Ein Abenteuer zwischen Bergen, Dörfern und Menschen
aus Kradblatt 8/25 von Frank Lohaus
Es war schon lange unser Traum: mit dem Motorrad durch ein Land zu reisen, das nicht nur landschaftlich spektakulär ist, sondern auch voller Geschichte, Kultur und Leben steckt. Als wir uns für Vietnam entschieden, wussten wir, dass uns etwas Besonderes erwartet – doch nichts hätte uns auf das vorbereiten können, was wir in den folgenden drei Wochen erleben würden.

Die Motorradreise beginnt stürmisch – im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Orkan trifft die Küste und zwingt uns, einen ganzen Tag im Hotel in Hoi An auszuharren. Erst am nächsten Tag, als der Sturm abgezogen ist, wagen wir uns mit Regenjacken nach draußen und erkunden die Altstadt. Ein ungeplanter, aber unvergesslicher Start ins Abenteuer.
Hoi An ist ein stimmungsvolles Städtchen an der Küste Zentralvietnams. Zwischen Lampions, Kolonialhäusern und einem lebhaften Markt finden wir uns mitten in einer anderen Welt wieder. Am folgenden Tag testen meine zwei Freunde Udo und Reinhold und ich zum ersten Mal unsere Maschinen: eine Kawasaki KLX 150 ccm für mich und eine Honda CRF 250 ccm für die beiden – und was für eine Freude es ist, auf zwei Rädern durch die Reisfelder zu rollen.

Über Da Nang und den beeindruckenden Hai-Van-Pass fahren wir Richtung Hue. Wir nehmen unzählige Kurven im Hai-Van-Nationalpark und folgen kleinen Pfaden entlang der Küste – vorbei an Fischfarmen und kleinen Dörfern. Der Regen begleitet uns auch heute. Überall sehen wir die Spuren des Orkans und erkennen, dass wir in Hoi An nur einen Bruchteil seiner Wucht erlebt haben. Wir weichen entwurzelten Bäumen und Überschwemmungen aus und erreichen schließlich ein Fischrestaurant an einem Pier. Dort stehen riesige Flaschen mit den seltsamsten Zutaten – von Schlangen bis hin zu Wurzeln – die als Schnaps angeboten werden. Der Fisch ist unglaublich frisch und schwimmt noch lebendig in großen Wasserbecken.

Das Wetter bleibt grau, trüb und windig, aber wir sind einfach froh, überhaupt fahren zu können. Wir erreichen Hue im strömenden Regen und entscheiden uns, die alte Kaiserstadt – die einstige Residenz der vietnamesischen Königsfamilie – nicht zu besichtigen, sondern gönnen uns stattdessen eine heiße Dusche und föhnen unsere Kleidung trocken.
Am nächsten Morgen geht es weiter die Küste entlang Richtung Norden. Schulkinder winken uns fröhlich zu, wenn wir sie auf den schmalen Pfaden passieren. Wir besuchen die engen Tunnel von Vinh Moc – ein eindrucksvoller Ort. Während des Vietnamkriegs suchten hier rund 60 Familien Schutz vor den Bombardierungen, 17 Kinder wurden in den Tunneln geboren.
Nach der Führung steigen wir wieder auf unsere Motorräder und folgen dem Ben-Hai-Fluss, der die historische Grenze zur entmilitarisierten Zone (DMZ) markiert. Die DMZ war während des Vietnamkriegs die offizielle Grenze zwischen Nord- und Südvietnam, etwa entlang des 17. Breitengrads. Obwohl sie als neutrales Gebiet galt, war sie in Wirklichkeit Schauplatz einiger der heftigsten Kämpfe des Krieges. Wir besuchen ein beeindruckendes Monument und setzen unsere Fahrt auf einer Küstenstraße nach Dong Hoi fort.
Vom Küstenstädtchen Dong Hoi aus geht es ins Landesinnere. Wir glauben, eine Abkürzung gefunden zu haben – und stoßen prompt auf eine sich im Bau befindliche neue Straße. Es gibt kein Zurück mehr, und so kämpfen wir uns zwei Kilometer lang durch dicken, roten Schlamm. Im nächsten Dorf halten wir an, waschen die Motorräder vom schweren Matsch frei und gönnen uns einen Kaffee mit Kuchen – denn heute feiern wir Udos Geburtstag.

Weiter geht’s auf dem alten Ho-Chi-Minh-Pfad durch den dichten Dschungel des Phong-Nha-Ke-Bang-Nationalparks. Einst als geheime Nachschublinie für den Vietcong genutzt, führt er uns heute auf abgelegenen Wegen durch spektakuläre Berglandschaften, vorbei an Dörfern, in denen die Zeit stillzustehen scheint.

