Michael in rot

Nepal (Teil 2)

aus bma 08/04

von Michael Schories

Hier nun die Fortsetzung des Nepal-Reiseberichtes aus bma 7/04…

NMichael in rotach fünf Tagen Pokhara will ich wieder auf eine längere Tour, nicht mehr auf kleine Tagesausflüge. Ich fahre nach Gorkha, eine der ältesten Städte Nepals. Dort angekommen erstaunen mich zuerst die vielen ausgelassenen Einwohner, die fast alle rot angemalte Haare und Gesichter haben. Ich suche mir eine billige Herberge im Zentrum und frage die Wirtin nach dieser merkwürdigen Erscheinung. Es handelt sich um eine von hunderten von Partys, die hier ständig gefeiert werden. Zu diesem Fest zählt auch, sich mit Wasserbomben zu bewerfen und sich rotes Pulver über den Kopf zu streuen. Ich beschließe den örtlichen Königspalast zu besichtigen, stehe aber schon nach zwei Minuten in einer riesigen Menschenmenge und sehe weitere zwei Minuten später genauso aus wie alle Einheimischen: ROT! Ich bin kein Spielverderber und lasse alles mit mir geschehen, sehr zur Freude der Kinder. Den Königspalast sehe ich später auch noch, bin dieses mal aber mehr unangenehm beeindruckt von der riesigen Armut in diesem Ort, schlimmer als ich es auf dieser Reise bisher sah. Selbst die sonst allgegenwärtigen Gummilatschen, das einzig erschwingliche Schuhwerk, sind hier selten zu sehen. Woher nehmen die Menschen trotzdem diesen Lebensmut?
Die Armut setzt sich auch im Hotel fort. Strom gibt es nicht und das Klo ist wirklich nur ein Loch im Boden. Zudem schauen mich mehrere daumengroße Kakerlaken an, während ich mein „Geschäft” erledige. Dafür versuchen die drei Kinder der Wirtin mit allen Mitteln Kontakt mit mir aufzunehmen. Wir „flirten” ein wenig, später als sie ins Bett gehen sollen, muss ich sie aber fast mit Gewalt aus meinem Zimmer schicken.

 

