Zweihebel Integralbremse Foto Roland Herbig

Motorradfahren mit Handicap

aus Kradblatt 3/15
Text: Markus Schenderlein (www.edenerdig.de)
Fotos: BRP, Harley-Davidson,
Roland Herbig, Marcus Lacroix

Motorradfahren mit Handicap
Wie man auch mit körperlichen Einschränkungen aufs Bike kommt


„Lass dir von niemand einreden, dass du was nicht kannst.”
(Will Smith in „Streben nach Glück”)

Motorradfahren kann mehr als ein Hobby sein. Ein Lebensgefühl, eine Lebensphilosophie oder sogar DER Lebensinhalt. Doch was ist, wenn der Körper nicht mitspielen will? Vielleicht von Anfang an, durch eine Erkrankung oder einen Unfall? Ist Motorradfahren dann unmöglich?

Diese Frage kann man nicht pauschal mit „Nein” beantworten, sondern es kommt auf folgende Faktoren an: Du musst dir selbst zutrauen, dich wieder oder überhaupt auf ein Bike zu setzten. Dies kann besonders nach einem Unfall oder einer schweren Erkrankung eine schwierige Entscheidung sein. Was kann dein Körper überhaupt noch? Welche Möglichkeiten gibt es?

Harley mit Stuetzradtechnik eingefahrenDer Führerschein
Grundsätzlich kann man sagen, dass jeder, der ein körperliches Handicap hat, selber ausprobieren sollte, ob es geht oder nicht. Technisch gibt es für fast alles eine Lösung.

Körperliche Grenzen und erste Lösungen
Wenn du den ersten Punkt mit „Ja” beantworten kannst, ist die Frage, was kann dein Körper noch und welche Möglichkeiten ergeben sich daraus?
Wenn du zum Beispiel noch laufen, aber die Bremse und/oder die Schaltung nicht mehr bedienen kannst, werden die Schaltung und das Bremspedal an den Lenker gelegt.
Bei der Bremse gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder eine Integralbremse, also Vorderrad und Hinterrad werden über einen Hebel bedient, oder zwei Bremshebel übereinander am Lenker. In der Praxis hat sich jedoch gezeigt, dass die Integralbremse nicht so effektiv ist wie die Lösung mit zwei Bremshebeln. Die Schaltung wird dabei ähnlich wie bei der Tiptronic mit Druckknöpfen an den Lenker gelegt – entweder pneumatisch oder elektrisch. Technisch wäre aber auch ein Automatikgetriebe möglich, was jedoch kostenaufwendiger und nicht bei jedem Bike einfach umzusetzen ist.
Ist vielleicht dein Knie steif, kann die Fußraste, vom Modell abhängig, vorverlegt werden. Hast du eine Beinprothese, muss eventuell eine angepasste Fußraste her. Kannst du mit der einen oder der anderen Hand nicht mehr bremsen bzw. kuppeln, ist auch dies lösbar, zum Beispiel mithilfe einer Integralbremse nur mit dem Fuß. Fehlt dir ein Arm, sind auch hier individuelle Lösungen möglich.

Harley mit Stuetzradtechnik ausgefahrenSolo-Motorradfahren für Rollstuhlfahrer
Kannst du nicht mehr laufen, vielleicht wegen einer Querschnittslähmung, bietet die Firma Költgen aus Krefeld einen speziellen Umbau an. Das Motorrad wird mit Stützrädern versehen, die automatisch wegklappen, sobald eine stabile Fahrgeschwindigkeit erreicht ist und wieder ausklappen, wenn das Bike langsamer wird. Wenn du in der Lage bist, aufs Bike überzusetzen, und du genug Kraft im Oberkörper hast, kannst du das Motorrad fahren.
Es können aber auch weitere Umbauten notwendig sein. Die Fußraste muss eventuell verlegt oder deine Füße müssen für die Fahrt fixiert werden. Vielleicht müssen auch Schalter verlegt werden, damit du sie bedienen kannst. Außerdem brauchst du eine Verstaumöglichkeit für deinen Rollstuhl. Hier ist die Lösung abhängig vom jeweiligen Rollimodell. Dies gilt auch für andere Gehhilfen wie einen Rollator oder einen Gehstock.
Außerdem brauchst du einen angepassten Sitz mit ausreichender Polsterung. Gerade bei Menschen mit einer Querschnittslähmung ist ein druckentlastender Sitz wichtig – entweder in Zusammenarbeit mit einem Polsterer oder durch die Sitzauflage von Roho (Airhawk, für Motorradsitze). Eine Rückenlehne und ein Beckengurt können ebenfalls nötig sein.

