Titelbild-Burg-Breuberg

Motorradreise durch den Odenwald

aus Kradblatt 9/19, von Frank Sachau

Motorradtouren in Deutschland

Tourplanung am Neckar

Jenseits aller Hektik auf zwei Rädern unterwegs in der wildromantischen Mittelgebirgsregion Odenwald. Eine abwechslungsreiche Motorradreise zu Rittern, Riesen und Römern.

Kaiserwetter im südlichsten Zipfel Hessens! Über den ausgedehnten Forsten des Odenwaldes wölbt sich ein strahlend blauer Himmel. Eine schmale Landstraße windet sich von Beerfelden aus, mit unzähligen Biegungen und Aussichten gespickt, über die Hirschhorner Höhe in Richtung Neckar. 

Auf der Feste Dilsberg Keine rote Ampel nervt, kein Berufsverkehr hält uns auf, selbst die weit entfernte Hauptstraße wird ohne Halt gequert. Auf dem Weg nach Brombach fordert uns ein Warnschild auf, Rücksicht auf Eidechsen zu nehmen, doch von den angekündigten Amphibien lässt sich keine blicken. Südländisches Flair kommt auf, als ein betagter Hinweisstein mit verwitterter Schrift vorüberfliegt und rauer Teer ohne Mittelstreifen bergan um einzelne Häuser winkelt, fast wie in den Alpen. 

Zweifel meldet sich mit Erreichen eines ausgedehnten Waldes, der uns und den Sonnenschein verschluckt und das Fahrlicht unserer Maschinen über pockennarbigen Belag zittern lässt – sind wir hier richtig? 

Erleichterung verschafft nach gefühlten hundert Kilometern ein Wegweiser nach Heddesbach. Anschließend scheuchen wir die Motorräder durch das menschenleere Tal des Ulfenbachs nach Hirschhorn, „der Perle des Neckartals“. 

Die einflussreichen Herren vom Hirschhorn, ein altes Rittergeschlecht, begannen um 1250 mit dem Bau einer bedeutenden Burganlage, die in den nachfolgenden Epochen zum Renaissanceschloss umgestaltet wurde. Der schönste Blick auf die hoch über dem Neckar thronende Anlage bietet sich uns vom gegenüberliegenden Ufer aus, bevor wir steil und windungsreich durch den dunklen Forst nach Moosbrunn aufsteigen. 

Die Höhenlagen des Kleinen Odenwaldes, wie die Region südlich des Neckarbogens genannt wird, schmeicheln sich mit einem tollen Panorama bei uns ein, bevor wir bei Haag den Weg zurück ins Neckartal einschlagen. Anfangs säumen Moose und Flechten die knifflige Waldpassage, bis wir wenig später auf den Flusslauf stoßen. 

Oberhalb der nächsten Neckarschleife ragt die Feste Dilsberg in den wolkenlosen Himmel, im 13. Jahrhundert von Graf Boppo V. von Lauffen gegründet. Oft heiß umkämpft, doch nie zerstört, ging es ihr vor rund 200 Jahren doch an den Kragen, weil sie als Steinbruch herhalten musste. Unser kleiner Maschinenpark parkt außerhalb der Festung, während wir durch die mittelalterlichen Gassen zu den Resten der Kernburg schlendern. Ganz oben, etwas außer Atem angekommen, genießen wir die wohl schönste Aussicht über das Neckartal. 

Die Hirschhorner Höhe bietet Fahrspaß satt Streitbare Riesen und mystische Helden: Auf unserer Fahrt von den Rittern zu den Riesen queren wir erneut den Strom und lassen die Kräder dann nordwärts fliegen: Am ehemaligen Zisterzienserkloster Schönau vorbei und auf allerkleinsten Straßen rund um den 526 Meter hohen Eichelberg, bis wir bei Fürth die Siegfriedstraße passieren. 

Die zwischen Worms und Würzburg verlaufende B 460 folgt Stationen im Leben des (fast) unbesiegbaren Drachentöters Siegfried aus der Nibelungensage. Den restlichen Akteuren der nordischen Mythologie ist die nahe Nibelungenstraße, die B 47 vom Rhein an den Main gewidmet. 