Am nächsten Morgen geht es weiter Richtung Osten. Leider springt die Enfield nicht so gut an wie bisher und ich bin auf schiebende Hilfe von gleich 10 Einheimischen angewiesen. Ist ja alles kein Problem… Leider verlangen aber die schlechten Straßen heute ihren Tribut und ich verliere einige wichtige Schrauben und Muttern, unter anderem von der Tankbefestigung. Mit Mühe schaffe ich es aber trotzdem bis in einen kleinen Ort in dem es eine Mopedwerkstatt gibt. Für einen Kugelschreiber mit Werbeaufdruck und ein paar Aufkleber bekomme ich alle notwendigen Schrauben und noch ein Paar zum Ersatz ausgehändigt und kann die Reise fortsetzen. Am späten Nachmittag erreiche ich Katmandu und nehme nach den letzten Erfahrung ein teures Hotel für 6 Euro und bekomme dafür sogar Satellitenfernsehen. Ich beschließe zwei Tage zu bleiben, bevor es Richtung Tibet gehen soll.
Die nepalesische Hauptstadt ist verrückt wie keine andere Stadt dieser Welt: Es wimmelt von Heiligtümern, Pilgern, heiligen Kühen und uralten Kunstwerken. Dazwischen scheinbar Millionen von Mopeds, Rikschas, überfüllten Bussen und stinkenden Lieferwagen. Tausende Händler und genauso viele Bettler bevölkern die Straßen. Aber immer wieder wird man als Ausländer freundlich mit „Namaste” (bedeutet „Guten Tag”, „Auf Wiedersehen”, „Hallo”, „Willkommen” usw.) begrüßt, nach dem „Woher” gefragt und für ein paar Meter begleitet, selbst wenn man nichts kaufen möchte. Ich besuche „Pashupati” eine riesige Tempelanlage mit dutzenden religiösen Statuen und Plätzen, sowohl für Hindus als auch Buddhisten. Etwas gehemmt bin ich, als ich ein paar Pilger fotografieren möchte. Diese nehmen mir aber meine Angst und laden mich freundlich zu einer „Fotosession” ein, um mir zum Abschluss noch ein farbiges Symbol auf die Stirn zu drücken und mich singend zu verabschieden. Ich bin begeistert!
Nette MenschenAnderntags geht es dann wieder ins Land, Tibet ist als Grundrichtung vorgegeben, immer mit der Hoffnung dort auch reingelassen zu werden. Innerhalb kürzester Zeit erreiche ich Dulikhel, nur ca. 30 Kilometer östlich Katmandus… und das Abenteuer beginnt: Da wieder mal keine Wegweiser zu finden sind nehme ich die Straße, die am besten ausgebaut scheint. Es ist eine Serpentinenstrecke, wie sie die Pyrenäen nicht besser bieten könnten. Keine 20 Meter führen geradeaus, der Straßenbelag ist durchgängig gut (ein japanisches Hilfsprojekt hat diesen Weg gebaut) und erstaunlicherweise begegnen mir nur zwei Fahrzeuge auf 25 Kilometern… Doch plötzlich endet der ausgebaute Teil der Straße, es wird wieder Knüppelpiste und ich… fange immer noch nicht an zu zweifeln, den Wechsel von guter zu schlechter Straße habe ich ja schon dutzende Male durchgemacht. Als die Straße aber komplett endet und ich vor einem breiten Flussdelta stehe ist klar: Das ist nicht der Weg nach Tibet! Da es zu allem Überfluss auch schon beginnt dunkel zu werden (funktionierendes Licht hat meine Enfield natürlich auch nicht) macht sich bei mir erste Panik breit. Toll gemacht Micha, kannst ja deine Visa-Karte zum Feuermachen verwenden, hast aber nicht mal irgendwas zum Grillen dabei… Etwa 50 Meter entfernt pflügt ein Bauer seine Miniparzelle mit einem Holzpflug, der von einem Ochsen gezogen wird. Wie es scheint macht er gerade in dem Augenblick Feierabend als ich gegen die Enfield trete und wüsteste Verwünschungen an nepalesische Straßenschildermaler ausrufe. Leicht beschämt bemerke ich, dass er neben mir steht und sich offensichtlich köstlich über mein Benehmen amüsiert. Eine halbe Stunde später stehe ich mit meinem Riesengepäck in seiner Hütte, breite meinen Schlafsack auf einer der neun Holzpritschen in einer ca. 16 Quadratmeterbude aus und genieße das einfache Reisgericht das seine Frau mir überreicht. Ich freue mich über die Mahlzeit mehr als ich es im teuersten Spezialitätenrestaurant tun würde… Später umringen mich die sieben Kinder der Familie und ich versuche anhand meiner Landkarten herauszufinden, wo ich mich gerade befinde. Nepaltok heißt der Ort und liegt im Niemandsland, weit entfernt meiner geplanten Strecke. Irgendwann ist das gesamte Dorf um den Tisch versammelt und es findet sich auch ein 15-jähriger, der Englisch spricht und Dolmetscher spielt… und ich bleibe zwei Tage bei meinen Gastgebern. Natürlich will niemand auch nur eine Rupie geschweige denn einen Dollar oder Euro für Übernachtung und Bewirtung von mir sehen. Die Gastfreundschaft dieser Menschen ist so überwältigend, dass dieser Teil der Reise für mich zur schönsten Erinnerung überhaupt wird.
KinderZurück auf der geplanten Strecke nehme ich mir ein Hotel mit Himalajablick in Dulikhel. Leider gibt’s den Blick nur früh morgens gegen sechs Uhr, danach ziehen Wolken auf und hüllen u.a. den höchsten Berg der Erde (man sieht ihn angeblich ganz klein zwischen anderen 8, 7 und 6000ern) in einen undurchsichtigen Schleier. Macht ja nix. Dafür lerne ich einen nepalesischen Künstler kennen, der in seinem Restaurant (Nawaranga) wunderschöne Bilder ausstellt. Eins kaufe ich ihm ab, nicht nur weil auch das Abendbrot bei ihm so gut schmeckt und unsere Diskussion über religiösen Fanatismus gemeinsame Standpunkte offenbart.
Mit der Enfield bewege ich mich am darauffolgenden Tag zum Namobudda, einer buddhistischen Tempelanlage in der Nähe. Dass das Ganze eigentlich spektakulär auf einem Berg liegt, tollen Fernblick bietet usw. verkommt leider momentan zur Gewohnheit. Dabei weiß ich, dass ich diese Szenarien im nächsten Monat schon vermissen werde….
Back on the road again. Der Weg nach Tibet ist bis 30 Kilometer vorm Ziel gut ausgebaut (die üblichen „uups, -wieso-gibt’s-denn-hier-keineStraße”-Passagen eingerechnet), aber dann wirds noch mal richtig spannend: Flussdurchquerungen, 20-prozentige Steigungen und riesige Gesteinsbrocken gehören zum Straßenbild auf dem Weg nach China. Selbst die robusten Tata-Linienbusse liegen immer öfter am Straßenrand und müssen Ersatzteile ordern. Das will was heißen! Auch die Kupplung der Enfield fordert inzwischen alle 50 Kilometer zum Nachstellen auf. Irgendwie schaffe ich es aber bis Kodari und stehe in direktem Kontakt zur chinesischen Staatsmacht. Da mit der Enfield momentan keine Einreise möglich scheint, nehme ich mir ein Hotel im Ort, für 90 Cent die billigste der Reise, aber nicht die Schlechteste!
Abenteuer BusfahrtAm nächsten Tag dann der Versuch: Die nepalesische Seite lässt mich anstandslos durch, die Chinesen schauen sehr skeptisch. Ich lasse die Enfield im Niemandsland auf der Freundschaftsbrücke stehen und nä-here mich mit vorgestrecktem deutschem Pass den Zöllnern. Und siehe da, es gibt selbst im Riesenreich Abweichler: Ein Grenzbeamter schickt mich zurück, während mich ein anderer Sekunden später hinter dessen Rücken nach Tibet winkt, leider ohne Moped. Aber immerhin… für kurze Zeit bin ich da! Na ja, spektakulär war das jetzt auch nicht… die Landschaft war wie in Nepal: bergig!
Zwei Tage später bewege ich mich langsam aber sicher wieder Richtung Katmandu. Auch bei 20-prozentigen Bergabfahrten muss die Kupplung bewegt werden, Leider! 90 Kilometer vor der Hauptstadt geht nix mehr, die Kupplung löst sich in Schall und Rauch auf, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich stehe zum Glück gerade auf der Spitze eines Berges und versuche die noch ausstehenden Kilometer in einem Gang, dem Zweiten, zu absolvieren ohne die Kupplung zu bemühen. Das geht 45 Kilometer gut, dann zwingt mich ein Linienbus zur Vollbremsung und zum Absterben des Einzylinders. Es ist nicht ruhmreich, aber ich erreiche Katmandu auf dem Dach eines Tatabusses, die Enfield wird Tage später von den Himalayan Enfielders per Pick-up abgeholt… Ich hätte ja auch die organisierte Tour mit Tourguide und Werkstattwagen buchen können… Um nichts in der Welt!

 

 

 


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