Cockpit

Nachgedacht: Geht der Markt am Kunden vorbei?

 

aus Kradblatt 10/14
von Jörg „Jogi“ van Senden

 

Am Kunden vorbei?

Achtung liebe Kradblatt-Leser. Dieser Text eignet sich nicht für Fans von China Rollern, Kawas H2-Rakete usw. 

CockpitDie Verkaufszahlen in der Motorradbranche sind im Allgemeinen nicht so berauschend. Angeblich fehlt es an Nachwuchs. Würden sich die Hersteller jedoch etwas mehr mit den Wünschen der Kunden befassen, hätten es die Händler sicherlich etwas leichter, mehr Motorräder an den Mann und seine Frau zu bringen. 

Eine Krise jagt seit Jahren die nächste. Die arbeitende Bevölkerung klagt über sinkendes Realeinkommen, der Führerschein ist teuer und meist wird erst einmal in Auto und Wohnung investiert, bevor man sein sauer verdientes Geld in ein neues Motorrad steckt. Und dann meldet völlig unverhofft die geschätzte Sexualpartnerin, die stets schwor kleine, schreiende und stinkende Hominiden fürchterlich zu finden, Zeit und Finanzen vernichtenden Nachwuchs an. Wie niedlich. Ehe man sich versieht ist man ein fünfundvierzig Jahre alter Sack, der bereits seit Jahren seiner Freiheit und der einst so geliebten Honda MTX hinterhertrauert, während er mit der spießigen Familienmöhre stumpfsinnig jeden Morgen den Hintern ins Büro bewegt. Was hätte nicht alles so aus ihm werden können, ein siegreicher Rennfahrer, ein berühmter Weltenbummler, ein echter Revoluzzer! Und was ist er letztendlich geworden? Ein alter Sack! 

So besorgt es das launige Schicksal erneut, dass für den potentiellen Nachwuchs-Biker keine Zeit vorhanden ist dem heiteren Zweiradhobby zu frönen. Und das in der physisch potentesten Zeit seines Lebens! So bleibt Freund Mopped-Dealer auf seinen für den globalen Konsum gespritzten Plastikgeschossen sitzen. Schade eigentlich. Oder sollte es doch an einer verfehlten Produktpalette liegen und nicht an den fehlenden Euronen, wenn Jung-Papi lieber mit dem verfilzten Köter und den Blagen im VW Passat zum Wurstgrillen in den Stadtpark fährt, anstatt mit FireRR oder Kamikaze-Ninjo 1200 den Heldentod auf der Ossi-Pappel-Allee herauszufordern? Dabei hat der preisgekrönte Designer Luigi Plastione aus Italia sich doch so viel Mühe gegeben, die ohnehin schon technisch so faszinierende desmodiabolisch gesteuerte 19-Ventil, zwei in neun in eins in fünf Ex-Uoops beauspuffte Bella Macchina noch attraktiver zu machen. Völlig unverständlich, dass auch die SS-Sonderedition des Super-Bikes, ganze 23 Gramm leichter dank Karbon-Faser und mit sportlich, gülden lackierten Felgen keinen Absatz fand. Da war der langweilige Entwurf wohl auch Balsamico-Essig. Luigi zeichnet jetzt wieder organisch geformte Plastiksessel und PVC-Salzstreuer für eine berühmte Möbelhauskette und hat auch schon wieder einen Designer-Orden der Kunststoffverarbeitenden Industrie gewonnen. Nächstes Jahr will die Designer-Ikone sich an einem japanoiden Joghurtbecher mit 1400 ccm und 200 PS versuchen. Wir drücken die Daumen, darauf hat der Nachwuchs bestimmt gewartet. 

