MotoGuzzi 850 T

Moto Guzzi 850 T Umbau Bj. 1974

aus bma 12/09

von Dörte Kiefel

MotoGuzzi 850 T

Die Geschichte ist so schön, dass ich Sie hoffentlich irgendwann einmal meinen Enkelkindern erzählen werde.

Kennen Sie die Momente, in denen man einfach „ja” sagt, nur um Ruhe zu haben? Diesen Moment haben meine drei Männer genutzt. Sie haben mit unglaublichem Aufwand ein wunderschönes, aufgepustetes Bike mit mundgelutschten Schrauben und in Champagner gehärteten Zahnrädern aufgebaut. Kein Mopped für Turnbeutelvergesser.

Es war einmal eine alte, abgeklapperte Moto Guzzi 850 T von 1974. Sie wurde bei uns mit viel Liebe, poliertem Alu und Edelstahl veredelt. Und erst der Lack: Electric-Orange. Der Farbton bringt jeden Blindenhund zum Knurren. Trotzdem verheißt das Aussehen fahrerischen Genuss. Ein Motorrad für einige Stunden Genuss in der Einsamkeit eines Jagdfliegers.

Der 950er Motor, der um die Gunst des Fahrers buhlt, ist kein Explosionstriebwerk, bei dem sind nicht nur einfach Löcher in den Alu-Block gesprengt und Kolben hinein gestopft worden, nein eben eine richtige Verbrennungsmaschine mit riesigem Spaßfaktor um der japanischen Meute das hohe Lied der Fahrbarkeit zu singen.

„Möönsch, die Guzzi Fahrwerke biegen sich wie Haribo-Lakritzstangen”, sagte mal ein alter Freund. Keine Vorschläge für Richtungsänderungen, sondern präzise Lenkimpulse reichen jetzt allemal aus. Sie fährt sich drahtig, feinnervig, verlässlich. Die Rasenmäher-üblichen Federwege schlagen die Tinte im Kugelschreiber flockig. Will man da noch Federung oder Fahrleistung testen, kein leichtes Unterfangen. Unsere vierrädrigen Ringe, Sterne oder Nieren werden zu potentiellen Beutetieren degradiert, werden einfach in den Parkmodus gestellt.

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MotoGuzzi 850 TNachbars Kinder schnippen gerne kleine Kiesel in die offenen Vergaserschlunde. Seitdem heißt es immer öfter „Pfinger wech”. Jeder Atemzug der Vergaser soll rein bleiben. Wenn sich der abgrundtiefe Schlund plötzlich auftut und die steife Brise der einströmenden Luft mit einer satten Woge niederoktanigen Sprits zu einer explosiven Sturmflut vermählt – das, liebe Freunde des unendlichen Hubraums (der Spruch ist so alt, aber passt immer noch, Hubraum ist durch nichts zu ersetzen), können nur Mikuni-Vergaser leisten. Ihr artgerechtes Biotop finden die Vergaser mit Vorliebe am Ende der ausladenden Zylinder des italienischen V2 (Die versuchsmäßige Nachprüfung mit Hilfe des Lichtpinselverfahrens ergab bei Luftgeschwindigkeiten zwischen 40-60 km/h eine Hubschwingenzahl von 3,2 – 3,3 Schwingungen je Sekunde; doch das ist eine andere Geschichte.)

Hier geht es um die ultimative Steigerung, die in dem Moment beginnt, als sich das Tor der schlichten Garage öffnet und das Streckengerät zum Vorschein kommt. 125er-fahrende Athleten können jetzt das Klassenzimmer verlassen.

Felix und sein verrückter Bruder Alexander fingern an der „74er” herum, die wollen den Apparat tatsächlich anwerfen. Ich selbst durfte den mit Worten nicht zu beschreibenden Weltuntergangssound der Guzzi schon mehrfach live erleben, dennoch wird meine Zunge bereits wieder staubtrocken, mein Bewusstsein vernebelt.