Tipptronic Foto Roland HerbigBikes für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen
Welche der bereits beschriebenen technischen Umbauten notwendig sind, ist individuell. Im Grunde gibt es aber drei Möglichkeiten bei der Auswahl des passenden Bikes:

  • Das normale Motorrad

Für alle, die noch etwas laufen können, ist das die erste Wahl. So gut wie jedes Motorrad lässt sich umbauen. Doch Dank der o. g. Firma Költgen können sogar Menschen ohne Beinfunktion ein normales Motorrad fahren. Welches Modell umgebaut werden
kann, ergibt das persönliche Gespräch. Erste Infos gibt es auf der Website.
Vorteil: Pures Motorradfahrgefühl.
Nachteil: Das Mitführen eines Rollstuhls oder einer Gehhilfe kann schwierig werden.

  • Das Gespann

Joytek Gespann umrüstbar auf Rolli-PlattformOb du noch laufen kannst oder nicht: Kommst du auf das Motorradgespann rauf, kannst du es fahren. Technische nötige Umbauten sind wie beim Solomotorrad möglich.
Vorteil: Jedes Gespann ist möglich. Das Mitführen eines Rollstuhl oder von Gehhilfen ist kein Problem. So bietet z. B. die Firma Joy-Tek aus Edewecht einen Lastenbeiwagen-Umbau an, in den ein Rollstuhlfahrer mit seinem Rollstuhl über Auffahrrampen in den Seitenwagen hineinfahren kann (www.joy-tek.de).
Nachtteil: Das Fahrgefühl ist ein ganz anderes als auf einem Solomotorrad.
Umbaubesonderheit: Ein Rückwärtsgang ist sinnvoll.

  • Das Mototrike

Hier gibt es zwei Varianten: Entweder mit zwei Rädern an der Hinterachse oder und mit zwei Rädern an der Vorderachse.
Das Servicar: Von 1932 bis 1973 baute Harley-Davidson das Servicar. Eingesetzt wurde es bei der Polizei, bei Eisverkäufern oder Lieferanten. Das Servicar ist ein normales Motorrad plus einer Hinterachse mit zwei Rädern. In den USA und auch in Skandinavien hat sich daraus eine große Mototrike­Szene entwickelt. Custom­moto­trikes finden man genauso wie individuelle Umbauten. Seit 2012 bietet auch Harley wieder ein modernes Servicar ab Werk an. Zum Mototrike kann fast jedes Motorrad umgebaut werden, zum Beispiel bei der Firma Conversion Bike (www.conversion-bike.de). Beliebt sind hier die sogenannten Chopper. Das muss nicht unbedingt eine Harley sein, es gibt auch Custombikeschmieden, die Mototrikes nach Kundengeschmack herstellen. Die haben auch Erfahrung mit der TÜV-Abnahme. Die Trike-Firma BOOM hat Moto­trikes nicht mehr im offiziellen Programm, doch man findet sie noch bei manchen Händlern und auf dem Gebrauchtmarkt.
Vorteil: Eine individuelle Vielfalt. Das Mitführen eines Rollstuhls oder von Gehilfen ist technisch einfach zu realisieren.
Nachteil: Das Fahrgefühl ist ein vollkommen eigenständiges.
Umbaubesonderheit: Ein Rückwärtsgang ist sinnvoll.
Eine eigenständige Variante der Mototrikes sind die Can-Am Spyder der Fa. BRP.
Einfach ausgedrückt hat man an einen Motorschlitten drei Räder dran geschraubt, vorne zwei, hinten ein Rad. Ab Werk ist auch ein Halbautomatikgetriebe (Tastensteuerung am Lenker) erhältlich und ein Rückwärtsgang ist schon dabei. Mehr Infos unter www.brp.com. Es gibt aber auch Custombike­schmieden, die Motorräder mit zwei Vorderrädern nach Kundenwunsch aufbauen.
Vorteil: Endgeschwindkeiten sind mit dem Motorrad vergleichbar. Rückwärtsgang ab Werk. Führerscheinregelung wie beim Trike.
Nachteil: Das Fahrgefühl ist ein eigenständiges und nicht mit dem Motorradfahrgefühl zu vergleichen. Das Mitführen eines Rollstuhls oder einer Gehhilfe kann technisch schwierig werden, spezielle Halterungen sind nötig.
Umbaubesonderheiten: Bei Can-Am ist ein Automatikgetriebe ab Werk möglich.

Harley Davidson Tri Glide UltraAlternativen zum Motorrad
Zwei Alternativen eignen sich ebenfalls gut für Menschen mit Handicap:

  • Das Trike

Anfangs wurde, einfach ausgedrückt, das Hinterteil eines Käfers abgesägt und eine Motorradgabel drangeschraubt. Inzwischen gibt es eine vielfältige Trike­Szene und viele Trike-Hersteller mit eigens entwickelten Trike-Rahmen. Die Ausstattung lässt fast keine Wünsche offen. Es gibt immer noch den Käfermotor aber auch den V8 und alles dazwischen – das Ganze sehr funktional und zuverlässig.
Vorteil: Ein Automatikgetriebe ist leicht zu realisieren und das Mitnehmen eines Rollstuhls oder einer Gehhilfe ist auch leicht umzusetzen. Es gibt eine große Trike-Szene.
Nachtteil: Es ist ein vollkommen eigenständiges Fahrgefühl.
Umbaubesonderheit: Automatikgetriebe und Rückwärtsgang sind oft schon vorhanden.