Der Marktplatz von Miltenberg Breite Straßen sind heute nicht unser Ding, deshalb nutzen wir hinter Lindenfels die verlockende Nebenstrecke hinauf zur Neunkircher Höhe (605 m), der höchsten Erhebung im Odenwald. 

Glaubt man einer weiteren Sage, so bewarfen sich einst ganz in der Nähe zwei streitende Riesen gegenseitig mit mächtigen Gesteinsbrocken. Der Hohensteiner Hüne schleuderte dem Felsberger Konkurrenten dermaßen viele Wurfgeschosse entgegen, dass dieser unter den mächtigen Blöcken bis heute begraben liegt. Die wissenschaftliche Erklärung weicht allerdings ein wenig von der volkstümlichen ab: Im Laufe der Erdgeschichte erkaltete die hiesige Granitschicht und erodierte durch Wind und Wetter, Hitze und Kälte, es entstand das Felsenmeer oberhalb von Lautertal-Reichenbach. Funde beweisen, dass lange vor den örtlichen Steinmetzen schon die Römer das riesige Rohstofflager für ihre Arbeiten nutzten. 

Die unweit in Nord-Süd-Richtung verlaufende B 3, die Bergstraße, wurde in ihrer Urform von den Sandalenträgern als Handels- und Heerstraße benutzt. Mit Ober-Ramstadt erreichen wir wenig später den nördlichen Wendepunkt unserer Fahrt. 

Die anschließende Etappe bis Fränkisch Crumbach ist zum Gähnen langweilig, was aber die beliebte, weil mit Kurven gespickte Bergstrecke über den Morsberg mehr als wett macht! Als reizvolle Verbindung zwischen Nibelungen- und Siegfriedstraße entpuppt sich die Reise durchs Mossautal: Hier hält der westliche Odenwald noch einen bunten Mix aus Fahrfreude und Landschaftskino bereit – die vor uns liegenden kleinen gelben Strecken der Generalkarte sind fast alle mit grünem Beistrich versehen. 

Ein letzter Blick: Bevor die Delinquenten am Beerfelder Galgen aufgeknüpft wurden, durften sie noch einmal das Odenwaldpanorama bewundern. Unschuldig am Galgen: Schrecklich! Als gesetzestreue Motorradfahrer, die weder etwas auf dem Kerbholz haben, noch ein prall gefülltes Punktekonto, landen wir nach einer ausgiebigen Kurvenhatz am Galgen! 

Selbst an diesem warmen Sommertag läuft es einem kalt den Rücken runter. Im Halbschatten von sieben Linden ragt der dreieckige Beerfelder Galgen fünf Meter in die Höhe. An ihm wurden noch bis vor zweihundert Jahren Mörder, Diebe und Ehebrecher aufgeknüpft. Besonders perfide: Vom Galgenberg aus sollten die Delinquenten noch einmal einen Blick auf die wunderschöne Welt werfen, die sie in wenigen Augenblicken unfreiwillig verlassen sollten. Etwas nachdenklich kehren wir dieser historischen Richtstätte die Rücklichter zu. 

In Beerfeldens Zentrum spüren wir die Quelle der Mümmling auf. Aus dem denkmalgeschützten Brunnen sucht sich das Wasser seinen Weg nordwärts und begleitet uns durch die bekanntesten Ortschaften des Odenwaldkreises. 

Himbächel Viadukt im Odenwald Wir passieren das imposante Himbächel-Viadukt, mit Fertigstellung im Jahre 1881 nicht nur ein technisches Meisterwerk, sondern auch Hessens wichtigste Eisenbahnbrücke. 

Ein paar Schaltvorgänge später rollen wir durch die ehemalige Residenzstadt Erbach und beschleunigen dann in Richtung Michelstadt. Ausgeprägter Kaffeedurst treibt uns in die malerische Altstadt, mittendrin das aus dem 15. Jahrhundert stammende, multifunktionale Fachwerkrathaus: In den Amtsstuben im ersten Stock wurde verwaltet, in der ebenerdigen Markthalle gefeilscht. 

Wir überlegen nicht lange und schlagen ein, als wir später eine echte Alternative zur stark frequentierten B 45 entdecken: Eine schön geschwungene Landstraße entführt uns über Weitengesäss und Zell nach Bad König. 

