MV Agusta Brutale 910

MV Agusta Brutale 910 (Mod. 2005)

aus bma 12/05

von Jens Möller

MV Agusta Brutale 910 Es geschieht meist ganz zufällig und unbeabsichtigt. Die Ampel zeigt Rot und man bleibt mit seinem Wohlfühljapaner stehen. Läßt den Blick nach rechts und links schweifen, schaut beispielsweise in das Schaufenster von Didi’s Motorrad-Center in Bremervörde, und da blickt Sie dich an. Rassige italienische Schönheit, mit stolz geschwellter Brust und äußerst knackigem Hintern. Längst ist die Ampel vor dir auf Grün gesprungen, der nachfolgende Verkehr mahnt zur Weiterfahrt, und das Bike unter dir gibt erste Unmutsäußer- ungen von sich. Nach all den Jahren findet Nichtbeachtung auch hier nicht wirkliche Zustimmung.
Am nächsten Morgen stehst du nach einer schlaflosen und unruhigen Nacht bereits vor Ladenöffnung erneut vorm Schaufenster. Inkognito gekommen, diesmal ohne das heimische Motorrad, es soll nicht weiter eifersüchtig werden. Wieder blinzelst du ins Gesicht der MV Agusta Brutale 910, errötest leicht unter ihrem Anblick, fühlst dich hingezogen und weißt doch, daß sie eigentlich eine Nummer zu groß für dich ist. Aber wenn nicht jetzt, wann dann? Nur einmal fremdgehen, dem ungeheuren Reiz des Neuen erliegen, sich der Leidenschaft hingeben.

 

