Auf ins Regenbogenland
aus Kradblatt 2/26 von Lutz Kramer
Nach meiner zweiten Auszeit, die erste wegen der lieben Kleinen und die zweite aus „Vernunft“-Gründen, ging es Anfang des Jahres einfach nicht anders: Angesichts der Preisentwicklung auf dem Gebrauchtmarkt war die Verlockung einfach zu groß und auch wenn sie nur rumsteht, „die frisst ja kein Brot“ …
Tut ein stehendes Motorrad auch wirklich nicht, aber gut ist das auch nicht – außer vielleicht für die Umwelt. Am besten geht man mit dem Moped auf Reisen, dann erlebt man was, hat viel Spaß und muss sich nicht die Feierabendrunde von der knappen Familienzeit abringen.

Die Reiseplanung war zu Anfang recht simpel gehalten: Auf nach Aberdeen, wie schon in den drei Jahren zuvor, meine Tochter besuchen, die dort studiert. Anfang des Jahres kam die Idee mit dem Motorradreisen und mein Bürokollege signalisierte Interesse mit seiner Triumph Sprint mitzukommen.

Die Fähre IJmuiden – Newcastle und ein Apartment in Aberdeen waren schon im Vorjahr für 10 Tage gebucht und als wir dann nach und nach eine Tour durch den Nordwesten Schottlands entwickelt haben, brauchte lediglich die Fähre auf zwei Motorräder umgebucht werden (problemlos), die Aufenthaltszeit in der Stadtwohnung verkürzt werden (problemlos) und drei Hotels entlang der geplanten Route Aberdeen – Inverness – Oban – Glasgow – Newcastle gefunden zu werden (überraschend schwierig: Je bekannter die Orte, desto noch teurer und belegter die Hotels). Aber ein Motorrad gibt Mobilität, das ist seine Existenzberechtigung und so konnten Übernachtungsmöglichkeiten in Dingwall bei Inverness, in Taynuilt bei Oban und in Moffat bei …, tja, irgendwo südlich und weit genug weg von Glasgow gefunden werden.
Die Reise beginnt zwar vorher, aber der Urlaub beginnt auf der Fähre! Warum? Weil man irgendwie dahin kommen muss und während man als Bremer theoretisch auf dem Weg dahin in Deutschland noch hätte ein paar Landstraßen durch Ostfriesland wählen können, die die Anreise interessant zu gestalten in der Lage wären, so scheitert der Versuch, der Strecke ab Leer selbst durch die Einbeziehung des Afsluitdijks Richtung Den Oever etwas Würze zu verleihen und nicht wie die Jahre zuvor den üblichen Weg über Amsterdam zu wählen, kläglich. Der landschaftliche Eindruck und die gerade Streckenführung werden unterstützt durch die strikten Geschwindigkeitsvorgaben, an die man sich auf 1 km/h genau halten sollte, wie die Erfahrung zeigt …
Aber hat man es auf die Fähre geschafft und das Motorrad gut verzurrt, beginnt die erholsame Phase, vorzugsweise mit Cider. Tipp: es gibt Spanngurte auf der Fähre, aber das sind die dünnen, billigen. Wir hatten uns eigene mit 40 mm Breite und Lenkerspanngurte mitgebracht, beides empfehle ich allen Fährbenutzern.
Das angebotene Bier ist so überzeugend wie die Landschaft aus dem es stammt und der Whisky aus dem Zollfreishop nichts für den nächsten Tag auf zwei Rädern, denn von Newcastle ging es direkt nach Aberdeen.

Hierfür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Alle relativ direkten Routen führen über Edinburgh und wir haben uns für die beliebte Küstenroute entschieden. Mit viel „Autobahn“ – ein irreführender Begriff, weil hier Trecker diese kreuzen, es Rechtsabbiegespuren und plötzlich auftretende Kreisverkehre gibt und öfter mal die Strecke einspurig ist – aber eine gute Methode, die 400 km mit Blick auf das Meer zu bewältigen. Wenn man etwas mehr Zeit hat, empfehle ich die A68 durch den Northumberland National Park über Jedburgh und Lauder, aber man muss bedenken, dass die Reise ab Newcastle nach Verlassen der Fähre und Erledigung aller Zollformalitäten frühestens 11 Uhr starten kann.