  • Das Quad

Mit dem Motorrad hat das zwar nicht mehr viel zu tun, aber technisch ist auch hier vieles möglich. Das Fahrgefühl liegt zwischen Auto und Gokart. Es gibt Mofa-Quads, aber auch welche mit deutlich mehr Dampf.
Vorteil: günstige Anschaffung, hoher Spaßfaktor.
Nachtteil: Kein Motorradfahrgefühl. Das Mitführen eines Rollstuhls oder von Gehhilfen kann je nach Modell technisch schwierig sein. Eingeschränkte Reisetauglichkeit bei kleineren Quads.

Rollihalter an Mototrike Foto Roland HerbigBesonderheiten beim Führerschein
Alle vorgestellten Möglichkeiten setzen einen Führerschein voraus. Wenn du einen besitzt und durch einen Unfall oder eine Erkrankung plötzlich ein dauerhaftes Handicap davonträgst, musst du durch eine praktische Fahrprüfung beweisen, dass du auch ein umgebautes Fahrzeug fahren kannst. Die nötigen Fahrhilfen werden dann in den Führerschein eingetragen.
Nach dem Eintreten deines Handicaps hast du allerdings nur eine gewisse Frist zur Verfügung. Sonst musst du den Führerschein später ganz neu machen. Setze dich deshalb unbedingt mit der Führerscheinstelle in Verbindung. Nur diese kann dir verbindliche Zusagen machen. Wenn du vor dem 19. Januar 2013 den PKW-Führerschein gemacht hast, darfst du ein Trike damit fahren. Ansonsten musst du den Trike-Führerschein erwerben.
Hast du keinen Führerschein, gibt es Fahrschulen die sich darauf spezialisiert haben. Die Führerscheinstelle kann dir bei der Suche nach einer Fahrschule helfen und ist für verbindliche Zusagen zuständig.

Letzte Entscheidungshilfen
Zweihebel Integralbremse Foto Roland HerbigWelche Möglichkeit für dich die beste ist, kannst nur du entscheiden. Auf jeden Fall solltest du eine Probefahrt machen, bevor du dich entscheidest.
Eine wichtige Überlegung sind auch die Kosten, die hier nur im groben Rahmen genannt werden können: Abhängig von den Fahrhilfen, die du brauchst, kannst du mit etwa 2.500 Euro Umbaukosten, plus TÜV rechnen. Die Anschaffung kann bei einem (gebrauchten) Mototrike schon locker bei 15.000 Euro liegen. Neu können Mototrikes bei rund 30.000 Euro liegen. Wenn es kein Uralgespann sein soll, können gebrauchte Gespanne schnell 10.000 Euro überschreiten. Dazu kommt die Schutzkleidung und eventuell noch der Führerschein. Diese Zahlen sind natürlich nicht verbindlich und sollen nur als einen grobe Orientierung helfen. Was eine Umrüstung kostet, kann nur der jeweilige Anbieter sagen. Auch sind die beschriebene Umbaumöglichkeiten nur ein Beispiel. Es gibt immer individuelle Lösungen. Sprecht zuerst ruhig mit eurem Motorradhändler vor Ort. Die sind oft gut vernetzt und können ebenfalls helfen.

Weitere Infos:
Gepaecktraeger für Rollstuhl Foto Roland HerbigWilli Költgen betreut das Referat „Behindertenhilfe” im Bundesverband der Motorradfahrer (BVDM): Willi Költgen, Oberbenrader Straße 407, 47804 Krefeld, Telefon: 02151/701236, www.bvdm.de oder www.koeltgen.de

Roland Herbig aus den Niederlanden ist seit Jahren spezialisiert: Grensstraat 25, 6464 EM Kerkrade/NL, Telefon: 0031 455462099, www.m-design-herbig.de.

Stefan Engelbrecht zeigt Umbauten nach Beinamputation rechts bzw. links: www.stefan-engelbrecht.de.tl/

Robert Kostner aus 92507 Nabburg bietet verschiedene No Handicap Lösungen. Telefon: 09433-201150, www.yamaha-kostner.de

Fahrzeuge:
www.motortrike.com (Firma in den USA),
www.boom-trikes.com.

Habt ihr selbst ein Handicap?
Kommentiert den Artikel doch bitte mit euren Erfahrungen – evtl. hilft es ja anderen Motorradfahrern weiter…

 

 

 

 

 

 

 


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