aus bma 10/12
von Klaus Herder
Kurz bevor ein Fahrberichts-Text in den PC gehackt wird, ist der Job eigentlich schon getan: Das Bildmaterial liegt vor und ist meist schon layoutet, die Fahreindrücke sind gesammelt, die technischen Details gesichtet, und eigentlich muss die Sache nur noch in (Text)-Form gebracht werden. Das Überraschungspotenzial ist in solchen Momenten normalerweise nicht mehr wirklich hoch.
Nun gut, die Preisgeschichte ist etwas verwirrend, aber nicht kriegsentscheidend, sie bescherte dem Autor eine hochaktuelle Textüberarbeitung, und wir hoffen nun, dass uns die günstigste MV noch einige Zeit zum tatsächlichen Unter-Neun-Mille-Kampfpreis angeboten wird. Denn an der Tatsache, dass die vermeintliche „Edelmarke“ MV Agusta (die sich u. a. durch ebendieses Edelmarken-Gehabe in der Vergangenheit x-mal ins finanzielle Aus befördert hat) mit seinen 675er-Modellen erstmalig auch für Otto Normalmotorradfahrer erschwinglich ist, ändert das kleine Preis-Wirrwarr nichts.
Verständlich also, dass es bei ihrer Entwicklung mehr um Fahrbarkeit im mittleren Drehzahlbereich und zudem um die Eignung als (Wieder-) Einsteigermodell ging – eine 48-PS-Version für die 2013 kommende neue EU-Führerscheinregelung für Einsteiger ist bereits homologiert. Niedrigere Verdichtung (12,1:1 statt 13,0:1) und andere Kolben, geänderte Nockenwellen sowie kleinere Drosselklappen (47 statt 50 mm) bescherten der Brutale 110 PS bei 12600/min und maximal 64 Nm bei 8600/min. Das niedrigere Drehzahlniveau erlaubt es, Stahl- statt Titanventile zu verbauen. Leistungsmäßig liegt die Brutale im Wettbewerbsumfeld damit ganz weit vorn; ihr Drehmoment-Spitzenwert ist dagegen eher unterdurchschnittlich. Ein weiterer Unterschied zwischen Brutale und der 3000 Euro teureren F3: Bei der Nackten lässt sich nur die Federbasis des von Sachs stammenden Zentralfederbeins verändern; die F3 hat dagegen ein voll einstellbares Fahrwerk. Die Rahmen-Bedingungen sind dafür nahezu identisch: Ein mit Alu-Gussteilen kombinierter Gitterrohrrahmen aus Stahl übernimmt die tragende Funktion, das Hinterrad steckt in einer technisch nicht wirklich zwingend notwendigen, dafür aber bildschönen Einarmschwinge. Während die F3 vollgetankt klassenübliche 193 Kilogramm wiegt, bringt die Brutale mit 16,6 Litern Sprit nur 185 Kilo auf die Waage – Bestwert in ihrer Liga.
Zuerst einmal geht es darum, sich auf der Brutale häuslich einzurichten. Und das gelingt überraschend gut; denn die moderate Sitzhöhe von 810 Millimetern sorgt in Verbindung mit einer ausgeprägten Wespentaille, viel Knie-Platz am eher kurzen Tank sowie goldrichtig positionierten Fußrasten und Lenkergriffen für eine Wohlfühl-Atmosphäre, die kurze, normalwüchsige und auch Fahrer mit Gardemaß gleichermaßen genießen können. Auf der Brutale sind Menschen zwischen 1,65 und 1,90 Meter Gesamtlänge gleichermaßen gut untergebracht. Der Soziusplatz geht ebenfalls als „durchaus menschenwürdig“ durch. Erstaunlich, dass ausgerechnet ein sportverrückter Kleinserienanbieter wie MV ein solch gelungenes Ergonomie-Paket abliefert. Das Sitzpolster fällt dabei zwar eher dünn aus, und nach spätestens drei Stunden Brutale-Treiben sehnen sich selbst Nichtraucher nach einer Zigarettenpause, doch die Brutale ist auch schließlich nicht als Langstrecken-Reisedampfer konzipiert. Für die schnelle Nummer am Sonntagvormittag ist sie dagegen bestens geeignet. Damit am Arbeitsplatz aber nicht zu viel Euphorie ausbricht, bringt ein eher schwergängiger, nicht verstellbarer und ziemlich billig gemachter Kupplungshebel die Emotionen etwas runter. Der Zubehörhandel darf’s mit schicken Frästeilen richten. Und die kaum ablesbaren LCD-Skalen im mit großzügigen Spaltmaßen daherkommenden Cockpit sorgen auch nicht unbedingt für Begeisterung. Wegfahrsperre, Warnblinkanlage? Überflüssiges Zeug, auf das MV lieber verzichtet und den japanischen Anbietern von Massenware überlässt.
Da konzentrierte man sich am Lago die Varese lieber auf seine Kernkompetenz. Und zu der gehört eindeutig das Thema Sound. Klares Urteil dazu: absolut gelungen. Und zwar immer und überall. Was dieser betörenden Auspuffanlage entweicht, darf getrost als Gesamtkunstwerk gelten. Kehlig, heiser, böse, brüllend, kreischend – die Brutale hat, abhängig von den Betriebsbedingen, das volle Auf-die Ohren-Programm drauf, für das es nur einen Oberbegriff gibt: geil! Trotz Ausgleichswelle ist der Motor-Charakter dabei eher von kernigem Naturell, der Fahrer merkt schon recht deutlich, dass da eine Verbrennungsmaschine am Werk ist. Und er merkt leider auch, dass MV Agusta auf das Thema „elektronischer Gasgriff“ setzt, die Sache aber noch nicht ganz optimal im Griff hat. Zwar schwört man in Varese Stein und Bein, dass man die anfänglichen F3-Probleme mit der verzögerten Gasannahme, harten Lastwechseln und einem insgesamt recht ruppigen und schwer berechenbaren Ansprechverhalten mittlerweile im Griff und bei bereits ausgelieferten Exemplaren durch Updates beseitigt habe, doch optimal ist immer noch irgendwie anders. Man muss im Vergleich nur eine mit konventionellen Bowdenzügen bestückte Triumph Street Triple fahren und ihre herrlich direkte und absolut lineare Gasannahme genießen, um zu ahnen, dass Drive-by-Wire nicht zwangsläufig der Weisheit letzter Schluss sein muss. Die tolle neue Elektronik-Zeit mag ja theorethisch unglaubliche Vorteile bieten, doch den Fahrer interessiert doch nur die Praxis. Und die sieht bei der Brutale zwar längst nicht so bescheiden wie bei den ersten F3-Exemplaren aus, doch von einer optimalen, einer konventionellen Gassteuerung gar überlegenen Lösung ist MV Agusta noch ein Stück entfernt. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Der Brutale-Triple ist ein kerngesunder, charakterstarker, wunderbar drehfreudiger und ab spätestens 7000/min traumhaft bissiger Motor – der eine viel direktere, nicht ganz so plump agierende Drive-by-Wire-Steuerung verdient hat. MV sollte das leidige Thema „mäßige Gasannahme“ aber mit elektronischen Updates in den Griff kriegen.
Die relativ kurze Gesamtübersetzung kaschiert erfolgreich die nicht übermäßig pralle Drehmomentkurve und sorgt für gute Durchzugswerte. Wenn es darauf ankommt, rennt die MV immerhin 225 km/h.—
Kommentare
Ein Kommentar zu “MV Agusta Brutale 675 Modell 2012”
Wann kommt das ABS und wieso kommt 2012 immer noch ein Moped ohne ABS auf den Markt?????