Gegen 16 Uhr waren wir dann jedenfalls in Aberdeen angekommen und die folgenden Tage galten der grauesten Stadt am Meer, grauer als Hamburg jemals sein könnte, in der man trotzdem eine gute Zeit haben kann. Es gibt hier Meer mit 8 km Strand, nette Menschen und Pubs und das sind schon mal gute Voraussetzungen. Und man kann schöne Tagestouren von hier aus starten, z.B. zu den besten Fish and Chips Schottlands (das ist natürlich relativ, aber „The Bay“ hat schon ansehnlich viele Awards erhalten!), der Burg Dunnotar und den Erfindern des „Deep Fried Mars Bars“ in Stonehaven. Nach Balmoral / Braemar z. B., dem königlichen Ferienhäuschen, das leider immer zur Urlaubszeit im September schließt, wenn die Familie anwesend ist. Und gerne auch nach Cullen, was als Küstenort von Nebel bis Urlaubswetter auch Linda als mögliche nächste Gewinnerin des „Chippy Awards“ zu bieten hat (siehe auch „Linda’s fish & chips Cullen“ auf Facebook). Und statt des „Deep Fried Mars Bars“ kann man hier „Deep Fried Black Pudding“ erhalten: auch lecker, bis der Vegetarier erfährt, was drin ist … Und wer sich an den Film „Local Hero“ mit Mark Knopflers musikalischer Untermalung erinnert, der muss unbedingt auch einen Abstecher nach Pennan einplanen, um zu erfahren, warum dieser Ort für diesen Film und diese Musik gewählt wurde! Absolut erlebenswert und leider dem Verfall (der Küste) preisgegeben – also beeilt euch!

Bei dieser Gelegenheit noch der Tipp, auch in der heutigen Zeit etwas an Bargeld mit sich zu führen: Man kann im UK jeden beliebigen Betrag per Kreditkarte bezahlen (was ich empfehle, denn mit der EC-Karte sind recht hohe Gebühren verbunden), aber es gibt auf jeder Reise immer einen Ort, wo es kein WiFi gibt und eine Kartenzahlung nicht möglich ist. Pennan gehört dazu, hier gibt es einen tollen Kaffee und super hausgemachten Kuchen und keine Bezahlmöglichkeit per Karte.
Und dann ging es leider auch schon wieder zurück, aber alles andere als direkt. Der erste Abschnitt führte durch den Cairngorms Nationalpark Richtung Inverness. Kleine Straßen und große Namen begegnen einem hier: Tomintoul, Knockando, Glenlivet, Tomatin – man fühlt sich wie zu Hause, vorausgesetzt die Flaschen dieser Destillerien spiegeln sich dort im Vitrinenglas.
Beim nächsten Abschnitt von Dingwall / Inverness nach Oban hatten wir die geniale Möglichkeit eingeplant, bei möglicherweise schlechtem Wetter die direkte und deutlich kürzere Route entlang der Great Glenns zu nehmen statt die deutlich längere und landschaftlich beeindruckendere Strecke über Achnasheen, Strathcarron und Auchtertyre nach Invergarry, um dann den letzten der Great Glenns, Loch Lochy, entlang in Richtung Oban zu fahren.
Und das Wetter wurde schlecht! Auch für schottische Verhältnisse, denn in der Vorhersage wurde vor heftigem Sturm und „heavy rainfalls“ in den Highlands gewarnt. Da macht sich die gute Planung bezahlt und so haben wir nach sorgfältiger Bewertung der Situation die Sicherheitsrisiken besonnen abgewogen, … darauf gepfiffen und sind trotzdem die schönere, lange Strecke Richtung Westküste gefahren. Durch die Highlands mit Blick auf Küste, mit Regenbögen (ja, Plural! Schottischer Regen gibt sogar zwei davon her) hinter jeder Kurve, die Unterhose nass und kalt und die Griffheizungen auf Anschlag. Trotz Verkleidung war es schisskalt, wie man bei den Schtis sagt. Die Geschwindigkeit wählten wir wegen unbekannter nasser Straßen irgendwo in dem Bereich 50–60 km/h und auf einer Bergkuppe mit Blick auf die Küste gab’s beinahe Kitesurfen mit Motorrad, so hebelte uns der plötzliche frontale Sturm gefühlt aus dem Sattel. Es war toll! Jederzeit wieder, gerne auch bei anderem Wetter …

