Mit der Enfield in Indien

Mit der Enfield durch Indien (Teil 2)

aus bma 06/03
Teil 1 der Indien-Reise erschien im bma 05/03

von Günter Schiele

Mit der Enfield in Indien Um 6 Uhr piept der Wecker. Schnell ist alles gepackt. Auch wenn die versprochenen Papiere immer noch nicht da sind und will ich endlich „on the road again”.
Doch ich mache plötzlich ich eine ganz neue Indienerfahrung. Ich bin bei herrlichem Sonnenschein losgefahren. Langsam bildet sich ein zunächst ganz dünner und dann immer dichter werdender Nebel. Eine unheimliche Stimmung breitet sich aus. So habe ich diese Gegend noch nicht erlebt. Man kann keine 50 Meter weit sehen, die Stämme der Palmen sind ganz eingehüllt in den grauen Schleier, nur die Palmblätter ragen oben heraus. Ich schalte vorsichtshalber das Licht ein. Kalt wird es und feucht. Mein Visier beschlägt. So geht es bis etwa zehn Kilometer südlich von Panjim. Dann reißt der Nebel ganz plötzlich auf und der übliche, strahlende Sonnenschein beherrscht wieder die Szenerie.
Ich bleibe auf dem NH17. Der Highway ist hier erstaunlich gut ausgebaut, und auch die Verkehrslage ist erfreulich ruhig. Ich drehe die Maschine mal richtig auf und komme immerhin auf stolze 80 km/h. Dann gehe ich wieder auf 60 km/h runter, schließlich befinde ich mich ja noch immer in der Einfahr-Phase.
Es geht durch ziemlich bergiges und kurvenreiches Gelände, so recht nach dem Geschmack eines Motorradfahrers. In einem Dorf finde ich ein öffentliches Faxgerät und erreiche Herrn Rahim. Der gibt unverhohlen zu, dass er das Fax mit meinen Fahrzeugpapieren gestern nicht geschickt hat. Ich verzichte darauf, ihn nach einem Grund zu fragen. Hauptsache, er schickt es jetzt ab. Einen Mangosaft später halte ich tatsächlich meine Registrierungsunterlagen in Händen. Erleichtert setze ich meine Fahrt nach Gokarn fort. Am Ortseingang werde ich angehalten, und man verlangt eine Art Eintrittsgeld. Es finde ein Festival zu Ehren Krish-nas statt, und jeder müsse diese Gebühr zahlen, drei Rupies für mich, fünf für das Motorrad.

 

Was dann kommt, kann man kaum beschreiben. Die schmale Dorfstraße wird zu beiden Seiten gesäumt von Verkaufsbuden, in denen neben den üblichen Souvenirs alle möglichen religiösen Utensilien feilgeboten werden. Davor lagern in unüberschaubarer Zahl Pilger und strecken ihr Hände nach milden Gaben aus. Massen von Pilgern und Rucksacktouristen quetschen sich durch eine schmale Rinne in der Mitte. Nur im Schritttempo komme ich auf meiner Enfield voran. Gelegentlich rasen mir mit einigem Zunder andere Mopeds entgegen.
Die Straße mündet direkt auf den Strand. Als ich mich umsehe, entdecke ich, dass ich genau vor einem sehr einfachen Hotel stehe. Warum nicht einmal ganz bescheiden übernachten? Es ist ein Zimmer frei für 200 Rs. pro Nacht, und es ist nicht einmal so schmutzig wie ich befürchtet hatte. Erinnerungen an meine erste Indienreise im Jahre 1971 werden wach.
Die Nachteile einer solchen billigen Unterkunft stelle ich rasch fest: Keine Seife, kein Handtuch, keine Bettwäsche. Klar, diese Dinge hat der richtige Rucksackreisende natürlich dabei, darauf bin ich aber nicht eingestellt. Ich beschließe, mir die fehlenden Utensilien zu kaufen.
Abends esse ich „Kingfish-Massala” mit „Knoblauch Nan”. Dazu gibt es zwei eiskalte Flaschen Kingfisher, ein ausgezeichnetes indisches Bier.
Nach dem Essen gehe ich durch das Dorf. Es ist leerer geworden. Dumpfe Gesänge tönen aus den zahlreichen Tempeln. Glockengeläut und Trommelschlagen erklingen. Pilger in ihren orangen Wickelröcken und Hemden huschen durch die Gassen. Ein Umzug mit grell lauter Musik zerreißt die mystische Stille. Gläubige werfen sich einem Erleuchteten zu Füßen, falten ehrfürchtig vor ihm die Hände und erhalten ein paar gelbe Blüten aufs Haupt gestreut.
Der nächste Morgen: Ich habe furchtbar schlecht geschlafen, das Bett war zu hart. Ich packe und gehe zum Frühstück. „Toast with butter and jam”, ein Glas Mangosaft und schwarzer Kaffee. Am Nachbartisch sitzt ein Kleinkind ohne Windeln und hat offensichtlich ein Problem, seine Schließmuskeln zu kontrollieren. Das Kind wird weggeschafft, der Haufen bleibt liegen. Angesicht des allgemeinen Sauberkeitszustands dieses Restaurants fällt es mir ohnehin schwer, einen Bissen runterzukriegen, und dann das noch! Nach einer Weile kommen die Eltern zurück, besorgen sich ein paar Blatt Zeitungspapier und wischen damit das Gröbste weg.