Wenn man sich mit den heute 20 – 25-Jährigen unterhält fällt positiv auf, dass das Interesse am Motorrad durchaus vorhanden ist. Was früher für den jugendlichen Einsteiger Mofa, Klein- und Leichtkraftrad war, das findet sich heute gehäuft in Form von fiesen Baumarktrollern wieder. Das liegt jedoch eher daran, dass es kaum noch kernige Mofas, Mokicks und Achtziger gibt – nicht dass unsere Jugend auf die jämmerlichen, rollernden Dinger aus Fernost stehen würde, die zu 90 Prozent aus recycelten PET Flaschen und alten Gartenmöbeln gespritzt wurden. 
Der in immer wunderlicheren Plaste-Kreationen vorbeisprudelnde Jangtsekiang Fluss der Einweg-Roller sollte jedoch keine falschen Schlüsse auf das ästhetische Empfinden unserer Jugendlichen aufkeimen lassen. Die können nichts für das, was ihnen zurzeit angeboten wird. 

Erstaunlicherweise gelingt es aber auch den Plastik-Roller-Klonen den Motorrad-Virus in die Köpfe zu übertragen, denn wenn man sie fragt, was die Youngster gerne hätten, dann bekommt man als beruhigende Antwort meist ein klassisches nacktes Motorrad genannt. Ganz vorne dabei Harley-Davidson, Triumph Bonneville, Ducati Monster und die gute alte Yamaha XT 500. Die bevorzugte Farbe der Jugendlichen ist übrigens auch nicht Neon-froschgrün, Orange, Purple-metallic oder noch schlimmer ein buntes Farbgemisch mit widerlich pinkfarbenen Modellschriftzügen, sondern ein schlichtes Schwarz, gerne auch matt. Hört, hört, was für ein Glück und Zeichen guten Geschmacks! 

Irgendwie ist das doch nicht viel anders als bei uns, den alten Säcken. Horchen wir nicht alle auf und freuen uns, wenn ein Hersteller mal wieder, leider nur aus marktforschungs-analytischen Testzwecken heraus gestarteter Meinungsumfrage verkündet, ein „Retro-Bike“ mit verfeinerter alter Technik bauen zu wollen? Leider wird es dann meist doch nur eine halbherzige Ausführung mit viel Kunststoff, minderwertigem Chrom und zur Unkenntlichkeit entschärftem Design, fast schon verkommen zum homogenen Einheitsbrei. Statt dessen realisieren die, ewig über sinkende Zahlen, Klagenden der Branche mutig hässliche Entenschnäbel, Zyklopenaugen-Scheinwerfer, dreieckig in Alu-Karbon-Optik verpackte Auspuffkrüppel ohne Sound, Rückleuchten im Disco-Leuchtdioden-Look mit eingearbeitetem stilisiertem Marken-Logo bis zu krankhaft bizarren Formen hin, schlicht alles was dem drogenkranken Designer im Rausch so erschienen ist und in Plastik modelliert werden konnte. Ich weiß nicht was die rauchen, aber das will ich auch. Einige Verzweifelte kaufen diese Plastik-Klone dann sogar und sind ganz traurig, wenn sie keiner mehr grüßen will, weil man sie für Rollerfahrer hält. 
Bildet euch nicht ein, liebe Vorstände der Motorradkonzerne, dass der Kauf einer neuen Maschine aus eurem Hause der Leidenschaft oder der Ästhetik wegen geschehen ist. Die armen Opfer haben nur nichts Besseres für ihr Taschengeld gefunden und das vermeintlich kleinste Übel gewählt. Zu allem Überfluss wird dann noch eine völlig emotionslose zwei- oder vierzylindrige Maschine um weitere 5 PS leistungsoptimiert, weil die 150 PS des Vorgängermodells nicht ausreichten, um sich standesgemäß an den nächsten Baum zu befördern, obwohl die meisten schon mit 78 PS völlig überfordert sind. Dinge, die die Welt nicht braucht. Genauso wenig wie achtfach elektronisch verstellbare Federbeine und eine Tachokonsole aus dem Raumschiff Enterprise. 