Wer das mal erlebt hat, freut sich, wenn er in Fort William um 16 Uhr, offensichtlich exakt der Zeit zwischen Tea Time und Dinner, das einzige, noch geöffnete Kino-Café mit der Aussicht auf Scones und Clotted Cream gefunden hat. Und Kaffee. Viel Kaffee. Viel heißem Kaffee!
Die nächste Etappe von Taynuilt nach Moffar war deutlich trockener aber auch noch kälter! Hatte uns der Motorradfreak in zivil in Fort William schon gefragt, warum wir denn nicht eine Woche früher hier gewesen wären, da hätte es untypische 27°C mit Sonne gehabt, so hätten wir uns jetzt über die 11°C des Vortages gefreut. Mit 7°C schon norddeutsch winterlich, haben die Griffheizungen und die Strecke entlang des Meeres wieder ihr Bestes gegeben – bis wir in Glasgow ankamen.

„Möglichst schnell durch“ habe ich gesagt und bin vorgefahren. Dazu muss man sagen, dass mein Kollege deutlich moderner veranlagt ist und sich über Handy aufs Ohr leiten lässt, aber die Streckenführung nicht sieht, während ich mir eine Halterung für ein altes TomTom Autonavi gebaut habe (how cheap is your love …) und was sehe, aber natürlich nichts höre. Echte Teamarbeit also.
In Glasgow wurde dann das Wetter deutlich besser, die Sonne kam raus und ich habe nichts mehr gesehen und gehört sowieso nicht.
16 Uhr, Feierabendverkehr, falsche Abbiegung und der Versuch, durch den innerstädtischen Stau wieder auf die Autobahn zurückzukommen, das sagt alles. Wir wurden getrennt, haben zwei Stunden Zeit verloren, dafür einen unbedeutenden Teil Glasgows erkundet und uns erst in Moffat wiedergetroffen. Städte und Motorräder passen einfach nicht zusammen …
Und hier endet der Urlaub, der Rest ist Rückreise und kann wie zu Anfang der Geschichte beschrieben werden. Na gut, die Fährfahrt war wieder mal absolut entspannend und die Geschichte unserer Urlaubs – Spiegelbilder ist noch ganz lustig: Der Vater des schottischen Freundes meiner Tochter ist aus Aberdeen kommend mit derselben Fähre in IJmuiden angelandet, mit der wir nach Newcastle gefahren sind, um dann seinen jährlichen Europaurlaub ebenfalls mit seinen Kollegenkumpels auf dem Motorrad zu machen. Und ohne jegliche Absprache ist er auch wieder mit derselben Fähre in Newcastle, die wir dann am selben Tag nach IJmuiden genommen haben, angekommen. Und da wir uns bis dahin noch gar nicht persönlich kannten, haben wir uns in einem Café in Corbridge auf halber Strecke nach Newcastle verabredet und eine gute Zeit gehabt. Hier gab es übrigens auch kein WiFi und keine Kartenzahlung und so haben die drei Schotten unsere Rechnung mit übernommen. Allerdings müssen wir es in Bier wieder zurückzahlen, nächstes Jahr, wenn sie wieder ihre Europatour machen und Deutschland mit einschließen. Und sie werden es nicht vergessen, haben sie gesagt, denn sie seien ja Schotten!
Schottland ist ein tolles Reiseziel! Die Landschaft ist viel beeindruckender als auf den Fotos und die Menschen faszinierend entspannt. Es ist allerdings auch teuer, denn alleine die Fähre kostet für zwei Personen und zwei Motorräder soviel wie mein Gebrauchtschnäppchen …

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