MotoGuzzi 850 TDen Zündschlüssel, der auf die zittrige Hand zum Start wartet, hervorgeholt. Kurz jammert der Anlasser, dann prustet der Motor los. So wie Ragazzi bei einem Pfiff auf Kommando den Kopf drehen, so poltern zwei Kolben los. Sie rumpeln ein Lied von ungezähmter Lebensfreude – nicht gleichförmig wie ein Duett, eher wie ein Kanon, dessen stetiger Refrain betörend wirkt. Andere behaupteten schon mal, dass die Betonsteine irgendwann mal zerbröseln. Das Vorspiel im Standgasbereich ist ein gegenseitiges Abtasten und aufeinander Einstimmen. Das Hössenweg-Motodrom bebt!

Der Rasenmäher-GP der Nachbarn wird in dem Moment ganz einfach unterbrochen. Es kommt Nervosität ins Gedrängel, dutzende von Nachbarn eilen herbei, als das Tier zum ersten Mal zündet. Eine akustische Druckwelle presst sich durch alle Vorgärten, die Guzzi lebt. Kinder Kinder, der Sound,… der Sound! Ich mache mich fast nass, als Felix den V2 mit kontrollierten Gasstößen aufwärmt. Obwohl ich mindestens fünf Meter vom Motorrad entfernt stehe, fühlt es sich an, als würde ich mitten im Brennraum des Monsters hocken. Selbst im Leerlauf produziert der Brenner, wenn die Auspuffanlage ausatmet, eine solch massive Wand aus Druckwellen und dreckigem Getöse, dass sich der 1000er Gixxer, der mit Vollgas die „Hössenweg Start-/Zielgerade” unserer Ortschaft herausstürmt, nur wie ein süßes Bienchen anhört. Unglaublich diese Art, Superbenzin in Lärm zu verwandeln.

Der Rest ist vorprogrammiert. Der Eigner des Rennerle schlüpft ins Leder und rollt tatsächlich auf die öffentliche Piste hinaus.

MotoGuzzi 850 TMit dem Zug an der trockenen Kupplung erlöschen die letzten Bedenken. Ein kurzer gezielter Fußstepp auf den Schalthebel, ein metallisches Klacken, und der Gang rastet ein. Die Zylinder durchladen und ab geht’s. Bbbrrrooooaaahhh, mit unbeschreiblicher Gewalt bellt der Motor selbst bei gemäßigter Drehzahl – ich bin mir sicher, mein Gerd streichelt das Triebwerk mit milder Hand. Es scheint, als wenn er von einem starken Gummiband nach vorn gerissen wird. Man möchte ständig zweiter Fahrer sein, dann könnte man immer den Sound der komprimierten Beschleunigungsfrequenzen hören. Doch die Maschine wird kaum Spielkameraden finden.

Die Guzzi brettert bombenstabil durch die „Hössenweg”-Parabolika, schafft leider keine fünf Runden um den „Pudding”. Jetzt bitte festhalten, denn nun folgt der akustische Höhepunkt der unterbrochenen Ausfahrt: Bellende Zwischengasstöße der nach unten durchgereichten Gangstufen. Vier, drei, zwei, eins – Schade, schon Schluss.

Der aufgebrachte fuchtelnde „Rasenmähermann” stoppt den zweirädrigen Störenfried und das Soundfeuerwerk mit klaren Worten. Vermutlich stürmt in wenigen Augenblicken das THW, die Polizei und die Feuerwehr herbei, um die Ursache des nahenden Weltuntergangs zu eliminieren und alle Anwesenden zu evakuieren. Mich brauchen sie nicht zu retten. Für mich ist Weihnachten im Sommer. Und ich gebe offen zu, dass ich davon träume einmal ein ganz normales Fahrtraining zu besuchen, meine Guzzi auszuladen, die Reifen anzuwärmen und dann ganz normal alles niederzubrennen – mit leicht tänzelndem Heck in die Kurve zu schlittern, beim Herausfeuern tiefschwarze Furchen in den Asphalt zu dreschen und mit brüllendem Gedonner davon zu zippen. Denn richtig Gas machen kann man erst, wenn man die Kuschelrock-Moppeds hinter sich gelassen hat.

„Dörte…, Dörtee…, Dööhhrrtee werd wachach! Mama ist Dir nicht gut?” Vier ölverschmierte Mechanikerhände schütteln an mir herum. Wie kann man mich gerade jetzt wecken.

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