Markt-Stand

In der Tempelanlage von Belur

 Bald bin ich wieder auf dem NH17 nach Süden. Ich will nicht darüber nachdenken, wo ich heute hinfahre, und gebe einfach Gas. Die Straße ist ausgezeichnet. Soll ich’s wagen? Jawohl, ich tue es. Mit sage und schreibe 80 Sachen „rase” ich an Indiens Westküste mit Fernziel Mangalore entlang.
Die Strecke gestaltet sich ähnlich wie gestern: Berge, Kurven, Ebenen, schnurgerade Asphaltpiste. Ich bin im Geschwindigkeitsrausch. Nur einige mir plötzlich entgegenkommende Busse und Lastwagen reißen mich brutal aus meinen Träumen. Überholen ist Volkssport, je waghalsiger, desto besser. Puh, das wäre beinahe schief gegangen. Ich kann die Maschine gerade noch auf dem sandigen Seitenstreifen zum Stehen bringen.
Eine Stadt nach der anderen lasse ich hinter mir. Ich halte in Fort Bekal. Insgesamt habe ich heute über 300 Kilometer zurückgelegt, meine bisherige Bestleistung. Ein netter Herr im Tourist-Info empfiehlt mir das „Fortland Tourist Home” in Udma, fünf Kilometer vor Bekal. Das Hotel ist bescheiden, aber sauber und billig. Beim Abendessen treffe ich auch den netten Herrn von der Tourist-Info wieder. Er ist Mitinhaber des Hotels.
Das Fort ist beeindruckend. In die Mauern sind zahllose Schießscharten eingelassen, die jeweils den Blick auf einen kleinen Ausschnitt der Küste geben. Man kann sich gut vorstellen, dass Angreifer keine Chance hatten, die Festung einzunehmen.
Der nächste Tag ist ein Sonntag. Zur Frühstückszeit hat das Restaurant noch geschlossen. Ich warte nicht lange und brause los. Den Highway habe ich bald wieder gefunden. Nach zwei Stunden sehe ich ein Schild, das meinen Appetit weckt: „AHS Hotel und Tourist Home”. Ich kehre ein und genieße „Massala Omelette” mit Chapati und Kaffee. Prima, lecker, indisch und billig. Nun geht es mir besser.
Der Rest der Strecke ist wegen der unzähligen Busse und ihrer abenteuerlichen Fahrweise anstrengend. Irgendwie schaffe ich es, unbeschadet in Calicut anzukommen. Nach wenigen 100 Metern sehe ich ein einladendes Gebäude, dass sich als Hotel herausstellt. Ich stoppe, kehre um und sehe, dass es sich um ein „Wellcome Group”-Hotel handelt, eine Hotelkette, die in ganz Indien Upper Class Business-Hotels betreibt. Nach zwei Nächten in sehr einfachen Hotels erlaube ich mir jetzt wieder etwas Luxus für knappe 2.500 Rs.
Am Montag geht es wieder zurück in Richtung Bombay. Ich verfahre mich völlig und brauche fast zwei Stunden, um Calicut endlich zu verlassen. Der Weg führt mich auf die Höhen der Western Ghatts. Die Straße steigt manchmal so steil, dass meine Kleine sie kaum im ersten Gang bewältigt. Leider ist es ziemlich neblig, und plötzlich befinde ich mich sogar oberhalb einer Wolkenschicht. Entgegen meiner Erwartung geht es auf der anderen Seite nicht genauso steil wieder herunter, sondern wir scheinen uns nun auf der Indischen Hochebene zu befinden.
Es geht durch eine wunderschöne Landschaft. Ich befinde mich unerwartet in einem Naturschutzgebiet. Die Straße wird immer schmaler und auch schlechter. Dafür lässt der Verkehr erfreulich nach, bis nur noch gelegentlich ein Fahrzeug vorbeikommt. Ich genieße den Wald.
Heilige Männer Am Straßenrand sitzen alle paar Kilometer indische Bauern vor Bergen noch grüner Kokosnüsse und bieten deren Saft an. Ich will probieren und halte beim nächsten. Mit ein paar geschickten Schlägen mit einer Art Machete köpft er die Kokosnuss, steckt einen Strohhalm durch die Öffnung und reicht sie mir herüber. Es schmeckt gar nicht schlecht.