Und schon wieder erliegen wir den Verlockungen der Nebenstrecke, die sich diesmal auf der anderen Fahrbahnseite auftut. Von Niederkinzig schwingen wir hinauf nach Oberkinzig, wo wir auf einer Hochfläche erstmals auf die Hinterlassenschaften der Römer stoßen – die antiken Überreste des Landgutes Villa Haselburg. 

Viel besser erhalten präsentiert sich die Burg Breuberg, die wir am fernen Horizont erkennen können. Rissiger Teer, der das Alter der Festung zu haben scheint, geleitet uns aus dem Tal hinauf an die mächtigen Mauern, die seit 850 Jahren den Gipfel des Breubergs unangreifbar wirken lassen. Aus der Bastion ragt der klotzige Bergfried empor, dessen anstrengende Besteigung uns mit einem fürstlichen Ausblick belohnt: Während in der Ferne die Höhenzüge von Taunus und Spessart auszumachen sind, liegt uns der Odenwald buchstäblich zu Füßen. Die Mümmling, die uns seit Beerfelden begleitete, umrundet den Burgberg, verabschiedet sich und gluckert dem gar nicht weit entfernten Main entgegen. 

Rekonstruierter Limes-Wachturm im Odenwald Römische Hinterlassenschaften: Wieder auf der Bundesstraße angekommen, bietet sich schon die nächste Abzweigung an, den Odenwald tiefer zu ergründen. Herrlich gewundene Nebenstrecken schlängeln sich durch mystische Wälder, passieren verträumte Dörfer und überqueren wohlgeformte Kuppen. Fahrspaß pur, bis uns ein ungewöhnliches Bauwerk bei Vielbrunn in die Eisen steigen lässt: Am Straßenrand steht ein seltsam aussehender Wachturm! Ein Blick auf die angebrachten Schautafeln klärt uns auf, dass wir vor der erst kürzlich errichteten Kopie eines römischen Bauwerks parken. 

Roms Legionäre schoben Dienst am Odenwaldlimes, ein um 100 n. Chr. mit Palisaden und Wachtürmen gespickter Grenzwall zwischen Main und Neckar. Die Befestigungen und Flussläufe sollten die römisch besetzten Gebiete vor den Angriffen der „barbarischen“ Germanenstämme schützen. Hier wimmelt es nur so von den Hinterlassenschaften der Sandalenträger: Ausgegrabene Bäder, Villen und Kastelle zeugen noch heute von der reichen Kultur der einstigen Besatzer. 

Von Legionären, Landsknechten und anderen Ordnungshütern unbehelligt brummen wir Miltenberg entgegen, das in der äußersten Ecke des weiß-blauen Freistaates zu finden ist. 

Am hiesigen Mainufer parken wir unsere Maschinen auf dem kostenlosen Motorradparkplatz, deponieren unsere Helme in den Seitenkoffern, schlendern gesetzestreu bei Grün über die Ampel und stehen prompt in einer der schönsten Altstädte Deutschlands. Die vorteilhafte Lage am historischen Handelsweg Nürnberg  –  Frankfurt brachte viel Geld in die Stadtkasse, die imposanten Fachwerkhäuser um den Marktbrunnen zeugen noch heute von Macht und Reichtum. 

Statt dem Main weiter zu folgen, schlagen wir uns wenig später ins Hinterland, um auf einer attraktiven Nebenstrecke über Wenschdorf nach Amorbach zu pfeilen. Die im Dreiländereck liegende Barockstadt sieht sich selbst als „Schmuckkästchen“, was wir nach einem kurzen Halt im historischen Ortskern nur bestätigen können. Doch allzu schnell juckt es wieder in der Gashand und wir geben uns erneut dem Kurvenrausch hin. 

Auf der anspruchsvollen Etappe Kirchzell  –  Gaimühle durchstoßen wir wieder die in Nord-Süd-Richtung verlaufende römische Verteidigungslinie. Von übergroßen Warntafeln, dass es sich um eine gefährliche Motorradstrecke handeln soll, begleitet, zischen wir durch menschenleere und endlose Forste einem weiteren Highlight entgegen. 

