MZ-RT125_Umbau

MZ RT 125 Umbau

aus bma 6/10

Text & Fotos Sabine Welte

MZ-RT125_Umbau„Ein langer Weg, ein Wrack zu werden“ (Long road to ruin), … so posaunen es uns gerade die Foo Fighters in die Gehörgänge. Der Holländer Floris Velthuis beschritt den umgekehrten Weg. Er fabrizierte aus einer 1964er MZ RT 125/3 ein vorzeigbares Krad, ohne aber dabei weder Ursprung, Historie noch Preisvolumen dieses der ehemaligen DDR entstammenden Zweitakters aus den Augen zu verlieren. Ganz im Gegenteil: Das Wahrzeichen des „Arbeiter- und Bauernstaats“ mitsamt Ährenkranz, Hammer und Zirkel ließ der Mann aus Arnhem auf dem winzigen und dennoch wie zweigeteilt wirkenden Tank von Hand mühselig auftragen. Von einem Pinstriping-Künstler, selbstredend. Und selbstverständlich stellt dieses mit äußerster Sorgfalt aufwändig gestaltete Finish den teuersten Aspekt an der Aufbereitung dieses “leicht motorisierten” Zweirades dar. Ein Arme-Leute–Moped, in gold gekleidet.

MZ-RT125_Umbau“Die Anschaffung einer alten RT 125 ist aufgrund der überschaubaren Zweitakttechnik des zuverlässigen Motors und der einfachen Fahrwerkskonstruktion eine unbedenkliche Angelegenheit. Die Ersatzteilsituation ist wegen der hohen Produktionszahlen und der Kompatibilität der Bauteile der vielen Hersteller problemlos. Einige Exemplare werden noch heute als Alltagsfahrzeug genutzt.” Diese Situation nutzte Floris ganz gezielt für sich, der in der Vergangenheit schon so manchem runtergewirtschaftetem Moped zu einer ganz neuen Existenz als Rat-Bike verhalf. Zusammen mit Vater Benni begab er sich an diesen schmalen und eher leistungsarmen Zweitakter, der seine lange Vergangenheit mit dem Kürzel RT wie “Reichstyp” gar nicht erst verleugnen mag. Und der Holländer ist sich ebenso der damals herrschenden, armseligen Zustände in Ostdeutschland bewusst, als sein “Arme-Leute-Krad” die Fabrikgebäude von MZ in Zschopau 1964 verließ. Gerade recht kommt es ihm in die Finger, um den Bonzen zu zeigen, dass nicht nur teuer umgeschmiedete Milwaukee-Eisen Showcharakter beweisen und Aufsehen erregen können – obwohl Floris sich auch zu seiner Ironhead aus 1975 offen bekennt. “Diese RT 125 mit seiner reichhaltigen Vergangenheit inspirierte mich, entgegen der Dominanz fetter V-Twins, mit der meiner Meinung nach ausreichenden Leistung, den feinen Speichenrädern, seinem klassischen Look und dem geschlossenen Einrohr-Rahmen in all seiner Leichtigkeit allen Paroli zu bieten. Quasi ein Kommunisten-Krad gegen Bonzen-Schleudern!

MZ-RT125_UmbauFür einen “fairen Preis” unter 500 Euro erstand Floris den “leicht angerosteten” Zweitakter mit Einzylinder-Motor und 6,5 PS im Originalzustand. Mit seinem Vorhaben, einige Modifizierungen daran vorzunehmen, zog er allerdings jede Menge Missmut von Historienverfechtern auf sich. “Wenn Du da mit der Flex was wegschneidest, zerstörst Du Motorrad-Historie,” feindeten ihn einige Zeitgenossen an. “Für mich erst recht der Ansporn, die Flex flexen zu lassen,” griff der “heidnische” Holländer den Fehdehandschuh auf.

Nachdem Floris mit dem Abbau sämtlicher Teile seine Bestandsaufnahme gestaltete, stellte er erschreckt fest, wie schmal das Gebilde tatsächlich gebaut ist. “Für mich ergab sich daraufhin die Frage, wie ich da ein wohlproportioniertes Moped aus diesem niedlichen Ding herstellen könnte, denn mit Standard-Chopper-Parts war dem nicht wirklich beizukommen.” Alles selbst machen ist also die Devise. “Zum Beispiel der Tank… alle erreichbaren “Fässer” wirkten völlig overstyled. Benni und ich schweißten uns dementsprechend einen eigenen Tank im Vintage-Style. Mein Vater integrierte die altertümlichen Tankdeckel an den schmalen Behälter, die an Speedway-Bikes oder Dirt-Tracker erinnern sollen, als Quelle der Inspiration. Pure Funktionalität und straighte Linien sind mein Ding.” Alle anderen Blechteile fertigten die beiden wackeren Niederländer natürlich auch, aus vorhandenen Materialien, ergänzend mit allem, was die Werkstatt bei Arnhem nur so her gab. So entstand das hintere Schutzblech, das mittels Schweißgerät sein eigenes Styling erhielt. Zur Betonung des Dirt-Track-Looks brachte Floris das Blech so hoch wie möglich über dem grobstolligen Trial-Reifen an. Danach benötigten Vater und Sohn Stunden zum Füllen, Spachteln und Schleifen, dem üblichen Prozedere für die “sanfte Oberflächengestaltung”. Natürlich musste auch das Nummernschild an einer eigens hergestellten Alu-Platte seitlich am Fahrzeug seinen Platz finden und wird nun gekrönt von einem für eine Vincent nachempfundenen Rücklicht.