In Mysore frage ich den ersten Autorikscha-Fahrer nach dem „Green Hotel”. Ich werde hin und her geschickt, kreise aber trotzdem das Ziel langsam ein und befinde mich plötzlich auf dem Hof des Hotels. Es besteht aus zwei Teilen, dem Palast, in dem dereinst eine junge Prinzessin lebte, und einem Anbau. Die Zimmer im Palast sind sehr schön, stilvoll und teuer, die im Anbau einfach, sauber und billig. Ich entscheide mich für die ökonomische Variante.
Die Geschäftsidee des Hotels ist bemerkenswert: Der Gewinn geht an karitative Einrichtungen. Ökologische Gesichtspunkte spielen eine große Rolle; warmes Wasser wird zum Beispiel durch eine Solaranlage bereitet. Die Weiterentwicklung der Mitarbeiter gehört zu einem erklärten Ziel der Unternehmensphilosophie.
Vor meiner Abreise lädt der Manager am nächsten Tag mich und zwei Dänen, die sich auch auf den Weg machen, noch zu einer kleinen Freundschaftsgeste ein. Eine ältere Inderin kommt mit einen Tablett, auf dem sich drei Bananen, drei Kokosnüsse, drei Blätter und drei Tütchen befinden. Dazu noch ein kleines Gefäß mit einem intensiv roten Pulver. Der Hausherr nimmt den Puder und malt jedem von uns einen kräftigen roten Punkt auf die Stirn. Dies symbolisiere Freundschaft und bringe Glück.
Nachmittags erreiche ich die Tempelanlage von Belur. Sie ist überwältigend. Kunstvolle Steinmetzarbeiten zieren Säulen und die zahlreichen Tempelgebäude. Ich mache ein paar Aufnahmen. In einem Tempel spricht mich der diensthabende Priester an und zeigt mir mit Hilfe seiner Taschenlampe alle möglichen Statuen, die man ohne diese zusätzliche Lichtquelle gar nicht entdeckt hätte. Am Schluss, ich habe mich gerade überschwänglich bei ihm bedankt, fragt er direkt „You give me money?” Ich rücke 30 Rs. heraus, und er ist zufrieden.
Die Straße am darauf folgenden Tag ist großartig, glatter Asphalt, ohne Rillen, ohne Löcher und mit relativ wenig Verkehr. Ich drehe richtig auf: 70, 80, 90 km/h – unglaublich und mit welcher Leichtigkeit. Mein Entschluss steht fest, ich werde gleich durch bis Panjim fahren, galoppierende Pferde soll man nicht stoppen. Gegen 1 Uhr bin ich nur noch 80 km von Panjim entfernt. Ich will das Bike noch heute zur Inspektion bringen und morgen einen Tag in Baga verbringen.
Doch da ertönt plötzlich ein lautes, metallisches Kreischen, die Maschine ruckt, nimmt kein Gas mehr an, der Motor blockiert, schlagartig komme ich zum Stehen. Hupps, was war das? Kolbenfresser, Ventil abgerissen, Pleuellager verreckt? Erst einmal das Motorrad abstellen und ruhig durchatmen.
Ich versuche die Maschine anzutreten. Sie gibt keinen Mucks, aber lässt sich drehen, also doch kein Kolbenfresser, jedenfalls kein totaler. Alle Versuche, sie wieder ans Laufen zu bekommen, sind jedoch umsonst. Keine einzige Zündung erfolgt.
Vielleicht sind die Zündkontakte verbacken. Also Verteilerdeckel runter und nachschauen. Nein, das ist es nicht, der Abstand stimmt genau. Ich schraube die Zündkerze heraus, vielleicht kann man dort etwas erkennen. Nichts, zu meiner Freude stimmt die Verbrennungsfarbe jetzt auch einigermaßen, schön grau. Öl ist auch okay. Was ist nur los? Ich befinde mich im Niemandsland 20 Kilometer hinter Karwar. Ich stelle mir vor, die Nacht hier verbringen oder die Mühle 20 Kilometer zurückschieben zu müssen, beides nicht akzeptabel.
Ein erneuter Versuch, kein Gas geben, nur feste treten. Ha, was war das? Da war eine Zündung! Ein Funken Hoffnung. Mit frischen Kräften wuchte ich den Kickstarter herunter. Noch mal, noch mal, noch mal. Der Schweiß rinnt mir von der Stirn, verkrustet mit dem Straßenstaub. Mein Hemd trieft. Da, wieder eine Zündung, zwei, drei. Ein wenig Gas. Blubb – und weg ist sie. Macht nichts! Weiter treten, mit Gefühl den Gasgriff bedienen, sanft, zart drehen. Tock, tock, tock – sie läuft! Aufsitzen und los. Doch in das gewohnte Bullet-Tock-tock-tock mischt sich ein unheilverkündendes Tick-tick-tick. Sind das die Ventile? Das Pleuellager? Also schön sachte: Es sind ja nur noch 80 Kilometer bis zum Ziel.