Aber gemach, nicht schon in der ersten Minute die noch junge Beziehung verheizen. Schnell werden die Lapalien der Probefahrt geklärt, die 805 mm hohe Sitzbank erklommen und schon wandert der Zündschlüssel vorsichtig ins Schloß der vollgetankt 210 kg schweren MV Agusta. Erste markige, aber doch vorsichtige Gasstöße lassen den flüssigkeitsgekühlten Vierzylinder-Motor auf Betriebstemperatur kommen, lassen die Brutale erzittern und machen Appetit auf mehr.
Eins ist jetzt schon klar: Diese Beziehung wird sehr interresant. Dabei verwöhnt die MV mit seidiger, fast lastwechselfreier Gasannahme, kann selbst im höchsten Gang durch Innenstädte bewegt werden, ohne daß der Motor sich verschlucken würde. Doch das Date heißt Monica Bellucci und nicht Marie-Luise Marjahn, geben wir der MV, was sie verlangt: Gas. Ungestüm drückt sie ab 5500 U/min vorwärts, fährt ihre Tatzen aus, bohrt sie dir in den Rücken. 5500 U/min entsprechen genau 100 km/h im vierten Gang, oder 120 km/h im sechsten Gang der Schaltbox. Durchaus ein Bereich, der bei Landstraßenfahrt häufige Nutzung findet.
Hier zeigt die MV, was sie wirklich kann, wo ihr Unterschied zu den sonstigen BigBlocks auf dem Markt liegt. Ähnlich einem Supersportler geht sie ab dieser Drehzahl ab, schmeißt dir die Front ins Gesicht und dreht dabei bis 11.500 U/min. Erst dann mahnt ein kleines Lämpchen im übersichtlichen Cockpit zur Wahl des nächsthöheren Ganges. Die Höchstleistung von 136 PS wurde schon bei 10.700 U/min passiert.
MV Agusta Brutale 910 Wer die MV Brutale 910 auf diesem Niveau bewegt, sollte die Strecke gut kennen. Denn erst jetzt fallen die harten, aber präzisen Gangwechsel auf, und besonders nach Schaltvorgängen ruckt es nun merklich im Antriebsstrang. Auf unbekannter Strecke kann so etwas schnell die gewählte Linie versauen, auf der Hausstrecke fällt es nicht weiter auf. Die Mensch-Maschine-Kombi wird eins, der Höhepunkt zweiradgestützter Fortbewegung scheint zum Greifen nah.
Doch selbst nach dieser Ekstase merkt man die Striemen auf dem Rücken, die vorhin noch die Lust verstärkt haben. Diese Beziehung fordert und gibt dennoch mehr. Die MV will gar nicht ständig in Richtung Begrenzer getrieben werden, nur auf der schnellsten Linie zwischen zwei Punkten unterwegs sein. Vielmehr gibt sie dir auch noch im Kuschel-Modus, also bei gemütlicher Fahrt im höchsten Gang, das Gefühl, ihr mindestens ebenbürtig zu sein. Verantwortlich ist hierfür zum einen die kurze Endübersetzung, die einen auch in diesem Modus immer wieder in den Drehzahlbereich über 5500 U/min gelangen läßt. Bei jedem Überholmanöver touchiert man diesen Bereich kurz, was dieses Gefühl der wohligen Potenz, des ich könnte immer, wenn ich wollte, problemlos vermittelt. Zum anderen hat die MV Agusta Brutale 910 noch ein anderes Mittel zu bieten, das die Emotionen des Domteurs hochschnellen läßt: Ihr Klang.
Gerade wer die Drosselklappen der Einspritzung am Ortsausgang auf Durchgang stellt, wird mit einem Ansauggeräusch aus der Airbox belohnt, das süchtig macht. Mächtig werden die Luftmoleküle inhaliert, nur um mit dem nächsten Klanggewitter aus den beiden wunderschönen Endrohren von Lafranconi wieder entlassen zu werden. Wer da mit Ohrenstöpseln fährt ist selber schuld.
Am nächsten Morgen, die Emotionen haben sich ein wenig geglättet, die Diva liegt noch neben dir – steht draußen vor dem Fenster – fragst du dich, was denn eigentlich die gestrige Faszination ausgemacht hat. Klar, über den Antrieb braucht man keine Worte mehr zu verlieren. Werte von 0 auf 100 km/h in 3,1 Sekunden oder aber die Höchstgeschwindigkeit von 240 km/h machen nicht den Reiz dieser unverkleideten Maschine ohne Windschutz aus. Der Motor, kein Drücker wie der der Benelli TnT, aber ein Sportmotor erster Güte mit breitem Leistungsband. Eingerahmt wird der Antrieb durch ein stabiles Fahrwerk. Hart, ehrlich und zielgenau. Komfort sollte man jedoch nicht erwarten. Wie Fäuste umfaßt die untere Gabelbrücke mit Dreifach-Klemmung die voll einstellbare 49 mm Upside down-Gabel von Marzocchi. Diese verfügt zudem über eine Schnellklemmung für die Vorderachse, so werden Radwechsel zum Kinderspiel. Elegant und stabil umgibt der Gitterrohrrahmen den Motor, leitet die elegante wie massive Einarmschwinge die auftretenden Kräfte über ein ebenfalls voll einstellbares Sachs-Federbein, mit Höhenverstellung durch eine Schubstange, in den Rahmen ein. Dieses Paket gibt den Straßenzustand eins zu eins an den Fahrer weiter, verwöhnt mit Reserven, macht auf drittklassigem Asphalt aber deutlich, daß die Grund- abstimmung eindeutig in Richtung Sport tendiert.