Stadtansicht von Hirschhorn Tanz um den Vulkan: Auf einem 580 Meter hohen Bergrücken bei Reisenbach ragt ein schlanker Fernmeldeturm in den wolkenlosen Himmel. Ein toller Platz, einen Blick auf die Straßenkarte und die sanft geschwungenen Höhenzüge des südlichen Odenwalds zu werfen. Mit reichlich Schwung rollen wir anschließend hinunter nach Neckargerach und ziehen am mäandernden Neckar die Zündschlüssel, um die Seele baumeln zu lassen und den regen Schiffsverkehr zu beobachten. 

Doch weil Müßiggang nicht unser Ding ist, starten wir nach kurzer Zeit wieder die Motoren, wechseln aufs gegenüberliegende Ufer, wo sich die Ruine Minneburg aus dem finsteren Forst erhebt und treiben unsere Maschinen steil hinauf nach Schwanheim in den uns bekannten Kleinen Odenwald. Kaum haben wir die Scheitelhöhe erreicht, preschen wir über Kurven aller Güteklassen erneut ins Neckartal hinab, um östlich von Eberbach die Umrundung des Katzenbuckels zu vollenden. Dabei tanzen wir nicht auf dem Vulkan, sondern um ihn herum. Der längst erloschene Feuerspeier bildet mit 626 Metern die höchste Erhebung des Odenwaldes. 

Die Mittelgebirgsregion bietet eine solche Fülle an fahrerischen Leckerbissen, dass es schwer sein sollte, einen krönenden Abschluss zu finden. Doch wir haben noch ein Ass im Ärmel: Das bei Schräglagenakrobaten äußerst beliebte Sensbachtal. Weil wir clever geplant haben und in der Woche unterwegs sind, dürfen wir das mit einem Fahrverbot versehene Kurvenparadies legal passieren. Die innige Beziehung zwischen dem Teer und unseren Reifenflanken währt schon seit vielen Stunden, wird aber mit der Befahrung der Hirschhorner Höhe auf eine neue Probe gestellt und vom Material souverän gemeistert. Da ist es nur Recht, wenn die Piloten sich zum Ausklang des Fahrtages ebenfalls prüfen lassen – bei einer Weinprobe im lauschigen Gewölbekeller des Hirschwirts.

Reiseinfos:

Gasthof Hirsch

  • Hoteltipp, Landgut-Hotel Hirsch: Auf dem Kamm der Hirschhorner Höhe verläuft nicht nur eine fantastische Motorradstrecke, hier liegt auch das gastliche Haus von Angelika und Armin Beisel. Schöne Zimmer, prima Service, tolle Küche, gepflegter Weinkeller und ausgesuchte Tourentipps – was will man mehr? Doppelzimmer mit Frühstück ab 96 Euro. Besondere Pauschalen für Motorradfahrer. Hirschwirts Hotel & Restaurant, Schulstraße 3  –  7, 64760 Rothenberg. Telefon: 06275-91300, Website: www.hirschwirts.de
  • Allgemeines: Gleich drei Bundesländer teilen sich den zwischen Neckar und Main gelegenen Odenwald: Hessen, Baden-Württemberg und Bayern. Das dünn besiedelte, waldreiche Mittelgebirge kann zahlreiche Gipfel mit 500 Höhenmetern vorweisen, sowie ein dichtes Netz an kurvigen Nebenstraßen und zählt zu jenen Ecken Deutschlands, die von der Sonne verwöhnt werden. Motorradfahrer mit einem Faible für Sagen und Legenden nehmen auch noch die Nibelungen- und Siegfriedstraße unter die Räder. Für die gut 400 Kilometer lange Tour sollten drei Fahrtage eingeplant werden, um ausreichend Zeit für die zahlreichen Sehenswürdigkeiten zu haben. Die Ausschilderungen sind gut, die Belagqualitäten ebenfalls. Achtung: Das Sensbachtal ist an Wochenenden und Feiertagen für Motorräder gesperrt.
  • Informationen: Odenwald Tourismus GmbH, Marktplatz 1, 64720 Michelstadt, www.tourismus-odenwald.de
  • Museum: Motorradmuseum Michelstadt, Walther-Rathenau-Allee 17, 64720 Michelstadt
    Mai bis September täglich 10  –  18 Uhr geöffnet


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