Wir befinden uns am schmalsten Teil Vietnams – nur 90 Kilometer breit zwischen Laos und der Küste. Am Nachmittag unternehmen wir eine Bootsfahrt zu den Phong-Nha-Höhlen. Diese Höhlen entstanden vor etwa 250 Millionen Jahren, zählen zu den größten der Welt und gelten als die schönsten Höhlen Vietnams. Sie erstrecken sich über mindestens acht Kilometer und verfügen über ein weitverzweigtes Netz unterirdischer Flüsse.
Weiter geht es Richtung Norden auf dem Ho-Chi-Minh-Weg. In Tam Coc gönnen wir uns einen Ruhetag und machen eine Fahrt mit einem Ruderboot. Diese führt uns durch Karstberge und natürliche Höhlen. Das Besondere an diesen Booten: Sie werden mit den Füßen gerudert. Die Dame, die unser Boot steuert, ist äußerst pfiffig und versucht, uns noch das eine oder andere zu verkaufen – obwohl sie kein Wort Englisch spricht. Das fällt uns generell auf: Nur sehr wenige Menschen sprechen Englisch. Doch die Vietnamesen sind erfinderisch und fleißig – und wir kommen trotzdem überall gut zurecht.
In den Bergen Nordvietnams begegnen wir immer wieder ethnischen Minderheiten – Hmong, Dao, Tay und Nung – oft in traditioneller Kleidung, freundlich winkend am Straßenrand. Fleißig wird das Land bearbeitet und die Ernte eingebracht. Für eine Hochzeit wird geschlachtet – Schwein und Büffel – und alle sind fröhlich. Wir werden spontan zur Hochzeit eingeladen. Alle sitzen in bunter Festkleidung an langen Tischen, es gibt Musik – sehr laute Musik – und Reiswein, ein Schnaps … und noch sehr viel mehr Reiswein. Wir kommen nicht davon, ohne mindestens einen zu trinken: „Một, hai, ba, dô!“ – „Eins, zwei, drei, Prost!“ Das werden wir auf dieser Reise noch oft hören.

In Sapa, hoch oben in den Bergen, wirkt alles beinahe alpin. Die Luft ist kühl und die Straßen sind voller Touristen. Wir sind froh bald auzubrechen, um das authentische Vietnam weiter zu erkunden. Wir wandern durch kleine Dörfer, trinken Tee mit Einheimischen und erfahren mehr über ein Leben, das so anders ist als unseres – und doch so herzlich. Und das Essen: Selbst an den abgelegensten Orten werden uns köstliche Gerichte serviert. Kleine Schälchen stehen auf dem Tisch – gefüllt mit frischem Gemüse, Suppe, Reis und Fleischgerichten, die wir teilen und natürlich mit Holzstäbchen essen.
Die Fahrtage sind besonders eindrucksvoll: Wir fahren bis an die Grenze zu China, überqueren den Ma-Pi-Leng-Pass und teilweise den Ha-Giang-Loop. Mit einem Bambusfloß lassen wir uns über den Fluss setzen, nehmen ab und zu kleine Trails und genießen atemberaubende Ausblicke auf endlose Schluchten. Wir lieben die unzähligen Kurven, Wasserfälle, Höhlen – und vor allem die unglaublich offenen, humorvollen und gastfreundlichen Menschen, denen wir unterwegs begegnen. Vietnam ist wild, grün und voller Leben.

Nach fast drei Wochen voller Abenteuer und unzähliger Eindrücke erreichen wir schließlich Hanoi. Der Kontrast ist überwältigend – von einsamen Bergpässen in den chaotischen Verkehr der Hauptstadt. Doch auch hier entdecken wir zwischen kolonialen Bauten, Garküchen und Pagoden das Herz des Landes.
Am letzten Tag sitzen wir noch einmal in einer kleinen Bar am Hoan-Kiem-See mit Blick auf das bunte Treiben. Wir sind erschöpft, aber erfüllt. Diese Reise war mehr als nur ein Roadtrip – sie war eine Entdeckung. Vietnam hat uns tief berührt – mit seiner Schönheit, seiner Geschichte, seinen Menschen. Und wir wissen: Das war sicher nicht unser letztes Abenteuer auf zwei Rädern.
Reiseinfos:
Diese Reise durch Zentral- und Nordvietnam wurde von Motor2Travel organisiert und findet abseits der typischen Touristenpfade statt. Die nächste Vietnam-Tour startet am 1. November 2025 und einige Plätze sind derzeit noch verügbar. Ein weiterer Reise-Termin ist für den 31. Oktober 2026 geplant.
Mehr Informationen gibt es auf der Webseite www.motor2travel.de
oder per WhatsApp/Telefon unter +49 173 5324481.

Den Artikel mit mehr Bildern findet ihr <hier> in Ausgabe 08-2025.
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