aus Kradblatt 5/26 von Norbert Dittel

Blick über den deutschen Tellerrand nach China

Nur noch ein Ausstellungsstück bei Ducati in Shenzhen, da älter als 13 Jahre
Nur noch ein Ausstellungsstück bei Ducati in Shenzhen, da älter als 13 Jahre

Nachdem der westliche Motorradmarkt in letzter Zeit mit chinesischen Neuentwicklungen, basierend auf Kopien, Lizenzbauten und Weiterentwicklungen arrivierter europäischer Modelle quasi überflutet wird, habe ich mir mal ein paar Gedanken über den möglichen Hintergrund dieser Entwicklung gemacht. 

Ducati-Ausstellung bei Eventabend in Shanghai
Ducati-Ausstellung bei Eventabend in Shanghai

Wie kann es sein, dass ein Land, welches jeden fünften Bewohner auf dieser Welt stellt, sich mit dem vergleichsweise mit Verlaub „popeligem“ Motorradmarkt Europas in den Wettbewerb begibt. Denn aus eigener Anschauung weiß ich, dass in der Vergangenheit in China die Mobilität wie auch das ganze Leben eher praktischen Gesetzmäßigkeiten folgt als dem Freizeitgedanken. 

Dazu sei erst einmal festzustellen, dass generell ein Vergleichen beider Motorradszenen sich eigentlich ausschließt; zu unterschiedlich sind Lebensweise, Lebensgewohnheiten und auch die Regeln, an denen sich der Mensch orientiert. Jedoch: trotz des kometenhaften Aufstiegs von Land und Leuten in den letzten 30 Jahren blickt bei allem wiedererwachten Nationalstolz Chinas Bevölkerung immer noch ein Stück weit orientierend auf die westlichen Errungenschaften, gerade was Lifestyle und Annehmlichkeiten des täglichen Lebens angeht. Daher mag denn eine vergleichende Betrachtung aus diesem Blickwinkel doch gerechtfertigt sein.

Die Verkehrssituation in den Städten ist nach wie vor katastrophal. Deswegen kostet auch eine Fahrzeugzulassung von Verbrennern zum Beispiel in Shanghai oder Peking mal eben 20.000 bis 30.000 €, denn in China ist nicht der Kauf des Fahrzeugs das Problem, sondern die Zulassung. Du kaufst die Zulassung, behältst diese i.d.R. ein Leben lang und nimmst sie mit jedem Fahrzeug mit. Daher ist diese Zulassungssteuerung ein probates Mittel zur Verkehrseindämmung gewesen. Durch die zunehmende Elektromobilität, mittlerweile ca. 50% – staatliche Hilfe ist ein wesentlicher Punkt für den Endverbraucher, indem er als Fahrer eines Elektrofahrzeugs eine Zulassung umsonst bekommt – vergrößert sich das Chaos allerdings wieder.

Parkplätze mit Ladestation
Parkplätze mit Ladestation

Die Produktionsraten der chinesischen Motorradhersteller sind in den letzten Jahren jährlich um bis zu 40% gesteigert worden. Weil auch dort die Wirtschaft schwächelt ist das Wachstum mittlerweile unter 10% angekommen. Wir liegen aber immer noch bei einer Jahresproduktion von ungefähr 1.400.000 Fahrzeugen chinaweit im Motorradsektor ab zirka 150 Kubikzentimeter. Eine relevante Entwicklung im E-Motorrad-Bereich ist, anders als beim Auto, derzeit nicht erkennbar. 

Generell darf in China ein zugelassenes Motorrad, anders als Autos, nicht älter als dreizehn Jahre sein, um auf den Straßen bewegt zu werden. Das wird auch konsequent von den Behörden überwacht. Danach geht’s also ins Wohnzimmer oder auf den Schrottplatz. (Anmerk. d. Red.: Infos zu den Gerüchten, Motorräder müssten in China nach 13 Jahren pauschal verschrottet werden, hat die Motorcycle-News <hier> zusammengetragen).

Für westliche Bikes werden in etwa die gleichen Preise erhoben wie hier, für einheimische vergleichbare Produkte wird dort nicht mehr als gut die Hälfte dessen verlangt. Der „normale“ Gehaltsscheck für eine qualifizierte Tätigkeit liegt etwa bei 1.200 € monatlich.

Ein ganzes Areal mit Verkaufsshops aller Marken und eigenem Hotel
Ein ganzes Areal mit Verkaufsshops aller Marken und eigenem Hotel

Um in China auf dem Motorrad über 150 ccm unterwegs zu sein, gilt es zunächst, ein paar grundsätzliche Hürden zu umschiffen. Tipp: ein paar Kuriositäten dazu teilt auch unser aller Noraly (Anmerk. d. Red.: Reise-
fans wissen Bescheid, alle anderen schauen auf YouTube nach @ItchyBoots
) ab Folge 113 der Staffel 8 (Januar 2026) mit.

Abstellgewusel der Lieferdienste auf dem Gehweg
Abstellgewusel der Lieferdienste auf dem Gehweg

So wurde bereits vor ca. 20 Jahren in den Großstädten ein generelles Fahrverbot für Motorräder über 150 ccm erlassen. Dieses wird derzeit wieder sukzessive gelockert, das liegt in der Beurteilung der jeweiligen Stadtregierung. Eine Stadt fängt in China bei ca. 100.000 Bewohnern an, darunter ist es ein Dorf. Eine große Stadt bedarf ab ca. drei Millionen Einwohner. Für die Recherche besuchten wir Shenzhen (16 Mio.), Wuhan (8 Mio.) und Shanghai (24 Mio.) sowie ein paar kleinere Städte wie Souzhou oder Meishan.