Teepflückerin Relativ problemlos bringe ich die Strecke hinter mich. Das „Nova Goa” hat ein Zimmer frei, einchecken, kurz waschen und ab zu „Auto Guides”. Mich empfängt ein fröhliches Hallo. Der Chef persönlich macht eine Probefahrt und kommt mit sorgenvoller Mine zurück. Heute seien sie voll, ich soll morgen um 9 Uhr wiederkommen, sie müssen den Motor öffnen wegen des Geräuschs.
Im Hotel ist das Essen hervorragend. Ich genieße „Fish Tikka”, „Ladyfingers” und „Nan”. Ich verputze alles bis auf den letzten Rest. Dann ein Verdauungsspaziergang durch das nächtliche Panjim.
Wie anders sieht diese Stadt im Dunkeln aus. Der Schleier der Dämmerung verdeckt alle Spuren von Verfall und mangelnder Pflege. Die wenigen Straßenleuchten lassen nur Umrisse erkennen und das Spiel von Licht, Halbdunkel und Schatten gaukelt eine geheimnisvolle Schönheit vor.
Aus der Ferne dringen seltsame Töne an mein Ohr. Ich folge dem Klang, und immer deutlicher unterscheide ich Gesang, das Läuten kleiner Glöckchen und wie willkürlich dazwischengeworfen das tiefe, durchdringende Dröhnen eines Blasinstruments. Hinter der nächsten Strassenecke sehe ich ein kleines, hellerleuchtetes Gebäude. Langsam komme ich näher. In dem Gebäude stehen und sitzen gläubige Hindus und sind in tiefer Andacht in ihr Musizieren vertieft. Räucherstäbchen verbreiten einen süßlichen Duft. Ich halte mich ganz im Hintergrund und lasse die unheimliche Atmosphäre auf mich wirken. Wie in Trance kehre nach einer Weile ins Hotel zurück.
Nach einem ausgiebigen Frühstück führt mich mein erster Weg am Morgen zur Werkstatt. Der Mechaniker blickt mich mit ernster Mine an: „We have a big problem!” Er führt mich zu meiner Kleinen, die halb zerlegt in der Werkstatt steht und zeigt mir einen mit Riefen hässlich verunstalteten Kolben. Der ist in der Tat hin, aber wo ist das Problem? Austauschen geht natürlich auf Garantie. „Ja schon”, meint der Chef-Techniker, „aber das Ersatzteil kommt erst nächste Woche.” Man könnte versuchen, irgendwo in Mapusa die Teile zu bekommen. Na gut, ich sehe noch immer nicht das Problem. „Das Teil müssen Sie selbst kaufen und wir sind nicht sicher, ob unser Chef breit ist, Ihnen das Geld zu erstatten.”
Moment mal, das ist doch ein klarer Garantiefall. „Ja, aber wenn wir das Teil außerhalb kaufen, ist es teurer, und wer soll das tragen?”
Ich warte auf den Werkstattbesitzer, der nach einer halben Stunde eintrifft. Nach einem kurzen Gespräch einigen wir uns. Wenn das Teil zu beschaffen ist, wird er es einbauen lassen und alles über Garantie abrechnen. Na also, warum nicht gleich so?!
Ich nehme ein Taxi zum Baga Beach, wandere durch das Hinterland, zwischen Hütten und Palmen hindurch. Nach zwei Stunden bin ich total erschöpft und kehre ein. Ein Sodawasser und ein Banana-Lassi bringen mich wieder zu Kräften.
Mit dem Taxi fahre ich zurück zu „Auto Guides”: Die Maschine ist fertig und läuft wieder perfekt. Kostenpunkt: 70 Rs. zzgl. Trinkgeld von 50 Rs. für meinen Techniker und 20 Rs. für den Boy, der das Bike gewaschen hat.
Am nächsten Tag geht es zurück nach Bombay. Das Motorrad bringe ich zu Premji’s, wo ich es gekauft habe und die es für mich nach Deutschland verschicken. Ich selbst suche meinen Frachter, ein Containerschiff, und bin ein paar Tage später auf hoher See und auf dem Weg nach Hamburg.

 

 

 


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