MV Agusta Brutale 910 Passend hierzu begeistert die vordere Bremsanlage mit ihren sechs Kolben und den 310 mm großen Scheiben mit einer Transparenz und Dosierbarkeit, die keine weiteren Wünsche zuläßt. Stahlflexbremsleitungen sorgen für einen knackigen Druckpunkt und lassen die Bremspunkte weiter Richtung Kurveneingang wandern. Auf die hintere Bremse kann man aber verzichten. Zwar trägt auch sie eine Stahlflexleitung, jedoch krallen sich die Beläge nur zahnlos in die 210 mm messende Scheibe.
Gewöhnen muß man sich nur an den Leerweg am einstellbaren Bremshebel. Selbst wenn dieser auf seine weiteste Stellung gebracht wird, müssen zur Verzögerung etwa fünf Millimeter Hebelweg überwunden werden, bevor sich das Gefühl für den Bremsdruck einstellt. Einstellbar ist auch der Hebel der hydraulisch betätigten, wenn auch etwas schwergängigen, Kupplung. Besonders im Stadtverkehr wünscht man sich bei häufigen Gangwechseln etwas Erleichterung.
Abseits der Kritik wandert das Auge wieder über die MV Agusta und entdeckt technische Finessen. So bietet die MV, neben der hervorrgagenden Verarbeitungsqualität, beispielsweise einen Kühlflüssigkeitsbehälter, der kunstvoll um den Gitterrohrrahmen gezogen wurde. Damit man dennoch den Stand der Kühlflüssigkeit ablesen kann, hat man in die linke Tankblende ein Schaufenster eingelassen.
Auch die Felgen mit den montierten Michelin Pilot Power umschmeicheln das Auge. Nicht, weil der Reifen sehr gut mit der MV harmoniert und guten Grip bietet. Vorne wurde dabei ein 120/65er auf die 17 Zoll messende Felge gezogen. Wahlweise kann man auch einen 120/70er Reifen montieren. Hinten kommt ein 190/50er zum Einsatz.
Nein, die Felgen sind einfach schön, und wem das Design nicht gefällt, der kann sich an den gekröpften Reifenventilen erfreuen, die die Kontrolle des Luftdrucks erheblich erleichtern. Gleiches gilt für das Schauglas zur Kontrolle des Öls und die wirklich gut platzierte, weil einfach zu erreichende Leuchtweitenregulierung des Scheinwerfers.
MV Agusta Brutale 910 Abseits dieser Details und wirklich ganz nüchtern betrachtet gibt auch die MV noch Potential zur Verbesserung. Nicht, was das Fahrerlebnis, die Emotion angeht, da sucht sie ihresgleichen. Vielmehr sind es nur kleine Unzulänglichkeiten, die den Fahrspaß etwas trüben. Gerade wer sportlich mit der MV Agusta Brutale 910 unterwegs ist, dem werden die Tankkanten irgendwann stören. Zwar bietet der Tank im Kniebereich einen schmalen und perfekten Knieschluß, will man jedoch sein Gewicht bei Kurvenfahrt zur Innenseite verlagern, kommt man unweigerlich mit den Tankkanten in Konflikt. Der wichtge Kontakt zur Maschine geht so ein wenig verloren. Abhilfe schafft man, wenn man vor der Gewichtsverlagerung etwas nach hinten rutscht, sich so mehr Platz schafft. Ärgerlicher ist bei Kurvenfahrt jedoch die Befestigung der Fersenschützer an den Rasten. Setzt man gewohnheitsmäßig nur den Ballen auf die Rasten, kommt man hier in arge Platzprobleme. Dies liegt zum einen an den sehr schmalen Rasten, die zwar eine hohe Schräglagenfreiheit garantieren, den Füßen zumindest ab Schuhgröße 44 nur wenig Halt geben. Verstärkt wird dies besonders auf der rechten Raste, da deren Fersenschützer zum Schutz vor der heißen Auspuffanlage noch weiter nach außen gezogen ist als sein linkes Pendant. Paßt man seine Sitzhaltung an diese kleinen Unzulänglichkeiten an, steht dem Fahrerlebnis der MV nichts im Wege, zumal sie auch leicht durch Unterlegscheiben zu beheben wären. Und daß man in den Rückspiegel nicht viel vom rückwärtigem Verkehr sieht, sei auch noch erwähnt.
Doch wurde nicht anfangs erwähnt: Es geht nicht um den Wohlfühljapaner, sondern um etwas Exklusives, Einmaliges, eine Schöpfung Tamburinis, umweht vom Geist Agostinis. Wer die MV so versteht, sich ihr anpaßt, dieses Gefühl auf die Straße zu bringen weiß, den wird sie glücklich machen. Natürlich nur den einen allein, denn zu zweit sollte man sich dieses Erlebnis nicht gönnen, der Enthusiasmus würde doch arg gebremst.
Bleibt am Ende nur das Finanzielle. Die Beziehung mit einer MV Agusta Brutale 910 ist nicht ganz billig. Auf 15.750 Euro beläuft sich der Listenpreis zuzüglich der Nebenkosten. An der Tankstelle gibt sie sich nicht mit weniger als acht Litern Super auf 100 Kilometern zufrieden, wahrscheinlich sogar noch mehr, wenn man sich erst richtig an sie gewöhnt hat. Und ist sie das wert? Ja, denn dieser zweirädrige Traum läßt das Herz schneller schlagen, verführt sinnlich wie technisch, ist einfach mehr als bloßes Fortbewegungsmittel, sondern ein Pulsbeschleuniger emotionaler Art. Und vielleicht nimmt der freundliche Händler den Wohlfühljapaner ja auch in Zahlung?

 

 

 


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