Für die drei erstgenannten gilt besagtes Verbot, zumindest für den „Kernbereich“. Dem zu entfliehen müssen etwa eineinhalb Stunden (ohne Stau) einkalkuliert werden. 

Bemerkenswerterweise finden sich die Motorradhändler (inkl. deren Servicewerkstatt) chinesischer und westlicher Marken generell innerhalb dieser Bannmeilen. Auf diesen Konfliktpunkt angesprochen, wurden wir unisono dahingehend belehrt, dass die Motorradkäufer nicht so genau auf ihr Portemonnaie achten (müssen) und dann eben die ca. 25 € zahlen, wenn sie denn erwischt würden. So muss man denn auch unser Regeldenken, siehe oben, in der vergleichenden Betrachtung vernachlässigen. Auch im Straßenverkehr gilt dort eine eher praxisbezogene Handhabung; die individuelle Interpretation der Verkehrsregeln wird relativ willkürlich meist auch von den Ordnungskräften geduldet – aber eben nicht immer …

Mit Stolz vorgestellte Eigenentwicklung, die ZXMoto 500 RR inkl. Einarmschwinge
Mit Stolz vorgestellte Eigenentwicklung, die ZXMoto 500 RR inkl. Einarmschwinge

In dem Zusammenhang zwei Sätze zu den Scootern, Mopeds, Mofas (bis zu 60 km/h und nur noch elektrisch), in den Ballungsräumen: Diese bevölkern zu hunderten und tausenden die Gehwege der Städte, permanent in Eile und hupend die lästigen Fußgänger verscheuchend. Das liegt daran, dass ihnen aufgrund von Stau und Lebensgefahr das Benutzen der mehrspurigen Straßen verboten ist, das Radwegenetz in den Städten eher angedeutet ist und durch die relativ hohe Arbeitslosigkeit der Lieferdienst mit dem elektrifizierten Zweirad die Haupteinnahmequelle vieler Chinesen in den Ballungsräumen darstellt – vom Entlüfternippel für die Bremse über das Essen bis zum kompletten vorbestellten Einkauf wird alles innerhalb einer Stunde gebracht, so garantiert es Aliexpress.

Große V2-Verbrenner sind echter Luxus
Große V2-Verbrenner sind echter Luxus

Dieses Transportwesen spielt, anders als in der Nachkriegsentwicklung der Motorradszene, hierzulande für den Motorradgebrauch keine Rolle. In China entwickelt sich eine Gruppe zumeist begüterter vom wirtschaftlichen Aufstieg profitierender Frauen und Männer, die Freizeit für sich entdecken und Biken als Lifestyle etablieren wollen. Insbesondere die jüngere Generation – auch in China wird diese mit Gen Z bezeichnet – weiß sehr wohl die Annehmlichkeiten des Lebens zu schätzen. Insofern gibt es mittlerweile in China ebenfalls eine Motorradfahrergemeinde, die Spaß an Kurven und den wunderschönen Landschaften hat, welche gerade außerhalb der Städte auch mit gutem Belag allerorten vorzufinden sind. 

Diese Entwicklung ist noch jung, vielleicht seit ca. 10–15 Jahren stetig wachsend. Ganz offensichtlich steht aber bei der Mehrzahl der Biker das „Posen“ im Vordergrund. Es gibt die „üblichen“ Strecken, wo sich in den Kurven oder auf Parkplätzen etliche semiprofessionelle Fotografen einfinden, die Posings und Kurvenlagen digital bannen und gegen einen Obolus direkt vor Ort an Dich versenden. Dieses Darstellungsphänomen in derartiger Fülle begegnet uns in China an allen Ecken auch unabhängig vom Biken. 

Insgesamt sind Motorräder im Ortsbild eher selten anzutreffen, der Biker bleibt ein Exot. Dazu sollte man sich jedoch die Relation zur Masse vergegenwärtigen, nur 1% der Chinesen als Biker wären immer noch 14 Mio.! In Deutschland beispielsweise sind derzeit ca. 5 Mio. Motorräder zugelassen, mithin für ca. 6 % der Bevölkerung. 

Wie uns die Händler mitteilen, ist die Szene generell örtlich untereinander vernetzt, wie alles in China ausschließlich digital, gern über „TikTok“ o.ä., was denn auch als Motorradclubs bezeichnet wird.

So bleibt zusammenfassend als Momentaufnahme festzustellen, dass mittelfristig allein aufgrund der Massen an Menschen ein heimischer Motorradmarkt in akzeptabler Größe entstehen kann. Dazu tragen insbesondere die neuen Möglichkeiten für die vermögenschaffenden Erwerbstätigen bei. Nicht nur beim Biken, sondern auch bei vielen anderen Freizeitbeschäftigungen orientiert man sich zunächst am Westen. Was den Sportsektor angeht, wird durch den Fleiß und die Disziplin der Chinesen der Erfolg nicht ausbleiben, erste Rennteams mit chinesischen Bikes existieren ja bereits. Und der Sport ist generell der Multiplikator für den wirtschaftlichen Erfolg auf breiter Ebene.

8-Zylinder Boxer, die Souo S 2000 CL von Great Wall Motor (GWM)
8-Zylinder Boxer, die Souo S 2000 CL von Great Wall Motor (GWM)