sich eine gewisse Gegenwehr, da kein Servoaggregat den Bizeps entlastet.

Nimbus offene VentileEs wurden von 1934 bis 1960 genau 12.715 Nimbus II hergestellt. Etwa 33 % davon sollen noch fahrbereit sein, allein rund 4.000 Maschinen in Dänemark. Diese Zahlen sind ein deutlicher Beweis für die solide und zuverlässige Konstruktion. Die größten Abnehmer waren das dänische Heer, Polizei und Post. Viele waren mit Lieferbeiwagen als sogenannte Lieferkräder unterwegs. Bis 1976 benutzte die königlich-dänische Post diese Lieferkräder für die Postkastenleerung. Einfach und wartungsfreundlich sind die Motorräder aufgebaut. Mit einem Schraubenzieher und fünf Schraubenschlüsseln (SW 10,13,14,17 und 19) kann man fast alles an einer Nimbus zerlegen.

Eine Nimbus zu fahren bedeutet individuell zu sein und ein Motorrad zu fahren, dass sich von der Masse abhebt. Pure Nostalgie verkörpert sie und nimmt den Betrachter mit auf eine Zeitreise zurück in vergangene Jahre. Sie ist ein exklusives Krad, das unweigerlich die Blicke auf sich zieht.