Und wie reagieren die alten Säcke? Sie pflegen ihre liebgewonnenen Oldtimer aus den Vierzigern bis siebzigern, schwärmen von NSU, BSA und Norton oder kaufen sich eine Harley. Die sieht optisch zumindest noch in etwa so aus wie ein Motorrad, darf aber durch die Regulierungswut unserer behördlichen Papier-Schwiemel verschuldet, leider auch nicht mehr so klingen, wie es sich für einen Big-Twin gehört. 

Auf den typischen Biker-Rastplätzen, wo sich die knatternden Horden gerne am Wochenende treffen, reden sie noch immer gerne Benzin und fachsimpeln über die richtige Vergasereinstellung. Man freut sich über feine technische Lösungen, wie z. B. die einer Königswelle oder waghalsige Wankelkonstruktionen, herrlich sinnlose und faszinierende Sechszylinder mit unvergleichlichem Sound, Maschinen mit Charakter oder einfach nur klassisch-ästhetischen Formen. Technik und Design können durchaus begeistern. 

Und nun fragt doch noch einmal den potentiellen Nachwuchs. Eigentlich will der nichts anderes. Die jungen Vertreter der Gattung Homolus Motoradensis unterscheiden sich von den alten Säcken nämlich kaum. Der koreanische Plastikus aus dem Pupsie-Markt war nur die Notlösung weil es keine geile Zündapp mehr gab. Auch sind moderate Motorleistungen gar nicht so unpopulär wie die leistungskranken Düsentriebe der Industrie fälschlich zu wissen glauben. Diese kann man wenigstens noch versichern ohne das Konto zu überziehen. Das Erlebnis und die Faszination Motorrad haben nämlich nicht unbedingt etwas mit der Motorleistung zu tun. Mit aufgemotzten 14 PS durch die Alpen oder mit 60 km/h durch die Wiesen kann tatsächlich auch ganz schön sein. Das wusste schon Opa. Ja wirklich! Den Wunsch ein Motorrad mit ABS zu fahren habe ich dagegen häufiger gehört. Das sollte eigentlich schon lange Standard sein und ist es für Neuanmeldungen ab 125 ccm endlich bald auch. Die dazu nötigen Teile ließen sich zu früherem Zeitpunkt wohl technisch nicht so einfach und billig aus kleingehackten Gartenbänken pressen. 

Bitte entlasst schnell eure willkürlich und wild Plastik verspritzenden Designer und baut wieder ehrliche und echte Motorräder, gerne auch vom Schlage einer Honda 750 four und das zu einem erschwinglichen Preis. Der Nachwuchs wird es euch danken. Und die alten Säcke erst recht. Dann klappt’s auch wieder mit den Zulassungszahlen. Die neue Honda CB 1100 ist für mich ein guter Anfang.


Kommentare

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3 Kommentare zu :
“Nachgedacht: Geht der Markt am Kunden vorbei?”


  • Peter sagt:

    So isses,
    fahre zur Zeit eine ZRX 1200 S,klassisch halt,möchte ich schon immer.
    Michas Kommentar kann ich bestätigen,Toll finden und anschließend auch kaufen,sind zwei paar Schuhe.

    Gruß Peter

  • CB_Micha sagt:

    Ich fahre eine CB1300, ein Retrobike welches ja laut Bericht alle haben wollen. Auf Bikertreffen, bekomme ich auch immer ein positives feedback zur Maschine.
    Allerdings wird die CB1300 in Deutschland nicht mehr Angeboten, weil es dann doch nicht soviele gekauft haben. Dagegen verkaufen sich Motorräder vom Schlage einer R1200GS, wie geschnitten Brot (s.Zulassungsstatistik). Obwohl wesentlich teurer als eine CB1300. Da kann ich eigentlich nur feststellen, das zwischen dem was Leute schön finden und letztlich dann doch kaufen, liegen wohl Welten.
    Da verstehe ich natürlich auch den schweren Job der Motorraddesigner und -Entwickler.

    Grüsse
    CB_Micha

  • Andreas Knüpfer sagt:

    :-* wie Recht der Jogi doch hat…. 😥