MZ-RT125_UmbauCharakteristisch für das Vintage-Styling der Dirt-Tracker hatten sich die Griffe entsprechend unter der oberen, spärlichen Gabelbrücke einzufinden. Der Gaszug und die entscheidenden Elemente aus der originalen MZ fanden hier nach einigen einschneidenden Modifikationen ihren Platz wieder am schmalen Krad, die marginale Gabelbrücke betont ebenso den Look am Arme-Leute-Vehikel. Die Scheinwerferhalterung integrierten Floris und Benni am feinen Lenker. Der Leuchtkörper entstammt einem Tauschgeschäft mit Altteilen, wobei das Gehäuse komplett modifiziert wurde. Die Öffnung, in der dereinst der Tacho wohnte, schweißten die Jungs zu und verpassten dem Teil eine Finne in Anlehnung an das Äquivalent zum hinteren Fender.

Viele Altteile der MZ fanden ihren Weg zurück wieder an das Krad, denn “mir gefällt das gebrauchte, arg mitgenommene Aussehen an den Griffen und Fußrasten. Schließlich sind die Einzelteile bereits über 40 Jahre alt.” Deshalb auch der Sattel, gefunden auf einem Schrottplatz, an einem antiquierten Fahrrad, mit diesem “ollen Schmuddelaussehen”. Klar, dass das Teil dem System komplett angepasst werden musste. Die simple Elektronik übernahm der Niederland-Clan und stopfte in den Batteriekasten rein, was nur reinpasste, von außen nicht mehr sichtbar.

MZ-RT125_UmbauDanach ging’s für einen Sommer zunächst im “rattle can-black-look” auf die Straße mit dem Zweitakter. Doch das langweilige und uninspirierte Aussehen machte Floris keinen Spaß. Dann aber ging’s mit dem Gerät zu KustomBart und nach einem “enthusiastischen Brain-storming” kam die Revival-Crew zu dem Ergebnis, eine Lackierung im Stile eines alten Racer-Bike-Prototyps anzulegen. Der Mann von KustomBart hatte einige hollandtypische Tricks anzuwenden, um eine ruhige Hand für das fantastische Pinselgemälde in Form der DDR-Flagge und das MZ-Logo unfallfrei aufzubringen. Aber das Ergebnis lässt sich sehen und huldvoll feiern – vor allem, weil dieses Arme-Leute-Moped nach einem halben Jahrhundert nun im wertvoll pointierten Gold-Look auf schwarzen und roten Flächen das ganze Volk beeindrucken kann. Bald noch mehr als jedes teuer und feinst ausstaffierte Custom-Bike. Selbst die Historien-Wächter gaben am Ende dieser wundersamen Wandlung eines Krades vom bitteren gen goldenes Zeitalter ihren Segen. Wer vermag sich schon einer Zeitenwende zu verweigern, wenn sie nun doch so verheißungsvoll gülden schimmert?

Infos für Ahnungslose:

RT 125 ist die Bezeichnung eines Motorrades, welches von 1939 bis 1964 von verschiedenen Herstellern gefertigt wurde. Mit rund 450.000 gebauten Einheiten ist die RT 125 eines der meistgebauten deutschen Motorräder. Die Abkürzung RT steht für Reichstyp. 125 steht für die aufgerundete Hubraumgröße in Kubikzentimetern. Konstrukteur des Motorrades war der DKW-Chefkonstrukteur Hermann Weber.

Die RT 125 gilt als das meistkopierte Motorrad der Welt. Alle Modelle der RT 125 haben einen luftgekühlten Einzylinder-Zweitaktmotor mit Flachkolben und einer Schnürle-Umkehrspülung mit einer Bohrung von 52 mm, einem Hub von 58 mm und somit einem Hubraum von 123 ccm. Er entwickelt je nach Modell eine Leistung von 4,75 bis 6,5 PS. Der Motorblock besteht aus einem Graugusszylinder mit einem Zylinderkopf und Gehäuse aus Aluminium, der vom geschlossenen Einrohrrahmen getragen wird.

Der Motor hat an der Schwungscheibe eine Magnetzündung bzw. später eine spannungsgeregelte 6V Lichtmaschine und verfügt über einen Vergaser mit Schwimmer und Nadelventil. Sowohl die primäre, von der Kurbelwelle zum Getriebe, als auch die sekundäre Übersetzung, vom Getriebe zum Hinterrad, übernehmen Rollenketten. Das Getriebe besitzt ein Vorgelege und hat je nach Ausführung 3 oder 4 Gänge. Eingelegt werden diese durch nur eine Schaltklaue und ein spezielles Segment. Für die Frischölschmierung wird ein Zweitaktgemisch benötigt mit einem Mischungsverhältnis Öl zu Benzin von 1: 25. Die Höchstgeschwindigkeit der RT 125 beträgt modellabhängig 75 bis 90 km/h

Zahlenwerte:

MZ (RT) 125/3 Bauzeit 1959–1962 Stückzahl 143.035 Leistung 6,5 PS Leergewicht 109 kg Höchstgeschwindigkeit 85 km/h, Preis in DM: 1.875

MZ (RT) Bauzeit: 1964–1965 Stückzahl: 4.904 Leistung: 6,5 PS Leergewicht: 109 kg Höchstgeschwindigkeit: 85 km/h, Im niederländischen Lieren findet seit 2002 jährlich ein internationales RT-125-Treffen statt.

 

 


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